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Ausgabe:

1887 Nr. 9

Spalte:

202-205

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kreyher, Johs.

Titel/Untertitel:

L. Annaeus Seneca und seine Beziehungen zum Urchristentum 1887

Rezensent:

Ritschl, Otto

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201

Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 9.

202

Anfang des zweiten oder hiftorifchen Theils und trägt
auf S. V die Widmung an Franz Delitzfch, a prince
among commentators, the autJwr of ,A system of biblical
psychology', wliose writings have opencd to nie the deplhs
of the Old Testament Scriptures. Das links befindliche
Titelblatt (S. II) kündigt als die beiden erften Abfchnitte
oder Abtheilungen der hiftorifchen Theologie an: i.Sacred
History und 2. Biblical Theology of the Old Testament,
während der Titel rechts (S. III), welchen ich an die
Spitze diefer Anzeige geftellt habe, die faft den ganzen
Umfang des Bändchens (S. 15—212) einnehmende, in Oeh-
ler's 250 Paragraphen eingetheilte ,Biblical Theology of
the 0. T. Bascd on Oehler' richtiger allein nennt. Auf
S. VI fteht zu lefen, dafs die dritte Unterabtheilung des
zweiten Theiles oder die Biblical Theology of the New
Testament in der Preffe fei, während fich Part III und
IV oder die fyftematifche und die praktifche Theologie
in prefaration befinden. Nach der Vorrede Weidner's
(S. VII- X) folgt dann die Inhaltsangabe (S. XI—XIII),
worin feltfamer Weife die biblifche Theologie des A.
T.'s als fechste section figurirt. Auf wenigen Blättern
(S. 1—8) werden nämlich als die 5 erften sections der
hiftorifchen Theologie abgehandelt: 1. Definition of the
Science, 2. Sacred History, 3. History of the People of Israel
, 4. The Life of Jesus, 5. Lines of the Apostles. Für
die beiden letzten sections wird auf Manuscript Lectures
of Dr. Krauth verwiefen. Zur Probe möge die ganze
zweite section hier mitgetheilt werden; die Sacred History
wird mit folgenden Worten abgemacht: ,The transition
from Exegesis to Historical Theology is made in the study
of Bible History. This like the Bible itself is divided into
the two departments of the Old and New Testament
History'. Uebrigens findet der Verf. in der dritten section,
wo er die Gefchichte des Volkes Ifrael mit Abraham
beginnen läfst, noch Raum für die Spielerei, dafs man
die heilige Gefchichte nach der Analogie der Schöpfungswoche
in 7 Tage oder Theile zerlegen könne, fowie für
eine mit ,B. C. 4124 Expulsion from Eden1 beginnende
Zeittafel, welche er the most satisfactory for practical
purposes nennt, hoffentlich aber feinen Studenten nicht
zum Auswendiglernen giebt. In zum Theil wunderlicher
Ordnung bringen die Seiten 8 — 14 unter der Auffchrift
Select Literature zwölf alphabctifch zufammengeftellte
Verzeichnifse von Büchern, wie S. 213—218 Bücher zur
biblifchen Theologie des A. T.'s aufgezählt werden. Den
Schlufs (S. 219—224) bildet der auf die Seitenzahlen der
6 sections verweifende Index, der ebenfalls zu Nutz und
Frommen von students in preparing for examination (S. X)
gearbeitet ift.

Laffen wir Weidner's etwas verworrene Ausfagen
über Sacred History auf fich beruhen, fo befinden wir
uns in Uebereinftimmungmit dem praktifchen Buchbinder,
der trotz S. II dem Rücken des Bändchens die Worte
,Theological Encyclopacdia. — Part II. V aufgedruckt hat,
der Vorderfeite des Einbandes aber die Auffchrift:
.Biblical Theology of the Old Testament. — Weidner'.
Ich habe nun über das Verhältnifs des Verfaffers zu
Oehler's Werk noch einige Mittheilungen zu machen, da
es hier keiner Erörterung deffen bedarf, was Oehler felbft
geleinet oder zu wünfehen übrig gelaffen hat. Der Verf.
kann die von ihm herausgegebene alttcflamentliche Theologie
als fein Werk bezeichnen, fofern er feine eigenen
Anflehten mit Oehler's Worten zum Ausdruck gebracht
hat. Obgleich Oehler, wie wir S. X lefen, represents the
most consernative tendency of the Lutheran Theology in
Germany, still there are various pointson which tlie writer
differs zvith htm. In folchen Fällen führt der Herausgeber
die Anficht Oehler's an, um ihr dann feine davon
abweichende als die richtige entgegenzuftellen, vgl. S. 124.
134. Uebrigens empfängt der Lefer die Meinungen
Oehler's keineswegs mit derfelben Deutlichkeit, wie die
von Weidner, der überall der Sprechende ift und die
Ausfagen des deutfehen Theologen mitunter amerikanifirt.

So fagt Weidner S. 29 von der Völkertafel (Gen. 10):
The doannent must be prior to the titne of the destruetion
of Sodom and Gomorrah, wovon ich bei Oehler § 21
nichts finde. Wer alfo wirklich die eigenen Anflehten
Oehler's genau kennen lernen will, wird gut thun, wenn
er fich an das deutfehe Original hält. Ift auch Weidner's
Buch für uns Deutfehe wiffenfchaftlich ohne Belang, fo
fcheint es mir doch dem von feinem Herausgeber verfolgten
praktifchen Zwecke nicht ungefchickt zu ent-
fprechen.

Bonn. Ad. Kamphaufen.

Kreyher. Johs., L Annaeus Seneca und seine Beziehungen
zum Urchristentum. Berlin, Gaertner, 1887. (VIII,
198 S. gr. 8.) M. 5.—

Die vorliegende Schrift unterfucht von Neuem die
Frage nach den Beziehungen des ftoifchen Philofophen
Seneca zu dem Chriftenthum feiner Zeit, fpeciell zu
Paulus, und gelangt zu Ergebnifsen, welche die jetzt
geläufige Auffaffung diefes Verhältnifses fowohl, als
mancher FYagen der neuteftamentlichen Literärgefchichte
vollftändig verändern würden, wenn fie fo gut begründet
wären, wie fie überrafchend find. Das Buch ift anziehend
gefchrieben, der Gang der Erörterung klar, die Behandlung
des Gegenftandes geiftvoll und fcharffinnig. Aber
die Vorausfetzungen, auf welche der Verf. feine Beweisführung
gründet, find zum grofsen Theil fo unficher, und
die Hypothefen, die er aufftellt, vielfach fo gewagt, dafs
die meiden Aufklärungen, welche er zu bringen fcheint,
nur abgewiefen werden können. Gefchichtsconftructionen,
welche fich mit mehr Energie als Nüchternheit über die
Thatfache hinwegfetzen, dafs auf viele Fragen, be-
fonders in dem Gebiete der älteden Kirchengefchichte,
nur die eine Antwort: non liquet gegeben werden kann,
dienen eben feiten zur Förderung der Wiffenfchaft.

Zunächd behandelt der Verf. die uns bekannte Gefchichte
Seneca's und entladet denfelben von den neuerdings
durch H. Schiller und Hausrath erhobenen Vorwürfen
, als ob er ein vollendeter Heuchler und eigentlich
der intellectuclle Urheber der Schandthaten Nero's
gewefen fei. Er weid nach, dafs Seneca in feiner Stellung
am kaiferlichen Hofe unter dem verbrecherifchen Ab-
folutismus Nero's feine Grundfätze und Ideale nicht
habe geltend machen können, dafs er, foweit es ihm
überhaupt möglich war, einen guten Einflufs ausgeübt,
aber, wo dies nicht anging, die Fügfamkeit gegen das
Unvermeidliche als eine Pflicht des Weifen betrachtet
habe. Im zweiten Capitel geht er zu dem äufseren Verhältnifs
Seneca's zum Judenthum und Chridenthum über.
Während der Philofoph fich mehrfach über jenes un-
günftig ausfpricht, erwähnt er das Chridenthum niemals,
obgleich ihm dasfelbe nicht unbekannt fein konnte.
Diefes auffallende Schweigen Seneca's deutet der Verf.
auf eine fympathifche Stellung desfelben zu der neuen
Religion. Zugleich weid er darauf hin, dafs Seneca im
Jahre 58 den Einflufs, den er damals hatte, zu Gunflen
einer wegen fremden Aberglaubens angeklagten Frau
Pomponia Graecina verwandte, welche wahrfcheinlich
Chridin war, und dafs er zu einer philofophifchen Betrachtung
über den Schmerz durch den Tod zweier
feiner Sklaven veranlafst wurde, welche in der neroni-
fchen Verfolgung ein graufames Ende gefunden hatten.
Dafs Seneca während der letzteren fich angeblich wegen
Krankheit zu Haufe hielt, fafst der Verf. als ein Zeichen
der Theilnahme für die Chriden auf, während Taci-
tus diefe Zurückhaltung ganz unzutreffend als Groll
über eine dem Brande Roms folgende Beraubung auswärtiger
Tempel durch Nero ausgiebt. Mit diefen In-
dicien aus dem Leben des Philofophen dellt der Verf.
im 3. Capitel die bereits vor ihm beachtete, aber ver-
fchieden gedeutete Verwandtfchaft feiner Philofophie
mit dem Chridenthum zufammen. Allein die meiden