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Ausgabe:

1886

Spalte:

593-594

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kahl, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Lehre vom Primat des Willens bei Augustinus, Duns Scotus und Descartes 1886

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 25.

594

irgendjemand angreifen, gefchweige verurtheilen; denn
der Verf. hat das .Princip' fo kunftvoll formulirt, dafs er
fich das Verftändnifs desfelben vorbehalten hat.

Marburg. A. Harnack.

Kahl, Dr. Wilh., Die Lehre vom Primat des Willens bei
Augustinus, Duns Scotus und Descartes. Strafsburg,
- Trübner, 1886. (XI, 126 S. gr. 8.) M. 2. 50.

Diefe Erftlingsfchrift ift eine dankenswerthe Arbeit, 1
die mit Fleifs und Sorgfalt gemacht ift. Auch die Dar- j
ftellung ift gut; der Verfaffer fchreibt durchfichtig und j
klar, was bei der Schwierigkeit der Materie befonders
hervorzuheben ift.

Bei der Unterfuchung der Willenslehre des Johannes
Duns fah fich der Verfaffer genöthigt, bis auf Auguftin
zurückzugehen. Nach einer kurzen Ueberficht über |
Auguftin's Stellung in der Gefchichte des Problems der j
Willensfreiheit legt er zuerft Auguftin's Indeterminismus 1
dar und knüpft daran eine Unterfuchung über den
Willen in A.'s Erkenntnifstheorie. Der Verf. hat fich
nicht verhehlt, wie fchwierig es ift, eine einftimmige Erkenntnifstheorie
aus den Schriften Auguftin's, die fämmt-
lich Gelegenheitsfchriften find, zu ermitteln; immerhin
aber fei foviel doch gewifs, dafs Auguftin dem Willen 1
feine Stellung unabhängig neben und über den theore-
tifchen Functionen gefichert habe und hierin liege feine |
epochemachende Bedeutung gegenüber dem intellectuel-
len Determinismus der früheren Philofophen. Der Nach- j
weis ift lehrreich geführt; aber es fcheint mir doch, als
ob der Verf. die Eigenart Auguftin's gegenüber dem
Neuplatonismus etwas überfchätzt habe. Erftlich mufs j
er felbft zugeben (S. 40fr.), dafs ,auf der letzten Stufe
des Erkennens der neuplatonifche Intellectualismus, der
das Wollen vor dem Denken verflüchtigt, die Confe-
quenzen des Standpunkts Auguftin's mehrfach durchbrochen
hat' — die letzte Stufe ift aber die höchfte und
entfcheidende. Sodann fcheint mir der Verf. die ungebrochene
Hcrrfchaft des intellectuellen Determinismus
in der vorauguftinifchen Zeit zu übertreiben. Ich kenne
die neuplatonifchen Philofophen des 4. Jahrhunderts nicht
genau genug, um meinen Widerfpruch mit Sicherheit zu
erheben. Allein, was mir von ihnen bekannt ift, veran-
lafst mich zu der Vermuthung, dafs Auguftin's Erwägungen
dort vorbereitet find. Bei Gnoftikern des 2. Jahrhunderts
finden fich übrigens ebenfalls merkwürdige
Parallelen. Das Neue bei Auguftin wird demgemäfs
nicht fowohl in der Neuheit und Sicherheit des Grundgedankens
als in der Anwendung der empirifchen Methode
auf die Pfychologie und in der Bereicherung der
Gefichtspunkte in Bezug auf Pfychologie und Ethik zu
fuchen fein.

Den Abfchnitten über Auguftin hat der Verf. eine j
Ueberficht über die gefchichtliche Entwickelung der
Lehre vom Verhältnifs des Willens zum Verftande in
der mittelalterlichen Philofophie (bis zur Reception des
Ariftotelismus) nachgefchickt. Richtig wird bemerkt,
dafs der Platonismus, den das Mittelalter gekannt und
der das Denken desfelben grundlegend beftimmt hat, ein
feltfames Gemifch aus Plato's Kosmologie und Potin s
Vofe-Lehre gewefen fei, durchfetzt mit ftarken Reminis-
cenzen aus Auguftin. In diefer Formulirung ift indefs
Auguftin's Bedeutung noch zu niedrig angefchlagen.
Was die älteren abendländifchen mittelalterlichen Philofophen
haben, haben fie von Auguftin. Sogar Erigena
ift mindeftens ebenfofehr von Auguftin abhängig wie
vom Areopagiten. Das fpecielle Problem aber, welches
der Verf. verfolgt, hat im Grunde in der Zeit bis zum
13. Jahrhundert keine Gefchichte, wenigftens nicht in der
Kirche; dafs Avicebron den Willen an die Spitze gelteilt
hat, zeigt der Verfaffer. Im 13. Jahrhundert find
es namentlich Wilhelm von Auvergne, Heinrich von
Gent und Bonaventura, kurz die Gegner des herrfchen-

den Ariftotelismus, welche den Willensprimat vertreten ;
Eckhart hält als Dominicaner zu Albert und Thomas.
Die felbftändige Bedeutung des Letzteren ift übrigens
in neuefter Zeit gebührend herabgefetzt; vgl. die Unter-
fuchungen von Denifle im Archiv für Litteratur- und
Kirchen-Gefchichte des Mittelalters (2. Bd. Heft 3. 4 S.
417 ff.) auf Grund der von ihm zum erften Male er-
lorfeilten lateinifchen Schriften des ,Mei(ters'.

Von diefem hiftorifchen Hintergründe hebt fich nun
Johannes Duns ab. Seine Bedeutung für die betreffende
Frage beruht nach dem Verfaffer darin, dafs er den
Standpunkt, welchen Wilhelm von Auvergne, Heinrich
von Gent u. f. w. vor ihm vertreten haben, durch die
Herbeiziehung und Verwerthung pfychifcher Thatfachen
zu beweifen unternimmt; denn bei den Früheren lagen
nur befcheidene Anfätze zu einer ausreichenden Begründung
des Willensprimates vor. S. 76—107 fchildert der
Verfaffer Duns' Stellung in der Scholaftik, feinen Indeterminismus
und feine Beweife für den Primat des Willens
. Als ein ,riefenhafter GeifP tritt er ihm entgegen,
deffen Syfiem — freilich ein Torfo — aus der alten Zeit
in die neue herüberragt. Mit Auguftin ift er zu vergleichen
fowohl in der Kritik des umfangreichen Wiffens,
das fich ihm aus der Philofophie feiner Zeit und der
Vorzeit erfchlofs, als auch in dem gläubigen Sinn, der
ihn vor der Skepfis bewahrt hat, in welche der Kriticis-
mus leicht umfehlägt. Mit ihm begann die europäifche
Philofophie fich von der Autoritäts-Herrfchaft des Ari-
ftoteles loszufagen und frei in fich felbft zu erftarken.
Die Darftellung des Verfaffers vermag Ref. nicht voll-
ftändig zu controliren; aber foweit ihm das nach den
reichlich beigebrachten Quellenftellen möglich ift, fleht
er nicht an, die Nachweife für fehr gelungen und fehr
lehrreich zu erklären. Zu bedauern ift nur, dafs der
Verf. fich die Unterfuchungen von Ritfehl über Thomas
und Duns hat entgehen laffen. Die beiden Schlufs-
paragraphen über .Indeterminismus und intellectuellen
Determinismus in der nachfcotiftifchen Scholaftik' und
über ,den Willensprimat bei Descartes' zu beurtheilen,
ift Sache des Philofophen von Fach.

Marburg. A. Harnack.

lohannis Euchaitorum metropolitae quae in codice Vaticano
Graeco 676 supersunt lohannes Bollig S. J. descripsit
Paulus de Lagarde edidit. [Aus: ,Abhandlgn. d. k. Ge-
fellfch. d. Wiffi zu Göttingen'.] Göttingen, Dieterich's
Verl., 1882. (XVI, 228 S. gr. 4.) M. 10.—
[Schlaft.]

Zu der adnotatio critica p. 147 ff. bemerke ich, dafs
mit dem Druck B Ballerini gemeint ift. p. 153 y ift vor
apographum noch B hinzuzufügen. Ballerini hat einen
Vaticanus und einen lau/rntianus, offenbar Laur. plut. X.
cod. XXXI. saec. XV., Bandini 1496. XXI benutzt Sein
Vaticanus ift unfer Vat. 676. Der Laur. und der üttob. D
gehören auf das Engfte zufammen: einer flammt aus dem
anderen. Weift Bandini den Laur. mit Recht dem
I5 jahrh. zu, fo ift er die Quelle von D. Die Entfchei-
dung wird auch noch dadurch erfchwert,. dafs Balle-
rini's Apparat auf Correctheit keinen Anfpruch erheben
kann. — Rede 177 (vgl. Gedicht 28. 29. 73. 74) ift für
den byzantinifchen Engelcult von Intereffe. Mit den
Ohoftcn üyyeloi 177, 29 vgl. Julian, c. Christ. 115 D ff. —
Den grofsen Heiligen des Ortes, den Märtyrer Theodoros,
feiern nicht weniger als fünf Predigten (179 —182; 189)
und eigentlich auch noch eine fechfte (188), die Rede
auf die h. Eufebia. 179 ift nach $ 3 eine der erften
Predigten, die Joh. in Euchaita gehalten hat. Wer die
Thaten des grofsen Heiligen kennen lernen will, möge
die Reden felber lefen. Ich befchränke mich darauf,
zu conftatiren, dafs Theodoros nach 179, 29. 32. 34 zum
Feuertode verurtheilt und verbrannt wird, nach 181, 4

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