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Ausgabe:

1887 Nr. 12

Spalte:

267-268

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rösler, P. Augustin

Titel/Untertitel:

Der katholische Dichter Aurelius Prudentius Clemens. Ein Beitrag zur Kirchen- und Dogmengeschichte des 4. und 5. Jahrhunderts 1887

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 12.

268

Gute Ueberfetzungen der Kirchenväter find von
hohem Werthe. Dankbar bekenne ich, dafs ich der
Kemptener Kirchenväter-Bibliothek Vieles fchulde. Diefe
kleinen Bändchen haben mich oft auf meinen Reifen begleitet
; fie find ein ausgezeichnetes Hülfsmittel, um fich
verblaffende Eindrücke fchnell wieder zu vergegenwärtigen
, Vergleichungen in Bezug auf leitende Gedanken
anzuflehen etc. Wer freilich einen Eufebius ebenfo
fchnell griechifch, einen Ephraem ebenfo fchnell fyrifch
wie deutfch lieft, und wem es dabei gleichgiltig ifl, ob
er Folianten mit fich führt oder handliche Bändchen,
braucht keine Ueberfetzungen. Wir minder Glücklichen
aber, denen es zugleich häufig nicht um philologifche
Einzelheiten, fondern um zufammenhängende Kenntnifs
und ftete Vergegenwärtigung der Gedanken der Väter
zu thun ifl, nehmen dankbar Ueberfetzungen in die
Hand. Ich wünfche ihnen auch bei den Studenten die
weitefle Verbreitung. Eufebius' Kirchengefchichte in der
Ueberfetzung zu lefen und zwar forgfältig zu lefen, dazu
kann jeder Theologie - Studirende Zeit finden, und
er hat von folcher Leetüre unter Umftänden mehr als
von der mühfamen Durcharbeitung eines Buches im
Originaltext, zu der er fich übrigens nach meinen Erfahrungen
, ohne die Nöthigung, welche hiflorifche
Uebungen veranlaffen, doch nicht entfchliefst. Viele
Väterfchriften gelefen zu haben, ifl eine Grundbedingung
für das Verftändnifs der Kirchengefchichte im 4. bis 7.
Jahrh., und hier können Ueberfetzungen Vieles leiften.
Für das 2. und 3. Jahrh. vermögen fie allerdings ungleich
weniger zu bieten, da im Zeitalter der fich bildenden
und noch immer unficheren Terminologien nahezu Alles
auf die Kenntnifs der Originaltexte ankommt.

Möge diefes grofse Ueberfetzungswerk in Amerika
und England das Studium der Väter fördern! Man wird
die Originale auffuchen, wenn man an den Copien Inter-
effe gefunden hat.

Marburg. A. Harnack.

Rösler, F. Auguflin, C. ss. Red., Der katholische Dichter
Aurelius Prudentius Clemens. Ein Beitrag zur Kirchen-
und Dogmengefchichte des 4. und 5. Jahrhunderts.
Mit 1 Titelbild in Farbendruck. Freiburg i. Br., Herder,
1886. (XIV, 486 S. gr. 8.) M. 7. —

Fall 500 Seiten über Prudentius — das ifl fehr viel.
Aber das Ziel diefer Arbeit erklärt ihren Umfang. Der
Verf. will darthun: ,warum die katholifchc Kirche allezeit
dem Dichter ihre Zuneigung gefchenkt hat'. Die
einfache Antwort lautet, weil er ein katho Iifcher Dichter
gewefen ifl. Da nun in der ,bedeutendflen' Monographie
— der von Brockhaus — der katholi fche Charakter
nicht gebührend zum Ausdruck gekommen ifl, fo galt
es, diefen an's Licht zu flellen. Diefe Arbeit ifl eine
höchft gelehrte und deshalb dankenswerthe Streitfchrift
gegen die proteflantifchen Beurtheiler des Prudentius,
vor allem gegen Brockhaus Daher erklärt fich ihr Umfang
. Prudentius foll als guter römifcher Katholik im
Sinne des ig. Jahrh.'s erwiefen werden. Daher lautet
denn auch das Widmungsblatt: ,Der unbefleckt empfangenen
Jungfrau, der allzeit jungfräulichen
Gottesmutter, der glorreichen Königin des
Himmels, Maria, legt diefe Arbeit als Zeichen
unbegrenzter Dankespflicht demüthigft zu
Füfsen der Verfaffer.' Der Dichter wird alfo recht
eigentlich der Jungfrau Maria als Dankopfer dargebracht.
Allein da Niemand fehllos ifl, am wenigften ein Dichter,
fehllofe Opfer aber allein der Gottheit gefallen, fo mufs
das Opferthier erft von feinen Fehlern befreit werden —
und darin befleht bekanntlich die Arbeit des ultramontanen
Hiftorikers; denn was hätte er fonft zu thun, als
entweder zu entfchuldigen oder zu verklagen? Dabei
befindet er fich in der glücklichen Lage, dafs manche pro-

teflantifche Patrifliker es nun einmal nicht laffen können,
bei den Vätern den Schatten nachzuweifen, welchen die
lutherifche Reformation im Voraus geworfen hat. Plier
hat der Gegner leichtes Spiel, wenn er nachweift, dafs ,die
Spuren evangelifcher Wahrheit' erft von den Biographen
eingedrückt find, und dafs die Väter wirklich vielkatholi-
fcher gewefen find als ihre proteflantifchen Verehrer
glauben wollen. Allein ,katholifch' heifst heutzutage doch

I etwas anderes als im 4. und 5. Jahrhundert. MitdemKatho-
licismus diefer Epoche ifl den Prieflern und der Congrega-
tion des allerheiligften Erlöfers, welche der Maria Zeichen
unbegrenzter Dankespflicht demüthigft zu Füfsen legen,
doch nicht gedient. Daher find im 2. Theil 200 Seiten
der Darlegung der Lehre des Prudentius gewidmet (die
Kirche und die Glaubensregel — die Quellen der Offenbarung
— die Gotteslehre — die Engel — der Menfch
und feine Beflimmung — die Gottesmutter — der Er-
löfer und fein Werk — die Vollendung in der Ewigkeit),
welche darthun, dafs nach Prudentius Rom das neutefta-
mentliche Jerufalcm ifl (S. 297), dafs Chriftus einft im
himmlifchen Rom (nicht Jerufalem) erfcheinen wird (S. 298),
dafs Prudentius den römifchen Primat fo gut bezeugt
wie Cyprian, dafs feine Mifsgriffe keine find, quia ecelesia
nondum locuta erat (S. 321 f.), dafs er die rechte Trinitäts-
lehre gehabt, wenn man ihm auch ,die Genauigkeit der
Unterfuchung abfprechen mufs' (S. 337 f. 342 ff. — Prudentius
lehrte aber nach Cath. XI, 13^. ähnlich wie Marcellus
), dafs er das ,filioqucl gelehrt habe (S. 362 ff.) etc.
Den letzteren Punkt anlangend, fo behauptet der Verf.
nach längerer Unterfuchung dreift und in gefperrter Schrift
(S. 369): Jedenfalls darf man, auf Prudentius gestützt
, ohne jedes Bedenken behaupten, dafs das

filioque bereits im J. 400 in's Symbolum gekomm en
ifl'. Das ifl deshalb völlig unfinnig, weil fich das Symbol
felbft erft c. 100 Jahre fpäter im Abendland nachweifen
läfst! Die dogmcngefchichtlichcn Abfchnitte find aber
durchweg von gänzlich werthlofen Erwägungen durchzogen
, und die aufgebotene Gelehrfamkeit macht die
Sache nur trauriger. In katholifcher Sprache würde ich
fie als hartnäckige formale Härefie bezeichnen; denn fie
verzäunt den Weg zur Umkehr. Dafs es die Aeufserungen
eines Dichters find, die hier auf das gefpannte Seil der
modernen katholifchen Dogmatik gezogen werden, foll
dabei noch nicht einmal in Anfchlag gebracht werden.

Brauchbarer find die Unterfuchungen des erflen
Theils, und zwar hebe ich hier die Capitel ,über Bildungselemente
und literarifche Einflüffe in den Dichtungen
des Prudentius' fowie ,über das Leben des Prudentius
in der Gefchichte' hervor. Der Verf. wird Recht
haben, dafs nicht fowohl Tertullian (Brockhaus) als vielmehr
Cyprian den flärkften Einflufs auf Prudentius ausgeübt
hat. Ueber denKampf mit dem Priscillianismus läfst
fich zur Zeit nichts fagen. Hoffentlich bringt die von
Schepfs entdeckte Schrift hier Licht.

Marburg. A. Harnack.

Blicke auf die Geschichte der lateinischen Bibel im
Mittelalter.

II.

Als der Unterzeichnete vor einigen Monaten im
Hinblick auf das von John Wordsworth begonnene
bibelkritifche Werk Old-Latin Biblical Texts den diefer Zeitung
(1886 Nr. 26) einverleibten Auffatz über die Gefchichte
der lateinifchen Bibel im Mittelalter niederfchrieb, und
die Hoffnung ausfprach, in einem zweiten Artikel über
I die vor Kurzem erfchienene Fortfetzung in entfprechen-
der Weife Bericht erflatten zu können, konnte er nicht
ahnen, dafs der auch in feiner neuen hohen Stellung für
die biblifche Wiffenfchaft unermüdlich thätige Autor des
oben genannten Werkes durch eine neue, völlig unerwartete
literarifche Kundgebung diefen Vorfatz felbft