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Ausgabe:

1887

Spalte:

217-220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pierson, A.

Titel/Untertitel:

Naber, Verisimilia. Laceram conditionem Novi Testamenti exemplis illustraverunt id ab origine repetierunt 1887

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Marburg,und D. E. Schürer, Prof. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 10.

21. Mai 1887.

12. Jahrgang.

Pierfon und Naber, Verisimilia (A. Harnack).

Schmid, Biblifche Theologie des N. T., hrsg.
von Weizfäcker, beforgt in 5. Aufl. von
Heller (Link).

Oftroumow, Eufebius und Hieronymus über
die Apologeten (A. Harnack).

Frothingham, Stephen Bar Sudaili (Baethgen).

Archiv f. Litteratur- u. Kirchengefchichte des

Mittelalters, v. Denifle und Ehrle. 2. Band
(Loofs).

Vattier, John Wyclyff (Lechler).
Mach, Die Willensfreiheit des Menfchen (A.
Müller).

Pierson, A., et S. A. Naber, Verisimilia. Laceram con- , in Zukunft keine Kritik an irgend einem Beftandtheil des
ditionem Novi Testamenti exemplis illustraverunt et ab Kanons mehr geben wird, die nicht zuvor die Frage
■ . „ .. A n j 1) xt vz,m„a„ 1 erörtert, ob die bchrtft, die jetzt im Kanon fleht, nach

ongine repetierunt. Amfterdam, P. N. van Kampen _ 1 lzu aj er r j*riu n- . V> ,.

1 Porm, Inha t, Adreffe u. f. w. dtefelbe geblieben ift, die

en Zoon, 1886. (II, 295 S. gr. 8.)
' Uftniöv ti fioi do/.oioi nsnortttvai Ol noXXoi ttov

fie vorher gewefen. Und felblt wenn fich nichts entdecken
liefse, was erft bei der Kanonifirung hinzuge-

iiijr^iüv tu) vooovvTi [itv vdeoixüjg uvitüi67i<i), TtttQOivvxUtv kommen wäre, fo wäre immer noch zu fragen, ob die
di avioL bSeQctnevOat QtiXotiftOV tbv iaiybv dgiovvit — Schrift nicht fchon vorher Wandelungen durchlebt hat;
diefes Motto ift über vorflehendes Werk, welches die denn dafs Veränderung die Form gewefen ift, in
Frucht gemeinfamer Studien eines Theologen und eines I welcher im Alterthum religiöfe Schriften ihr Leben bePhilologen
ift, gefetzt. Es bezeichnet fehr treffend den währt und behauptet haben, wiffen wir nachgerade

Zuftand, in welchem die Verfaffer die zeitweilige Exegefe
des N. T.'s erblicken. Sie finden, dafs diefelbe die
capitalen Schwierigkeiten, welche der überlieferte Text
bietet, uberfieht und fich mit Dingen herumfehlägt, die
im Vergleich zu diefen Schwierigkeiten Quisquilien find.
Demgegenüber haben fich die Verfaffer eine doppelte

mit erfchreckender Sicherheit. Es find aber nicht nur
allgemeine Erwägungen über die Eigenart der religiöfen
Literatur und über Kanonsbildung, die uns beim N. T.
ftutzig zu machen geeignet find, fondern es ift eine Eülle
von concreten Beobachtungen, die uns an den einzelnen
Schriften des N. T.'s und ihrer Gefchichte entgegenAufgabe
geftellt: fie wollen erftlich — und zwar vor- i treten. Wie es mit der Offenbarung Johannis fteht, hat
nehmlich an den Paulusbriefen — die grofsen Anftöfse l jüngft Vifcher gezeigt, und es kann nur m. E. die
und verwickelten Probleme des überlieferten Textes dar- 1 Frage fein, ob man neben der jüdifchen Grundfchrift
legen, und fie wollen zweitens den Weg zeigen, auf dem | mit einer chriftlichen Redaction auskommt oder ob man

diefe Probleme allein zu löfen find — nämlich durch die
Annahme umfangreicher katholifcher Interpolationen
und Redactionen. Für das, was fie sitb 1) geleiftet
haben, nehmen fie Gewifsheit in Anfpruch, für die sub
2) gebotenen Ergebnifse ausdrücklich nur Wahrfchein-
lichkeit und erbitten fich Widerlegung oder Beftärkung.

deren zwei bedarf. Ueber den Hebräerbrief hat Overbeck
gehandelt und mindeftens das nachgewiefen, dafs
man fich weder bei feinem jetzigen Anfang, noch bei
feinem Schluffe völlig beruhigen kann. Ueber den katho-
lifchen Briefen, die uns die Tradition als folche der drei
Säulenapoftel überliefert hat, fchwebt mehr als einRäthfel.

Das Gewand der lateinifchen Sprache foll der Unter- Das wichtigfte freilich verdeckt man fich, indem man
fuchung, wie es fcheint, einen gewählten Leferkreis lieh auf uralte Bezeugungen beruft, aber dabei nicht
fichern. Ausdrücklich bemerken die Verfaffer: ,Amavius Acht hat, ob nur gewiffe Theile des Textes oder der
et veneramur saerwn codicem, absque quo hacc qua vivitur ganze Text oder der Text mit dem Namen des be-
ratio ne intclligi quidem potesV. Bei der grofsen Menge I treffenden Apoftels bezeugt ift. Paulusbriefe find zahl-
der Exegeten werden diefe Unterfuchungen von vorn- reich feit dem Ende des 1. Jahrhunderts unter dem
herein der Zurückweifung ficher fein. Es ift ja nahezu ! Namen des Paulus citirt worden; aber warum nennt z. B.
ein kritifches Dogma, dafs alle Verfuche abzulehnen ! Polykarp in feinem Schreiben, in welchem er doch Paulus
find, welche es unternehmen, hinter den Text der Neu- | namentlich citirt, niemals den Petrus als Verfaffer der
teftam. Schriften, wie er zur Zeit des Irenäus etwa fixirt i zahlreichen Stücke, die er dem 1. Petrusbrief entnommen
war, zurückzugehen. Selbft die Adreffen der einzelnen 1 und geradezu zur Grundlage feines Briefes gemacht hat?
Bücher gelten als unantaftbar, und Hypothefen, fie von warum wird Petrus als Brieffchreiber überhaupt nicht
den urfprünglichen Verfaffern zu unterfcheiden, begegnen vor dem Ende des 2. Jahrhunderts genannt, warum fteht
felbft bei Solchen nur Achfelzucken, die mit kaltblütigfter der r. Petrusbrief nicht im Muratori'fchen Fragment,
Miene fofort von Fälfchungen fprechen und das 1 obgleich man ihn in Rom gekannt hat? Warum verhält
Urtheil .bewufste Unterfchiebung' ftets bei der Hand ! fich das ebenfo mit dem Jacobusbrief? Auf diefe Fragen
haben. Allerdings bei den fynoptifchen Evangelien hat ; erhält man aus den Kanonsgefchichten keine befriedigende
man Compilation und Redaction in weiten Kreifen zu- Antwort. Aber fogar der Text der Paulusbriefe hat fchon
geflanden, indeffen nur die erftere mit Freudigkeit, die | zu Skrupeln Anlafs gegeben. Schon mancher Kritiker
letztere zögernd; denn wenn unfere fynoptifchen Evan- j hat gemeint, dafs die Paftoralbriefe Compilationen find,
gehen nachträglich Redactionen erlitten haben, fo find { die aus fehr verfchiedenen Stücken beliehen? Hat nicht

die fchönen Stammbäume nicht mehr die ausreichenden

Allein je tiefer man in den letzten Jahren in das

der Kolofferbrief bereits die ernfteften Bedenken

Löfungen der fynoptifchen Räthfel. Bezug auf feine Einheitlichkeit hervorgerufen? find die

verfchiedenen Schlüffe des Römerbriefes nebeneinander

Wefen eines geheiligten Codex und in die Bedingungen, J erträglich? Dergleichen Fragen tauchen immer wieunter
welchen ein folcher entfleht, gefchaut hat, um fo I der auf.

mehr wird man fich darauf vorbereiten müffen, dafs es I Unter folchen Umfländen kann es weder auffallen,
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