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Ausgabe:

1886 Nr. 3

Spalte:

67-68

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Volkstümlichkeit der evangelischen Kirche 1886

Rezensent:

Köhler, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 3.

68

Köhler, Divif.-Pfr. Rud , Die Volkstümlichkeit der evangelischen
Kirche. Ein Mahnruf, die ,angenehme Zeit'
nicht ungenutzt vorübergehen zu laffen. Leipzig,
Lehmann, 1885. (V, 100 S. gr. 8.) M. 1.50.

Der Verf. geht von einem guten und richtigen Grundgedanken
aus: Das evangelifche Chriftenthum, um fich
als heilbringende Macht im Leben der Nation zu bewähren
, bedarf der Darfteilung in einer felbftändig ver-
fafsten, als geachtete nationale Inftitution von Freund
und Feind anerkannten evangelifchen Kirche. Fr ficht
mit Recht eine hoch bedenkliche Erfcheinung in dem,
auch bei religiös ernften Proteftanten fo häufig vorkommenden
Mangel an kirchlichem Bevvufstfein — einem
Mangel, welcher freilich nur zu erklärlich ift, wenn man
bedenkt, dafs es eine Kirche als eigenthümliche, vom
Staat unterfcheidbare, über die Ortsgemeinde hinausgreifende
Organifation bis zur neueften Zeit im deutfehen
Proteftantismus nicht gegeben hat, — und proteftirt gegen
das Beftreben, das Chriftenthum vom öffentlichen Leben
auszufchliefsen und zu der Stellung einer Privatliebhaberei
der Einzelnen herabzudrücken. Was ihm vorfchwebt,
ift, wenn er auch das Wort nicht braucht, eine deutfeh-
tvangelifche Nationalkirche. Ueber die Mittel und Wege,
zu einer folchen zu gelangen, entwickelt er in flüchtigen
Zügen ein fehr umfaffendes Programm: es erftreckt fich
ziemlich auf alle Seiten des kirchlichen und insbefondere
des geiftlichen Lebens. Man müfste ein Buch fchreiben,
um Alles, was es berührt, nach Gebühr zu erörtern.
Vieles, was er fagt, ift gut und beherzigenswerth, wenn
auch nicht überall neu, Vieles fordert zu lebhaften Bedenken
heraus. Der Verf. ift ein Idealift; er redet von
feinen Projecten in der Regel fo, als ob fie die einfach-
ften Sachen von der Welt wären: die unendlichen Schwierigkeiten
, welche theils im Wefen der Dinge, theils in
den gefchichtlich gegebenen Verhältnifsen liegen, fcheint
er nicht zu bemerken. Das Hülfsmittel ftrammer Zucht,
welches er mit Vorliebe empfiehlt (man hört, irren wir
nicht, bisweilen etwas vom militärifchen Commandoton
hindurch), würde doch wohl nicht überall verfangen. —
Das landesherrliche Kirchenregiment erachtet der Verf.
für unhaltbar geworden. Die ev. Kirche Deutfchlands
foll eine felbftändige Spitze erhalten in einem ,Ober-
bifchof oder Erzbifchof (den man wohl in Berlin refidi-
rend denken foll); unter ihm fleht eine Hierarchie von
Provinzialbifchöfen, deren verwaltende Organe die Con-
fiftorien find, ergänzt durch eine von unten auffteigende
presbyterial-fynodale Organifation der Gemeinden. Der
Verf. fcheint anzunehmen, dafs, wenn nur einmal der
König von Preufsen folchergeftalt fein Kirchenregiment
in die .rechten Hände' niedergelegt habe, die .Particular-
kirchen' (es find vermuthlich die kleineren Landeskirchen
ebenfo wie die Secten gemeint) fich von felbft anfchliefsen
würden. Die Ausführbarkeit der Sache wird ebenfo wenig
unterfucht wie die principielle Frage, ob es auf evange-
lifchem Boden einen regierenden Clerus geben könne. —
Mit Wärme tritt der Verf. für das Recht und die Pflicht
der evangelifchen Kirche ein, fich im politifchen Leben
der Nation zu bethätigen. Kr dringt auf die Bildung eines
.evangelifchen Centrums', welches zum .Regulator der
fittlichen Gerechtigkeit und politifchen Wahrhaftigkeit im
öffentlichen Leben und auch in der Volksvertretung'
werden müffe. Mit der politifch confervativen Partei
denkt er fich die projectirte evangelifch-kirchliche Partei
nicht zufammenfallend; von welcher Art ihr politifches
Programm fein und ob fie überhaupt ein folches haben
folle, erfährt man nicht. Und doch müfste darüber vor
allen Dingen Klarheit beliehen, wenn von einer Partei
die Rede fein foll, welche im Stande wäre, als folchc in
das öffentliche Leben einzutreten und darin wirkfam zu
werden. Aber aus den Motiven chriftlicher Frömmigkeit
und Sittlichkeit allein läfst fich ein politifches Programm
fo wenig entwickeln wie ein Unterrichtsplan oder ein

Zolltarif. Die tiefgreifenden principiellen Vorausfetzun-
gen, welche hinter feiner Forderung liegen, fcheint fich
der Verf. kaum klar gemacht zu haben.

Es redet aus der kleinen Schrift durchweg ein ernfter,
mannhafter und frommer Geift; aber einen reellen Ge-
i winn zur Löfung der kirchenpolitifchen Frage der Gegenwart
bietet fie nicht. Sehr lebhaft fühlt fich der Verf.
von Stöcker angezogen: in ihm fieht er den Mann, der
die Wege zu der geforderten Volksthümlichkeit der
j evangelifchen Kirche gezeigt habe, vielleicht noch
1 mehr; wenigftens brauchte man, wenn des Verf.'s en-
! thufiaiftifches Urtheil zutrifft, um den geeigneten Kandidaten
| für die Stelle des künftigen Oberbifchofs nicht im Zweifel
zu fein. Und doch mufs bei aller Hochachtung vor dem,
was der Berliner Hofprediger gewagt und erreicht hat,
gefagt werden: es ftünde fchlimm um unferc Kirche,
wenn ih re Leitung in die Hände einer Hierarchie käme,
welche von Stöcker'fchem Geifte befeelt wäre.
Mainz. K. Kühler.

Frommel, Emil, Aus allen vier Winden. (GefammeKe Schriften
, 9. Bd.) Berlin, Wiegandt & Grieben, 1886. (XI,
179 S. 8.) M. 2. —

,Aus allen vier Winden' — ein Titel, den dem Verf.
i die Noth eingegeben, weil er keinen belferen wufste, den
bunten Inhalt zufammenzufaffen. Hätte er das Bändchen
a parte potiori benennen wollen, dann hätte er's Chriftenthum
und Humor' heifsen müffen. Denn fo betitelt
fich das dritte Stück der Sammlung (S. 53—100). Ein
j alter Bekannter zwar aus dem Daheimkalender auf 1884,
i aber einer, der vor andern Vervielfältigung und Aufbe-
! wahrung verdiente. Verändert hat er fich inzwifchen
j nicht. Mag er viel neue Freunde finden; denn es fehlt
I manchen Chriften entfetzlich an Humor, und über das
! fittliche Recht desfelben find auch Theologen
j gar nicht feiten in bedauerlicher Unklarheit. Es verfteht
! fich, dafs Frommel auch vom Humor mit Humor zu
reden weifs; man hört da wirklich einen Sachverftändigen.
I Und wenn er auf gelehrte Sprache und Form gründlich
verzichtet, auch wohl die Definitionen, womit andere vor
ihm das Wefen des Humors zu erfaffen trachteten, recht
unehrerbietig abthut, fo hat der Artikel doch wiffen-
J fchaftlichen Werth und verdient es wohl, auch in den
akademifchen Vorlcfungen den Studenten als ein fördernder
Beitrag zur chriftlichen Ethik empfohlen zu
I werden. Vifcher hat den Humor vor der Aefthctik legi-
timirt, möge Frommel ihm vor der chriftlichen Ethik
das Anfehen erobern, das ihm gebührt. Findet fein
| Artikel Beachtung, fo mag er das wohl leiften. Gewifs
für einen Kalenderauffatz alles Mögliche!

Nächft diefem dritten Stück wiegt das fünfte am
! fchwerften: ,Ueber Gefellfchaften und Gefelligkeit' (S.
i 120—156). Das Uebrige: 1. .Allerlei von Taufen, Hoch-
j zeiten und Begräbnifsen', 2. .Storchnefter auf allerhand
Häufern', 4. ,Aus der Kinderftube', 6. ,Eine Zimmerreife,,
ift leichtere Waare; man mufs die nöthige Stimmung
dazu mitbringen, um fich daran zu freuen, und in der
find Recenfenten nicht immer. Humor fleckt in Allem,
; und manchmal trifft er den Nagel auf den Kopf. Aber
fimple Späfse find nicht Humor. Das letzte Stück ift
anfeheinend das einzige, das bei diefer Gelegenheit zum
erften Male das Tageslicht erblickt. Die anderen (1. 2.
j 4) machen den Eindruck, als wären fie zunächft nicht
I für Lefer, fondern für Hörer beftimmt gewefen, und fie
i würden fich minder anfpruchsvoll ausnehmen, wenn eine
begleitende Anmerkung uns über die urfprüngliche Adreffe
des gefprochenen Wortes unterrichtete. Das follte Verf.
thun: feine gefammelten Schriften nicht ausgehen laffen,
ohne gewiffenhaft zu melden, wo ein jedes Stück zum
: erften Male gefprochen oder gedruckt worden — da
weifs dann der Lefer, an welchen Ort, unter welches
Publicum er fich jedesmal zu verhetzen hat. und legt