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Ausgabe:

1886 Nr. 22

Spalte:

519-522

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nathusius, Martin von

Titel/Untertitel:

Wissenschaft und Kirche im Streit um die theologischen Fakultäten 1886

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1S86. Nr. 22.

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verkümmerten höchften Wiffenfchaft den Weg frei
mache.

Die Argumentation für das Recht des Idealismus
überhaupt ift zwar nicht neu, aber mit anziehender Lebendigkeit
ausgeführt. Die vom Verfaffer befolgte Art
des Idealismus ift im Allgemeinen ebenfalls nicht neu,
wie z. B. die dritte Meditation des Cartefius und die Be-
fprechung des vierten Paralogismus in der Kritik der
reinen Vernunft darthun können. Eigenthümlich aber ift
ihm die entfchloffene Wendung zur Skepfis, welche er
damit verbindet, und das merkwürdige Vertrauen, dafs
ein folches Verfahren die höhere Erkenntnifsthätigkeit
zum Siege führen werde. Es ift ohne Zweifel Skepfis,
wenn der Verfaffer zwar nicht die Willkür, wohl aber
das von unbewufsten Bedingungen abhängige Gefallen
oder Mifsbehagen des Individuums an Vorftellungsver-
bindungen zum Mafsftabe für die Geltung der letzteren
macht. Ich kann mir denken, dafs ein unbetheiligter
Beobachter des menfehlichen Erkennens fich bei einer
folchen gleichfam naturwiffenfehaftlichen Erklärung diefes
Vorgangs beruhigen könnte. Wer aber felbft in dem
Streben nach der Wahrheit begriffen ift, deren ernften
Sinn Piaton dem Protagoras gegenüber verficht, wird mit
Kant der Meinung fein, dals es eine Erkenntnifs der Wahrheit
nur dann für unsgiebt, wenn fichunfere Urtheile an Gedanken
orientirenkönnen, dieuns inihrer Allgemeingültigkeit
bewufst und verftändlich find. Ohne die Zuverficht, dafs
die Wahrheit als ein Ausdruck des ewig Geltenden dem
Menfchen erreichbar ift, wird ein ernftes Erkenntnifsftreben
nicht möglich fein. Denn das Verlangen, die augenblicklich
im Individuum fich behauptende Meinung zum Ausdruck
zu bringen, ift kein Streben nach Erkenntnifs. Es
wäre intereffant, zu erfahren, ob fich der Verfaffer mit
diefen nahe liegenden Einwürfen bereits auseinandergefetzt
hat. In der vorliegenden Schrift find fie nicht be-
rückfichtigt.

Marburg. W. Herrmann.

Nathusius, Paft. Mart. v., Wissenschaft und Kirche im Streit
um die theologischen Fakultäten. [Zeitfragen des chriftl.
Volkslebens, 80. Hft] Heilbronn, Henninger, 1886.
(48 S. gr. 8.) M. 1. —

Ueber eine im Kampf der Parteien hin und her gezerrte
FVage, eine fo befonnene Auseinanderfetzung, wie
die vorliegende, zu lefen, ift auf jeden Fall ein Vergnügen
, auch wenn man derfelben nicht in allen Punkten
beiftimmen kann. Die Bedingung für ein verftändiges
Nachdenken über jene FVage ift bei dem Verf. vorhanden,
nämlich die Anerkennung einer fchwierigen Lage, in
welcher fich die theologifchen Fakultäten zwifchen den
Anfprüchen der Wiffenfchaft und der evangelifchen
Kirche befinden. Es kommt dazu, dafs für ihn die
Trennung in diefer Frage keineswegs mit der Trennung
in eine pofitive und negative theologifche Richtung zu-
fammenfällt. Die Pflicht der Kirche, für die Heranziehung
tüchtiger Prediger zu forgen, bringt es — davon
wird ausgegangen — mit fich, dafs die Kirche an den
Staat die Forderung ftellt, er folle die Berufung theolo-
gifcher Docenten in folchen Formen vollziehen, welche
der Kirche die nöthige Bürgfchaft geben. Es ift bei der
Anftellung vor Allem zu beachten, dafs der Docent zu
einem Vertreter der evangelifchen Kirche in einer ihrer
wichtigften Funktionen berufen wird. Ein anderes Verhalten
des Staates ift wider Recht und Vernunft. Eine
abfolute Gebundenheit an die Theologie früherer Zeiten
ift durch diefen Anftellungsmodus den Docenten nicht
auferlegt. Die Schwierigkeit, das, was an Uebereinftim-
mung mit der gegenwärtig beftehenden Kirche gefordert
werden mufs, in beftimmte Satzungen zu faffen, darf
nicht etwa dazu verleiten, eine ftete Ueberwachung der
theologifchen Lehre durch die Kirchenleitung zu fordern.

Dabei könnte eine Theologie, die der evangelifchen
Kirche etwas nützen kann, nicht gedeihen. Nur bei der
Anftellung mufs Alles gethan werden, um die Bürgfchaft
zu erlangen, dafs der Docent im Glauben der Kirche
und im ernften Eifer für die Sache des Herrn fleht. Die
hierfür nothwendige Mafsregel ift nach dem Verfaffer
die, dafs nach bekannten Anträgen der Generalfynodal-
vorftand einen entfeheidenden Einflufs auf die Befetzung
der theologifchen Lehrftühle erhält. Die Befähigung jener
Körperfchaft findet er darin, dafs fie Männer von zweifellos
kirchlicher Gefinnung aus den verfchiedenften
Lebenskreifen umfafst und dafs fie dem Parlamentarismus
entflamme, der gegenwärtig eine folche Macht in unferm
öffentlichen Leben fei, dafs ein Cultusminifter fich feinem
Einflufs nicht entziehen könne. Die Wirkung der von
ihm vorgefchlagenen Mafsregel will der Verf. jedoch
nicht überfchätzen. ,Die einzige untrügliche Gewähr
dafür, dafs wir gute theologifche Docenten haben, liegt
in einer lebendigen Gemeinde, welche um Flirten und
Lehrer bittet'. Im weiteren Verlaufe wird über die von
dem Verf. vertretene F'orderung noch gefagt: ,dafs aber
durch das Gutachten der Männer, die im Generalfynodal-
vorftand fitzen, die Wiffenfchaft leiden würde, das zu

1 behaupten ift eine grundlofe Anmafsung, die allerdings
dem Geifte eines gewiffen Profefforenthums ganz ent-
fprechend ift'. Ich möchte zunächft auf diefe Bemerkung
erwidern, dafs wir uns gern daran erinnern laffen, wie
leicht in den Kreifen der Univcrfitätslehrer eine Ueber-
fchätzung der Wiffenfchaft aufkommen kann. Aber wenn
man die Wahrheit nicht verleugnen will, fo darf man
nicht verfchweigen, dafs unter den theologifchen Docenten
ein Verftändnifs für die Würde und Floheit des geilt-
lichen Amtes der evangelifchen Kirche ficherlich verbreiteter
ift als in den Kreifen der Paftoren diejenige
Zurückhaltung gegenüber den berufsmäfsigen Vertretern

J der Theologie, welche man einem Schuhmacher in Fragen
feines Handwerks nicht verfagen würde. Die naiven Ge-
richtsfeenen, welche fich in neuerer Zeit vielfach auf den
Paftoralconferenzen abgefpielt haben, laffen darüber keinen
Zweifel. Was die F'orderung des Verf.'s betrifft, fo
erkenne ich dankbar an, dafs er um der evangelifchen
Kirche willen fich der Freiheit der evangelifchen Theologie
ernftlich annimmt. Im Wefentlichen bin ich auch
mit der Art einverftanden, wie er die Theologie von dem
Begriffe eines Glaubens aus, dem das Welterkennen gar

I keine Stütze gewährt, charakterifirt. Dafs der Verf. in

I diefer Beziehung den Sätzen, welche ich auf Ritfchl's
Anregung hin feit längerer Zeit ausführlich begründet

I und vertreten habe, gefolgt ift, hat mich um fo mehr
erfreut, als er weifs, mit welchen Waffen fich die für die

j Bequemlichkeit und Glaubensfchlaffheit der fcholaftifchen

! Theologie engagirten Theologen gegen die Kraft jener
Gedanken zu wehren fuchen. Ich kann aber nicht finden,

I dafs das Richtige, was der Verf. anftrebt — eine Bürgfchaft
für die freie Bewegung der Theologie und für die
innere Gemeinfchaft der Docenten mit der Kirche — durch
die von ihm vorgefchlagene Mafsregel gefördert werden
könne. Der Generalfynodalvorftand wird in feiner Zu-
fammenfetzung in der Regel ein zutreffender Ausdruck
der Strömung fein, welche augenblicklich in den kirchlich
thätigen Kreifen unferes Volkes vorherrfcht. Das

I Recht diefer im Moment vorhergehenden Richtung, wie
fie auch gerade befchaffen fein möge, auf die Gellaltung

l der kirchlichen Verhältnifsc einzuwirken, beftreite ich

; gewifs nicht. Ich verzichte auch darauf die gegenwärtige
Majorität daran zu erinnern, dafs fie darauf aus ift, ihren

j vielleicht ganz anders gerichteten Nachfolgern gefährliche
Waffen zu fchmieden. Auch wenn die gegenwärtig
auf den Synoden herrfchende Richtung, was ich ihr
herzlich gern gönnen will, noch Jahrhunderte lang ihren
Befitzftand behauptete, fo würde ich ihr doch die War-

j nung vorhalten müffen, dafs fie durch jenes Verlangen

] dem Ruin der evangelifchen Kirche zuftrebt. Es ift