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Ausgabe:

1887 Nr. 9

Spalte:

200-202

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weidner, Franklin

Titel/Untertitel:

Biblical theology of the Old Testament. Based on Oehler 1887

Rezensent:

Kamphausen, Adolf

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i99

Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 9.

200

Schon um deswillen wird man die Aufgabe, die Entwicklung
der religiöfen Ideen unter dem Alten Bunde
auf Grund einer umfaffenden, vor allem den Inhalt der
uns theils intact, theils in verfchiedenen Sammlungen
und Bearbeitungen vorliegenden Refte altifraelitifcher und
jüdifcher Literatur berückfichtigenden Kritik, vermitteln
der in den neuteft. und dogmenhiftorifchen Studien
längft üblichen Methode feftzuftellen, nicht a limine ab-
weifen dürfen, auch nicht weil man an ihrer Ausführbarkeit
zweifelt. Allein weit tiefer liegende Gründe verlangen
die Löfung diefer Aufgabe. Das theologifche
Intereffe an den altteftt. Studien beruht zweifellos auf der
der ganzen chriftlichen Kirche aller Zeiten gemeinfamen
Ueberzeugung, dafs die religiöfen Gedanken des Chriften-
thums keimartig bereits im Alten Bunde befchloffen find.
Und es ift die grofse und dankbare Aufgabe der altteft.
Theologie, dies im einzelnen wie im Zufammenhange zu
zeigen. Nun tritt jetzt, nachdem der letzte Verfuch,
diefe Aufgabe zu löfen, indem man das A. T. unter den
Gefichtspunkt der Weisfagung, das N. T. unter den der
Erfüllung rückt, fich als völlig unzureichend ausgewiefen
hat, immer deutlicher die Thatfache an das Licht, dafs
es fich im A. und N. T. um verfchiedene Heilsgüter
handelt, indem im Chriftenthum an die Stelle des rein
naturhaften Heilsgutes der ifraelitifchen Religion ein
rein geifliges und rein fittliches Heilsgut getreten ift.
Dies anerkennen heifst aber zugeftehen, dafs auch eine
völlige Umbildung der Gottesvorftellung, oder fagen wir
richtiger, eine Vertiefung der Gotteserkenntnifs, ftattge-
funden haben mufs, dafs andere Auffaffungen über das
Verhältnifs Gottes zur Welt und zum Menfchen, eine
andere Betrachtungsweife der Sünde aufgekommen fein
müffen, dafs eine vollftändige Umwandelung des fitt-
lichen Ideales erfolgt fein mufs, denn nur unter folcher
Vorausfetzung ift jenes möglich. Hiermit ift aber für
die Theologie die Nothwendigkeit gegeben, die Ent-
wickelung nachzuweifen, in welcher fich alles dies vollzogen
hat. Und die hierzu vorliegenden Verfuche, welche
ja vielleicht Dillmann Urfache hat für fehlerhaft oder
ungenügend zu halten, werden nicht durch den Vorwurf
der Geradlinigkeit widerlegt werden können. Das wird
nur dadurch möglich fein, dafs man richtigere und überzeugendere
an ihre Stelle fetzt. Der Verzicht aber auf
einen folchen Verfuch, die Entwickelung der religiöfen
Vorftellungen unter dem Alten Bunde zu erfaffen, dürfte
weiten theologifchen Kreifen als ein Verzicht auf die
eigentliche Lebensaufgabe der altteft. Theologie erfcheinen.
Man dürfte die Frage aufwerfen, was denn die altteft.
Theologie der Gefammtwiffenfchaft der Theologie noch
leiftet, wenn fie die Löfung diefer Aufgabe nicht leiftet?

Bei diefem Sachverhalt kann von den Theologen
die Streitfrage, ob P. C. vorexilifch ift oder nicht, auf
die Dauer nur nach dem Gefichtspunkte beurtheilt werden
, welche Annahme die Löfung jener Aufgabe ermöglicht
. Dafs zunachft jeder Anfatz des P. C. in vor-
exilifcher Zeit in einigen, aber nicht fachverftändigen
Kreifen und zwar um fo mehr befriedigt, um je mehr Jahrhunderte
man hinter die Abfaffungszeit desfelben zurück-
fteigt, ift ja möglich. Denn es gehört ja zu den übelften
Nachwirkungen der Vermittelungstheologie, an welchen
unfer kirchliches und theologifches Leben krankt, dafs
man durch Abftriche und Conceffionen fich zu helfen
fucht, wo nur durch Gewinnen einer neuen Ueberzeugung
geholfen werden kann. Aber ob diefe Kreife durch
irgend einen Anfatz des P. C., und fei es auch der ihre
Ueberzeugungen am wenigften verletzende, für eine
wiffenfchaftliche Behandlung des A. T.'s überhaupt noch
zu gewinnen find? Ob fie nicht folche Anfätze lediglich
als Anlafs ergreifen werden, um alle Kritik von fich abzuwehren
und fich gegen die Refultate der Bibelforfchung
noch mehr zu verhärten? Auch fie aber werden fich
dem Eindruck nicht zu entziehen vermögen, welchen eine
in fich gefchloffene Anficht von der Entwickelung der

religiöfen Ideen unter dem Alten Bunde wie jede in fich
gefchloffene Auffaffung auf ihre Gegner machen wird.
Und ihr Intereffe wird um fo leichter zu gewinnen fein,
je weniger man den Hauptnachdruck auf den philo-
logifchen und literarifchen Beweis legt und je mehr man
die religiöfen Gedanken in den Vordergrund rückt. Auf
philologifche Gefichtspunkte einzugehen, haben die jetzt
lebenden Theologen im Allgemeinen nur fehr geringe
Neigung. Sie betrachten vielfach die Pentateuchkritik,
weil diefelben in ihr meift im Vordergrunde geftanden
haben, als mirae speculationes, auf welche einzugchen man
fich fchenken kann, zumal ja doch, wie es fcheint, alles
beim Alten bleibt. Nichts wird vortheilhafter fein, als
fie davon zu überzeugen, dafs das Letztere fich gründlich
anders verhält. Und eben dies werden jene Studien
leiften. Die Theologen werden um fo leichter zu gewinnen
fein, je mehr fie fich davon überzeugen, dafs es
fich hier um unendlich mehr handelt als um die Aufeinanderfolge
zu beftimmmender Quellenfchriften eines
a. t. Buches. Die Folgen davon, dafs die religiöfen
Ideen unter dem Alten Bunde eine Gefchichte gehabt
haben, zittern ja bis auf unfere Tage nach, fo dafs man
an ein practifches Intereffe anknüpfen kann. Immer und
immer wieder machen fich z. B. in der Kirche Beftre-
bungen geltend, an die Stelle des Heilsgutes des Evangeliums
das naturhafte des A. T. zu fetzen, indem man
darauf wartet, dafs im wunderbar umzugeftaltenden heiligen
Lande ein Reich Gottes mit einem neuen Jerufalem
als eine Gemeinde der Heiligen aufgerichtet werden folle,
oder gar es felbft verfucht, feine Aufrichtung herbeizuführen
. Es ift im Wefentlichen die meff. Ploffnung
Ezechiels, von ihm aus der Ueberzeugung entwickelt,
dafs Jahves Platz der Tempel auf Zion ift. Von dem
Glauben Ezechiels bis zu Apoftelgefch. 17, 24 mufs es
wohl eine Entwickelung der Gottesvorftellung gegeben
haben; dann aber wird eine folche vielleicht aufzufuchen,
gleichfalls gewefen fein. In Verbindung mit folchen
Fragen gewinnt die Pentateuchkritik wohl für jeden
Theologen Intereffe. Dabei denkt Niemand daran, die
philologifche Seite zu vernachläffigen, diefelbe wird noch
in viel umfaffenderem Mafse gepflegt werden können,
als es jetzt meift gefchieht. Aber es wird nicht unbemerkt
geblieben fein, dafs man mit gleicher Sicherheit
mit philologifchen Gründen für und wider den exilifchen
Urfprung des P. C. geftritten hat, während Einwendungen
gegen die biblifch-theologifchen Beweife für die Herkunft
desfelben aus exilifcher Zeit nicht die gleiche Zuverficht
zu verrathen Rheinen.

Giefsen. Bernhard Stade.

Weidner, Prof. Revere Franklin, Biblical theology of the

Old Testament. Based on Oehler. Philadelphia, II. B.
Garner, 1886. (XIII, 224 S. 8.) Cloth.

Das vorliegende Bändchen, in der Hauptfache ein
Auszug aus Guft. Fr. Oehler's Theologie des Alten
Teftaments, läfst uns einen Blick thun in den eigentümlichen
Betrieb der theologifchen Wiffenfchaft bei den
Lutheranern der Vereinigten Staaten Amerika's. Ehe ich
daher auf das Verhältnifs zu Oehler eingehe, mache ich
einige Mittheilungen über das Gefammtwerk, von welchem
diefes Bändchen nur einen Theil bildet. Geftützt auf
Hagenbach's bekanntes Werk und auf die handfehrift-
lichen Vorlefungen des verftorbenen amerikanifchen Theologen
Dr. Krauth, giebt der feit dem Jahre 1882 mit der
Erklärung des A. T.'s am lutherifchen Seminar zu Rock
Island betraute Verf. eine auf 4 Theile (exegetifche,
hiftorifche, fyftematifche, praktifche Theologie) berechnete
Tlicological encyclopaedia and vietliodology heraus.
Der erfte, die exegetifche Theologie betreffende Theil
ift im J. 1885 erfchienen und hat in den betheiligten
Kreifen als ein praktifches Büchlein vielen Beifall gefunden
. Das mir jetzt vorliegende Bändchen bringt den