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Ausgabe:

1887 Nr. 9

Spalte:

205-210

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Carriere, Mor.

Titel/Untertitel:

Die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit in ihren Beziehungen zur Gegenwart. 2. vermehrte Aufl. 2 Thle 1887

Rezensent:

Hartung, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 9.

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ficheren und unzureichend begründeten Annahmen her- I auch der Natur zugewandten Intereffe erhebt, und fuhrt
geftellt hat. Wie er fich aber meiftens der Mühe über- j bis Reuchlin und Melanchthon, Montaigne und Charron
hebt, fich mit den feinen Conftructionen entgegenftehen- J (S. Ii—75). Im 2. Abfchnitt ,üie Naturanfchauung'
den Auffaffungen anderer auseinanderzufetzen, fo vertagt | fehen wir in Aftrologie und Alchymie bei Agrippa von
er es fich doch nicht, gelegentlich abweichende An- Nettesheim und Paracelfus — von diefem ift nur ein für
flehten auf ,Erwägungen künftlerifchen Gefchmacks' ftatt feine Redeweife bezeichnender Ausfpruch hinzugekom-
,hiftorifcher Kritik' (S. 145) zurückzuführen oder ahnliche men S. 117 — die Anfänge der Naturwiffenfchaft fich
ungünftige Seitenblicke zu thun. Dafs aber die Art herausarbeiten. In plaftifcher Weife treten die edlen
feiner hiftorifchen Kritik nicht als Mufter zu empfehlen Gehalten eines Leonardo da Vinci, Columbus, Koperni-
fei, dürfte wohl die Ueberficht über feine der nöthigen kus, Kepler — ein intereffantes Stammbuchblatt von

Begründung entbehrenden Entdeckungen gezeigt haben.
Halle a. S. O. Ritfchl.

Carriere, Mor.. Die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit
in ihren Beziehungen zur Gegenwart. 2. vermehrte
Aufl. 2 Thle. Leipzig, Brockhaus, 1887. (XI,
419 u. VII, 319 S. gr. 8.) M. 12.—; geb. M. 15.—

diefem ift das einzig Hinzugekommene — uns entgegen
(S. 76—146). ,Sociale Tendenzen und Theorien'
ift die Ueberfchrift des dritten Abfchnittes, der mit
einer der neueren Gefchichtsanfchauung entfprechenden
Würdigung des vielgefchmähten Macchiavelli anhebt,
dem ftürmifchen Hutten die befonnenen Gedanken der
Reformatoren gegenüberftellt, den Umfturzideen der
Bauernkriege und der Wiedertäufer die theoretifchen Zukunftspläne
und focialen Syfteme eines Thomas Morus,

Nach 40 Jahren eine neue Auflage, von dem Ver
faffer in voller Geiftesfrifche dargeboten, das ift ein fei- | Mariana, Bodin anreiht, üb nicht die unter den Aufpi
tenes Ding auf dem Gebiet der wiffenfehaftlichen Literatur. 1 cien Philipps des Grofsmüthigen begonnenen Reformen
Vor 40 Jahren wurde das Jugendwerk feinen Zuhörern | Franz Lambert's zu hoch geftellt find? Denn auch wenn
in Giefsen gewidmet. ,Ludwig Bamberger, Wilhelm Hein- j nicht, wie man neuerdings angenommen, franziskanifche
rieh Riehl, Max Rieger, Wilhelm Baur, der gegenwärtige | Ueberlieferungen für ihn wirkfam gewefen find, für das
Generalfuperintendent der Rhein provinz, und Karl Hof- I Volk der deutfehen Reformation waren fie nicht geeignet,
mann, der Staatsfecretär im Reichslande, waren unter ; dem Wefen der letzteren waren fie fremd (S. 147—245).
ihnen'. Wilhelm von Kaulbach fand in ihm ,eine wiffen- | In dem 4. Abfchnitt ,die Deutfche Myftik und Re-
fchaftliche Vorbereitung für fein Reformationsbild'. Wohl formation' greift der Verf. weit in die Myftik des Mittel-
keiner, der feitdem über diefe Dinge gearbeitet und ge- '< alters hinein, die erfte Auflage durch öftere Beziehungen
fchrieben hat, hat dies Buch zur Hand genommen, ohne : auf die Anfchauungen des Orients und, was Meilter
ihm die mannigfachfte Anregung und Förderung zu Eckart angeht, durch genaueren Rückgang auf die feit-
verdanken. Es war nun im Buchhandel vergriffen. Andere 1 dem durch Pfeiffer zugänglich gemachten Quellen er-
noch umfangreichere Arbeiten hatten dem Namen feines , gänzend. Der objectiven Myftik des chriftlichen Alter-
Verf.'s feine eigenthümliche Bedeutung gegeben. Da war 1 thums und fubjectiv-pfychologifchen des früheren Mittel-
denn diefe zweite Auflage mit aufrichtigem Dank zu be- alters gegenüber erfcheint die deutfche Myftik, ,eine der
grüfsen, obfehon diefelbe, wenigftens foweit es fich um grofsartigften Thaten des deutfehen Geiftes', als eine
die Zeichnung der Charakterbilder und die Darftellung : Vereinigung der beiden Einfeitigkeiten. Aus den pan-
der Gedankenfyfteme handelt, faft unverändert geblieben theiftifchen Elementen bei Eckart, deffen Eingehen in
ift, denn in diefer Form ift die Schrift geworden, was die Gottheit aber nichts weiter will, ,als chriftliche Frei-
fie ift, nicht nur ein vviffenfehaftlicher, fondern ein künft- heit und Kindfchaft', entwickeln (ich Ruysbrock und
lerifcher Ausdruck ihres Gegenftandes, dazu felbft ein Thomas von Kempen, der letztere dem Fiefole ,San
bedeutfames Denkmal aus jener Periode der deutfehen Angelico' vergleichbar, ,während Sufo an den Maler Gen-
Wiffenfchaft, da aus der Herrfchaft pantheiftifcher Syfteme j tile da Fabriano erinnert.' Der Höhepunkt diefer Myftik
der philofophifche Theismus der Gegenwart fich zukunfts- I find Tauler und die , Deutfche Theologie', an welche
freudig emporarbeitete. j Luther und die Reformation (ich anfchliefsen. Das ift

Der Stoff, welcher in der erften Auflage in einen im wefentlichen die Ueberzeugung, die die Reformation
Band zufammengefafst war, ift auf zwei Bände verthcilt. in fich trägt: .Indem wir die durch Chriftum vollbrachte
Während der zweite ausfchliefslich die italienifchen Philo- ' Verföhnung glaubensvoll in uns aufnehmen, werden wir
fophen behandelt, hat es der erfte mit den Bahnbrechern unfres eignen wahren Seins inne, wenn er in uns lebt,
auf allen Wiffens- und Lebensgebieten, den Entdeckern, fchauen wir uns in Gott und fo ift die Gotteserkenntnifs
Erfindern,Gelehrten, Alchymiften, Myftikern, Theofophen, die Seligkeit'. Aber während die .proteftantifche Ortho-
Reformatoren diesfeits und jenfeits der Alpen zu thun. doxie die jüdifchen Anflehten' feilhielt, die auch bei den
Jakob Böhme, dem neben Giordano Bruno das Haupt- Reformatoren neben der chriftlichen Erkenntnifs herge-
intereffe des Verf.'s gilt — war doch anfangs nur eine j gangen waren, blieb es den nachfolgenden Myftikern
Arbeit über diefe beiden von ihm beabfichtigtgewefen— überlaffen, diefe Einfeitigkeiten aufzuheben, zunächft
ftand, offenbar aus chronologifch.cn Gründen, in der ihrer Aufhebung nachzuftreben (S. 246—309).
erften Auflage am Schlufs des Ganzen, nach Vanini und 1 Wir fragen uns, ob inmitten diefes überaus reichen
Campanella, eine fonderbare Nachbarfchaft für den Gör- Gemäldes der Reformation die ihr gebührende Stellung
litzer Schufter. Mit Recht ift er weiter vor, an das Ende j zuerkannt ift. Ein befonderer Abfchnitt ift ihr nicht an-
des erften Bandes gekommen. Dadurch war zugleich gewiefen, fondern während vorher die focialen Anflehten
die Umftellung des dritten Abfchnittes ,Die deutfche der Reformatoren, auch ihre Stellung zur Philofophie
Myftik und die Reformation' und des vierten .Sociale i und Naturerkenntnifs unter andern erwähnt wird, ift fie
Tendenzen und Theorien' bedingt. An den erfteren — in dem 4. Abfchnitt als die Krone der deutfehen Myftik

jetzt den vierten — fchliefst lieh Jakob Böhme als
fünfter paffend an.

Abgefehen von diefer umftellung ift im ganzen erften
Band nur weniges anders geworden. Auch die Literatur
ift nur in vereinzelten Fällen nachgetragen (fo bei Leonardo
da Vinci, Meifter Eckart). Der erfte Abfchnitt:
,Die Erneuerung der griechifchen Philofophie

bezeichnet. Jene vorherigen Erörterungen über die Feciale
Stellung Luther's flehen nach der Umftellung von Abfchnitt
3 und 4 in der zweiten Auflage noch mehr vereinzelt
, als in der erften. Ift denn wirklich das innerfte
Wefen der Reformation damit erfafst, dafs man fie nach
ihrem Zufammenhang mit der Myftik beurtheilt? Diefe
hat für Luther eine bedeutfame Vorftufe gebildet, fie

und der Kampf um ihre Häupter' weift in die vor- 1 weift auf ein bleibendes Moment im evangelifchen Be
hergehenden Jahrhunderte zurück, aus denen fich befon- wufstfein hin, dennoch ift es kein Abfall von den Grund-
ders Nikolaus von Cufa als Mann der Zukunft mit feinem I fätzen der Reformation, fondern deren Forderung, wenn