Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1886 Nr. 5

Spalte:

103-109

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lechler, Gotthard Vict.

Titel/Untertitel:

Das apostolische und das nachapostolische Zeitalter. 3. vollst. neu bearb. Aufl 1886

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4

Download Scan:

PDF

103 Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 5. 104

geben und auf gewiffe allgemeine Erinnerungsreflexe zurückzuführen
, und felbft die Gefchichte der Entftehung
Jefu auf einen höheren Sinn zu deuten. Oder wenn fie
auf die grofsen Hauptwundergattungen, wie Brotvermehrung
und Anderes, und Todtenerweckungen, ebenfo aber
auch auf die Dämonengefchichten im unmittelbaren Ver-
ftande verzichten mufs. Lieber möchte ich wohl eine
durchgreifende Erklärung diefer Dinge aus dem Bildungs-
procefs der Erzählung fehen, als den gelegentlichen Rückfall
in die natürliche Erklärung, zumal mit Herbeiziehung
fo wenig edler Dinge, wie die Hypnotifirung. Und wenn
wir den Dämonenglauben nicht theilen können, fo werden
wir uns auch nicht allzufehr dagegen wehren dürfen,
dafs unfere Vorausfetzungen auch für den Gedanken der
leiblichen Auferftehung und der Erfcheinungen eines Auf-
erftandenen, dafs fle aber überhaupt für das Wunder als
folches andere find.

Mit feinem nächften Vorgänger ift Beyfchlag gebunden
vorzüglich in einer Richtung, nämlich durch die Annahme
der Authentie und hiftorifchen Sicherheit des Johannesevangeliums
, und er vertritt diefe Stellung mit
dem befonderem Nachdruck feiner Lebhaftigkeit, und
zieht daraus weitgehende Folgerungen. Aber freilich ge-
fchieht dies auch diesmal durch eine Abminderung an
den Begriffen des Evangeliums felbfl, die ich nicht durch
Stillfchweigen billigen möchte, um fo mehr, als ich mir
felbft hier einer zwar längft vergangenen Urheberfchuld
bewufst bin. Gerade was wir von johanneifcher Tradition
als hiflorifch annehmen dürfen, werden wir in die Länge
nur dann geltend machen können, wenn wir die Jo-
hannesfpeculation auch offen anerkennen. In welche i
Schwierigkeiten man fleh fonft verwickelt, kann die Dar-
flellung des weisfagenden Lehrens Jefu nach fynoptifchen
und johanneifchen Reden zugleich zeigen.

Von dem zweiten darftellenden Theil liegt bis jetzt
nur ein Heft, Einleitung und ein Theil der Vorgefchichte
vor. Es ift geiftreich und in rednerifchem Pathos ge-
fchrieben.

Tübingen. C. Weizfäcker.

Lechler, Geh. Kirchenr. Prof. D. Gotthard Vict, Das
apostolische und das nachapostolische Zeitalter mit Rückficht
auf Unterfchied und Einheit in Leben und Lehre.
3., vollftändig neu bearb. Aufl. Karlsruhe, Reuther,
1885. (.XVI, 635 S. gr. 8.) M. 9. —

Das verdienftvolle Lechler'fche Werk über das apoftolifche
und das nachapoftolifche Zeitalter (erfte Auflage
1851, zweite Auflage 1857) ift während des vergangenen
Sommers in dritter völlig umgearbeiteter Auflage er-
fchienen. Entftehungsgefchichte, Inhalt und Bedeutung
des vielgebrauchten Buches dürfen im Allgemeinen als
bekannt vorausgefetzt werden. Sein Charakter und feine
Tendenz haben keine Veränderung erfahren. Es kann
fomit nur Aufgabe des Referenten fein, erftens den Unterfchied
der neuen Auflage von den früheren deutlich zu
machen, und zweitens eine Reihe von Punkten zu bezeichnen
, durch deren Berückflchtigung die weitere For-
fchung auf dem von L. behandelten Gebiete fei es be-
deutfame Förderung, fei es nothwendige Ergänzungen
und Berichtigungen zu erwarten hat.

Verglichen mit der zweiten Auflage, ift das ganze
Werk um 100 Seiten vermehrt, von denen gegen 80 auf
das apoftolifche, etwa 25 auf das nachapoftolifche Zeitalter
kommen. Gegenüber dem bisherigen Umfang des
Werkes ift diefe Erweiterung eine recht beträchtliche,
gegenüber der faft unabfehbaren, einfehlägigen Literatur
der letzten 30 Jahre dagegen eine verhältnifsmäfsig geringe
. Dies geringe Mafs der äufseren Erweiterung bekundet
bei der Maffe des Neuen, welche berückfichtigt
werden mufste, gewifs einerfeits die kundige Hand des
erfahrenen Gelehrten. Andererfeits find aber in Folge

diefer Selbftbefchränkung einzelne Ausführungen und
Unterfuchungen, befonders die Darftellung des nachapo-
ftolifchen Zeitalters, etwas dürftig und fragmentarifch
ausgefallen.

Was die Anordnung des Werkes anlangt, abgefehen
von der fchon durch den Titel angezeigten Hauptthei-
lung, fo war noch in der 2. Auflage fowohl bei dem
apoftolifchen wie bei dem nachapoftolifchen Zeitalter die
Lehre zuerft behandelt; als zweiter Theil fchlofs fleh die
Schilderung des Lebens daran. Nunmehr hat L. princi-
piell das Leben vorangeftellt und die Lehre folgen laffen.
Dies gefchieht vermöge der gewifs berechtigten Ueber-
zeugung, ,dafs für den Einzelnen wie für die Menfchheit,
in der göttlichen Erziehung des Menfchengefchlechts und
in der heiligen Gefchichte, Leben und Erfahrung die
Grundlage ift, Bewufstfein, Denken und Lehre den Aufbau
bildet'. Zugleich wird damit dem Intellectualismus
entgegengetreten, ,welchem die Welt des Denkens und
Wiffens als fleh um fleh felbft bewegend und in fleh ab-
gefchloffen erfcheint, während die ethifche Welt des
Handelns und Leidens, zumal des Lebens, das aus dem
Quell ewigen Lebens ftrömt, allem Anfchein nach wie
nicht vorhanden und unverftändlich ift'. Die aus diefen
Gründen von L. vorgenommene Umftellung ift als eine
hervorragende Verbefferung zu begrüfsen. Nur darf man
meines Krachtens nicht mit diefer äufseren Umftellung
fleh begnügen. Jene von L. ausgefprochene und an
Einem Punkte verwerthete Erkenntnifs dürfte, einheitlich
und gründlich auf das apoftolifche und nachapoftolifche
Zeitalter angewandt, zu einer Aenderung der ganzen
Frageftellung, der Methode, der Gefammtanfchauung und
mancher einzelner Refultate führen. Wenigftens aber
dürfte das Urtheil über die Wichtigkeit manches einzelnen
Problems fehr ftark dadurch modificirt werden.
Es mögen hier nur drei methodifche Folgerungen, die
für die Arbeit auf diefem Gebiet von weitgehender Bedeutung
lind, aus den obigen Worten L.'s gezogen
werden.

Erftens dürfte es wünfehenswerth fein, dafs der Um-
fchwung, welcher allmählich auf dem grofsen Gebiete
der Kirchengefchichte eintritt, in erfter Linie der Arbeit
über das apoftolifche und nachapoftolifche Zeitalter zu
Gute käme. In der Kirchengefchichte hat man es immer
mehr gelernt, die Culturgefchichte und Sittengefchichte,
die flttlichen Anfchauungen zu berückfichtigen. Dasfelbe
wäre für die Gefchichte des Urchriftenthums zu wün-
fchen. Das Leben der Chriften in der apoftolifchen Zeit
wird in feinem eigenthümlichen Wefen und Werthe nur
dann vollftändig erkannt werden, wenn das Leben und
die flttlichen Anfchauungen der Juden und Heiden in
einem gewiffen Umfang zum Vergleiche herangezogen
werden. Vor allem aber wird man nicht dabei flehen
bleiben dürfen, das apoftolifche und das nachapoftolifche
Zeitalter zu fchildern, indem man an die Darftellung des
Lebens nur die dogmatifchen Lehrbegriffe der biblifchen
Schriftfteller anknüpft: die Schilderung ihrer flttlichen
Anfchauungen bildet das nothwendige Bindeglied zwi-
fchen der Darfteilung ihres Lebens und derjenigen ihres
Glaubens. Darum mufs man für eine Charakteriltik des
apoftolifchen und des nachapoftolifchen Zeitalters noth-
wendig auch die Urtheile der Schriftfteller über Arbeit,
Liebesthätigkeit, Luxus, Askefe, Ehe, Familie, Sklaverei,
Staat u. f. w. zufammenhängend berückfichtigen. Erft
der Ertrag auch der reichen ethifchen Partien der älte-
ften chrifllichen Literatur wird die Schilderung zu einer
vollftändigen und lebendigen machen.

Zweitens aber folgt aus dem von L. aufgeftellten
Gefichtspunkt, dafs man, ehe man mit dogmatifcher Reflexion
die .Lehrbegriffe' der apoftolifchen Zeit recon-
ftruirt, fleh mit lebhafter Phantafie in die Lebensverhält-
nifse der älteften Chriften zu verfetzen hat. So gefährlich
die Phantafie dem Hiftorikcr ift, wenn fie fich
anmafst, Gefchichte zu produciren, fo nothwendig ift