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Ausgabe:

1886 Nr. 7

Spalte:

160-165

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reber, Franz v.

Titel/Untertitel:

Kunstgeschichte des Mittelalters 1886

Rezensent:

Pohl, Otto

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159 Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 7. 160

letzten Zwecken handeln (oll, fo ift nicht einzuteilen, wie
Tie diefe Glaubensdaten anders gewinnen foll, als durch
Anerkennung einer göttlichen Heilsoffenbarung, wie fie
das Object der theologifchen Wiffenfchaft bilden foll.
Aber dem Verf. giebt feine Erkenntnifstheorie auch kein
ficheres Mittel, um die Wahrheit des chriftlichen Glaubens
und die Wiffenfchaftlichkeit der chriftlichen Theologie
im Gegenfatze zu anderweitigen religiöfen Vor-
ftellungen zu begründen.

In einem zweiten Abfchnitte behandelt der Verf. das
Verhältnifs der fyftematifchen Theologie zu den übrigen
theologifchen Disciplinen. Im Gegenfatze zu allen fol-
chen encyklopädifchen Theorien, welche gemäfs einer
,myftifchen' Auffaffung die in der chriftlichen Lehre dar-
zuftellende übernatürliche Thatfache als einen immer
fortgehenden Procefs betrachten und deshalb die fyfte-
matifche Theologie eigentlich zu einem Theile der Ge-
fchichte machen, geht der Verf. feinerfeits von dem
Urtheile aus, dafs das Chriftenthum feine authentifche
Norm an feinem im Neuen Teftamente bezeugten Anfange
finde, und folgert hieraus die Nothwendigkeit, der
fyftematifchen Theologie ihre Stellung fofort nach den
Disciplinen der Exegefe und der biblifchen Theologie,
vor den Disciplinen der hiftorifchen und praktifchen
Theologie anzuweifen. — Auch wenn man dem Verf.
hinfichtlich feiner Vorausfetzung zuftimmt, kann man die
Richtigkeit feiner Folgerung mit Fug in Zweifel ziehen.
Es ift charakteriftifch, dafs er bei feiner Auffaffung des
Organismus der theologifchen Disciplinen mitderDogmen-
gefchichte als einer felbftändigen Disciplin nichts anzufangen
weifs, fondern in der kurzen Nebenbemerkung,
in welcher er diefelbe berückfichtigt, feine Meinung dahin
ausfpricht, man müffe den dogmengefchichtlichen
Stoff entweder in der Kirchengefchichte bei der allgemeinen
Schilderung der einzelnen Perioden, oder aber
zerftreut in den einzelnen Capiteln der Dogmatik felbft
unterbringen. Aber wie kommt der Verf. dazu, auch
diefe letztere Art der Unterbringung für möglich zu
halten? Will er den dogmengefchichtlichen Stoff in der
Dogmatik nur als Ballaft oder als Decoration dulden,
oder meint er doch auch, dafs man aus der Gefchichte
der chriftlichen Lehrentwicklung etwas für die rechte
Behandlung der Dogmatik lernen kann, nämlich mit Bezug
auf die fyftematifche Auffaffung und Begründung
des im Neuen Teftamente nicht in wiffenfchaftlicher Bearbeitung
vorliegenden Lehrinhaltes und mit Bezug auf
die Vermeidung mannigfacher naheliegender, aber dem
Intereffe der chriftlichen Gefammtanfchauung zuwiderlaufender
Irrwege? Und wird er in folcher Erwägung

matik die Befprechung des Menfchen hinfichtlich feines
Verhältnifses zu Gott und zu den übrigen Gefchöpfen,
der Ethik aber die pfychologifche Unterfuchung des
Menfchen zuweift, dafs er in der Dogmatik die Sünde
als hiftorifche Thatfache in ihrem Gegenfatze zu dem
urfprünglichen Plane des Reiches Gottes, in der Ethik
dagegen ihre fubjectiven, inneren Wirkungen in den Individuen
behandelt wiffen will. — Eine reichhaltige, nach
der Anfchauung des Verf.'s von dem inneren Organismus
der theologifchen Wiffenfchaft geordnete Bibliographie
, in welcher auch die deutfche Literatur umfaffend
berückfichtigt ift, macht den Befchlufs diefes erften Bandes.

Heidelberg. H. Wendt.

Reber, Frz. v., Kunstgeschichte des Mittelalters. Leipzig
T. O. Weigel, 1885. (1. Hälfte 352 S. m. 244 Ab-
bildgn. gr. 8.) M. 16. —

Der ,Kunftgefchichte des Alterthums' (Leipzig 1871)
ift nunmehr die ,Kunftgefchichte des Mittelalters' des
oben genannten Verf.'s gefolgt. Die erfte Hälfte um-
fafst die altchriftliche und byzantinifche, die karolingifche
Zeit und die des romanifchen Stiles. Dazwifchen ift die
Kunft des Islam und die afiatifche Kunft befonders behandelt
worden.

Wie Springer und Lübke, die zuerft den glücklichen
Verfuchen Kugler's und Schnaafe's, eine Kunftgefchichte
im Sinne der räumlich bildenden Künfte mit Ausdehnung
über alle Culturvölker und alle hiftorifchen Zeiten zu
geben, gefolgt find, bewegt fich auch Reber in feiner
Kunftgefchichte in demfelben Gleife einer mehr oder
weniger ftatiftifchen Darftellung. Dafs eine folche Aufgabe
für den Kunftgefchichtsfchreiber immer wieder neuen
Reiz hat und ihre gefchickte Ausführung immer wieder
eine freundliche Aufnahme findet, ift ein Beweis dafür,
dafs die wiffenfchaftliche Forfchung der Gegenwart an
Material dem Kunfthiftoriker immer Neues darbietet und
dafs das Intereffe an kunftgefchichtlichen Arbeiten ein
weitverbreitetes ift. In der That hat die gegenwärtig
überall regfame Arbeit der Einzelforfchung, die des Archäologen
und Aefthetikers fowohl, wie die des Philologen
und Hiftorikers, für manche Perioden im Einzelnen
oder im Ganzen das Material von neuem und mit vieler
Gründlichkeit durchgearbeitet und hat damit ganz neue
oder veränderte und verändernde Refultate gewonnen.
Diefes durch die Wiffenfchaft geficherte Material zufam-
menzutragen, nebeneinander zu (teilen und in populärer
Darftellung dem grofsen Publicum zugänglich zu machen,
nicht doch ein berechtigtes Motiv dafür finden, dafs man 1 hat die allgemeine Kunftgefchichte bisher faft ausfchliefs-

die Bearbeitung der fyftematifchen Theologie nicht vor 1 lieh als ihre Hauptaufgabe betrachtet, die fie auch ftets
Kenntnifs der in der Gefchichte der chriftlichen Lehr- im rechten Moment und befriedigend gelöft hat. Auf
entwicklung gipfelnden Kirchengefchichte zu unter- , diefe Weife gefchieht es aber auch, dafs die heute er-
nehmen fich getraut und dafs man demgemäfs im j fcheinende Kunftgefchichte ihre Vorgängerin von geftern
Organismus der theologifchen Disciplinen die fyftema- j überholt, bis fie felbft wieder durch die morgen erfchei-
tifche Theologie der hiftorifchen folgen läfst? ' I nende veraltet. In diefem Sinne hat auch das Reber'fche

Im dritten Abfchnitte behandelt der Verf. kurz die [ Werk feine Vorgänger überholt,
innere Gliederung der fyftematifchen Theologie. Er ent- Es ift erklärlich, dafs an dem Wandel der Beurthti-

fcheidet fich für eine Trennung zwifchen Dogmatik und lung auf Grund wiffenfchaftlicher Ergebnifse nicht alle
Ethik in dem Sinne, dafs die erftere die objectiven gött- Perioden der Kunftgefchichte in gleichem Mafse beliehen
Thatfachen in dem chriftlichen Heilswerke, welche ! theiligt find. Nirgends aber, das wird fchon ein obervollzogen
feien und weiterhin vollzogen werden, be- | flächlicher Vergleich zeigen, tritt diefer Wandel auffal-
fchreibe, während die letztere das Verhalten, welches die j lender zu Tage als in der Behandlung der altchriftlichen
Menfchen ihrerfeits üben follen, um den göttlichen That- Kunftepoche. Die Darftellung diefer Zeit in dem vorfachen
zu entfprechen, fordere. Dafs wegen des Zu- ! liegenden Buche giebt uns auch hier zu diefer Befpre-
fammenwirkens der göttlichen und der menlchlichen chung Veranlaffung.

Thätigkeit bei dem Heilsproceffe fich die beiden Zweige i Reber behandelt die altchriftliche und byzantinifche
der fyftematifchen Theologie in manchen Punkten be- j Epoche in zwei Abfchnitten, und zwar als Architektur
rühren müffen, hebt der Verf. hervor; aber er hält feft, j S. 1—65, als Malerei und Plaftik S. 66—106. — Die erfte
dafs die gemeinfamen Lehrpunkte doch hier und dort I fpeeififeh chriftliche Architektur erblickt der Verf. in den

von verfchiedenem Gefichtspunkte aus zu betrachten
feien. Die Schwierigkeit, welche fich fpeciell für die
Anthropologie ergiebt, will er fo löfen, dafs er der Dog-

chriftlichen Katakombenanlagen. Er folgt damit dem
Vorausgange de Roffi's und feiner Schüler, deren ver-
dienftvollen Arbeiten auf chriftlich-archäologifchem Ge-