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Ausgabe:

1887 Nr. 16

Spalte:

377-378

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Antiqua mater. A study of Christian Origins 1887

Rezensent:

Harnack, Adolf

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377

Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 16.

378

Proteftanten die Echtheit des griech. Evgl.'s? Haben fie
an einem Punkte geirrt, fo können fie doch nicht nach
Belieben (?!) in anderen Dingen als Zeugen angerufen
werden' ganz und gar ihr Ziel verfehlen. Wenn Gla
das Zeugnifs der Kirchenväter als verbindlich anfleht,
woher nimmt er dann das Recht, den Mafsflab ,fub-
jectiver Kritik' an dasfelbe anzulegen? Gelten ihm aber
jene Ausfagen nicht ohne weiteres als glaubwürdig
(S. 26 f.), an welchem Punkte will er dann der Kritik
Halt gebieten und ihre Unterwerfung unter die Tradition
fordern? Für die Mehrzahl der ,Gläubigen', wie Gla fich
diefelben vorftellt, fleht die Echtheit der neuteftl. Schriften
a priori feft, mögen die Nachrichten aus der alten Kirche
dafür oder dagegen fprechen. Für die Uebrigen, welche
mit wiffenfchaftl. Mitteln zu arbeiten und der Wahrheit
frei in's Angefleht zu fchauen gewohnt find, ift keine
Autorität fo grofs, dafs fie nicht im Läuterungsfeuer der
Kritik auf ihre Probehaltigkeit hin unterfucht werden
müfste. Gelingt es den Vertheidigern des hebr. Originals
unferes Matth.-Evgl.'s, dem vermeintlichenUeberfetzer
Mifsverftändnifse nachzuweifen, fo ift damit die Richtigkeit
der Tradition bewiefen. Solange das nicht gefchieht,
wird es erlaubt fein, dem Zeugnifse des Papias und feiner
Nachfolger entgegen an der griech. Originalität des
1. Evgl.'s feftzuhalten. Die patriftifchen Zeugniffe werden
dabei keineswegs als werthlos und unrichtig bei Seite gefetzt
, fondern, fofern eben die hebr. Xoyia auf den Apoftel
Matth, zurückzuführen find, ihrem wefentl. Inhalte nach
als zurechtbeftehend anerkannt und in ihrer Verirrung
auf die ungezwungenfte Weife erklärt.

Bonn. F. Schnapp.

Antiqua Mater. A study of Christian Origins. London,
Trübner u. Co., 1887. (XX, 308 S. 8.)

Es ift ein verdriefsliches Geschäft, über gefchicht-
liche Darftellungen berichten zu müffen, die mit Scharf-
finn und Geift, aber ohne genaue Kenntnifs der Quellen
und mit Hülfe einer gewaltfamen Methode gefchrieben
find. In diefe Klaffe gehört vorftehendes Werk eines englischen
Anonymus. Er hat fich die fehr verftändige Frage
geftellt: ,Was können wir — abgefehen von den Büchern
des N. T.'s — aus der altchriftlichen und der griechifch-
römifchen Literatur des 2. Jahrhunderts in Bezug auf
den Urfprung und die ältefte Entwickelung des Chriften-
thums lernen'; aber in Beantwortung diefer Frage find
ihm die NTlichen Bücher, Jefus Chriftus, das Chriften-
thum des apoftolifchen Zeitalters und vieles Andere abhanden
gekommen, und fo fehen wir ihn, den breiten

begeifterten, zum Theil wirklich dieGenefis gehabt haben,
weiche der Verf. als die Entftehung des Chriftenthums
felbft ausgiebt. Endlich foll nicht in Abrede geftellt
werden, dafs die Entwickelung des Chriftenthums zur
katholifchen Kirche nicht aus den Gegenfätzen und
Compromiffen juden- und heidenchriftlicher Parteien abzuleiten
ift'. Aber das Evangelium, die paulinifchen
Briefe u. f. w. aus dem 1. Jahrhundert hinauszuweifen,
das fcheint mir noch immer ein Vernich, der der Widerlegung
überhaupt nicht werth ift. Wer die Echtheit
folcher Briefe wie der paulinifchen Korinthierbriefe nicht
empfinden kann, wer die paulinifchen Briefe hinter
Marcion fetzt, wer in der Detailkritik der altchriftlichen
Literatur dem unfelbftändigen Verfaffer von ,Supcma-
tural Religion1 folgt, dem ift nicht zu helfen und man
kann ihn bei allem Ernft, den er aufgewendet, nicht
ernfthaft nehmen. Mögen uns die Herrn, bevor fie
Schlüfle ziehen, erft pünktlich ihre altchriftliche Lite-
raturgefchichte vorlegen, mögen fie fich erft gründlich
mit den Thatfachen der Kanonsgefchichte, mit dem
Clemens-, Barnabasbrief und den Ignatiusbriefen — der
Anonymus fetzt die letzteren ins 4.Jahrhundert; er könnte
fie, ohne gröfsere Schwierigkeiten, auch in's 14. verlegen
— auseinanderfetzen, bevor fie auf Gehör Anfpruch erheben
. Bisher ift nichts davon geleiftet. Sie behandeln
vielmehr die Urkunden wie Papierfabrikanten die Lumpen,
nehmen fie als corpora vilia voll Schmutz und Fälfchung,
ftofsen fie zufammen, verwandeln fie in einen dickflüf-
figen und zähen Brei und verarbeiten fie dann zu
Löfchpapier. Schade um den Fleifs und fchade um
manche gute Bemerkungen auf diefer Maculatur! Sie
flehen freilich häufig dicht neben gänzlich abfurden. Zu
letzteren rechne ich in vorftehendem Buche z. B. die,
dafs die Chriften urfprünglich ,%QrjOTiavoi' geheifsen
(XQrjOtol) und erft fpäter den Namen ygioxavoi adoptirt
haben; zu erfteren, dafs der Verf. forgfältig darauf auf-
merkfam macht, wie ftarkin Schriften des 2. Jahrhunderts,
z. B. auch bei Hermas, die gefchichtliche Perlon Jefu
Chrifti hinter ,den Sohn Gottes' und andere allgemeine
Bezeichnungen zurücktritt.

Marburg. A. Harnack.

Wilpert, Jof., Ein unbekanntes Gemälde aus der Katakombe
der hl. Domitilla und die coemeterialen Fresken mit
Darftellungen aus dem realen Leben. (Abdr. aus der
röm. Quartalfchrift). Rom, 1887. (30 S. m. 3 Taf. 8.)

Das intereffante Schriftchen berichtet von der ge-
und viel verfchlungenen Weg verlaffend, auf dem fchnur- j nauen localen Unterfuchung zweier unmittelbar neben
geraden Pfade aufwärts fteigen, den Bruno Bauer, einander im erften Stockwerke der Domitillakatakomben,
Havet und Loman gebahnt haben, ab und zu fich aber I füdlich von der Bafilika der Petronilla, befindlichen
mit der Axt den Durchhau durch den Urwald der alten Fresken. Die eine ift bis jetzt unbeachtet gewefen, die
Literatur noch verbreiternd. Was fich nicht fügt, wird j andere {Garrucci tav. XX, 4; XXI, I), in allen Publica

niedergefäbelt, um die gerade Linie einhalten und fchliefs-
lich an dem Punkte an das helle Tageslicht gelangen
zu können, der von Anfang an ins Auge ge'fafst war.

Es ift dasfelbe Vorurtheil, welches die entfchloffenen
Traditionaliften und diefe gewaltfamen Herrn leitet:
,das geht lo fröhlich ins Allgemeine'. Die Entwickelung
mufs eindeutig, ohne Bruch, ohne Krümmung gewefen
fein. Was an diefer Vorftellung richtig ift, glaube ich

tionen höchft mangelhaft wiedergegeben, ein Kreuz für
alle chriftlichen Archäologen, bedurfte dringend einer
gewiffenhaften Befichtigung. Der Verf. weift nach, dafs
von fymbolifchen Bildern in beiden nicht die Rede fein
kann, fondern dafs wir es hier mit Darftellungen aus
dem täglichen Leben zu thun haben. In beiden find
annonarifche Scenen wiedergegeben, die Ausladung des
Getreides am Emporium Tiberinum, die Beamten der

fchon i. J. 1878 in einer Recenfion des bekannten Werkes | Annona, die Mitglieder des Collegium Piftorum in der

von Bruno Bauer (Lit. Centr.-Bl. Nr. 16) zutreffend
präcifirt zu haben: ,Der Ref. ift dem Verf. [Bruno Bauer]
die Erklärung fchuldig, dafs man auf diefe Entftehungs-
geschichte des Chriftenthums verfallen könnte, wenn
uns aus dem vorirenäifchen Zeitalter keine anderen
chriftlichen Urkunden erhalten wären als die Schriften
der griechifchen Apologeten und diefe ohne Rückbe-
ziehungen auf einen giltigen Gemeindeglauben. Er zögert
auch nicht anzuerkennen, dafs die religiöfen und fittlichen
Ideen, welche einen Minucius Felix, Athenagoras u. A.

zweiten Freske, in der erften Beamte der Annona, mit
einer Getreidevertheilung befchäftigt. Man wird die In-
fchrift vielleicht beffer als an den Percipienten gerichtet
auffaffen. Unrichtig ift die Behauptung, dais wir nur
fünf Darftellungen aus dem realen Leben in den chriftlichen
Fresken der Katakomben bis jetzt gekannt haben.
Schon die Prüfung der chriftlichen Grabfteine mit ihrer
häufigen Wiedergabe von Objecten aus dem alltäglichen
Leben läfst die öftere Verbildlichung realer Vorgänge
in den Fresken erwarten. Und in der That mufs jene

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