Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1886 Nr. 5

Spalte:

99-100

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Usteri, J. M.

Titel/Untertitel:

Die Selbstbezeichnung Jesu al des Menschen Sohn 1886

Rezensent:

Schürer, Emil

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

99

Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 5.

100

erörtert werden müffen, als nach des Verf.'s richtiger An- I
ficht das Citat von Matthäus aus Marcus entnommen ift.
So ift aber auch fonft gar manches Detail in den deut-
fchen Arbeiten bereits genauer erörtert, als es von dem
Verf. gefchieht. Immerhin find die Refultate, zu welchen
er gelangt ff. bef. S. 93—97), geeignet, zu neuer Erwägung
des Gegenftandes anzuregen. Er unterfcheidet mit Recht
zwei Hauptgruppen altteftamentlicher Citate bei Matthäus:

1. die ,apologetifchen', d. h. diejenigen, welche darauf
hinweifen, wie in den einzelnen Momenten der Gefchichte
Jefu die Weisfagung der Schrift fich erfüllt habe, und

2. die der ,moralifchen und religiöfen Unterweifung' an-
gehörigen, d. h. im Zufammenhang von Reden und Aus-
fprüchen Jefu fich findenden. Die erfteren rühren vom
Evangeliften felbft her und gehen bald auf den hebräi-
fchen Grundtext, bald auf die LXX zurück, jenachdem
diefer oder jener Text dem Zweck des Evangeliften
beffer diente (p. 97: f auteur savait choisir, entre /es LXX
et le texte original, le texte qui s'accomodait le mieux a
sa demonstratio?!). Die Citate in den Reden und Aus-
fprüchen Jefu theilt der Verf. in vier Kategorien: a) Die
Citate, welche Matthäus mit Marcus gemeinfam hat (18
an der Zahl). Sie gehen fämmtlich auf die LXX zurück
und find von Matthäus aus Marcus entnommen. Doch
hat Matthäus zuweilen die Form modificirt. So enthält
z. B. das Citat aus Deut. 6, 5 bei Matth. 22, 37 ,Elemente,
welche dem hebräifchen Texte entlehnt find', b) Eine
zweite Claffe bilden die Citate in der Bergpredigt, welche
fowohl durch die Einführungsformel (rjxoi'r/crre ort eg-
gsd-rj) als durch die fehr freie Anlehnung an die LXX
von der vorigen Claffe fich unterfcheiden. Sie finden fich
nur bei Matthäus und find von ihm wahrfcheinlich aus
den löyia entnommen, c) Eine dritte Claffe bilden die
Citate in der Verfuchungsgefchichte, welche Matthäus
mit Lucas gemeinfam hat. Sie gehen zwar ebenfalls auf
die LXX zurück, verrathen aber einen anderen esprit, als
die vorigen, und (lammen daher aus einer anderen Quelle,
d) Endlich aus einer vierten Quelle, wahrfcheinlich der
mündlichen Tradition (p. 94), Hammen fechs nur bei 1
Matthäus vorkommende, aber keiner der bisherigen
Claffen angehörige Citate, welche ebenfalls auf die LXX !
zurückgehen, nämlich Matth. 9, 13. 12, 5. 12, 7. 12, 40.
18, 16. 21, 16.

üb diefe Refultate haltbar find, fcheint mir freilich
mehr als zweifelhaft. Das Beflreben des Verf.'s, aus der
verfchiedenen Befchaffenheit der Citate Refultate zu gewinnen
für die Quellenfcheidung bei Matthäus, ift ja an
fich berechtigt. Aber er hat diefes Mittel doch zu ein-
feitig angewandt und baut auf die vermeintlichen Unter-
fchiede zu viel. Weshalb z. B. die Citate in der Bergpredigt
aus einer anderen Quelle (lammen follen, als die
zuletzt erwähnten fechs Citate (der vierten Kategorie),
ift fchlechterdings nicht einzufehen. Die eigenthümliche
Einführungsformel der Citate in der Bergpredigt ift durch
den Zweck und Grundgedanken der dortigen Darlegung
bedingt und konnte felbftverftändlich bei den fechs Cita-
ten der letzten Kategorie nicht angewandt werden. Weshalb
follen alfo diele nicht auch aus den Inyiu flammen?
Der Verf. würde vielleicht feine Refultate wefentlich
modificirt haben, wenn er fein Specialthema mehr im
Zufammenhang der ganzen fynoptifchen Frage unterfucht
hätte. Die Befchaffenheit der Citate ift doch nur ein
fecundäres Mittel für die Quellenfcheidung. Die Haupt-
gefichtspunkte für diefe müffen aus anderweitigen Beobachtungen
gewonnen werden; und dann kann erft an der
Hand der Citate die Probe auf das ohnehin gewonnene
Refultat gemacht werden.

Giefsen. E. Schür er.

Usteri, Pfr. Privatdoc. J. M., Die Selbstbezeichnung Jesu
als des Menschen Sohn. [Aus: ,Theol. Zeitfchrift aus
der Schweiz'.] Zürich, Höhr, 1886. (23 S. gr. 8.)
Der Grundgedanke diefer neuen Erörterung eines

alten, vielbehandelten Thema's ift der, dafs Jefus mit der
Selbftbezeichnung ,des Menfchen Sohn' nicht fowohl
habe andeuten wollen, was er feinem Wefen, feiner
Natur nach ift, als vielmehr, was fein Beruf ift. Er ift
der Menfch, welcher vermöge feines himmlifchen Ur-
fprungs einen Beruf hat für die ganze Menfchheit. Ufteri
giebt zu, dafs die Selbftbezeichnung fich an Daniel 7
anlehne. Aber von einer eigentlichen ,Entlehnung' dürfe
man nicht fprechen (S. 6; 16). Die Danielftelle habe
zwar den Anknüpfungspunkt für die Bildung des Begriffes
gegeben. Der Begriff fei aber in durchaus originaler
Weife von Jefus felbft erft geprägt. Er fei nicht fchon
als Meffiasprädicat gebräuchlich gewefen. Ja Jefus wolle
fich damit überhaupt nicht als Meffias bezeichnen, auch
nicht in verhüllter Weife. ,Der Inhalt der Selbftoffen-
barung Jefu wäre durch den Satz: Ich bin der Meffias!
durchaus nicht zutreffend bezeichnet. Als den Meffias,
wie ihn die Juden erwarteten, wollte Jefus fich gerade
nicht angefehen wiffen. Und damit man ihn nicht fo
betrachte, fondern feinem Selbftzeugnifs und dem Eindruck
feiner Perfönlichkeit unbefangen fich hingebe,
wählte er wohl den ungewöhnlichen Namen. Er dachte
dabei an feinen eigentümlichen Beruf, wie er fich
durch feine Menfchwerdung beftimmte und bediente
fich des Namens, wenn er diefen charakterifiren
wollte. Es war allerdings der Beruf des Meffias, aber
im chriftlichen Sinn als des Weltheilandes' (S. 14). ,So
lautet denn alfo das Ergebnifs unferer Unterfuchung mit
Bezug auf diefe, wie zuletzt gezeigt wurde, unzweifelhaft
echte und urfprüngliche Selbftbezeichnung Jefu, dafs damit
weder die menfchliche, noch die göttliche Natur als
folche, weder die Niedrigkeit, noch die Hohheit, weder
das mit allen Menfchen Gemeinfame, noch das Einzigartige
, fondern die fpezififche Berufsftellung des Erlöfers
gegenüber der Menfchheit bezeichnet ift, und alfo fowohl
Niedrigkeit als Hohheit, fowohl Gleichftellung mit den
Menfchen als Einzigartigkeit, fowohl Menfchlichkcit als
Göttlichkeit, wie fie eben durch jene Berufsftellung bedingt
find. Jedenfalls find bei dem Namen Menfchen-
fohn alle Gedanken an eine abftracte Zweinaturenlehre,
überhaupt alle dogmatifchen und philofophifchen Kate-
gorieen zur Wefensbeftimmung Chrifti fern zu halten; vielmehr
ift darin eine nachdrückliche und tieffinnige Hin-
weifung auf die gefchichtliche Einpflanzung des
Heils in die Menfchheit zu erblicken' (S. 32).

Das Richtige an diefen Aufftellungen fcheint mir zu
fein, dafs Jefus mit der Selbftbezeichnung ,des Menfchen
Sohn' allerdings andeuten will, dafs er nicht ein poli-
tifcher und nationaler Meffias fei, fondern ein menfch-
licher, deffen Beruf der Menfchheit gilt. Dagegen wird
nicht in Abrede gehellt werden können, dafs er mit
diefem aus Daniel 7 entnommenen Ausdruck fich allerdings
als den Meffias bezeichnen will. Er giebt nur
diefem Meffiasnamen vor anderen den Vorzug, weil in
ihm das nationale Moment des Mefliasbegriffs zurücktritt
. Hätte Ufteri dies anerkannt, fo würden feine
Ausführungen erheblich an Klarheit und Beftimmtheit
gewonnen haben. So wie fie vorliegen, kommen fie überhaupt
nicht zu einem beftimmten Refultat über die Bedeutung
des Ausdrucks Menfchenfohn'. Nach Ufteri
bedeutet derfelbe im Grunde alles und darum nichts.

Giefsen. E. Schürer.

Beyschlag, Willibald, Das Leben Jesu. 1. Thl. u. 2. Tbl.
1. Lfg. Halle, Strien, 1885. (gr. 8.) M. 10. 50.

1. unterfuchender Thl. (VII, 451 S.) M 9. —. — 2. darftellen-
der Thl. I. Lfg. (80 S.) M. 1. 50.

Als ich vor mehr als zwanzig Jahren Unterfuchungen
über die evangelifche Gefchichte fchrieb, deren zweiter
Theil unter dem Titel: Entwicklungsgang der Gefchichte,
ein Leben Jefu enthält, hatte ich dafür den befcheideneren
Titel gewählt, weil ich der Anficht war, dafs eine eigent-