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Ausgabe:

1887

Spalte:

477-478

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cassel, Paulus

Titel/Untertitel:

Friedrich Wilhelm II. Eine hunderjährige politische und kirchliche Erinnerung 1887

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Seite 1

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477

Theologifche Litcraturzeitung. 1887. Nr. 20.

47«

ftreit für die Biographen Rinckart's vverthvoll ift. Selbft
den Amtsgcnoffen Rinckart's, den treuverdienten Superintendenten
Leyfer, rechtfertigt Graubner gegen den ihm
von Linke gemachten unbegründeten Vorwurf, dafs er
in der Peftzeit des Jahres 1637 Eilenburg verlaffcn habe,
um in die Sommerfrifchc zu gehen und feinem Collegen
Rinckart die Arbeit allein aufzubürden.

In der Sacriftci der Plilenburger Nicolaikirche hängt
jetzt noch Rinckart's Bruftbild, das bei feinen Lebzeiten
gemalt und neuerdings durch Lichtdruck vervielfältigt
wurde. Es zeigt uns energifche Züge, freundlich blickende
klare Augen, Wohlwollen und heiligen Ernft.

Dresden. Lo b er.

Cassel, Dr. Paulus, Friedrich Wilhelm II. Eine hundertjährige
politifche und kirchliche Erinnerung. Gotha,
E.A.Perthes, 1886. (VI, 190 S. gr. 8.) M. 3.—

Friedrich Wilhelm II., der Neffe und Nachfolger
Ericdrich's des Grofsen, kam am 17. Auguft 1786 zur
Regierung. Dicfe Säcularerinncrung feiert der Verf. durch
eine Apologie des vielfach ungerecht verurtheiltcn Königs.
Die Schrift ift mit vieler Liebe gefchrieben, intereffant
und feffelnd; nur wird der Eindruck geftört durch
die bekannte prickelnde Geiftreichigkeit des Verf.'s und
durch die Maffe des Details, das derfelbe auf Grund
cingehendften Gjuellenftudiums zur Beurtheilung des Königs
und feiner Zeit beibringt, und durch die ausführlichen
, nur theilweife mit dem Gcgenftande zufammen-
hängenden Excurfe, die fich daran knüpfen. So wohl die
Wärme thut, mit welcher der Verf. für den König eintritt
, der nie einen begeiftertcren Apologeten gefunden
hat, fo tritt doch die Tendenz, denfelbcn zu verherrlichen
und ihn namentlich auch gegenüber Friedrich dem Grofsen
in ein möglichft günftiges Licht zu {teilen, von vornherein
fo ftark hervor, dafs die Apologie, die zu einem Panc-
gyricus wird, nur fehr theilweife überzeugend wirken kann.
Am gelungenftcn ift die Partie über die politifche und
nationale Seite im Charakter und im Regiment des
Königs. Sein Kampf gegen das herrfchende Franzofenthum
für deutfehe Gefinnung und deutfehes Geiftesleben,
fein fcharfer Gegenfatz gegen die republikanifchen Ideen
der Zeit, feine Intentionen für ein grofses einiges Deutfch-
land, auch für die Wiedergewinnung des Elfafs werden
gebührend gewürdigt, und wird zugleich aus der Situation
der Zeit nachgewiefen, warum diefe hochgehenden
Intentionen des Königs refultatlos blieben. Nicht minder
hebt der Verf. mit Recht an der Perfönlichkeit des
Königs feinen natürlichen Edelmuth und feine Herzensgüte
hervor.

Dagegen ift es dem Verf. nicht gelungen, die beiden
dunkeln Punkte, die von je im Charakter und in der
Regierung des Königs Anftofs gegeben haben, zu befei-
tigen. Was zunächft die ftarke finnliche Neigung des
Königs anlangt, fo kann keine Apologie diefen Flecken
weifs wafchen. Die Verfuche, die der Verf. in diefer
Beziehung macht, find nicht glücklich; dafs der König
einer ,Modcfünde' unterlag, dafs die Verbindungen mit
feinen Maitreffen nicht rein finnlicher Natur gewefen
feien und dafs die Sünde gegen das achte Gebot, welche
die pharifäifchen Gegner des Königs an ihm begangen,
gegen welche der Verf. mit Recht fcharf polemifirt,
fchwerer fei, als die Sünde gegen das fechfte Gebot —
diefe Verlegenhcitsgründe wird der Verf. felbfl nicht im
Ernfte als durchfchlagende Argumente anfehen wollen.

Was den anderen Anftofs anlangt, den man von je
am Regimcnte des Königs genommen hat, die Gewalt-
famkeit, mit welcher derfelbe feiner ftreng religiöfen
Richtung in der Kirchefeines Landes und in feinem Volke
Geltung| verfchaffen wollte, und die in dem famofen
Wöllner'fchen Religionsedict zum fchärfften Ausdruck
kam, fo wird man gewifs dem Verf. darin Recht geben

müffen, dafs es dem König mit diefer Mafsregel ein
] grofser Ernft gewefen ift und dafs er damit wirklich,
■ wie es im Pldicte heifst, ,die chriftliche Religion in feinen
Staaten aufrecht zu erhalten und die wahre Gottesfurcht
bei dem Volke zu befördern' gemeint hat; auch ift gewifs
zuzugeben, dafs man keinen Grund hat, wegen feiner
fittlichen Laxheit an der Aufrichtigkeit der frommen
Richtung des Königs zu zweifeln; dafs fein Glaube
1 gegenüber feinen finnlichen Leidenfchaften nicht mäch-
j tiger gewefen ift, beweift nur, dafs der König eine weiche
Natur und dafs die Religion ihm mehr eine Sache des
Gefühls und der Erkenntnifs, als des Gewiffens, als eine
Kraft des Willens war. Aber wenn der Verf. ßch in
feinem Gegenfatz gegen die herrfchende Beurtheilung
des Religionsedicts bis zu der Paradoxie verirrt, dafs
| das Edict eine ,liberale' That gewefen fei, einzig in ihrer
I Art, dafs man nirgends in Europa etwas Aehnliches ge-
i wagt habe, eine That, die zu bewundern fei und mit
| der eine Wendung im Geift der Nation begonnen, die
in der Schlacht bei Jena mit ihren Erfolgen den zweiten
Act erlebt habe, fo find folche Extravaganzen nur
Zeugnifse für die ungewöhnliche Lebhaftigkeit der
Phantafie des Verf.'s. Aus wie ehrenwerthen Motiven
auch das Religionsedict hervorgegangen fein mag,
und wie wenig Recht auch die fanatifchen Gegner hatten,
den .fanatifchen' König und feine Miniftcr zu fchmähen,
fo war es doch offenbar ein Mifsgriff, eine geiftige Strömung
, von der die grofse Maffe der damaligen Zeitge-
noffen beherrfcht war, unmittelbar nach dem kirchlich
liberalen Regiment Friedrich's des Grofsen, durch äufsere
Gewalt, durch einen plumpen Act kirchlicher Polizei
aufhalten und kirchliche Gefinnung den Dienern der Kirche
octroyiren zu wollen.

Was Ranke in einem von dem Verf. citirten Urtheil
1 über die Politik Friedrich Wilhelm's II. fagt, das fcheint
j uns entfprechend von feinem Regiment überhaupt zu
; gelten: .feine Politik ift nicht ohne grofse Impulfe und
gute Beweggründe an jeder Stelle, aber es fehlt ihr an
I der Einheit des Alles beherrfchenden Gedankens'.

Dresden. Meier.

Philipps, Paft. em.W., Tovro l.axi xo Ocofia (iov. Vier
Abhandlungen über das Wort des Herrn: ,Das ift
mein Leib'. Ein Beitrag zur Sakraments- und Abend-
mahlslehrc. Gütersloh, Bertelsmann in Comm., 1885.
(VIII, 479 S. gr. 8.) M. 8. —

Verfaffer ift überzeugt, dafs die verfchiedenen Abendmahlslehren
nicht ausfchliefscnde Gegenfätze, fondern
nachAusfcheidung desUnberechtigtenComplemente einer
gemeinfamen höheren Wahrheit feien. Seine Abficht ift,
diefe herauszuftellen und damit eine Union auch in der

; Lehre anzubahnen. Damit fleckt er fich ein ebenfo hohes

I als praktifch bedeutfames Ziel. Verf. ift fich deffen wohl
bewufst; er hat es an eingehenden Vorftudien nicht
fehlen laffen; die bezüglichen Schriften der Kirchenväter
und der Reformatoren hat er benutzt; Plato und Arifto-
teles, Kant und v. Hartmann werden angezogen; das
Werk ift mit grofser Liebe und populärer Ausführlich-

I keit abgefafst. Aber was hat der Verf. erreicht?

Ich werde zunächft die Gedanken des Buches wiedergeben
. Cap. I handelt von der facramentlichen Identität
des Brodes und des Leibes. Beide find identifch aus vier
Gründen: 1) weil beide irdifche Körper find; 2) weil sie
durch Gottes Segen aus der vXrj organifirt find, um Andern
Leben zu fpenden; 3) weil beide durch menfehliche Ver-
mittelung geheiligt und zum Dienfte Gottes hingegeben

| werden; 4) weil beide durch den hl. Geift geheiligt find,
um den Menfchen das Heil zu bringen. — Aber wie kann
man zwei verfchiedene Dinge, weil fie gewiffc Aehnlich-
keiten haben, identifch nennen? Identität ift Einheit der
Sache bei verfchiedener Erfcheinung. Das Eis im Teich