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Ausgabe:

1886

Spalte:

546-548

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steinhausen, Heinr.

Titel/Untertitel:

Die Kunst und die christliche Moral. Ein Beitrag zur Verständigung über die bedeutung der Kunst für das öffentliche Leben 1886

Rezensent:

Ficker, Johannes

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druckt in den bereits erwähnten libri VI de seditionibus
des Conr. Brunus, Mainz 1550. Und hier fehen wir noch
feine Stellung zu den Interimsbewegungen in Deutfch

dings völlig unbeftimmbar, einengen, und doch wieder,
auch völlig unbeftimmbar, nicht einengen, da die Ver-
führbarkeit Schuld in fich trägt. — Das Problem, welches

land. Da denuncirt er dem Kaifer einen Anonymus : der Herr Verf. behandelt, dürfte demnach weit umfang-
(Ofiander) wegen feines Bedenkens aufs Interim, da reicher und verwickelter fein, als aus dem Vortrage
macht er auf das reichsfeindliche Treiben des Flacius ! erhellt.

aufmerkfam; vor allem intereffant ift aber feine Cha-
rakterilirung Melanchthon's und der Partei der Adiapho-
riften als der allcrheimtückifchften Heuchler, die jetzt

Von den unrichtigen Vorausfctzungen aus, dafs jede
böfe Handlung rein fpontan in uns auftritt und dafs
jede unendliches Unheil in Andern gebiert, ergiebt fich

den Kaifer mit dem Schein einer Annahme des Interims allerdings der Satz, dafs die Grenzen unferer fittlichen
hinter's Licht zu führen fuchen, in Wahrheit aber nur Verantwortlichkeit unendlich weit find, fie felbft unend-
in kleinen Cultusbagatellen nachgeben, während fie in lieh grofs.

allen entfeheidenden Punkten bei ihrer Ketzerei beharren; Wo ift der Ausweg, diefer abgrundsmäfsigen Tiefe

da wird endlich auch Calvin als Gegner des Interims zu entrinnen? Der Herr Verf. citirt Shakefpeare's
denuncirt und als scditiosiis gekennzeichnet. — Möchten Hamlet V, 2, wo Hamlet die Verantwortung für den
diefe Bemerkungen dem Verfaffer ein Zeugnifs von dem j Mord des Polonius ablehnt und auf feinen Wahnfinn
warmen Intercffe fein, mit dem ich feine Differtation ge- '■■ fchiebt. Hamlet will damit fagen, dafs er den Mord in

lefen, und von der Hoffnung, ihm auf diefem Felde noch
öfter wieder zu begegnen.

Kiel. G. Kawerau.

einem Zuftande fittlicher Unzurechnungsfähigkeit und
völliger Gebundenheit durch eine fremde Macht begangen
habe, defshalb keine Verantwortung dafür trage.
Der Herr Verf. ändert den Sinn der Worte dahin, dafs
Hamlet die Löfung aus der Verantwortlichkeit von dem
Zur Erinnerung an Pfarrer Joseph Scherrer, weiland an St. Aufhören der Perfönlichkeit (das durch das AufLeonhard
in St. Gallen, Präfident des St. Galhfchen | hören des Wahnfinns eingetreten' fein foll) abhängig
proteft-kirchl Hülfsvereins. St. Gallen, Huber & Co., i mache; er überfieht, dafs dann Hamlet, folange feine
1886. (28 S. 8.) M. -. 50. V?[önjichkeit nicht aufgehört habe d h folange er im

v ' , , • r t ■ I Wahnlinn geblieben fei, die volle fitthehe Verantwort-

Das Leben eines Mannes der keinen grofsen Lärm lichkeit für den Mord hätte tragen muffen, - ein Unge-
in der Welt erregt, aber viel Gutes im Stillen gewirkt j dank für den Shakefpeare gewifs nicht verantwortlich
hat, wird uns hier kurz vorgeführt Nähere Bekannte, zu machen ifi Dasfeibc nun, fährt der Herr Verf fort
zu denen auch ich mich zahle, mochten noch eingehen- was Hamlet damit ausfpreche, fei die Lehre der heil. Schrift
dere Befprechung der grofsen theologifchen Begabung VQn der Wiedergeburt, wie aus Rom. 6, 7 unzweifel-
der zu Zeiten bedeutenden redner.fchcn Wirkfamke.t und ; haft (?) hcrvörgeh| In de'r Wiedergeburt höre die Per-

lonlichkeit des alten Menfchen, der die böfen Handlungen
vollzogen habe, gänzlich auf: folglich fei der
Wiedergeborene nicht mehr fittlich verantwortlich für das
Unheil, das ehedem der alte Menfch angerichtet habe.
So der lutherifche Herr Superintendent. Luther felbft
dagegen fagt: ,Was bedeut denn folch Waffertäufen? Es
bedeut, dafs der alte Adam in uns durch tägliche Reu
und Bufse foll erfäuft werden, und fterben mit allen
Sünden und böfen Lüften, und wiederumb täglich
herauskommen und auferftehen ein neuer Menfch, der
in Gerechtigkeit und Reinigkeit für Gott ewiglich lebe'.
Horn, Superint. E., Die Grenzen der sittlichen Verantwort- Allein der Einwurf liegt nahe, dafs ja auch der

lichkeit. Vorlefung. Königsberg, [Gräfe & Unzer], 1886. Wiedergeborene durch böfe Handlungen in Wort und
„;Ä e. » <u eri That neue fitthehe Verantwortlichkeit auf lieh lade. Der

10 z>. gr. ö.j ivi. — 50. Herr Verf weift den Einwurf zurück Das Begehen

Unter Hinweis auf die unberechenbare, durch gut- 1 böfer Handlungen durch den Wiedergeborenen wird zugewählte
Beifpiele illuftrirte Tragweite unferer böfen gegeben, aber die Verantwortung dafür abgewiefen.
Handlungen in Wort und That in ihrer Wirkung auf Weshalb? Weil der Wiedergeborene nicht unter dem
Andere gelangt der Herr Verf. zu feinem erften Satze, , Gefetz Gottes (!) liehe, fondern nach Rom. 7, wo von
dafs die Grenzen unferer fittlichen Verantwortlichkeit ! dem Wiedergeborenen (?) die Rede fei, unter dem Ge-
unabfehbar find. Es entgeht dem Herrn Verf., dafs in : fetz der Sünde (!). Die Sünde fei eine ihm fremde
diefem Zufammenhang das Prädikat ,unabfehbar' nicht, ; Macht, für deren Wirkfamkeit in ihm und durch ihn
wie von ihm gefchieht, als ,unendlich weit' gedeutet keine Schuld ihn treffe, ja, feine Sünde fei eigentlich <rar
werden darf, fondern als .unbeftimmbar' oder ,unbe- keine Sünde (1 Joh. 3, 9), weil das der Sünde wefentliche
rechenbar', wie ja fchon aus der Reflexion erhellt, dafs Moment der Feindfchaft wider Gott derfelben fehle. —
glücklicherweife eine Menge unferer böfen Handlungen Referent erinnert fich mit Schmerz diefer felben Argu-
in Wort und That das mögliche Unheil nicht gebären, mentation aus dem Munde eitles Mannes, welcher wegen
Sodann überfieht es der Herr Verf., dafs er die Grenzen Verbrechens wider die Sittlichkeit drei Jahre im Zucht-
unferer fittlichen Verantwortlichkeit nicht überhaupt, häufe zugebracht hatte. —
fondern nur für die böfen Handlungen Anderer be- M ,

fchrieben hat, und dem Mifsverftändnifs, als ob unfere Marburg. Achelis.
Schuld und die Grenzen unferer fittlichen Verantwort-

der bei aller Milde kraftvollen kirchenregimentlichen
Thätigkeit des edlen Verdorbenen wünfehen. Auch fo
aber ift das Schriftchen ein würdiges Denkmal eines
wahrhaft frommen, geprüften Dulders, eines in gefegneter
Thätigkeit lebenden reformirten Pfarrers, dem es nur die
immerdar kidende Körperkraft vertagte, auch dogma-
tifch fich eben fo fchöne Denkmäler zu fetzen, wie er
Proben von feiner homiletifchen Anlage und Bildung
uns fehenkte.

Strafsburg i,E. Alfred Kraufs.

lichkeit fich lediglich nach der Wirkung der böfen Steinhausen, Heinr., Die Kunst und die christliche Moral.

Handlungen auf Andere bemeffen, ift nicht vorgebeugt. Ein Beitrag zur Verftändigung über die Bedeutung
Indem er endlich nur das Unheil, das unfere böfen der Runft m das öffentliche Leben. Wittenberg
Handlungen bei Andern anrichten und dies nur infofern u , 00<r , „ _ „ , .„ n <-^»ucig,

in's Auge fafst, als wir dadurch die Verfuhrer Anderer Herrofö Vcrl> l886- (3« S. 8.) M. -. 80.
find, beachtet der Herr Verf. nicht, dafs die Verführer j Die PTage nach dem Verhältnifse der Kunft und der
ja auch Verführte find, dafs alfo die Grenzen ihrer fitt- Moral ift vor nicht langer Zeit durch den bekannten Berücken
Verantwortlichkeit fich von diefer Seite her, aller- | liner Procefs dem allgemeinen Intereffe wieder einmal