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Ausgabe:

1886

Spalte:

540-541

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haussleiter, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Kommentare des Victorinus, Tichonius und Hieronymus zur Apokalypse. Eine literargeschichtliche Untersuchung 1886

Rezensent:

Krüger, Gustav

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539 Theologifche Literaturzeitung. 188Ö. Nr. 23. 540

gens werden aber übertroffen, wenn man lieft, was S. 223
bis 225 über das Verhältnifs von Apoftelgefch. 15 und
Gal. 2 gefagt wird. Es wird hier lediglich feftgeftellt,
dafs beide Berichte fich auf denfelben Vorgang beziehen,
und dann mit möglichft nichtsfagenden Gründen zu erklären
gefucht, weshalb Paulus auf das ,Apofteldecret'
nirgends Bezug nehme. Von all' den tiefgreifenden Differenzen
, welche von recht vielen Theologen zwifchen
Apoftelgefch. 15 und Gal. 2 gefunden werden, wird einfach
nichts erwähnt. Der harmlofe Lefer foll eben in
dem idyllifchen Traum, dafs hier volle Harmonie herrfche,
nicht geftört werden.

Statt noch weiter auf Einzelheiten einzugehen, erlaube
ich mir mit einer allgemeinen Bemerkung zu
fchliefsen. Die Zöckler'fchen Handbücher find ein Zeichen
der Zeit, das nicht nur eine traurige, fondern auch
eine erfreuliche Seite hat. Sie find die llillfchweigende
Erklärung, dafs die moderne Traditionstheologie fich
auf wiffenfchaftliche Verhandlungen nicht mehr einläfst.
Die Tradition ift der feite Boden, auf dem man fich
ficher fühlt. Für die auf diefem Boden flehende Schaar
fchreibt man in echt katholifcher Weife Compendien und
Handbücher. Ernfthafte Verhandlungen mit der negativen
' Kritik find nicht mehr nöthig. Jeder Contact mit
der fortfchreitenden wiffenfchaftlichen Bewegung wird
freiwillig aufgegeben. Dies alles ift zwar im Intereffe
der evangelifchen Kirche tief zu beklagen. Es hat aber
die erfreuliche Seite, dafs uns Anderen manche unnöthigc
Arbeit des Widerlegcns apologetifcher Leiftungen er-
fpart wird, und dafs jene pfeudo-evangelifche, in Wahrheit
fchlechthin katholifche Wiffenfchaft um fo rafcher
in fich felbft zerfällt.

Giefsen. E. Schürer.

Harnack, Prof. Dr. Adf., Die Apostellehre und die jüdischen
beiden Wege. Erweiterter Abdruck aus der Real-
encyklopädie für proteftantifche Theologie und Kirche,
neblt Texten. Leipzig, Hinrichs, 1886. (III, 59 S. gr. 8.)
M. U—

Statt einer zweiten Auflage meiner Ausgabe der
Lehre der zwölf Apoftel (Texte und Unterfuch. 2. Bd.
Heft 1 und 2, Leipzig 1884), zu welcher ich mich zur
Zeit nicht entfchliefsen kann, habe ich auf den vorftehen-
den Blättern einen erweiterten Abdruck eines Artikels
,Apoftellehre' aus der Realencyklopädie für proteftantifche
Theologie und Kirche gegeben. Diefer Abdruck
fammt den hinzugefügten Texten wird vielleicht den
wiederholt an mich gerichteten Wünfchen nach einer
kurzen und billigen Ausgabe der kleinen Schrift ent-
fprechen und zur Einführung der Studirenden in die
Probleme, welche fie bietet, dienen können. Willkommen
war mir die Gelegenheit, in einigen wichtigen Punkten
meine früheren Urtheile auf Grund fortgefetzter eigener
Studien und der Nachweifungen Anderer berichtigen zu
können. Vor allem habe ich über ,die beiden Wege'
anders zu urtheilen gelernt. Ich zweifle jetzt nicht mehr,
dafs diefelben in der Didache nicht in der urfprünglichen
Geftalt vorliegen und dafs fie jüdifchen Urfprungs find.
Ift dies richtig, fo fällt ein neues Licht auf das Verhältnifs
der jüdifchen und der chriftlichen Propaganda.
Wir erhalten hier höchft lehrreiche Fingerzeige, leider
aber auch nicht viel mehr; denn die Dürftigkeit unfercr
Quellen geftattet kaum fiebere Schlüffe in Bezug auf die
Entftehungsgefchichte der älteften Bedingungen und
Acte der Reception in der Kirche in ihrem Verhältnifs
zur Synagoge.

Marburg. A. Harnack.

Haussleiter, J., Die Kommentare des Victorinus, Tichonius
und Hieronymus zur Apokalypse. Eine literargefchicht-
liche Unterfuchung (Zeitfchr. f. kirchl. Wiff. u. kirchl.
Leben 1886, 5, S. 239—257).

Bei Unterfuchungen wie der vorliegenden pflegt jedes
Glied der Beweiskette fo wichtig zu fein, dafs eine Re-
cenfion fich auf die Angabe der Refultate und eine kurze
Skizzirung des eingefchlagenen Weges befchränken mufs,
wenn fie nicht in eine Wiederholung auslaufen will.
Haufsleiter hat in diefem Auffatze zunächft kurz die
Refultate gründlicher Unterfuchungen niedergelegt, die
fich mit den älteften Commentaren zur Apokalypfe be-
fchäftigen, und will detaillirten Erörterungen die Einzel-
unterfuchung vorbehalten.

Was er beweifen möchte, ift 1) man vermag in dem
Apokalypfencommentar des Bifchofs Victorinus von Pettau
den urfprünglichen Text von Interpolationen des Hieronymus
zu unterfcheiden; 2) man kann den Commentar
des Donatiften Tichonius zum gröfsten Theile recon-
ftruiren; 3) man hat den bisher für verloren geltenden
Commentar des Hieronymus in der summa dicendorum
zu erkennen, welche dem Commentar des Beatus von
Libana vorangefchickt ift.

Des Victorinus Commentar ift uns in einer längeren
(bei Gallandi und Migne abgedruckten) und kürzeren (als
Beigabe zu Theophylact's enarrationes in Pauli epistolas
etc. ed. Joh. Lonicerus gedruckten) Rccenfion erhalten;
die kürzere ift die Grundlage der längeren: aber auch
fie ift bereits interpolirt, da in einem ihr vorangehenden
Prologe des Hieronymus gefagt ift, dafs er felbft den
Text des Commentars einer Umarbeitung unterzogen
habe. Ein Vergleich diefer kürzeren Recenfion mit den
Commentaren des Primarius und Beda Venerabiiis, fowie
einigen pfeudo-auguftinifchen Homilien in apocalypsim
B. Joannis zeigt auffallende Uebereinftimmungen, während
doch höchftens bei den Homilien fich eine directe
Bekanntfchaft mit dem Commentar des Victorinus nachweifen
läfst. Nun haben Primafius und Beda den Commentar
des Tichonius nach Kräften ausgefchrieben, jener
mit und diefer ohne Ausmerzung der donatiftifchen Ketzereien
. Hieronymus wird daher bei feiner Bearbeitung
des Victorinus-Commentars den Tichonius geplündert
haben, obgleich er feine Quelle vorfichtig nur als maio-
rum libri bezeichnet. Es ift dabei zu beachten, dafs
fich die Ueberarbeitung faft nur auf die drei erften Ca-
pitel zu erftrecken fcheint. Diefes vorläufige Refultat
erhält nun von anderer Seite willkommene Beftätigung:
der Presbyter und Abt Beatus von Libana, bekannt aus
dem adoptianifchen Streit, hat einen Commentar zur
Apokalypfe gefchrieben, der nach eigener Angabe des
Verf.'s aus einer ganzen Reihe von Arbeiten compilirt
ift, unter denen auch die des Victorinus, Tichonius und
Hieronymus genannt werden. Es ergiebt fich aber, dafs

I Beatus den Tichonius, den er ohne jede Ausmerzung
oder Aenderung ausfehreibt, — felbft Zeitangaben, die
im 8. Jahrhundert vollftändig deplacirt find, hat er bei-

j behalten — faft ausfchliefslich zu Grunde gelegt hat, fo
dafs man aus Beatus in Verbindung mit Prima-

[ fius, Beda und jenen pfeudo-auguftinifchen
Homilien den Commentar des Tichonius leicht
reconftruiren kann. Nun geht dem Commentar des
Beatus eine kurze zufammenfaffende Erklärung, summa
dicendorum, voraus, welche nicht von Beatus, auch nicht
von Tichonius, obwohl fie durchaus Kenntnifs feiner
Interpretationsweife verräth, herrühren kann. Haufsleiter
weift nun überzeugend nach, dafs der Verfaffer diefer
summa Niemand anders als Hieronymus ift. Auffallen
mufs, dafs die Erklärungen der summa erft vom
4. Capitel beginnen: fie fetzt alfo das Excerpt genau
an der Stelle fort, an welcher Hieronymus feine Bearbeitung
des Victorinus-Commentars fiftirt hatte, und
beide Arbeiten fchliefsen fich zu einem Ganzen zu-