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Ausgabe:

1887

Spalte:

417-420

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Poznanski, Adolf

Titel/Untertitel:

Ueber die religionsphilosophischen Anschauungen des Flavius Josephus 1887

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. m Marburg,und D. E. Schürer, Prof. zu Giefsen.
^ r , • . Preis

H r CIi PI nt

alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

]yro 18. 10. September. 1887. 12. Jahrgang.

Poznanski, Die religionsphilofophifchen Anfchauungen
des Flavius Jofephus (Schürer).

Lewinsky, Beiträge zur Kenntnis der religionsphilofophifchen
Anfchauungen des Flavius
Jofephus (Schürer).

The Christ and the Fathers (A. Harnack).

Gloag, Introduction to the catholic epistles
(A. Harnack).

Wilhelm, De Minucii Felicis Octavio et Ter- : Oftermann, Die hauptfächlichften Irrtümer der

tulliani Apologetico (A. Harnack). Herbart'fchen Pfychologie (F. A. Müller).

Boissier, Commodien (Ficker). Zeitfchrift für Miffionskunde und Religions-

C. L. A. Stählin, hrsg. von v. Stählin (Meier). , wi(fenfchaft, hrsg. von Bufs u. A. (Achelis).

Witte, Tholuck's Leben, 2. Bd. (Meier). Kögel, Gedenktage (Achelis).

01/«embrr.rf ' Wichern'S Leben- 2'Bd- i Süskind, Dispof.tionen zur h. Paffion (Achelis).

(Schloffer).

Thoden van Velzen, Über die Geiftesfrei
heit (Kaftan).

Herzog, Evangelifches Choralbuch (Schloffer).
The earliest papal catalogue (Mc. Gittert).

I.

Poznanski, Dr. Adolf, Ueber die religionsphilosophischen philofophifcher Leetüre gefchöpft hat oder ob er nur

Redewendungen gebraucht, die fchon in den Bereich der
allgemeinen Bildung übergegangen waren. Endlich würde
auch das Capitel des populären Glaubens und Aberglaubens
zu berühren und zu zeigen fein, wie auch hier
phischen' Anschauungen des Flavius Josephus. Breslau, | Judenthum und Heidenthum fich die Hand reichen Als
r _ ... ,OQ„ mr c „r «i m r Srv Refultat würde fich ergeben, dafs diele gnechuchen luden

Preufs & Junger, 1887. (III, 02 s. gr. 0.) m. 1. 00. 1 . j u rr-i. u j u j ■

echte Kinder ihrer Zeit waren, aber doch dann von

anderen griechifch-gebildeten Orientalen (Syrern, Aegyp-
tern u. f. w.) verfchieden, dafs ihre väterliche Religion
eine viel feftere Widerftandskraft befafs als die der
anderen.

Zur Löfung der hier gezeichneten Aufgabe haben
nun die bisherigen Bearbeitungen des Gegenftandes doch
nur Beiträge geliefert; fo Bretfchneider [Capita tlico/o-
giae Indaeorum dogmaticae e Flavii Ioseplii scriptis collecta
1812), Paret (Ueber den Pharifäismus des Jofephus, in:

Anschauungen des Flavius Josephus. Breslau, 1887. (41 S.
gr. 8.)

Lewinsky, A., Beiträge zur Kenntnis der religionsphiloso-
ahischen Anschauungen des Flavius Josephus. Breslau
Preufs & Jünger, 1887. (III, 62 S. gr. 8.) M. 1. 80.

Eine erfchöpfende Darftellung der Religionsphilofophifchen
Anfchauungen' des Jofephus würde hauptfächlich
deshalb von Intereffe fein, weil man annehmen darf,
dafs er keine ifolirte Gröfse in feinem Gefchlechte und
in feiner Zeit war. Philofophen von Fach wie Philo
wird es unter den Juden nicht allzu viele gegeben haben.
Aber Männer wie Jofephus, welche mit einer leidlichen
griechifchen Bildung auch allerlei Bruchftücke der grie-
chifchen Popularphilofophie fich angeeignet hatten und

nun ihr Judenthum im Gewände diefer modernen Bildung ! Theol. Stud. und Krit. 1856, S. 809—844), Langen
präfentirten, folche Männer hat es gewifs zu vielen Hun- i (Der theologifche Standpunkt des Flavius Jofephus, in:

Theol. Quartalfchr. 1865, S. 3—59). Auch von den beiden
hier anzuzeigenden Monographien läfst fich nicht mehr
behaupten. Sie haben fleifsig Material gefammelt und
geben eine willkommene Ergänzung zu dem fchon von
den Vorgängern Gebotenen. Aber zu einer erfchöpfen-
den Behandlung in dem oben angegebenen Sinne fehlt
doch noch viel. Beide Verfaffer gehen im Wefcnt-

derten gegeben. Jofephus ift alfo der Repräfentant einer
fehr zahlreichen Claffe gebildeter Juden' der griechifch-
römifchen Zeit. Was von ihm fich erweifen läfst, wird
auch von vielen feiner griechifch-gebildeten Glaubens-
genoffen gelten.

Eine Darfteilung feiner geiftigen Richtung dürfte fich
aber nicht darauf befchränken, feine Anfchauungen nur

in grofsen Umriffen zu zeichnen. Das ift eine verhält- I liehen darauf aus, zu zeigen, dafs die Anfchauungen
des Jofephus die corret jüdifchen find.
Namentlich Poznanski verfolgt diefe Tendenz in fehr cin-
feitiger Weife. Nur hier und da, eigentlich nur in der
Anthropologie (S. 25 — 28), wird zugegeben, dafs Jofephus
griechifche Anfchauungen aufgenommen hat. Im
Ganzen lieft fich die Abhandlung wie eine Verthei-
digungsfehrift für Jofephus gegenüber der Anklage des
Gräcifirens. So Poll Jofephus z. B. unter etftctQfttVT] nichts
anderes Verftehen ,als den Rathfchlufs Gottes, der als
Herr der Welt über alles frei verfügt und ohne den
nichts gefchehen kann'(S. 12). Das ift, wenn man die Dinge
im Groben nimmt, wohl richtig. Aber gerade auf diefem
intereffanten Punkte wäre durch eine viel fubtilere Unter-
fuchung zu zeigen gewefen, wie Jofephus den jüdifchen
Vorfehungsglauben doch entftellt, indem er ihm den
Mantel ftoifcher Redensarten umhängt. Es ift ja dem
guten Jofephus mit feinem Stoicismus keineswegs fehr
Ernft. Aber die Sucht, fich als gebildeten Mann zu prä-
fentiren, hat ihn nicht feiten zu Redewendungen ver-

nifsmäfsig einfache Arbeit. Denn es ift kein Zweifel
dafs Jofephus in den Hauptpunkten den jüdifchen Standpunkt
feftgehalten hat, aber doch auch mehr oder weniger
von der griechifchen Bildung beeinflufst war. Beides ift
leicht zu zeigen. Das Intereffe beruht aber hier auf der
Detailausführung. Gerade dies ift lehrreich, zu fehen, wie
auch fall in allen Einzelhelten, namentlich in der Werth-
fchätzung des Ceremonialgefetzes, die jüdifchen Anfchauungen
feftgehalten werden, und wie doch anderer-
feits dies alles in eine Form gekleidet wird, welche das
Judenthum für gebildete Griechen nicht nur als unan-
ftöfsig, fondern als den Höhepunkt der Weisheit und
Bildung erfcheinen läfst. Es müfste alfo auf allen
einzelnen Punkten das Doppel-Antlitz diefes
griechifchen Judenthums nachgewiefen werden:
wie es jüdifch und griechifch zugleich ift, und
in welchem Mafse das eine und das andere.
Dabei würde forgfältig feftzuftellen fein, inwieweit die
jüdifchen Anfchauungen durch die griechifche Einkleidung
inhaltlich modificirt worden find. Namentlich aber j leitet, welche vom Standpunkt eines lebendigen Vor
müfste überall gefragt werden, woher die Elemente ent- j fehungsglaubens aus höchft bedenklich find. Die Frage
nommen find, welche dem Judenthum affimilirt werden: 1 darf alfo nicht fo geftellt werden, ob er unter elfüXQflivrj die
auf welchen Punkten man beim Stoicismus Anleihen göttliche Vorfehung oder das blinde fatutn verficht,
macht, auf welchen Punkten bei der platonifch-pythago- fondern inwieweit das eine und das andere der Fall ift.
reifchen Philofophie; ferner ob der Autor direct aus 1 — Am einfeitigften tritt die apologetifche Tendenz bei

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