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Ausgabe:

1887

Spalte:

430-432

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Buß, Ernst

Titel/Untertitel:

Zeitschrift für Missionskunde und Religionswissenschaft. 1. Jahrg. 1886. 4 Hefte 1887

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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fifche Grundlage gerichtete Kritik. Ob folche Polemik
aus freier Hand, welche die. hiftorifchen Beziehungen
eines Syftems, feine Stellung in der Entwicklungsge-
fchichte der Gedanken unberückfichtigt läfst, im Stande
ift, ein feft gefügtes Lehrgebäude ernftlich zu erfchüttern,
will mir ziemlich zweifelhaft erfcheinen. Doch liegt kein
Grund vor, diefes allgemeine Bedenken im gegenwärtigen
Fall befonders lebhaft zu betonen, da der Verf. felbft
auf diefe Polemik, fo umfangreich fie auch ausgefallen
ift, nicht das Hauptgewicht zu legen fcheint und in ihr
nicht die eigentliche Aufgabe feiner Schrift erblicken
dürfte. Denn das Meifte von dem, was er gegen Herbart
zu fagen weifs, ift nach eigenem Zugeftändnifs bereits
früher von Andern geltend gemacht worden. Trendelenburg
glaubte Herbart nachweifen zu können, dafs er den
Begriff des abfoluten Seins bereits vorausfetze und mit
Hülfe diefes Begriffs Widerfprüche in das Gegebene hineingedeutet
habe; Lotze erklärt es für verfehlt, die Grund-
thätigkeiten der Seele nur auf das Vorftellen einzufchrän-
ken, wonach däs Fühlen und Begehren zu abgeleiteten
Bethätigungen erniedrigt werden. Hätte der Verf. fich
auf Wiederanführung diefer und ähnlicher Plinwürfe be-
fchränkt, fo würde der felbftändige Werth feiner Arbeit
nur ein geringer fein.

Indeffen diefe Polemik ift nur Vorbereitung, wenn
auch eine etwas lang dauernde: der eigentliche Angriff
gilt der Herbart'fchen Pädagogik. Wer, wie Ref., diefe
Erziehungslehre, die heut faft Alleinherrfcherin im Reich
der Schulbank geworden ift, nicht bedingungslos für
richtig hält, und ihre Ausfchreitungen, welche dem fyfte-
matifchen Unterricht gefährlich zu werden drohen, nicht
ohne Beforgnifs verfolgt, wird jeden Verfuch mit Inter-
effe begrüfsen, der es unternimmt, fchon in der Herbart-
fchen Metaphyfik und Pfychologie die Keime aufzuzeigen,
aus denen die Fehler der Pädagogik hervorgefproffen
find. Der Grundirrthum der Pfychologie, durch welchen
die Pädagogik, als aus der Pfychologie abgeleitet, verdorben
wird, ift die Ueberfchätzung des Vorftel-
lungsmechanismus bei Herbart. Mit Recht erklärt
der Verf., dafs es für Heibart, fo fehr er auch die Bildung
des fittlichen Charakters für die Hauptaufgabe der Erziehung
erklärt, ftrenggenommen gar keine Sittlichkeit
gebe. Den pfychologifchen Vorgang bei einer Ent-
fchliefsung befchreibt Herbart gewifs richtig, indem er
lehrt, diefelbe werde nur dann fittlich ausfallen, wenn
die Vorftellungsmaffe, mit welcher das fittliche Urtheil
zufammenhängt, ftark genug ift, um die entgegenftehen-
den Begierden zu unterdrücken. Er hat durchaus recht,
wenn er es für die Aufgabe der Erziehung erklärt, die
Erftarkung diefer Vorftellungsmaffen zu betreiben, eben-
fo, wie die Gymnaftik auf die Kräftigung der Muskeln
abzielt. Aber mit welchem Recht fetzt fich der Erzieher
diefes Ziel? Die Frage bleibt unbeantwortbar, fo-
lange der intelligible Charakter des fittlichen Ideals geleugnet
, die Befchreibung des pfychologifchen Mechanismus
beim fittlichen Handeln die Pofition des Sitten-
gefetzes im Bewufstfein überflüffig machen foll.

Eine Confequenz diefer Entwerthung des ethifchen
Ideals ift die für unfere Zeit charakteriftifche und wohl
zum Theil auf Herbart's Einflufs zurückzuführende Ueber-
fchätzung der intellectuellen Bildung. Wenn nur das
Vorftellen die eigenthümliche Selbftbethätigung der Seele
ift, die Gefühle und Begehrungen nur im mechanifchen
Zufammenwirken der einzelnen Vorftellungen und Vor-
ftellungsreihen fich einftellen, fo mufs es allerdings ein
vergebliches Bemühen fein, direct auf das Gefühl und
den Willen des Kindes einwirken zu wollen; nur in der
intellectuellen Belehrung kann dann die Aufgabe der Erziehung
beftehen. Auf die Schulung des Intellects Concentrin
fich daher die Bemühung des Herbartifchen
Lehrers und Erziehers. Die Technik felbft ift hinlänglich
bekannt: es mufs eine Verknüpfung von Allem mit Allem
angeftrebt werden. ,Der zufammenhängende Faden des

Unterrichtsftoffes ift immer feft zu halten; durch alle
noch fo fehr ins Einzelne eindringende Detailbetrachtung
darf er nicht abreifsen oder verloren gehen ... Ja
felbft für das, was an und für fich nicht in innerem noth-
wendigem Zufammenhange fteht, müffen künftliche Zu-
fammenhänge gefchaffen werden ... Nur fo ift es möglich,
dafs der Unterricht Vorftellungen erzeugt, die ein Gewicht
und Uebergewicht in der Seele gewinnen, wie es
bei der Bildung des Willens nothwendig ift.' (Ziller,

I Vorlefungen über allg. Pädagogik.)

Man follte meinen, diefe klug ausgedachte Technik

! müffe, folgerichtig durchgeführt, erftaunliche Refultate

, liefern; das herbartifch unterrichtete Kind müffe rein
mechanifch ein grofses Quantum wohl gefügter, in fich
zufammenhängender Kenntnifse erwerben und ganz von

i felbft, wenn nur der ,Gefinnungsftofff richtig gewählt
wird, ein wackrer Menfch werden. Leider will, wie Ofter-

I mann S. 205 ganz richtig bemerkt, die Praxis diefe Illu-
fion nicht gelten laffen und der Verf. kommt daher zu
dem Ergebnifs, dafs die Herbart'fche Pädagogik 1) in

! ihren Grundzügen verfehlt ift, 2) fofern fie der Wahrheit

j fich nähert, ihren pfychologifchen Vorausfetzungen untreu
wird und 3) auch abgefehen davon mit allerlei Wider-

j fprüchen und Unklarheiten behaftet ift (S. 224). Das
Urtheil, welches fich anfchliefst: ,Sie ift alfo, als Ganzes
genommen, entfehieden unbrauchbar', erfcheint allerdings

| fehr hart, aber es ift vielleicht gut, wenn auch einmal

j nach diefer Richtung übertrieben wird.

Giefsen. Ferd. Aug. Müller.

Zeitschrift für' Missionskunde und Religionswissenschaft. Organ
des allgemeinen evangelifch-proteftantifchen Miffions-
vereins. Hrsg. von Pfr.Ernft Bufs, Pred.Dr.Th. Arndt
und Pfr.J. Happel. 1. Jahrg. 1886. 4 Hfte. (1.11.2.Hft.
128 S. gr. 8.) M. 3.-

Der vorliegende erfte Jahrgang des Organs des
! Allgemeinen evangelifch-proteftantifchen Miflionsvereins
j bietet eine verhältnifsmäfsig reiche Fülle von Anregung
und Belehrung. Vorträge, wie die der beiden Strafs-
: burger Profeiforen Gerland und Lucius — jener
fpricht über ,die Miffion im Leben der Gegenwart',
diefer über ,Weltverkehr und Cultur in ihren Beziehungen
zur Miffion' — find, wie die Namen der Verfaffer fchon
verbürgen, von hohem Werth durch die lichere Beherr-
fchung des Stoffes, wie durch die ernfte Begeifterung für
Miffion, von welcher die Darftellung getragen ift. Nicht
weniger werthvoll, mehr ethifchen Charakters find Vorträge
und Miffionsfeftpredigten von Baffermann, A rndt
und Ehlers; Referate über Japan und die deutfehen
Colonien in Afrika bieten Ritter und Hotz. Das An-
ziehendfte des Inhalts wird aber jedem Lefer die Mittheilung
des Pfr. Bufs über die Reifen und die
Anfangsthätigkeit des erften Miffionars Spinner in
Tokio fein; liebevolle Hingebung an feinen Beruf und
fchöne Idealität in der Auffaffung desfelben leuchtet aus
jeder Zeile feiner Briefe hervor.

Es ift begreiflich, dafs, bevor auf Grund langjähriger
Erfahrung daheim und draufsen eine traditionelle Auffaffung
der Aufgaben und Ziele des Allgemeinen Miflionsvereins
fich herausgebildet hat, die Urtheile und Be-
ftrebungen innerhalb des Vereins bis zu Widerfprüchen
fich fteigernde Verfchiedenheiten aufweifen, von deren
Ueberwindung das Gedeihen der Unternehmung abhangen
wird. Das Verhältnifs des Miffionsvereins zu den leit-
herigen Miffionsgefellfchaften und das Verhalten desfelben
gegenüber den deutfehen Colonien heben wir als
befonders auffällig hervor.

Das mild und irenifch gehaltene Programm aus
der Feder des Pfr. Bufs verkündet, dafs der neue
Miffionsverein in brüderlichem Geift neben den feit-
herigen Miffionsgefellfchaften fein Werk treiben folle;