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Ausgabe:

1887

Spalte:

360-364

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Luthardt, Chr. E.

Titel/Untertitel:

Der Scholastiker Luther 1887

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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Ausprägung, und nach feinem Inhalte zu begreifen. Das
Bild der modernen Theologie erhält aufserdem einen
charakteriftifchen Hintergrund durch die gedrängte Schilderung
der Revolution, welche die proteftantifche Theologie
durch den Zufammenbruch der alten, mit der Welt-
anfchauung des Alterthums verbundenen Lehrform durchgemacht
hat. Von diefer gefchichtlichen Skizzirung,
welche mit einer Beurtheilung der Leiftung von Straufs
abfchliefst. wird dann zur Mufterung der heutigen theo-
logifchen Arbeit in der Weife übergeleitet, dafs auf einer
Würdigung der Leiftungen Schleiermacher's und Kant's
die Darlegung der gegenwärtigen Religionsphilofophie
und Apologetik fich aufbaut. Alles das auf 24 Seiten
(p. 7—31)! Ein reicher Inhalt, aber doch zu reich für
den Zweck des Vortrags! Ich fürchte, der Nichttheologe
wird flatt eines Verfländnifses der neueren Entwicklung
der Theologie nur einen unbeftimmten Eindruck mitnehmen
, und die Sammlung einzelner glänzender Refultate
der neueren Theologie wird ihn blenden, aber nicht eigentlich
aufklären. Wenn er auf zwei Seiten über die im 5.
Jahrh. v. Chr. beendete Compilation der 5 Bücher Mofis,
über den Deuterojefaja, über die Abfaffungszeit des Buchs
Daniel, über die moderne Auffaffung der Entwicklung
der jüdifchen Religion von rohen, noch heidnifchen Anfängen
aus bis zur Ausbildung des nachexilifchen Priefter-
und Cultusgefetzes, über Abfaffungszeit des Johannesevangeliums
und über fynoptifche Evangelienkritik Belehrung
empfängt, fo wird er ftaunen, dafs es die Theologie
fo herrlich weit gebracht, aber er kann es nicht
innerlich verarbeiten, d. h. feine religiöfe Ueberzeugung
nicht damit auseinanderfetzen; mit der Erweckung jenes
Eindrucks aber kann die Theologie, welche allwege ihres
Zwecks, durch ihre Wiffenfchait der Erbauung der Gemeinde
zu dienen, fich bewufst bleiben mufs, nicht zu
frieden fein.

Wenn ich bezweifle, dafs der Vortrag diefem Zweck
in richtiger Weife dient, fo will ich damit keineswegs
beftreiten, dafs der Verfaffer denfelben erftrebt hat. Nein,
in feiner Weife thut er es: wenn er auch im Kreife
der proteflantenvereinlichen Zuhörer fich veranlafst fieht,
vor allem die Wiffenfchaftlichkeit der neueren Theologie
vor Zweifeln gegen diefelbe zu fchützen und die Be-
feitigung alles für uns Undenkbaren aus dem Dogma
lobend zu erheben, fo will er doch eben damit den
wiffenfchaftlich intereffirten Hörern die Hindernifse aus
dem Wege räumen, welche die Form der chriftlichen
Lehrüberlieferung ihrem Glauben entgegenftellt; und unermüdlich
prägt er es ihnen ein, dafs durch die theo-
logifche Arbeit das ,chriftlich-religiöfe Princip', der
,tief-religiöfe Gemüthskern des Chriftenthums' zu Tage
gefördert werde. Ich vermuthe, dafs diefes löfende Wort
den Zuhörern fchon geläufig war; ob es darum auch be-
fonders geeignet war, das Verftändnifs für die fefte
Stellung des chriftlichen Glaubens im Verhältnifs zu
den Ergebnifsen der Theologie in ihnen zu vertiefen, ift
eine andere Frage. Lüdemann weift zwar die, welche
Auskunft über den Inhalt des chriftlichen Princips begehren
, an die ,Dogmatiken unferer Theologen, alfo
Dogmatiken wie die von Hafe, AI. Schweizer, Lipfius,
Pfleiderer und unferem tiefbetrauerten Biedermann'. Was
er aber felbft p. 21 u. 30 über den Inhalt des chriftlichen
Glaubens fagt, ift mir für eine ernfte Belehrung etwas zu
fehr in poetifchen Glanz gehüllt. Eine gewiffe Ver-
fchwommenheit ift meift die Kehrfeite jener Wiffenfchaftlichkeit
, welche den religiöfen und chriftlichen Standpunkt
,nicht fowohl auf eine precäre Gefchichtsüberlieferung
als vielmehr auf unvertilgbare Thatfachen unferes Geiftes-
lebens begründen will', und welche damit nach unferem
Urtheil aus dem Chriftenglauben nicht nur den menfch
liehen Irrthum, fondern auch die göttliche Thorheit be-
feitigt.

Für den Verfaffer ift, wie man aus Obigem fieht, die
wiffenfehaftliche Theologie der Gegenwart identifch mit

! der Theologie feiner Partei. Ift bei einer Orientirung für
Nichttheologen folcher Parteiftandpunkt erlaubt? Es
wird immer fo fein, dafs, wer über die erfolgreiche
Arbeit der Theologie den Uneingeweihten Belehrung
geben will, dabei feinen Standpunkt in derjenigen theo-
logifchen Richtung nimmt, welche er felbft vertritt. Das
ift in der Ordnung. Aber unerlaubt ift eine agitato-
I rifche Vertretung der eigenen theologifchen Richtung.
Zu einer folchen aber rechne ich es, wenn — befonders
im Schlufstheil — die Antipathien der Zuhörer gegen
,die Spürkraft unferer confiftorialen Ketzerrichter', gegen
I den tief corrupten Zuftand der meiften deutfehen Uni-
j verfitäten u. dergl., und die Sympathien der freien Bürger
von Hamburg und Bremen für die namentlich im preufsi-
j fchen Kirchengebiet mit Verfolgung und Verleumdung
bedachte, nurinderglüelichen freien Schweiz unbeeinträch-
tigteliberaleTheologie aufgerufen werden. Zu einer folchen
i agitatorilchen Art rechne ich es noch mehr, wenn vor
| Zuhörern, die nicht in der Lage find, felbft zu urtheilen,
die Tendenz anderer theologifcher Richtungen gründlich
entftellt wird (vgl. die Worte über Jene Vermittlungstheologie
, welche in ihrer ermattenden Epigonenweisheit
neuerdings die Parole ausgiebt, dafs die Theologie
— nach ihren eigenen Gefetzen leben könne, ohne fich
um den Gang der weltlichen Wiffenfchaften weiter zu
kümmern'); ich rechne noch mehr dazu die perfönlichen
Verdächtigungen gegen Theologen anderer Richtungen.
Verfaffer erzählt feinen Zuhörern: trotz Bedrückung und
Verdrängung aus theologifchen Facultäten blieben die
Schüler ßaur's ihrem Meiner treu. ,Nur Einer fiel von
ihm ab, Herr Albrecht Ritfehl, jetzt berühmter und wohlgelittener
Theologe der preufsifchen Univerfität Göttingen.
Es hat ihm alfo weiter keinen Schaden gebracht'. —
Das ift eine heillofe Art (vgl. auch Th, Litztg., 1886
Col. 458).

In den beiden letzten Fällen verftöfst der Verfaffer
1 auch gegen den für theologifche Belehrung von Nichttheologen
geltenden Grundfatz, nichts den Zuhörern
I Unverftändliches oder Halbverftändliches zu geben:
damit find auch Anfpielungen ausgefchloffen. Auch
; gegen den Grundfatz, nur das Sichere als ficher,
das Unfichere etweder gar nicht oder als unficher, P'alfches
jedenfalls nicht vorzulegen, verfehlt er fich, z. B. wenn er
über die Entwicklung des Urchriftenthums kühnlich behauptet
: ,Die gröbere und äufserlichere judenchriftliche
Auffaffung gewann auf die — heidenchriftlichen Gemeinden
überwiegenden Einflufs und daher rührt der cere-
monienreiche äufserliche und hierarchifche Charakter, den
die katholifche Kirche bis heute an fich trägt.'

Die Darfteil ung in einem Vortrag wie der vorliegende
foll präcis fein; das ift fie nicht immer (z. B.
bei Schleiermacher). Sie foll frifch und lebhaft fein; das
ift fie. Sie foll populär fein; das ift fie im ganzen, aber
Ausdrücke wie: ,Die auf irgend eine Zuckerfchleck-
Belohnung fpeculirende Nützlichkeitsmoral' find Aus-
wüchfe.

Tübingen. Max Rei fehle.

Luihardt, Dr. Chr. E., Der Scholastiker Luther. (Zeit-
fchrift für kirchliche Wiffenfchaft und kirchliches
Leben, hrsg. von Luthardt, 1887, Hft. 4.)

Leider ift mir der vorftehende Auffatz erft fpät zugänglich
geworden. Ich würde mir fonft erlaubt haben,
fchon früher auf denfelben aufmerkfam zu machen. Luthardt
hat uns hier freilich nicht mit der Bearbeitung einer
intereffanten hiftorifch.cn Frage befchenkt, deren Löfung
bei dem gegenwärtigen Zuftande der Schriften Occam's
befondere Schwierigkeiten hat. Aber in anderer Beziehung
ift diefer Auffatz vielleicht das Wichtigfte von Allem,
was wir Luthardt verdanken. Der Schriftfteller, deffen ge-
fchickte Feder fo manches Bild von zweifelhafter Treue