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Ausgabe:

1886 Nr. 21

Spalte:

483-485

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holsten, C.

Titel/Untertitel:

Die synoptischen evangelien nach der form ihres inhaltes. Für das studium der synoptischen frage dargestellt und erläutert 1886

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 21.

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von ihm benützten Fiorilegien und Catenen. Uer Mehrzahl
nach find es allerdings folche, die fchon feit längerer
oder kürzerer Zeit gedruckt vorliegen. Aber die darin
enthaltenen Philo-Fragmente find bisher theils ganz un-
berückfichtigt geblieben, theils zwar zufammengeftellt
worden, aber ohne dafs genügend unterfucht worden
wäre, ob fie aus einer der uns erhaltenen Schriften Philo's
flammen oder nicht, und im erfteren Falle, wo fie ftehen.
Eben diefe Unterfuchungen und Nachweife bilden
nun den Haupt-Inhalt von Harris Publi-
cation. Es ift ihm gelungen, eine grofse Zahl der
Fragmente in den erhaltenen Schriften nachzuwcifen.
Wenn man bedenkt, welchen Umfang Philo's Werke
haben, und dafs die meiften Fragmente nur unter Philo's
Namen ohne irgend welchen näheren Fingerzeig citirt
werden, fo wird man ermeffen können, welche Riefenarbeit
in Harris' Publication fleckt. Vieles bleibt trotzdem
unerledigt, mag es nun wirklich aus verlorenen
Schriften Philo's flammen, oder mag fein Fundort auch
dem Fleifs und der Aufmerkfamkeit des Verfaffers entgangen
fein. Am wichtigften, fowohl hinfichtlich
des Umfanges als hinfichtlich des praktifchen
Werthes für die Philoforfchung, ift die Sammlung
der Fragmente der Qtiaestiones et solutioncs
zur Genefis und zum Exodus. Diefc wichtigen und
umfangreichen Schriften (Commentare zu Genefis und
Exodus in Form von Fragen und Antworten) find bekanntlich
erft durch Aucher armenifch (mit lateinifcher
Ueberfetzung) herausgegeben worden. Eür die Sammlung
der griechifchen Eragmente hat aber Aucher fo gut
wie nichts gethan. Es ift das Verdienft von Harris, die
zahlreichen griechifchen Fragmente gefammelt und iden-
tificirt zu haben. Er giebt fie in derjenigen Reihenfolge,
welche fich aus dem armenifchen Texte ergiebt, unter
Gegenüberflellung der lateinifchen Ueberfetzung Aucher's
(Harris S. 11—75). Wer alfo jetzt diefe philonifchen
Schriften nach AuCher's Ausgabe benützen will, hat zugleich
eine bequeme Zufammenftellung der griechifchen
Fragmente. Nur zwei Bemerkungen möchte ich mir dazu
noch erlauben. Ob Philo auch Qtiaestiones et solutioncs
zum Leviticus gefchrieben hat, fcheint mir trotz des
bei Harris S. 75 mitgetheilten Citates zweifelhaft, vergl.
meine Gefch. des jüdifchen Volkes II, 837. Das Fragment
über die Cherubim aus cod. Vaticanus 37g ift nicht,
wie Harris S. 64 meint, und freilich auch Grofsmann und
Tifchendorf glaubten, zuerft von Grofsmann 1856
herausgegeben worden, fondern bereits gedruckt bei Mai,
Classicoruui auctontni ton/. IV (1831) p. 430—441.

Giefsen. E. Schürer.

Holsten, C, Die synoptischen evangelien nach der form
ihres inhaltes. Für das ftudium der fynoptifchen frage
dargeftellt und erläutert. Heidelberg, K. Groos, 1886.
(VIII, 213 S. gr. 8.) M. 4. -

Der anfpruchslofe Titel läfst kaum vermuthen, was
das Buch bietet: eine eindringende und im Wefentlichen
erfchöpfende Unterfuchung des Verwandtfchaftsverhält-
nifses der fynoptifchen Evangelien. Allerdings verzichtet
der Verfaffer darauf, fich mit abweichenden Auffaffungen
auseinander zu fetzen. Er giebt in der Hauptfache nur
feine eigene Anfchauung; diefe aber mit fo eingehender
Begründung, dafs fein Buch den Werth einer kritifchen
Monographie über däs fynoptifche Problem überhaupt
hat.

Das Refultat, welches er ,an einer Fülle von einzelnen
Thatfachen' bewiefen zu haben glaubt, ift dies:
,dafs die Darftellung des kanonifchen M arcus eine Umformung
ift der Darftellung des kanonifchen Matthäus,
die Darfteilung des kanonifchen Lukas eine Umformung
des kanonifchen Marcus und Matthäus' (S. 150). Der
Weg, auf welchem der Verf. diefes Refultat gewinnt,

ift der einer minutiöfen Detailvergleichung der fynoptifchen
Texte. Jn drei parallelen Columnen giebt er eine
fehr eingehende, zuweilen Vers für Vers fortfehreitende
Inhaltsüberficht jedes der fynoptifchen Evangelien für
fich. Eine vierte Columne ift den Erläuterungen gewidmet
. Die Inhaltsüberficht, welche faft drei Viertel
des Buches einnimmt (S. 2—149), ift fo geordnet, dafs
bei keinem Evangeliften die Reihenfolge der Stücke geändert
ift, dabei aber doch die parallelen Stücke mög-
lichft neben einander geftellt find. Infolge deffen bleiben
z. B. neben Luc. 9, 51—18, 14 die Columnen des Matthäus
und Marcus vollftändig leer. In den erläuternden Bemerkungen
wird Schritt für Schritt gezeigt, aus welchen
Motiven und Gefichtspunkten je der fpätere Evangelift
die Darftellung feines Vorgängers ,umgeformt' hat. Ein
Schlufsabfchnitt (S. 150—213) fafst die Ergebnifse zu-
fammen. Diefelben find näher folgende.

Das ältefte der uns erhaltenen Evangelien ift unfer
kanonifcher Matthäus. Er ift zwar auch nicht das Ur-
evangelium, fondern eine im judaiftifch-gefetzlichen, anti-
paulinifchen Intereffe unternommene Bearbeitung des
älteften Evangeliums, deffen Richtung nach Höhten die
,petrinifche' d. h. naiv-judenchriftliche war. Von diefem
älteften Evangelium aber haben wir keine genauere Kunde
mehr. Für uns ift der ,judaiftifche' Matthäus der ältefte
Evangelift. Auf ihm, und auf ihm allein, fufst zunächfl
unfer kanonifcher Marcus, ein echter ,Pauliner', der den
Matthäus aus einem doppelten Motive umgeformt hat,
theils ,auf Grund dogmatifchcr Erwägungen eines Pauliners
', theils ,auf Grund verftändiger Erwägung eines
denkenden Mannes' (S. 204 Anm.). Er will theils den
heidenchriftlich-paulinifchen Standpunkt als den durch
Jefum felbft vertretenen erweifen und bildet zu diefem
Zweck die judaiftifche Darftellung des Matthäus um;
theils will er auch die fchriftftellerifchen Mängel des
Matthäus befeitigen, indem er die Darftellung im Einzelnen
und Ganzen anfehaulicher, deutlicher, verständlicher
gehaltet. Aus diefen beiden Motiven glaubt Hohlen
alle Umformungen, welche Marcus mit dem Matthäustexte
vorgenommen hat, auch die Aenderungen in der
Reihenfolge, erklären zu können, fo dafs, um den Marcustext
zu begreifen, keine andere literarifche Vorlage als
unfer Matthäus angenommen zu werden braucht, und
alle Abweichungen des Marcus von Matthäus
als bewufste Umbildungen des M atthäustextes
zu begreifen find. — Ganz in demfelbcn Verhältnifs, in
welchem Marcus zu Matthäus fleht, fleht Lucas zu diefen
beiden, nur dafs Lucas nicht ein echter Paulincr, fondern
ein Unionspauliner ift, und als Vorlage nicht blofs den
Matthäus, fondern jene beiden Evangelien gehabt hat.
Er hat ,eine Verfchmelzung des Matthäus- und Marcusevangeliums
in der Weife vollzogen, dafs er in die Dar-
ftellungsform des Marcus, die er feiner Arbeit zu Grunde
legte, Abfchnitte und Gedankenreihen wieder aufnahm,
welche der Pauliner mit Bewufstfein aus dem judenchrift-
lichen Evangelium ausgefondert hatte' (S. 207). Unter
diefem Gefichtspunkte ift auch der ganze Abfchnitt Luc.
9, 51 — 18, 14 zu beurtheilen. ,Man wird dem Schluffe
nicht ausweichen können, dafs Lucas unfern kanonifchen
Matthäus mit unferm kanonifchen Marcus auf das aller-
genaueftc verglichen habe, um diejenigen Stücke, ja
Verfe, ja Halbverfe, d. h. alle die einzelnen Gedanken
herauszufinden und hier [in dem fogenannten Reifeberichte
] zu verarbeiten, die Marcus in des Matthäus Darfteilung
der galiläifchen und jerufalemifchen Wirkfamkeit
ausgefchieden hatte'(S. 58). Andere literarifche Quellen
als unfere beiden erften kanonifchen Evangelien find alfo
für Lucas nicht, oder nur in ganz befchränktem Umfange
anzunehmen. Sein Evangelium giebt im Grofsen und
Ganzen diefelben Stoffe wie Matthäus und Marcus. ,Es
zeigt in der Ordnung diefer Stoffe faft ganz und in fehr
eigenthümlichen und entfeheidenden Stellen an die Ordnung
des kanonifchen Marcus fich gebunden; es wieder-