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Ausgabe:

1887 Nr. 1

Spalte:

396-399

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedlieb, J. H.

Titel/Untertitel:

Das Leben Jesu Christi des Erlösers mit neuen historischen und chronologischen Untersuchungen, neu bearbeitet und hrsg 1887

Rezensent:

Schnapp, F.

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 17.

men, wie M. Vernes den Gang diefer Arbeit lieh denkt
und die Vereinigung des Deuteronomiums mit dem übrigen
Hexateuch.

Was das Zeitalter des Deuteronomiums betrifft, fo
verwirft M. Vernes mit Recht die von d'Eichthal ver-
fuchte genaue Zeitbeftimmung, ftimmt aber in der Hauptfache
doch mit ihm überein, indem er der Anficht ift,
dafs das Deuteronomium, fowohl nach den einzelnen Do-
cumenten, aus denen es befteht, als auch im Ganzen und
nach feiner endgültigen Redaction, der Zeit der nachexi-
lifchen Reftauration angehöre. Es wäre der Mühe werth
gewefen, an den einzelnen Documenten die Richtigkeit
diefes Satzes zu erweifen, allein Verf. wendet fich fofort
ganz zu der Beleuchtung der beiden Hauptgründe für
die gewöhnliche Zeitbeftimmung: das Verhältnifs des
Deuteronomiums zur Reform Jofia's und zum Propheten
Jeremia.

Die Identification des Deuteronomiums, beffer ge-
fagt des Kernes desfelben (5—26. 28 oder auch nur
12—26 mit Ausfchlufs einiger Abfchnitte) mit dem von
Hilkia aufgefundenen Buch ift fo zu fagen ein Dogma
der altteft. Wiffenfchaft geworden. Freilich fängt man
bereits an, die Frage aufzuwerfen, in welchen Theilen des
deuteronomifchen Grundftocks das Deuteronomium Jofia's
zu erkennen fei, und ob diefe Theile rein oder überarbeitet
vorhanden feien. Auf diefem Wege kann man
weit kommen, fo weit, dafs man fchliefslich vom Deuteronomium
Jofia's nichts mehr wird entdecken können.
Anders verfährt M. Vernes. Was ihm nicht mit Unrecht
auffällt, ift die Leichtigkeit, mit welcher man der bekannten
Erzählung 2 Kön. 22. 23 Glauben fchenkt, deren Gefchicht-
lichkeit er energifch in Abrede ftellt, um dadurch der traditionellen
Zeitbeftimmung die Hauptftütze zu entziehen.
Diefer Abfchnitt ift einer der intereffanteften feiner Schrift.
Sollte es bei der Reform Jofia's wirklich fo vorgegangen fein,
wie erzählt wird? Was einem da zu glauben zugemuthet
wird, ift am Ende doch etwas zu viel. Bringt man zu
der Seltfamkcit des ganzen Vorganges die Entfernung
des Berichterftatters vom Ereignifs, feine Bekanntfchaft
mit dem Deuteronomium und folglich die Möglichkeit
in Anfchlag, dafs er fich bei feiner Schilderung einer
religiöfen Bewegung unter Jofia durch das Deuteronomium
habe beeinfluffen laffen, fo wird man, je mehr
man die Sache überdenkt, doch etwas zurückhaltend
und will einem fcheinen, dafs diefe Centralfrage der altteft
. Kritik einer gründlichen Revifion bedarf.

Allein, das Verhältnifs Jeremia's zum Deuteronomium?
Denn diefer Prophet gilt für ein ficherer Zeuge von deffen
Vorhandenfein. Der diefen Punkt behandelnde Abfchnitt
mit feiner Unterfcheidung eines dreifachen Jeremias,
feiner Beftreitung der Echtheit des Buches, das feinen
Namen trägt, und der Bezeichnung desfelben als pfeud-
epigraph, gehört zu den gewagteften Partien der Schrift
M. Vernes', allein auch hier wird der Lefer auf manches
aufmerkfam gemacht, woran man leichten Fufses vorüberzugehen
pflegt.

Was folgt nun für M. Vernes aus diefer Anfctzung
des gefammten Deuteronomiums und Jeremias, in die Zeit
des zweiten Tempels? Er nähert fich an Havet,ohne jedoch
mit feinen Zeitbeftimmungen fo tief wie diefer herunterzugehen
: der Prieftercodex wird bis gegen das 4. Jhd. herabgedrückt
; es ift kein Grund mehr vorhanden, den Jahviften
als vorexilifch zu betrachten; die drei Stadien, charakte-
rifirt durch das Bundesbuch, das Deuteronomium, den
Prieftercodex, verfchwinden; die Unterfcheidung einer
vorexilifchen prophetifchen und nachexilifchen gefetz-
lichen Periode fällt weg; die Propheten insgefammt gehören
der nachexilifchen Zeit an; Prophetismus und Ge-
fetzlichkeit, weit entfernt, zwei Perioden des religiöfen
Lebens Israels zu kennzeichnen, find die zwei Seiten des
Judenthums der Reftauration.

Am Ende hätte man doch auch gern gehört, was
etwa für die vorexilifche Zeit gerettet werden könnte?

Bei der Menge der hier aufgeworfenen Fragen ift es nicht
möglich, in die Discuffion einzugchen. Aber durch die
abfonderliche Stellung, welche M. Vernes einnimmt, und
die fummarifche Weife, auf welche er feine umftürzen-
den Anflehten kund gethan, hat er die Verpflichtung auf
fleh genommen, nun an deren vollftändige Begründung
zu gehen. Könnte man ihm vielleicht den Vorwurf
machen, diefelben mit einer gewiffen Haft an den Tag
befördert zu haben, fo möge man nicht vergeffen, dafs
auch hierin ein gewiffer Vortheil, nicht fo fehr für den
Verfaffer, als für den Lefer liegt, indem derfelbe nicht
nur angeregt, fondern geradezu gereizt wird; dazu ift
diefe kleine Schrift ein Zeugnifs für die grofse Unficher-
heit felbft derjenigen E3rgebnifse altteftamentlicher Kritik,
welche heute als die ficherften gelten.

Colmar. L. Horft.

Friedlieb, Prof. Dr. J. IL, Das Leben Jesu Christi des Erlösers
mit neuen hiftorifchen und chronologifchen
Unterfuchungen, neu bearbeitet und hrsg. Paderborn,
F. Schöningh, 1887. (XII, 481 S. gr. 8.) M. 6.—

Der Verfaffer bezeichnet diefe 2. Auflage feines
Buches als ,mit neuen hiftorifchen und chronologifchen
Unterfuchungen' verfehen und ,vollftändig neu bearbeitet'.
Leider hatte Ref. die 1. Auflage nicht zur Hand, um
eine eingehendere Vergleichung anflehen zu können.
Doch fpricht fleh die Vorrede über die wichtigften
Aenderungen aus. Danach find im hiftorifchen Theil
vornehmlich diejenigen Abfchnitte, welche die Gefchichte
und Theologie des Judenthums unmittelbar vor der Er-
fch einung Jelu behandeln, neu gearbeitet, und bei den
chronologifchen Unterfuchungen die neueren Forfchungen
berückfichtigt worden; doch haben fleh die in der 1.
Auflage niedergelegten Ergebnifse bewahrt und durchgängig
durch neue Beweismomente beffätigen laffen.

Der Gefammtftoff wird in 2 Haupttheile zerlegt: 1}
die Vorzeit bis zur Erfcheinung des Meffias, 2) die Zeit
der Erfüllung; Jefus, der Meffias, und fein Werk. Nach
einem einleitenden Capitel über die Erlöfungsbedürftig-
keit der Menfchen und den Urfprung des Böfen folgt
eine Auseinanderfetzung über den Urzuftand der Stammeltern
und den Sündenfall. ,Das 1. Menfchenpaar, Adam
und Eva, gingen aus der Hand Gottes, ihres Schöpfers,
hervor als Gefchöpfe, begabt mit einer unflerblichen
Seele und einem Leibe, welcher, wie der heil. Theophilus,
Bifchof von Antiochien, fagt, die ILähigkeit zur Unfterb-
lichkeit befafs'. Wir werden fodann des Näheren über
den Paradiefeszuftand und die Thätigkeit der erften
Menfchen belehrt auf Grund von Gen. 2, wobei die gelegentliche
Anwendung der allegorifchen Erklärung durch
die Autorität des heil. Theophilus und des heil. Auguftinus
gerechtfertigt wird. In Verbindung damit wird der Fall
der Engel befprochen und zugleich die Verfuchung Jefu
als Parallele herbeigezogen, weil letztere nur durch ein
Zurückgehen zur Verfuchungsgcfchichte der Stammeltern
und zur Verfuchung der Engelwelt in ihrer wahren Bedeutung
gewürdigt werden kann. Aber nicht genug damit
. Der Verf. fleht fleh genötigt, nach einer Erörterung
über die 1. meffianifche Weisfagung Gen. 3.15, in welcher
er bei Annahme des ,höherenSinnes'den wahren Schlangen-
treter, den Meffias, genannt findet, uns in mehreren Paragraphen
die alten Ueberlieferungen über den Sündenfall
bei den Juden, Aegyptern, Griechen, Germanen etc. darzulegen
— ein Beweis, ,dafs das Andenken an den Aufenthalt
der Stammeltern im Paradiefe auch mit manchen
fpeciellen Umftänden feftgehalten wurde'.

Von Cap, 3 an ,die Zeit der Vorbereitung' behält der
Verf. fein Thema fchärfer im Auge; er fucht einen kurzen
Ueberblick über die mefflan. Weisfagungen zu geben und
befpricht noch Gen. 12,2 f. u. 49,10. Von irgendwelcher
felbfländigcn Erklärung diefer Stellen ift nichts zu finden.