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Ausgabe:

1886

Spalte:

565-569

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Iohannis Euchaitorum metropolitae quae in codice Vaticano Graeco 676 supersunt Iohannis Bollig S. J. descripsit Paulus de Lagarde edidit 1886

Rezensent:

Neumann, Karl Johannes

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566

reagirte'. (Vgl. auch S. 57, Z. 1—3 v. u. mit Bomvetfch,
a. a. O. S. 258, Z. 15 — 18.)

Die Ergebniise des Verf.'s felbftfind zum Theil durch
den katholifchen Standpunkt desfelben bedingt. So fagt
■er S. 99, dafs die Chriften das euchariftifche Opfer genoffen
, .nachdem es verwandelt worden war'.
S. 121 redet er von Privatmeffen. Beherrfcht find durch
jene Stellung des Verf.'s befonders feine Erörterungen
über die Arcandisciplin im § 18. Diefe fucht er fchon
in der Zeit vor Tertullian nachzuweifen (S. 57), um
dann auf S. 58 zu behaupten, die Chriften hatten von
Anfang an Myfterien gehabt, und Tertullian kenne die
chriftlichen Verfammlungen in keinem anderen Sinne als
Myfterien, als feine Vorgänger. Dafs die Entftehung
der chriftlichen Arcandisciplin durch die heidnifchen
Myfterien becinflufst fei, lehnt der Verf. entfehieden ab,
weil die chriftlichen Schriftfteller vielmehr die Myfterien
als Nachäffung des chriftlichen Cultus durch die Dämonen |
angefehen hätten. Letzteres Argument der Apologeten
wiegt aber gerade fo viel, wie ihre Behauptung der Abhängigkeit
der griechifchen Philofophie vom A. T., und
beweift im Gegentheil, wie fehr die gebildeten Chriften
im 2. und 3. Jahrhundert die vom Verf. in Abrede ge-
ftellte Verwandtfchaft der chriftlichen und heidnifchen
Myfterien empfanden. Uebrigens kann der Brief an
Diognet, den der Verf. ums Jahr 100 fetzt, weil er von
einem Apoftelfchüler herrühren will, feit der Unter- j
Eichung Overbeck's (Ueber den pfeudojuftinifchen Brief
an D.; Studien z. Gefell, d. alten K. I, 1875) nicht mehr
als unbeftrittene Quelle für das 2. Jahrhundert angeführt
werden. In § 28, der über die Bufse handelt, ift nicht
beachtet worden, dafs die Montaniften in der Disciplin
Vertreter der alten, Kalliftus der Anfänger einer neuen
Praxis war. Die richtige Werthung der Schrift depoenit.
findet fich vielmehr bei A. Harnack, Art. lapsi in
Herzog's RE. 11 VIII, S. 420. Wenn der Verf. mit feiner
Anficht über die Bufse Recht hätte, wären die fpäteren
Kämpfe über diefelbe im 3. Jahrhundert unverftändlich.
Die Ausführungen über den doctor (S. 68 f.), in dem der
Verf. richtig den Lehrer der Katechumenen fieht, hätten
an Triftigkeit gewinnen können, wenn er die neuen Er-
kenntnifse verwerthet hätte, welche wir der didayj x.
Ii' an. verdanken (Ad. XIII, 2; XV. 1. 2. Vgl. A. Harnack,
Lehre der zwölf Apoftel, S. 131 — 137)-

Halle a. S. 0. Ritfchl.

Johannis Euchaitorum metropolitae quae in codice Vaticano
Graeco 676 supersunt Iohannes Bollig S. J. descripsit
Paulus de Lagarde edidit. [Aus: ,Abhandlgn. d. k. Ge-
fcllfch. d. Wiff. zu Göttingen'.] Göttingen, Dieterich's
Verl., 1882. (XVI, 228 S. gr. 4.) M. 10.—

Es ift eine bereits vor längerer Zeit übernommene
Verpflichtung, welche in diefer Anzeige eine leider ver-
fpätete Erfüllung findet. Aber es wird immer noch von
Nutzen fein, nachdrücklich auf diefe neue Quelle für die
Gefchichte des 11. Jahrhunderts hinzuweifen, welche die
bewunderungswürdige Arbeitskraft de Lagarde's als
Parergon ganz anders gerichteter Studien den Freunden
byzantinifcher Gefchichte zugänglich gemacht hat.

Im Jahre 1876 hat Sathas in feiner Bibliotheca Graeca
vudii aevi, vol. V p. 142 — 167 ein Enkomion herausgegeben
, das Michael Pfellos, ein Schüler und Freund des
Johannes von Euchaita, auf feinen Lehrer noch bei deffen
Lebzeiten verfafst hat (Sathas V, p. 142; 164 ff.; vgl.
auch den Brief des Pfellos bei Sathas V, p. 467). Die
Schrift will Wort und That des Johannes loben, nicht
den äufseren Glanz desfelben, nicht feine Stellung zum
Hofe, nicht feine Dgorni faftpX&eQOl. Wenn Joh. gerühmt
wird, dafs er aus Befcheidenheit feine Abkunft
faft vergeffen habe (p. 143), fo mufs er von vornehmer
Abdämmung gewefen fein. Auch die Trefflichkeit feiner

Vorfahren wird gerühmt (154). Er wurde zufammen mit
einem Bruder, der aber zeitig ftarb, erzogen (144); feine
Mutter war (nach 153) noch lange am Leben. Seine
Lehrer waren zwei Oheime, von denen der eine nicht
lange vor Abfaffung des Enkomions als Bifchof von
Klaudiupolis geftorben war (143); der zweite war als
Miffionar zu den Bulgaren gegangen (144). Der Bifchof
war eine harmonifche, liebenswürdige Natur, derBulgaren-
apoftel ftreng gegen fich und Andere, heftig im Kampf,
freimüthig in der Rede. Dem Beifpiele beider folgte
Johannes (145). In regelrechtem Bildungsgange fchreitet
derfelbe zu den höheren Wiffenfchaften vor (146); feine
felbftändige Ausbildung beginnt er mit der Rhetorik und
vollendet fie mit dem Studium der Philofophie (148),
der Logik (150), Metaphyfik und Ethik (151). Er treibt
Naturwiffenfchaft einfchliefslich der Pfychologie und auch
etwas Mathematik (151); er befchäftigt fich aber auch
mit dem Rechte und lernt fogar Latein (148 f.).
Mufter der Beredtfamkeit fei Gregor, von den Profanen
Demofthenes, Demades und Ifokratcs. Johannes ahme
dem Gregor nach, nähere fich aber am Meiften dem Ifo-
krates (150). Im Briefftil fei er Meifter (149).

Im Folgenden geht Pfellos trotz feines Proömiums
doch auf die äufsere Stellung des Joh. ein; wenn wir
dcnfelben aber p. 154 als xxv i(3i> nheiü ngoavcwlav ära-
d^üpevog bezeichnet finden, fo ift hier nur ein Schreibfehler
anzunehmen; ävade^afttrog ift in avaöe^nutvoig zu
verwandeln. Aber hochgeehrt wird Joh. vom Kaifer,
Konftantinos Monomachos, allerdings; er erhält einen
Lchrftuhl (an der neugegründeten philofophifchen Facul-
tät zu KP; vgl. William Fifcher, Studien zur byzan-
tinifchen Gefchichte des 11. Jahrhunderts, Plauen 1883,
S. 14) und wird fogar zum Bifchof befördert (154 f.).
Diefer letzteren Veränderung fucht Pfellos offenbar die
günftigfte Seite abzugewinnen. Die Kirche feiner Metropolis
Euchaita verwaltet Joh. trefflich und vermehrt das
Kirchenvermögen von feinem eigenen; befonders befördert
er den Kirchengefang. Der Stadt Euchaita gewährt er
nachdrücklichen Schutz, er erwirkt Steuererlafs und
Schutz des Ackerbaus für diefelbe und tritt den Dy-
naften, den Statthaltern in den Weg, er erreicht Rückficht
bei den Richtern und kaiferliche Hilfe für die
Kirche (157 f.). Dem Martyr Theodoros baut er in
Euchaita einen Tempel und richtet den Dienft in dem-
felben ein (158 f.); für die dortigen Afketen entwirft er
fchriftlichc Regeln (i'yyoarpot nzoi wr xoig cio/.r]xa'ig f vofto-
Irleyue dittx&gttg 159). Pfellos fchliefst mit dem Bekerlnt-
nifs, wenn er erfahren hätte, Joh. fei zu noch höherer
Würde erhoben worden, fo würde er fich darüber nicht
gewundert haben, fondern in ihn gedrungen fein, dem
Rufe Folge zu leiften. Nun aber wolle er fein Priefter-
thum niederlegen und Mönch werden, ohne göttlichen
noch obrigkeitlichen Befehl. Pfellos dringt in ihn, von
diefem Vorhaben abzuftehen (164 f.).

Von den Schriften des Joh. war bisher nur Weniges
veröffentlicht (vgl. Lambros DLZ 1883, 737), und
von diefem Wenigen trägt die Phyfiognomik mit Unrecht
feinen Namen (Förfter im Philologus 36, 1877, S. 172ff.).
Faft ungenützt lag reiches Material in einer aus dem
11. Jahrh. flammenden, alfo dem Joh. faft gleichzeitigen
Handfchrift der Vaticana. Den Inhalt diefer Handfchrift
hat de Lagarde herausgegeben; es fehlen in ihr vor
Allem fämmtliche canones des Joh. Inzwifchen ift noch
ein efKüßlOV eig xöv oatov xort Ireorpnonv 7iaxlga fipwv
liäoav unferes Joh. Mauropus aufgefunden worden; vel.
Th. L. Z. X (1885) S. 26.

Bollig hat den Vaticanus abgefchrieben und Stude-
mund ihn nachverglichen; die Lefungen find demnach
ficher. Für die Herausgabe zu forgen hat de Lagarde
aus Dankbarkeit gegen Bollig unternommen, und er
hat fich diefer Aufgabe in den Grenzen, die er fich felbft
dabei gefleckt, mit der gewiffenhaften Sorgfalt unterzogen
, die feinen Arbeiten eigen ift. Die Interpunktion