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Ausgabe:

1886

Spalte:

497-500

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fricke, G.

Titel/Untertitel:

Gottesgrüsse. Predigten. 2. Bd. Gehalten im letzten Kirchenjahre der alten Peterskirche zu Leipzig 1886

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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497

hierüber denken, wie man wolle, immerhin ift es ein zu viel, zumal wenn, was öfter gefchieht, die Bezugnahme
grofser und tiefer Gedanke, den St. Martin ausfpricht, j auf die neue Peterskirche ganz unvorbereitet fich geltend
wenn er fagt: Lunivcrs est une lärme de Dieu. Das ! macht. Der Umftand, dafs der Gemeinde in erfter

Weltall ift eine Thräne Gottes' (S. 85 ff.). — Aehnliche
Dinge fiehe S. 25. 28. 31. 40. 66. —

Dafs aber folcher und ähnlicher Nonfens in innigfter
Verfchmelzung mit dem auftritt, was das Wefen des
Chriftenthums ausmacht, das ift das überaus Bedenkliche
einer derartigen ,Apologie'. Nüchterne und fchärfer
denkende Leute, welche dem Chriftenthume ferne ftehen,
werden fich mit Lächeln abwenden, wirklich heilsbegierige
Seelen mit Trauern; beide werden das Kind mit dem
Bade ausfchütten, weil Kind und Bad ihnen als identifch
dargeftellt werden, noch dazu von einem Autor, der bei
dem beften Willen und überall erkennbarem frommen

Linie die Predigten gewidmet find, kommt infofern in
Betracht, als der Gemeinde die Predigten durch die Per-
fönlichkeit ihres verehrten Predigers, durch feine Eigen-
thümlichkeit in der Behandlung des Textes und in der
Sprache ja befonders werthvoll find, und dafs fie diefe Eigen-
thümlichkeiten in dem gedruckten Wort ungern vermiffen
wird. Gewifs dadurch hat der Herr Verf. fich bewogen
gefunden, eine Reihe von Provinzialismen ftehen zu
laffen (z. B. S. 27. 211: ,fie find uns über'; S. 32: bewältigen
'; S. 60: ,wiegen' ftatt ,wägen'; S. 45: ,aufwah-
ren'; S. 192. 194: /Wahrung' ftatt ,Bewahrung'; S. 113:
,Oftern ift im Gehen'; S. 153: ,verfiegelt und gemäth-

Sinne doch wohl kaum die Dinge geiftig beherrfcht, über j tigt' u. f. w.j, Incorrectheiten des Stils (z. B. dafs das
welche er fchreibt. Der Stil, welcher anfangs auch Verbum in Relativfätzen meiftens vor das Object gefetzt
mäfsigen Anfprüchen nicht genügt, erhebt fich im weite- ! ift) nicht zu entfernen, und wörtliche Wiederholungen
ren Verlaufe des Buches zu angenehmer, flüffiger, theil- j befonders bei Charakterifirungen biblifcher Verhältnifse
weife fchwungvoller Correctheit. aus dem erden Bande nicht zu vermeiden (z. B. über

Marburg. Ach e Iis.

Fricke, Konfift.-R. Prof. Pfr. Dr. G., Gottesgriisse. Predigten
. 2. Bd. Gehalten im letzten Kirchenjahre der
alten Peterskirche zu Leipzig. Leipzig, Lehmann Nachf.,
1885. (VIII, 295 S. gr. 8.) M. 4. —

Der im Jahre 1883 erfchienene erfte Band der ,Got-
tesgrüfse' des Herrn Verfaffers ift in der Th. L.-Z. 1883
Nr. 10 Sp. 234 ff. durch den Referenten angezeigt worden.
Während der erfte Band eine Sammlung von Predigten,
aus mehreren Jahrgängen ausgewählt, uns bietet, enthält
der zweite Band die im letzten Kirchenjahre, d. h. vom

1. Advent 1884 bis zum 2. fächfifchen Bufstage 1885 von ; find die beiden Augen Gottes; S. 146: die Wahrheit und

Judas Ifcharioth S. 9 = I, S. 24; die gleichzeitige Erfchei-
nung des Auferftandenen auf dem Wege nach Emmaus
und in Jerufalem S. 120 = I, S. 52; die Identificirung des
Pfingftgeiftes mit dem kriegerifchen Muthe der Soldaten
im Feldzug 1870/71 S. 155 = I, S. 130 u. f. w.). Vielleicht
ift auch die Beobachtung in diefem Zufammenhange zu
regiftriren, dafs der Herr Verf. das intime Verftändnifs
feiner Hörer im Gebrauche von Bildern, oder auch in
Behauptungen, welche Anderen als fehr gewagt erfcheinen
müffen, zu fehr vorausfetzt, als dafs er diefe einer ein-
fchränkenden oder zurechtftellenden Kritik unterzöge.
Wir haben im Sinne S. 79. 83 die Bezeichnung des Pilatus
als eines .ausgebrannten' Heiden; S. 140: Glaube und
Taufe find die beiden Augen Chrifti; S. 145: Geift und Natur

dem Herrn Verf. gehaltenen Predigten mit Ausnahme
der 19., welche aus der Trinitatiszeit des Jahres 1884
flammt. Beide Bände find der Petrigemeinde in Leipzig

Innerlichkeit der Natur ift Gottes Geift felbft, denn (S. 188)
die Natur ift .geronnener' Geift; S. 175: Jede Mutter ift
eine Monika'; S. 182: ,im Manne fei das Weibliche und

gewidmet, der zweite ,zum Tage der Einweihung ihrer , Kindliche das, woran der Herr anknüpfe'; S. 245: .Nieneuen
Peterskirche am 27. December 1885'. Es verfteht | mand kann herausfpringen aus feiner Seele, fo kann
fich von felbft, dafs der hochverdiente Herr Verf. fich | auch niemand herausfpringen aus Gott; denn der Allge-
in feiner Predigtweife gleich geblieben ift, und es ift ; genwärtige ift die Seele feiner Seele'; S. 280 ff. mehrere
keine Frage, dafs die neue Gabe fich derfelben Aufnahme [ Male: .Geld ift Geift'. Es ift unverkennbar, dafs in der
wird zu erfreuen haben, wie fie der älteren zu Theil ge- oft berührten Verhältnifsbeftimmung zwifchen Gott und
worden ift. Indem Referent hinfichtlich der mehr allge- Natur unter Vernachläffigung des ethifchen Gefichts-
meinen Charakteriftik auf die Befprechung des erften punktes ein pantheifirender Zug waltet, der es fertig
Bandes verweift, erlaubt er fich hier nur das zu notiren, bringt (S. 107), den Kreuzestod Jefu auf Golgatha
was das mehr Eigenthümliche des zweiten Bandes aus- und die Entftehung der Naturwiffenfchaft in Caufal-
macht. zufammenhang zu fetzen, und dem, welchem der Sinn

Zwei Gefichtspunkte find bei der Beurtheilung vor- für die Natur fehle, auch den Sinn zur Erkenntnifs Got-
liegender Sammlung feftzuhalten, ein perfönlicher und j tes abzufprechen. Unter anderen auffallenden und ohne
ein localer. Der perfönliche Gefichtspunkt ift der, ; eingehende Erklärung nicht unbedenklichen Paradoxien
dafs der Herr Verf. in dem betreffenden Jahre von einem j fei der S. 65 und S. 107 gelehrte Satz herausgehoben,
doppelten tief einfehneidenden Schmerze getroffen wurde; dafs unfer ganzes Leben ein ftell vertretendes Leiden
die 19. und 20. Predigt, über die Tochter des Jairus und und Lieben fei; unter den eigentlich dogmatifchen Cu-

über den Jüngling von Nain, geben davon Kunde. Ge
danken über den Tod und die Chriftenhoffnung bei dem
Sterben der Unferigen durchklingen mit ernftem Ton

riofitäten die Uebertreibung des Nothfatzes Luther's
von dem Glauben der neugeborenen Kinder nicht nur
zu der Invective, die Bezweiflung desfelben fei Selbft-

manche der Predigten; und wir irren wohl nicht, wenn , täufchung (?) und Thorheit, fondern auch zu der Be
wir den Zug der Müdigkeit, welcher befonders in der ! hauptung, der ungeborene Fmbryo empfinde bereits die
erften Hälfte der dargebotenen Predigten bemerkbar ift, ; Seligkeit der Religion der Liebe und oft inniger und
aus der Gemüthslage des Herrn Verf.'s erklären. Der | dankbarer als wir (S. 139). Woher der Herr Verf. dies
locale Gefichtspunkt wird beachten müffen, dafs die 1 weifs, wird uns nicht mitgetheilt.

Predigten nicht nur im letzten Kirchenjahre der alten Der Herr Verf. legt in dem Vorwort auch diefes

Peterskirche zu Leipzig' behalten, fondern auch der Ge- zweiten Bandes(S. V und VI) wie in dem des erften (S. VI)
meinde zur Erinnerung an diefe Zeit dargebracht find. Werth darauf, dafs die .Einleitungen' ein .vollkommener
Der erftgenannte Umftand bringt es mit fich, dafs die Zeitfpiegel' feien, den kein Prediger beifeite laffen dürfe

Gemeinde fall in jeder Predigt an den Neubau der
Peterskirche theils durch Befchreibung des fchönen
Schmucks derfelben, theils durch Belebung des mild-
thätigen Eifers zur Befchaffung diefes Schmucks, theils
durch Ermahnung, in den Spenden nicht müde zu werden

Bei weitem weniger als im erften Bande finden wir in
diefem zweiten der Forderung genügt, — wir geliehen,
nicht zum Schaden der Predigten. Denn wo fich ein derartiger
Zeitfpiegel findet, leidet die Einheitlichkeit der
Predigt fchweren Schaden und nur durch Gewaltmafs-

erinnert wird, für den Fernerftehenden allerdings etwas regeln vermag der Herr Verf. von der Darlegung der