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Ausgabe:

1887

Spalte:

323-327

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ledrain, E.

Titel/Untertitel:

La Bible. Traduction nouvelle d‘après les textes Hébreu et Grec. Tome premier: Les juges. I et II Samuel. I Rois 1887

Rezensent:

Guthe, Hermann

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den Utilitarismus der Spruchfammlung, das Sündenbe-
wufstfein in demfelben, den Glauben an ein zukünftiges
Leben, der, nach feiner Anficht, weit entfernt ift, auf
eine deutliche, klare Weife vorzuliegen, wiewohl er bereits
dämmere. Selbft das ift wohl zu viel gefagt. Es
ift diefer Abfchnitt, welcher die Vertheidigung des
Buches der Sprüche gegen mancherlei Angriffe zum
Zweck hat, fehr mafsvoll gehalten.

Gefetz, Cultus, Prophetismus, Götzendienft, das alles
wird im Buch der Sprüche nicht berückfichtigt. Zufällig
kann diefe Erfcheinung nicht fein, umfoweniger als ja
diefes Buch aus demfelben allgemeinen religiöfen und
fittlichen Boden erwachfen ift, wie Gefetz und Propheten. [
Ich geftehe, dafs mir die diesbezüglichen Theorien des
Verfaffers, welche die Verfchiedenheit des Gefichtspunktts
zum Ausgangspunkt haben, nicht deutlich geworden find.
Ift die Erklärung nicht vielmehr in der Entftehungszeit
des Buches der Sprüche, alfo in den religionsgefchicht-
lichen Zeitverhältnifsen zu fuchen ? In welchem Ver-
hältnifse fleht die erwähnte Thatfache zu den Einleitungsfragen
und deren Beantwortung? Es wäre vielleicht
gut gewefen, wenn der Verf. nach diefer Richtung
hin geforfcht hätte, anftatt fich allzubald dabei zu be- !
ruhigen.

Der zweite Theil der Schrift handelt vom Buch der ;
Sentenzen des Theognis, welches dem Verf. in demfelben
Sinne als Repräfentant der griechifchen Gnomik gilt, wie
das Buch der Sprüche der hebräifchen, und ift nach der-
felben Methode ebenfo forgfältig bearbeitet (S. 175—330). j
Das erfte Capitel handelt vom Hauptbegriff, dem Begriff
des Mafses (jnoderation), das zweite von dem lehrhalten I
Inhalt (l'education) der Sentenzen, das dritte befpricht
die Lücken und Irrthümer, das vierte das Verhältnifs der
griechifchen Gnomiker zu den übrigen Schriftftellern
Griechenlands; der Schlufsabfchnitt enthält den Ver- |
gleich zwifchen dem Buch der Sprüche und dem Buch I
Oer Sentenzen, welcher, wie billig, zu Gunften des erfteren
ausfällt. Ich möchte hier nur fragen, ob Verf. den Ein-
flufs der zeitgefchichtlichen Verhältnifse auf die Denkweife
des Theognis hoch genug angefchlagen und den
individuellen Charakter der Sammlung hinlänglich in's
Auge gefafst hat.

Die Schreibweife des Verf. ift manchmal hart, feine
Ausführungen nicht immer frei von Sonderbarkeiten,
z. B. Seite 98 der Beweis, dafs die hebräifchen Weifen
die Nutzlofigkeit nur der theoretifchen Disciplin, welche
lehrt und tadelt, eingefehen haben, aber noch nicht an
dem Erfolg der praktifchen Disciplin zweifeln, welche
thätlich züchtigt; S. 308, dafs die hebräifchen Schriftlicher
zweimal origineller find als die griechifchen; S. 315, der
latente Glaube der hebräifchen Weifen an das jenfeitige
Leben. S. 190 heifst es, dafs die hebräifchen Schrift-
fteller niemals ausdrücklich gegen das von Gott eingeführte
und gehandhabte Gefetz remonftrirt hätten, wonach
die Miffethat der Väter an den Kindern heimgefucht
wird. In welchem Verhältnifs fleht diefe Behauptung zu
Ez. 18? Wünfchenswerth wäre es, dafs man endlich aufhörte
das X mit ts (S. 62) wiederzugeben!

H. Bois' Schrift lieft fich mit Intereffe und Gewinn.
Es wird uns freuen, wenn wir dem Herrn Verfaffer, der,
wie wir eben lefen, den Grad eines Licenciaten der
Theologie in Montauban kürzlich erworben hat, ferner
noch auf dem Gebiete theologifcher Forfchung begegnen
.

Colmar. L. Horft.

Ledrain, E., La Bible. Traduction nouvelle d'apres les
textes Hebreu et Grec. Tome premier: Les juges. I
et II Samuel. I Rois. Paris, Alphonse Lemerre, 1886.
(X, 325 S. 8.) M. 7.50.

Der vorliegende erfte Band diefes Werkes bietet den
Anfang einer vollkommen felbftändigen und neuen Bibel-

überfetzung, die ein intereffantes Seitenftück zu den
Ueberfetzungs- und Revifionsarbeiten, die in der neueren
Zeit in England, Amerika und Deutfchland begonnen
oder fchon vollendet worden find, zu werden verfpricht.
Die Ueberfetzung Ledrain's ift für das katholifchc Frankreich
ficherlich in einem noch höheren Grade felbftändig
und neu als für das wiffenfehaftliche Urtheil proteftan-
tifcher Theologen. L. überfetzt nach dem Urtext und
benutzt Ueberfetzungen wie die LXX nur als kritifche
Hülfsmittel, er hat fich um ein bifchöfliches Imprimatur
oder um eine andere kirchliche Approbation nicht gekümmert
, während doch die lateinifche Vulgata der officielle
Text der röinifchen Kirche ift und das bifchöfliche Amt,
d. i. der Papft, in der römifchen Kirche allein das Recht
hat, die Bibel auszulegen und, da Ueberfetzen zum Auslegen
gehört, überfetzen zu laffen. Beides i(t für uns
weder etwas Neues, noch eine Probe für das, was wir
wiffenfehaftliche Selbftändigkeit nennen. Eher könnte
diefe in der Selbftändigkeit gefunden werden, die L. der
religiöfen oder kirchlichen Bedeutung der Bibel gegenüber
nehmen will. Wir lefen im ,avertissemenf S. V ff.:
,Je riai voulu ni attaquer tri servir les religions' (nämlich
Katholicismus, Judenthum, Proteftantismus) . . . ,en fialite
je me suis mis en dehors de tonte theologie, ne visant qu'ä
reproduire, dans h ur zrive precision, les phrases et les mots
bibliqnes .... J'ai essaye, pour ma part, de trahir le moins
possible les grands ecrivains d'Israel. Ne rien eteindre;
dornet, par evemple, avec toute leur flamme, les brulants
recits des Juges: teil a ete mon ambition'. In diefer Raffung
feiner Aufgabe fühlt fich der Verf. einfam: ,Je sais
ce qu'il en coüte de n appartenir ä anain groupe, et de
marcher seul dans la pleine independance de son esprit.
On est fort enclin, dans la societe oii nous sommes jetes, ä
sacrifier l'komme isole, dont il semble que l'on n'ait rien
ä craindre, ni a espered. Diefes Gefühl der Einfamkeit
wird wohl nicht falfch erklärt werden, wenn darin ein
neuer Beweis für die fchon zur Genüge bekannte Thatfache
erblickt wird, dafs es in der katholifchen Theologie
, zumal Frankreichs, mit der Disciplin, welche wir
Proteftanten als die wichtigfte betrachten, mit der Bibel-
forfchung, nicht gut beftellt ift. Ein proteftantifcher
Theologe könnte lieh fall verfucht fühlen, den Verf. ob
diefes Gefühls zu tröften, trotzdem L. die Meinungen der
Theologen über die Bibel nicht befonders hoch zu
fchätzen fcheint (S. VI f.) Jedenfalls ift aber jener erfte,
von mir angeführte Satz nach dem Zufammenhange nur
fo gemeint, dafs L. durch feine Arbeit irgend ein theo-
logifches Dogma weder ftürzen noch ftützen will. Denn
er prüft die einzelnen ,Religionen', Judenthum, Proteftantismus
, Katholicismus, auf die Frage, ob fie beftimmte
dogmatifche Forderungen aufhellen, die bei der Ueberfetzung
oder Auslegung der Bibel zu beobachten find,
und meint, dafs man unter diefem Gefichtspunkt etwa nur
noch auf den Katholicismus Rückficht zu nehmen habe,
der freilich auch fchon durch die Beorderungen der Wif-
fenfehaft genöthigt worden fei, mildere Saiten aufzuziehen
. Sowohl diefe Erwägung, in der übrigens die Bezeichnung
des Proteftantismus als einer anderen Religion
neben dem Katholicismus als einfachen Irrthum anzumerken
genügen wird, als auch das Urtheil über den
Proteftantismus, dafs er fich ftütze auf ,la libre pensee,
c'est ä dire la chose du monde qui peut le moins porler Ufte
religion1, verrathen deutlich, dafs L.'s Bedenken gegen
die Theologie von Vorausfetzungen abhängig find, die
die proteftantifche Reformation nachdrücklich bekämpft
hat, wie dafs die Auffaffung der Bibel durch irgend
welche Dogmen im voraus feft flehe, dafs überhaupt
Dogmen der Grund der Kirche und der Gegenftand des
feligmachenden Glaubens feien. Wenn vielmehr L. feine
Aufmerkfamkeit darauf richten will, fl reproduire, dans
leur vive precision, les phrases et les mots bibliqnes', fo ift
das für uns weder etwas Neues, noch flöfst es uns Mifs-
trauen ein. Wohl aber wirkt in feiner Faffung der Auf-