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Ausgabe:

1886 Nr. 2

Spalte:

33-34

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bauer, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Gewissheit unseres Christenglaubens 1886

Rezensent:

Thoenes, Karl

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Seite 1

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33 Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 2 34

in die Hand giebt, kann gerade dem evang. Theologen
nicht unintereffant fein.

Schliefslich fei als Curiofum noch erwähnt, dafs trotz
des Umftandes, dafs wiederholt nur das kath. Dogma
als die chriftliche Wahrheit anerkannt wird, doch pro-
teftantifche Männer wie Leibniz, Newton, Kepler, Euler,
Linne u. a. fcheinbar unbefangen als Vertreter der letzteren
gerühmt werden (S. 81 ff.).

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Bauer, Pfr. Wilh., Die Gewissheit unseres Christenglaubens.

Eine gemeinverftändliche Verteidigung des Chriften-
tums. Gotha, F. A. Perthes, 1884. (V, 133 S. gr. 8.)
M. 2. —

Die gemeinverftändliche Vertheidigung des Chriften

Zuftande wirklicher objectiver Gottverlaffenheit heraus
gefprochen (S. 102), die Behauptung, dafs die vorchrift-
liche Sittenlehre nur auf tugendhafte Handlungen, nicht
auch auf tugendhafte Gefinnung Werth gelegt habe (S.
87) — S. 88 fagt der Verfaffer felbft, dafs es auch bei
Juden und Heiden als Pflicht gegolten habe, wenigftens
den Volksgenoffen zu achten und zu lieben — oder endlich
die andere, dafs die Lehre von der Sünderliebe Gottes,
welche der Heiland verkündigt, eine vollkommen neue
Lehre gewefen (S. 86). Auch fcheint der Verfaffer dem
Glauben nicht abgeneigt zu fein, dafs Verftorbene, die
im Grabe keine Ruhe gefunden, wiedergekommen feien
(S. 44).

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Lemme, Prof. Dr. Ludw., Ueber die Pflege der Einbildungs-

th^ms..welche der^Verfaffer giebt, entnält fechs Haupt- j kraft Vortrag. Breslau, Köhler, 1884. (31 S. gr. 8.)

abfchnitte. Der erfte, ,der Kampf gegen das Chriftenthum
überfchrieben, berichtet zuerft ganz kurz über den Kampf,
den das Chriftenthum in den erften Jahrhunderten gegen
Juden und Heiden zu beftehen hatte, fodann aber auch
über den in der Gegenwart von demfelben zu beftehen-
den Kampf, indem nachgewiefen wird, dafs auch für die

M. —. 50.

Ein oft überfehenes, aber fehr wichtiges pädagogi-
fches Thema hat der Verfaffer befprochen, und zwar
nach den zwei Seiten hin, dafs er zuerft beantwortet,
wie die Einbildungskraft in der Erziehung der Jugend

heutigen Gegner die fchon 1 Cor. 1, 23 genannten Motive ; und fodann, wie fie in der Selbfterziehung zu pflegen fei.
noch mafsgebend feien. Im zweiten Abfchnitt werden Was den erften Theil betrifft, fo werden in dem-

die ,auch dem ungeübten Verftande' zugänglichen Be- j felben, nachdem eingangs die Einbildungskraft als repro-
weife für das Dafein Gottes vorgeführt, nämlich 1) der ; duetive und produetive Seelenthätigkeit kurz befchrieben
aus der Allgemeinheit des Glaubens an einen Gott, 2) ! und darauf hingevviefen worden, wie es auf allen geiftigen
der aus dem Dafein der Welt, 3) der aus der Zweck- ; Gebieten eine Leinungsfähigkeit ohne Phantafle nicht
mäfsigkeit dcrfelben, 4) der aus der Gefehichte und 5) der gebe, die drei Fragen beantwortet: I) wie die Phantafie
aus dem Gewiffen. Der dritte Abfchnitt fucht die Un- gefund zu entwickeln, 2) wie fie einzudämmen und 3)
fterblichkeit der Seele zu beweifen, und zwar 1) aus der welcher Stoff ihr zur Nahrung darzubieten fei. Es wird
Allgemeinheit des Unfterblichkeitsglaubens, 2) aus unferm ' gewifs allgemeine Zuftimmung finden, dafs bezüglich der
fittlichen Gefühle und 3) aus der Unmöglichkeit, eine 1 erften Frage der Verfaffer verlangt, dafs der kindlichen
Vernichtung der Seele fleh vorzuftellen. Im vierten wird 1 Faffungskraft keine Ueberftürzung zugemuthet, der kind-
von der Möglichkeit und Wirklichkeit der göttlichen liehe Geift auch in Spielen nicht mit zu vielerlei überOffenbarung
gehandelt und die Wirklichkeit derfelben I fchüttet und im weiblichen Plandarbeitsunterrichte auf
nachgewiefen in der heiligen Schrift, indem auf deren ! eine gewiffe Selbftthätigkeit der Einbildungskraft hinge-
Natürlichkeit und erhabene Einfachheit, das in ihr fich wirkt werde. Ebenfo wird mit Recht auch die zweite
kundgebende Gepräge der Wahrheit, den in ihr wehenden Frage geftellt. Denn die Erfahrung zeigt es oft genug,
göttlichen Geift. die Erfüllung der in ihr enthaltenen wie das Gehenlaffen der Einbildungskraft zu Zerfahren-
Weisfagung und die Momente hingewiefen wird, welche j heit und Urtheilslofigkeit führt. Und wenn der Verfaffer
die Affyriologie und anderes zur Beftätigung des Bibel- hinfichtlich der Nahrung für die Phantafie hinweift auf
inhalts beigebracht haben. Der fünfte Abfchnitt fpricht die Wirkung guter und fchlechter Leetüre, auf den Geift
zuerft vom göttlichen Heilsrathfchluffc, indem derfelbe des Elternhaufes und befonders auf die religiöfe Bildung,
im Wefentlichen übereinftimmend mit der Anfelm'fchen fo wird man auch hierin ihm nur zuftimmen können.
Theorie befchrieben wird, und fodann werden als ge- Im zweiten Theile wird gezeigt, dafs auch der Er-

fchichtliche Verwirklichung desfelben Jefu Leben, Jefu wachfene der Anregung der Phantafie bedürfe und diefe
Lehre, Jefu Wunder, Jefu Leiden und Sterben und Jefu durch Spiele, Unterhaltung, Theater, Leetüre, Reifen
Auferftehung dargeftellt. Der fechfte Abfchnitt endlich u. f. w. empfange. Keines diefer Anregungsmittel fei
befchreibt als den Weg des Heils den Glauben, und ohne Weiteres zu verwerfen, wenn auch, wie z. B. hinzwar
als vertrauensvolle Hingabe.

Will man das Bedürfnifs einer Apologie, wie die
fkizzirte, zugeben — es wird fleh aber fehr fragen, ob
die Kreife, denen fie dienen will, nicht erft durch die
apologetifche Leetüre in allerlei Zweifel hineingebracht
werden, die ihnen fonft und beffer unbekannt geblieben
wären — fo wird man über die Auswahl des Stoffes mit
dem Verfaffer nicht allzufehr rechten wollen. Zwar
fchätzt er die Kraft der Beweife für das Dafein Gottes
und die Unffcrblichkeit der Seele entfehieden zu hoch;
auch fleht man nicht ein, warum der Weg in den Tempel
der chriftlichen Religion durch die fogenannte natürliche
Religion gehen mufs; aber immerhin mögen die Lefer,
welche in's Auge gefafst find, die im zweiten und dritten
Abfchnitt gebotenen Ausführungen gern und auch mit
Nutzen lefen. Was jedoch die Behandlung der ausge

fichtlich des Theaterbefuches, vorflehtig zu verfahren fei.
Im Uebrigen fei es Pflicht des Erwachfenen, feine Einbildungskraft
zu reinigen, befonders von Flcifchesluft,
Augenluft und hoffärtigem Wefen. Hiezu liege die Kraft
im Willen, da nur im Traumleben die Phantafie ungezügelt
walte. Der rechte Inhalt weiter, welcher der Einbildungskraft
zuzuführen fei, fei in rel. Beziehung hauptfächlich
Chriftus und das Jenfeits. — Die Phantafie dürfe
jedoch nicht das ganze Leben beherrfchen, fondern
müffe auch der Arbeit ihren Raum gewähren, weshalb
es z. B. unfittlich fei, den ganzen Tag Romane zu lefen
u. dgl. m. Die Leetüre fei überhaupt auf's Sorgfältigfte
auszuwählen, da es fehr wenige Menfchen gebe, welche
gegenüber allerlei Bildern über ihre Phantafie die wün-
fchenswerthe Herrfchaft befäfsen. Zur Erwerbung der
rechten Beherrfchung der Phantafie feien befonders die
wählten Themen im Einzelnen betrifft, fo mufs manches fogenannten ftillen Stunden geeignet, und wie wichti

ftarke Bedenken erwecken, wie z. B. die fchon erwähnte
Identificirung des Heilsrathfchluffes Gottes mit der Anfelm
'fchen Theorie, die Zurückführung des Seelenkampfes
des Herrn in Gethfcmane auf eine Verfuchung Satans
(S. 99), die Erklärung von Matth. 27, 46 als aus einem

jene fei, gehe auch aus dem Umftande hervor, dafs eine
Reihe krankhafter Stimmungen der Seele und des Leibes
nur in mangelhafter Beherrfchung der Phantafie ihren
Grund habe, wofür auf Shakefpeare's Macbeth hingewiefen
wird. .

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