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Ausgabe:

1887

Spalte:

475-477

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Graubner, Ein Beitrag zur Lebensgeschichte Martin Rinckarts 1887

Rezensent:

Löber, Richard

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die Schrift in knapper Haltung manches neue Material; j weltüberwindenden Glauben zu verwechfeln, zeigte fich
ich verweife namentlich auf die S. 49 f. angeführten j namentlich im Jahre 1624, als die Diöcefangeidlichkeit
Rathsbefchlüffe aus dem Jahre 1525, durch welche die von Eilenburg (aufgefordert, in dem Kenofisftreit der
Erzählung Kefsler's fo vielfach bereichert und näher be- Tübinger und Giefsner Theologen im Anfchlufs an die
nimmt wird, und wenn ich der inhaltreichen und auch , Höe'fche Decifion ihr Gutachten abzugeben) auf der
in der Eorm trefflich ausgeführten Arbeit gegenüber Paftoralfynode in Eilenburg den Befchlufs fafste, das
noch einen Wunfeh übrig habe, fo ift es der, dafs der [ theure Kleinod des lutherifchen Glaubens feftzuhalten,
Verf. diefe Anführungen in noch ausgedehnterer Weife 1 aber ,die mehr fcharffinnigen als nothwendigen Streitig-
uns mitgetheilt und auch diefem Theil feiner Schrift 1 keiten' den Univerfitäten zu überlaffen, da die Padoren
etwas von der Gunft, womit im Anhang die dem Wiener | jetzt kaum das liebe trockne Brot erlangen, gefchweige
Univerfitätsarchiv entnommenen Notizen über den Auf- 1 die Streitfchriften aller auswärtigen Univerfitäten fich
enthalt Vadian's in Wien wiedergegeben find, zugewandt j kaufen könnten'.

haben möchte. Zur Ergänzung wäre etwa noch zu be- Rinckart, der von 1617—1649 in Eilenburg Archi-

rückfichtigen gewefen: S. 12 Anm. 2 über Burgauer: ' diaconus war, fleht uns jetzt, namentlich nach den ver-
Zwingli VII. 393; S. 27 Anm. 2: Zw. VII. 395, wo der ' dienftlichen Forfchungen Linke's und Graubner's, als das
Priefter Ulrich Bolt den gefangenen Eberlin ausdrücklich ! unvergleichliche Vorbild eines treuen Hirten vor Augen,

frater mens nennt; S. 44 die Erwähnung der Lehre von
der Apokataftafis Eidg. Abfch: S. 779.

Bafel. R. Stähelin.

der nicht nur feiner Gemeinde in fchwerer Kriegsnoth
einen feften Halt gewährte und mit heldenmüthigem Sinn
grofse Gefahren von ihr abwandte, fondern auch in
feinen Liedern und Schriften fpäteren Gefchlcchtern einen

- ! reichen Schatz glaubenskräftiger Erkenntnifs hinterlaffen

Graubner, Diak., Ein Beitrag zur Lebensgeschichte Martin hat- Seine Hterarifche Thätigkeit war felbft während der
Rinckarts. Eilenburg, [Becker], 1887. (75 S. gr. 8.) Knegsdrangfale, Pen und Hungersnot

&' 1 J' ' w 3 ö ' faltige und fruchtbare. In fünf Lutherfeftfpielen hat er

AI. I. 20. mjt dramatifcher Kraft die fünf Hauptperioden Luther's

Da die Lieder Rinckart's nur als Markfteine feiner verherrlicht, in feinem ,Gedenkzirkul' bietet er die Frucht

Lebensgefchichte recht gewürdigt und verftanden werden
können, fo hat man wiederholt (namentlich im Anfchlufs
an die Eilenburger Ghroniken von Simon und E-ltede)
den mehr oder minder gelungenen Verfuch gemacht, ein

gründlicher hiftorifcher Studien dar und Allem, was er
in fchwerer Zeit mit feinem Volke und mit feiner Gemeinde
erlebte, hat er einen oft erhabenen dichterifchen
Ausdruck gegeben. Den für Eilenburg denkwürdigen

anfchaulich.es Bild feines Lebens zu gewinnen und die Reginentag (den 7. September) hat er von 1631—44 all-
Ereignifse des grofsen Krieges, fofern fie auf Rinckart jährlich heu befungen. Den Schwedenkönig befingt er
und auf die Stätte feines Wirkens unmittelbaren Einflufs ! in feinen Hymnen als ,mitternächtigen Alexander'. üb-
übten, darzudellen. Die geographifche Lage Eilenburgs ! gleich er bufsfertig mit feinem Volke unter Gottes
macht es erklärlich, dafs die kleine Stadt namentlich von j gewaltige Hand fich beugt und in der ,Eilenburgifchen

den furchtbaren Entfcheidungen, die bei Leipzig fich vollzogen
, hart getroffen wurde. Graubner giebt uns ein fo
lichtvolles und klares Bild diefer Vorgänge, dafs wir fic

Heulenburg' herzbewegende Klage führt, fo fpricht er
doch auch mit männlichem Freimuth die Gewifsheit aus,
dafs die lebendigen Repräfentanten des lutherifchen

mit der Sicherheit eines Augenzeugen überfchauen können, j Glaubens damals als Zeugen der göttlichen Wahrheit zu
Er bietet uns viel neue und werthvolle Ergebnifse, von j leiden hatten. Auch dem Jammer feines eigenen Haufes,
denen die gründlichen und umfaffenden Forfchungen des i fo bei dem Tod feiner an der Peft verdorbenen Gattin,
D.Linke theils ergänzt, theils berichtigt werden. Letzterer, j giebt er ergreifenden Ausdruck in tief empfundenen Klage-
der eine Gefammtausgabe aller noch erhaltenen deutfehen ! Hedem, aus denen wir zugleich erfehen, welche erhabene
und lateinifchen Schriften Rinckart's in Ausficht genommen und zarte Auffaffung der Ehe dem cbenfo ritterlichen
hat, wird gewifs manche geficherte Forfchungsrefultate i als gemüthvollen Manne eigen war.

Graubner's mit Freude begrüfsen und in feine grofs angelegte
Arbeit einfügen.

Beiden verdanken wir die Feftftellung einiger bisher
unficher gebliebenen Punkte, namentlich auch den Nachweis
, dafs der volksthümliche Lobgefang ,Nun danket
alle Gott', zu dem übrigens Rinckart im freien Anfchlufs
an eine ältere Compofition von Marenzo auch den ebenfo
einfachen als grofsartigen mufikalifchen Satz geliefert
hat, fchon im Jahre 1630, mithin in einer Zeit gedichtet
worden ift, da Eilenburg unter den Ereignifsen des Krieges
fchwer zu leiden hatte und der innige Lobpreis Gottes
nur bei denen nicht verdummte, welche inmitten aller
Drangfale und Verlüde eines höchden Gutes fich ge-
tröden konnten. Ueberhaupt hat während der Drangfal

Graubner hat in feinem .Beitrag' über manche dunkle
Punkte, die felbd von Linke nicht aufgeklärt oder irrig
dargedellt wurden, ein helles Licht verbreitet; feine gründlichen
Unterfuchungen haben nun endlich auch den Geburtstag
Rinckart's (den 24. April 1586) zweifellos ficher
gedellt. Die riefige Zahl der von der Ped Dahingerafften
erklärt er überzeugend aus dem Umdande, dafs die
Bewohner der umliegenden Ortfchaften nach Eilenburg
fich gedüchtet hatten. Ferner zeigt uns Graubner, dafs
Rinckart trotz aller Plünderungen und Kriegscontributio-
nen ein vermögender Mann geblieben fei, dafs er als
Befitzer zweier Privathäufer die darauf haftende Braugerechtigkeit
ausübte, ein vortreffliches vielbegehrtes Bier
producirte, und auch auf diefem Gebiete mit derfelbert

des grofsen Krieges, als die trocknen lehrhaften Kirchen- umfichtigen Energie wirkte wie in feinem geidlichen
lieder verdummt waren, die Poefie der Ermuthigung und I Amte. Leider wurde er zuletzt wegen rückdändiger Be
des Trodes deren treuherzige und einfältige Sprache das '< foldung und wegen der von ihm nicht gezahlten Bier

Gepräge der Wahrheit zeigt, in Heermann, Gryphius,
Flemming, Stegmann und vor Allem in Rinckart ihre
fchönden Blüthen getrieben. Es id daher zu beklagen,
dafs in die neuen Gefangbücher aufser dem Einen Lob-

deucr mit der ganz verarmten Bürgerfchaft und mit dem
Magidrat Eilenburgs in einen höchd ärgerlichen Procefs
verwickelt, der mit einem mageren Vergleich zu Ende
kam. Rinckart brachte das ihm widerfahrene Unrecht

gefang, von Rinckart kein Lied aufgenommen wurde, fogar auf der Kanzel zur Sprache, indem er bei der ho-

nicht einmal das unvergleichlich fchöne: Hilf uns Herr
in allen Dingen etc. Die trocknen Lehrgedichte des
Leipziger Moralprofeffors Geliert haben fich jetzt einer
befferen Aufnahme zu erfreuen.

Dafs Männer wie Rinckart nicht mehr der Gefahr
ausgefetzt waren, fchulmäfsige Definitionen mit dem

miletifchen Auslegung des 7. Gebotes fehr unerbaulich
,übcr 27 flagitia contra septum', insbefonders auch ,über
das flagitinvi defraudatae merced/s' predigte. Graubner""
zeigt uns übrigens auch hier feinen Helden in wohlthuen-
der Beleuchtung und theilt aus den vorhandenen Proccfs-
acten Manches mit, was auch abgefchen von jenem Rechts-