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Ausgabe:

1887

Spalte:

454-455

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Warneck, Gust.

Titel/Untertitel:

Die Mission in der Schule. Ein Handbuch für den Lehrer 1887

Rezensent:

Schlosser, Georg

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dafs fich in der inneren Miffion drei Strömungen, welche | die freie Wortverkündigung und die Reformverfuche zu
bis dahin einzeln die Gefchichte der Kirche in allen 1 behandeln?

Hauptperioden durchziehen, zu gemeinfamem Lauf und
Wirken verbunden haben. Diefe drei Strömungen feien:
die Werke der Barmherzigkeit, die freie Verkündigung
des Evangeliums und die kirchlichen Reformverfuche.
Demnach definirt er die innere Miffion als .diejenige
kirchliche Reformbewegung des 19. Jahrh., welche den
inneren Zuftand der Kirche dadurch zu beffern unternimmt
, dafs fie die Werke der Barmherzigkeit ebenfo
wie die freie Verkündigung des Evangeliums dem Leben

In Betreff der gefchichtlichen Ausführungen möchte
ich wenigftens zwei Punkte zur Sprache bringen. Für
den praktifchen Zweck ifl es freilich ohne Bedeutung,
aber der Klärung der gäng und geben falfchen Auf-
faffungen der Entwicklung der kirchlichen Aemter nicht
förderlich, wenn S. 5 trotz der S. 217 zum Ausdruck
gekommenen richtigen Einficht, dafs ,die Sieben' Act. 6
mit dem fpäteren Amt der Diakonie nichts zu thun
haben, dennoch von der Einrichtung des Diakonats durch

der Kirche einpflanzen und in ihr wirkfam machen will'. | die Apoftel geredet wird. Wenn Verf. S. 8 von einer
Es ift ja bekannt, wie fchwierig es ifl, die vielge- im 3. Jahrh. beginnenden .Verdunkelung der Rechtferti-
ltaltige Erfcheinung, die wir mit dem Namen der inneren [ gung durch den Glauben' fpricht, fo entfpricht das frei-
Miffion benennen, unter einen einheitlichen Begriff zu- j lieh einer weit verbreiteten Auffaffung von der Entwick-
fammenzufaffen, und wie weit die Anflehten über Subject, j lung des Glaubens- und Erkenntnifslebens in der Kirche,
Übject und Standort der inneren Miffion bei den ver- I und mag für den pädagogifchen Zweck praktifch fein,
fchiedenenSchriftftellern auseinandergehen. Der Verfuch, j aber ein Anachronismus" ifl es doch.

fie als kirchliche Reformbewegung zu begreifen, und diefer Endlich noch eine Bemerkung und eine Frage zur
Auffaffung alle anderen Merkmale der inneren Miffion j Ergänzung. Als wahrhaft mufterhaftes Beifpiel des Zuunterzuordnen
, verdient darum alle Beachtung. Diele fammenwirkens von Anftalts- und Familienerziehung
Auffaffung hat etwas fehr anregendes; fie ift geeignet, j möchte ich den Bremer Erziehungsverein nennen. Und
die innere Miffion auf einen höheren Standort zu erheben hätte es bei der grofsartjgen Auffaffung der inneren
und fie vor dem Verfinken in das Gewirre der Details zu Miffion als kirchlicher Reformbewegung nicht nahe gebewahren
. Dennoch erweckt mir diefe Definition Be- iegen, auch die Beftrebungen der Kirchengefangvereine
denken; es will mir fcheinen, als ob fie etwas zu viel be- , für Hebung und Reform des gottesdienftlichen Lebens
fage. Wenn die Werke der Barmherzigkeit eine der die j in denen ein bedeutfames Gebiet für die Bethätigung
Kirche zu allen Zeiten durchziehenden Strömungen find, ■ des aligemeinen Priefterthums auch für die chriftlichen
alfo doch eine wefenthehe, immer vorhandene Wefens- j Frauen eröffnet ift, zu berückfichtigen?
und Lebensäufserung derfelben fo ift nicht recht zu ver- Doch) wie gc(agti daä find Kleinigkeiten, welche den
flehen, inwiefern fie der Kirche erft durch die innere Werth des BucheSj und den Dank; zu welchem wir uns
Miffion eingepflanzt werden follen. In der inneren Miffion dafiir dem Verf. verpflichtet fühlen, nicht beeinträchtigen
Hellt fleh aber doch nur eine durch die befondere Noth &
der Zeit und die der Zeit entfprechenden befonderen Giefsen. Gg. Schloffer.

Mittel befonders geftaltete Erfcheinung der chriftlichen -■■-

Liebesthätigkeit, nicht aber eine kirchliche Reform dar. Warn eck, Dr. Guft., Die Mission in der Schule. Ein Hand-
Andererfeits ift die freie Wortverkündigung, welche Verf. , buch für den Lehrer. Gütersloh, Bertelsmann, 1887.
als zweite Strömung neben den Werken der Barmherzig- ' '

keit und den Reformverfuchen nennt, oder umfaffender j lA11' I83 ü- gr- °0 JV1. 2. —

ausgedrückt: die Geltendmachung des Rechts und der Mit Recht weift der Verfaffer darauf hin, dafs die

Pflicht der Laienthätigkeit gegenüber der einfeitigen amt- j Schule eine Schuldnerin der Miffion, die Miffion als beliehen
Thätigkeit, die Geltendmachung alfo des allge- ; rufene Völkerlehrerin die Mutter der Schule fei, und
meinen Priefterthums der Gläubigen, je und je ein | folgert daraus Recht und Pflicht, dem Miflionsunterricht
wefentliches Moment in den kirchlichen Reformbeweg- I auch in der Schule Raum zu geben. In den Beftrebungen,
ungen gewefen. Infofern daher die innere Miffion die ■ der Miffion ihr Heimathrecht in der Schule zu verfchaffen,
Heranziehung und Organifation der freien Thätigkeit fleht er ein altes Francke'fches Erbe zur Auszahlung
neben der amtlichen fleh angelegen fein läfst und das | gelangen, und will ihnen an feinem Theil durch fein
Gewiffen der Gemeinde für die Pflichten des allgemeinen ' Handbuch dienen. Sicherlich wäre, was Kenntnifs und
Priefterthums der Gläubigen zu fehärfen fucht, hat fie | Verftändnifs der Miffion anlangt, in Deutfchland keine
allerdings ein Element der Reform in fleh. Aber diefe 1 berufenere Hand für diefe Aufgabe zu finden gewefen,
Tendenz eignet ihr nicht allein, fondern macht fleh ebenfo | als die des Herausgebers der Allgemeinen Miffions-

zeitfehrift. Ueber diefe Seite der Sache ift darum kein Wort
weiter zu verlieren. Aber nicht minder gelungen fcheint
mir die pädagogifche Behandlung des Stoffes. Befonders
ift hier hinzuweifen auf Cap. III, IV, VI, in denen An-

z. B. auf dem Gebiet der Verfaffungsbeftrebungen geltend
. Am wenigften möchte ich aber in der Forderung
und Förderung der Laienpredigt eine kirchliche Reform
erblicken. Die Verwendung von Laienpredigern neben

den wiffenfehaftlich durchgebildeten Theologen kann auf I weifung gegeben wird, wie der Unterricht in der biblifchen

dem Gebiet der evangelifchen Kirche doch nur als ein
Nothbehelf angefehen werden, und wenn irgendwo, fo
bewährt fleh hier wiederum die von Wichern gemachte

Gefchichte und im Katechismus für die Miffion fruchtbar
gemacht werden folle. In trefflicher Weife find hier
von einer umfaffenden Gefammtanfchauung aus die

Einfchränkung, dafs die innere Miffion nur da eingreife, | Miffionsgedanken der Schrift entwickelt, und wiederum
wo die Gefährdeten nicht ,von dem jedesmaligen geord- j die biblifchen nnd katechetifchen Stoffe aus der Miffions-
neten chriftlichen Amt erreicht werden'. Endlich fcheint j gefchichte illuftrirt und dadurch oft ganz überrafchend

es fich mir bei der inneren Miffion weniger auf eine
Reform der Kirche, als auf eine Reform der Familie,
der Gefellfchaft, der Sitte, des Staates abgefehen. So
kann ich denn nicht umhin, der fchlichten und principiell
weniger fcharfen Definition Wichern's, die ja Verf. am
Schluffe des einleitenden Capitels auch anführt, immer
noch den Vorzug zu geben. Ift es vielleicht nicht blofs
der Mangel an Raum, fondern auch das Gefühl, weit
über die Grenzen der inneren Miffion hinausgeführt zu

in ein neues Licht geftellt; und es leuchtet ein, dafs von
einer folchen Behandlung nicht blofs die Miffion, fondern
nicht minder der Religionsunterricht grofsen Gewinn hat.
Wenn es fich freilich um wiffenfehaftliche Erhebung
der biblifchen Normen und Direktiven für die Miffion handelte
, fo würde Ref. wohl im einzelnen hie und da ein
Fragezeichen zu machen haben, namentlich bei dem
IV. Capitel, das sich ausfchliefslich mit der Apoftel-
gefchiente, als der grundlegenden Miffionsgefchichte, be-

werden, gewefen, was Verf. abhielt, im gefchichtlichen 1 fchäftigt. Unter dem pädagogifchen Gefichtspunkt aber ift
I'heil nur die Werke der Barmherzigkeit, nicht aber auch für kritilche Betrachtungen kein Raum, zumal, folange die