Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1887

Spalte:

255-261

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wundt, Wilh.

Titel/Untertitel:

Ethik. Eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens 1887

Rezensent:

Gottschick, Johannes

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4

Download Scan:

PDF

255

Theologifche Literaturzeitung. 1SS7. Nr. n.

256

von ihm in die rechte Beleuchtung gefleht worden.
Während die Stammgenoffenfchaft die Römifche Kirche
als einen Theil der grofsen Gemeinfchaft aller Getauften
anfah, ihr den apoflolifchen Charakter nicht abfprach,
an ihr in erfter Linie nur das Eine ausfetzte, dafs ihre
Hierarchie nicht mit dem wahrhaft apoflolifchen Leben
in der Armuth und der Verkündigung des Evangeliums
vollen Ernft mache (S. 93 ff.), fo gilt die Römifche
Kirche den Lombarden und Deutfchen als die baby-
lonifche Hure, und deren Cultus, Sacramentsverwaltung
und Verfaffung mitfammt dem ganzen Kirchenrecht als
eine Erfindung gottlofen Unglaubens und Irrthums
(S. 108 ff.). Jedoch trifft diefe lombardifch-deutfche
Gruppe der Vorwurf (S. 117 ff.), dafs fie auf die Dauer
ihren antirömifchen Principien nicht treu geblieben ift
und feit der Mitte des 14. Jahrhunderts fich in auffälliger
Weife — nicht blofs in äufserlichen Dingen, fondern auch
in der Sacramentsverwaltung — den bisher verpönten
Gebräuchen genähert hat.

Dafs wir über die Verfaffung der lombardifch-
deutfchen Gruppe nicht fo genau unterrichtet werden
(S. 123 ff.), wie früher über die der Stammgenoffenfchaft,
ift nicht die Schuld des Verfaffers, fondern feiner Quellen,
die ihm hier nur fpärlich zufloffen.

Einen Einblick in die von M. befolgte Methode der
Forfchung, fowie in die auf die Unterfuchungen verwandte
Sorgfalt und kritifche Schärfe gewähren uns die
den Anhang (S. 139—172) bildenden acht Excurfe;
meiftens betreffen fie die Quellen zur Waldenfergefchichte.
Befonders eingehend (S. 147 ff.) wird der fogenannte
Paffauer Anonymus behandelt, in welchem M. einen
Dominikaner aus Krems fieht, der feine Arbeit bald nach
1316 niedergefchrieben haben mag. Die werthvollften
Unterfuchungen enthalten die Excurfe VII und VIII,
welche zwei Strafsburger Secten, die Winkler und die
Ortlieber, die man bisher nirgends mit Sicherheit unterzubringen
wufste, durch Aufdeckung ihres Waldenfifchen
Charakters an den ihnen gebührenden Platz ftellen.

Von der trefflichen Studie unferes Verfaffers fcheiden
wir mit dem Wunfche, dafs es ihm bald vergönnt fein
möge, die in Ausficht geflellte Fortfetzung feiner Arbeit
bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts zu bringen, auf
die alle diejenigen, welche fich mit Keller's Auseinander-
fetzungen nicht befreunden können, mit Spannung warten
werden.

Strafsburg i. E. R. Zoepffel.

Wundt, Wilh., Ethik. Eine Unterfuchung der Thatfachen
und Gefetze des fittlichen Lebens. Stuttgart, Enke,
1886. (XI, 577 S. gr. 8.) M. 14. —

Obwohl die in diefem Werke dargelegte Auffaffung von
Sittlichkeit und Religion diefen Realitäten nicht wirklich
gerecht wird, fo mufs man dasfelbe dennoch mit lebhafter
Freude begrüfsen, wenn man es im gefchichtlichen Zu-
fammenhang der philofophifchen Bewegung auffafst. Die
Emancipation nicht nur von der Herrfchaft der Theologie,
fondern auch von dem pofitiven oder gefchichtlichen
Chriflenthum, welche mehr oder minder den Charakter
der neueren Philofophie ausmacht, gewinnt eine relative
Berechtigung durch die Mängel der evangelifchen Theologie
, die erfl in langer Arbeit fich von den Nachwirkungen
der katholifchen Chriftenthumsauffaffung befreien
konnte und darum Vorftellungen vom Chriflenthum zum
Gemeingut machte, in welchen die befreiende Kraft des-
felben nicht zum genügenden Ausdruck kam und fein
Princip nicht zu der ihm entfprechenden univerfalen Entwicklung
gelangte. Der katholifche Begriff von der
Offenbarung als einer flatutarifchen Autorität, die theo-
kratifche Auffaffung von Staat und Gefellfchaft, die Verhüllung
von Luthers Anticipation der Kant'fchen Autonomie
des fittlichen Wollens, d. h. des Wollens des

Guten lediglich um des Guten willen, die unzureichende
Schätzung der weltlichen Cultur, die rein jenfeitige Auffaffung
des ewigen Lebens, das find katholifche Reliduen, die
ja felbfl in der Gegenwart noch nicht ganz abgeworfen
lind, und im Gegenfatz zu denen die oppofitionelle Richtung
der Philofophie unter Umftänden Momente der
evangelifchen Wahrheit vertreten hat. Immerhin war die
Philofophie in Dcutfchland bis zum Zufammenbruch des
fpeculativen Idealismus mit der Theologie noch durch
das platonifche Erbe der angeborenen Ideen, die zur
Stütze des Glaubens an die überfinnliche Welt dienten,
verbunden gewefen. Seitdem aber ift die Philofophie
über der nothwendigen Aufgabe, diefe mit den Thatfachen
im Widerfpruch flehende Theorie fallen zu laffen
und die empirifchen Factoren der fittlichen Entwicklung
zu ermitteln, vielfach in die Richtung des engli-
fchen Eudämonismus und Utilitarismus gerathen, deffen
politifche und wirthfehaftliche Theorien fchon vorher in
Deutfchland zur Herrfchaft gelangt waren, und ift dabei
in Lebensauffaffung und Weltanfchauung unter die Stufe
der von der idealifiifchen Philofophie vertretenen Bildung
zurückgefunken, um gar nicht von den materialiftifchen
Anwandlungen zu reden, denen gerade folche Philofophen
erlegen find, die vom Idealismus ausgegangen waren.
Da ifl nun Wundt's Ethik eine glänzende Beftätigung
der Regel, dafs die freie wiffenfchaftliche Forfchung
nicht nur durch die Macht ihres Gegenflandes zur eigenen
Correctur ihrer Einfeitigkeiten gezwungen wird, fondern
auch auf den fcheinbaren Irrwegen pofitive Bereicherung

I gewinnt. Von der Naturvviffenfchaft ausgegangen und
die induetiv-genetifche Methode zur Grundlage auch der
Ethik nehmend, fetzt fich Wundt doch nicht nur den
materialiftifchen Vellcitätcn mancher Anthropologen, fondern
auch dem englifchen Individualismus, Eudämonismus
, Utilitarismus in den Principien wie in der Auf-

i faffung der concreten fittlichen Lebensgebiete durchweg

1 entgegen und nimmt wefentliche Gedanken der idealifiifchen
Philofophie wieder auf, in der Ueberzeugung, durch
die reichere Erfahrungserkenntnifs begründen zu können,
was dort Anticipation war. Er vertritt den Selbftwerth
der objectiven ethifchen Zwecke gegenüber dem Naturtrieb
des Individuums nach Glückseligkeit, die Ueber-
ordnung der fittlichen Gemeinfchaft als Selbltzwcck
gegenüber dem Individuum, ohne doch mit Hegel das

I letztere zum unfelbftändigen Organ der objectiven Ideen

I zu machen, die Bedeutung der Gefchichte für das unab-
läffige Wächsthum der fittlichen Anfchauungen, den Werth
der Religion als der gefchichtlichen und gegenwärtigen
Erzieherin der Menfchheit zur Sittlichkeit und als eines

j bleibenden Bindemittels der fittlichen Menfchheit, die
Auffaffung von Recht und Staat als Mitteln der gemein-

! fchaftlichen fittlichen Lebensbewegung. Die Zuverficht
zum Sieg der fittlichen Ideale ifl ihm ein nothwendiges
Poflulat, ohne welches die fittliche Welt Illufion und die
theoretifche Welterkenntnifs eine müfsige Befriedigung

I der Neugier wäre. Die Ziele, welche er für die Umge-

i ftaltung der gegenwärtigen Staats- und Gefellfchatts-
ordnung in einer zwifchen Vermuthung über den that-
fächlichen Verlauf der Entwicklung und zwifchen fitt-
licher Forderung fchwebenden Weife aufftellt, liegen in
einer dem vulgären Liberalismus und Manchefterthum

I durchaus entgegengefetzten Richtung. Dazu kommt die
Befonnenheit, mit welcher W. bemüht ifl, dem Wahr-
heitsmoment aller gefchichtlich aufgetretenen Auf-
faffungen des Sittlichen fowie allen fubjectiven und
objectiven Factoren der fittlichen Entwicklung gerecht
zu werden.

Die Ethik ifl ihm Normwiffenfchaft. Ihre Methode
mufs fowohl empirifch als fpeculativ fein. Empirifch zu-
nächfl, weil die fittlichen Normen thatfächlich kein ur-
fprünglicher Befitz des Geiftes find, fondern in der Gefchichte
erwachfen. Auf diefer Grundlage tritt aber auch
die fpeculative Methode in ihr Recht, weil das Einheits-