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Ausgabe:

1886

Spalte:

157-160

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gretillat, A.

Titel/Untertitel:

Exposé de theologie systématique. Tome 1.: Propédeutique 1886

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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157

15«

Gretillat, A., Expose de theologie systematique. Tome pre-
mier: Propedeutique. I. Methodologie. Neuchatel,
Attinger, 1885. (VI, 356 p. 8.) Fr. 5. —
Der Verfaffer, Profeffor der fybematifchen Theologie

Wahrnehmung wirke hier infofern mit, als die Noumena,
welche den eigentlichen Gegenftand des philofophifchen
Erkennens bilden, in der finnlichen Erfcheinungswelt ein-
gefchloffen find. Ebenfo wie die Philofophie habe nun
auch die Theologie folche überfinnliche Thatfachen zum

an der freien Facultät in Neuchatel, eröffnet in diefem, j Gegenftande, welche in Glaubensacten des inneren Sinnes
Prof. F. Godct gewidmeten Bande ein grofs angelegtes j erfafst werden müfsten; die Befonderheit der Theologie
fyftematifches Unternehmen. Die hier gebotene Metho- | aber beruhe darauf, dafs fie fich auf die durch göttliche
dologie ift der erfte Theil einer Propädeutik, deren zweiter j Offenbarung kundgegebene übernatürliche Thatfache des
und dritter Theil, die Apologetik und Kanonik, dem- | göttlichen Heiles für die Menfchen beziehe, nicht auf die

nächft in einem zweiten Bande gegeben werden follen,
und welche die Einleitung zu einer Gefammtdarftellung
der fyftematifchen Theologie bilden foll.

Indem der Verf. in der Methodologie die ,Wiffen

erfte, fondern auf die zweite Schöpfung. Auch die Theologie
fchlage die empirifch (oder analytifch) -fynthetifche
Methode ein, dafs fie den Stoff, welchen die auf die
Myfterien bezogenen Glaubensacte darbieten, zuerft fam-

fchaft von der theologifchen Wiffenfchaft' geben will, , mele und dann mit der Vernunft bearbeite, fofern näm-

fucht er zuerft die Frage zu beantworten, inwiefern die lieh die Vernunft die Glaubensthatfachen erkenne und

Theologie als Wiffenfchaft zu begreifen fei und wie fie j benenne und über ihren inneren Zufammenhang und ihre

fich zu den übrigen Wiffenfchaften verhalte. Er geht aus teleologifche Beziehung reflectire. Auch beim theolo-

von einer Analyfe der elementaren Erkenntnifsfactoren. gifchen Erkennen fpiele endlich die finnliche Wahrneh-

Als folche betrachtet er den äufseren Sinn, die Vernunft mung infofern eine Rolle, als das Gottesreich und die

und den inneren Sinn, d. h. das dem neuteftamentlichen 1 wunderbaren Glaubensthatfachen fich innerhalb der finnen-

Begriffe vnvg entfprechende Organ zur Auffaffung des
Unfichtbaren, Moralifchen, Göttlichen, oder zum Glauben
im allgemeinften Sinne des Wortes. Objecte der äufseren
finnlichen Wahrnehmung feien die Thatfachen des materiellen
, räumlich ausgedehnten Seins; Objecte der Verfälligen
Welt verwirklicht haben. Wenn fich alfo ergebe
, dafs bei der theologifchen Arbeit die gleiche em-
pirifch-fynthetifchc Methode geübt werde, wie in den
übrigen Wiffenfchaften,dafs desgleichen alle drei elementaren
Erkenntnifsfunctionen ebenfo bei ihr betheilir/t

nunftthätigkeitdieideellen, logifchen Erkenntnifselemente; | feien, wie dort, und zwar fpeciell in derfelben Anord-
Object der Thätigkeit des inneren Sinnes fei das Nou- j nung wie in der Philofophie, fo fei zuzugeftehen, dafs

vienoti, d.h. Alles, was dem Menfchen durch ein autorita
tives Zeugnifs ficher gemacht werde. Jede aus autoritativer
Bezeugung gewonnene Erkenntnifs, auch wenn fie fich
auf äufsere, irdifche Thatfachen beziehe, fei moralifch
begründet, indem fie bei der bezeugenden Autorität eine
littliche Wahrheitsliebe vorausfetze und demgemäfs von
einem Glauben an die Realität und Herrfchaft des fitt-
lich Guten in der Welt ausgehe. In einer umfangreichen
Epifode giebt der Verf. nun eine Kritik der drei moni

die Theologie ebenfo eine Wiffenfchaft fei wie jene,
welche aber in der Befonderheit ihres Objectes das Recht
ihrer befonderen Exiftenz habe und welche dann auch
wegen des höheren Werthes diefes Objectes vor den Ob-
jecten der anderen Wiffenfchaften den erften Rang unter
den Wiffenfchaften einnehme.

Was foll man zu diefem Gedankenaufbau fagen?
Grundlage desfelben ift die Theorie des Verf.'s von dem
,inneren Sinne', unter welchem er aber nicht etwa das

ftifchen Erkenntnifsmethoden, in welchen man alle Er- , Vermögen des Menfchen verfteht, fich feiner eigenen

kenntnifse entweder pofitiviftifch nur aus der finnlichen
Wahrnehmung, oder idealiftifch nur aus den vernunft-
gemäfs entwickelten Ideen, oder fubjectiviftifch nur aus
den Zubänden des inneren Gefühls ableiten wolle; die
Unterbringung der verfchiedenen theologifchen Syfteme

geiftigen Zuftände und Functionen bewufst zu werden
und hieran folche Erfahrungen zu machen, welche von
den durch die äufseren Sinne gemachten Erfahrungen
noch verfchieden find, fondern das Vermögen der aneignenden
Auffaffung des Ueberfinnlichen und fpeciell

welche der Verf. abweifen will, unter diefe drei der durch autoritatives Zeugnifs dargebotenen Thatfachen.
Kategorien verkehrter Erkenntnifsmethode gelingt frei- • Anftatt fich die entfeheidende Frage zu ftellen, unter

lieh nicht ohne Gewaltthat. Der Verf. bellt feinerfeits
das Urtheil auf, dafs zum Zubandekommen wiffen-
fchaftlicher, methodifchcr Erkcnntnifse nie die Wirk-
famkeit eines einzigen jener drei Erkenntnifsfactoren
genüge, fondern dafs alle drei, oder wenigbens zwei,
dazu zufammenwirken müfsten. Indem er die Wiffenfchaften
, abgefehen von der Theologie, in Natur-
wiffenfehaften und philofophifche Wiffenfchaften ein-
theilt, bemerkt er, dafs beide Arten der Wiffenfchaft
eine empirifch-fynthetifche Methode anwenden müffen.
Die Naturwiffenfchaft habe ihre Objecte, die Flrfchei-
nungen der materiellen Natur, die Phänomena, mit dem
Organe der finnlichen Wahrnehmung aufzufaffen und
mittelb der Vernunft in den Zufammenhang von Ur-
fachen und Wirkungen zu bringen, wobei auch der
Glaube in gewiffem Mafse mitwirke, nämlich als unmittelbares
Vertrauen auf das Zeugnifs der Sinne, auf die allgemeine
Weltordnung und auf die Corrcfpondenz Zwilchen
unferen Vorbellungen von den Dingen und dem
Sein der Dinge felbb. Die philofophifche Wiffenfchaft
aber, welche zum Objecte die in der Gefchichte fich ver

welchen befonderen Bedingungen wir Vorbeilungen, die
wir aus autoritativer Ueberlieferung übernehmen, als gültige
Erkenntnifse betrachten dürfen und aus welchen
Gründen wir fpeciell die aus der als Offenbarung beur-
theilten Verkündigungswirkfamkeit Jefu fliefsenden reli-
giöfen Vorbeilungen als gültige Grundlage eines wiffen-
fchaftlichen Erkennens beurtheilen können, beruft fich
der Verf. auf jenes Organ des inneren Sinnes, durch
welches dem Menfchen die Gegenbände des Glaubens
ohne Weiteres als Thatfachen bezeugt werden und durch
deffen Bcthätigung man demgemäfs ein ganz analoges
,empirifches' Material für eine fynthetifch-logifche Bearbeitung
und für die Herbellung einer Wiffenfchaft erlangt
, wie durch die finnliche Wahrnehmung. Indem der
Verf. nun gar die Philofophie fo definirt, dafs bei ihr
ebenfo wie bei der Theologie Vorbellungen, welche durch
Glaubensacte des inneren Sinnes gewonnen werden, das
zu bearbeitende Material bilden, fo ib allerdings kein
Unterfchied der Arbeitsmethode zwifchen der Philofophie
und der Theologie zu finden. Aber durch diefe Gleichmachung
wird doch nicht etwa das Urtheil febgebellt,

wirklichende moralifche Weltordnung, den Menfchen als dafs die Theologie eine rechte Wiffenfchaft fei, fondern

denkendes und wollendes Wefen, und Gott als die oberbe
Urfache der Welt habe, müffe fich diefen ihren Inhalt
durch Glaubensacte des inneren Sinnes geben laffen und
ihn dann ebenfalls mittelb der Vernunft fynthettfeh bearbeiten
, indem fie nach den letzten Zwecken der moralifchen
Weltordnung frage; das Organ der finnlichen

nur das Urtheil provocirt, dafs die fo verbandene Philofophie
ebenfo wenig eine Wiffenfchaft fei, wie die Theologie
. Diefe Philofophie läfst fich gar nicht principiell
von der Theologie unterfcheiden; denn wenn fie doch
nicht nur von Gott als der höchben Welturfache, fondern
auch von der moralifchen Weltordnung und ihren