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Ausgabe:

1886 Nr. 20

Spalte:

467-468

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Missionsmethoden im Zeitalter der Apostel 1886

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Seite 1

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467

Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 20.

468

1869) und Bernhard Weifs. Nur der letztere hat aber
die allegorifirende Auslegung principiell und entfchieden
verlaffen. Auch die befferen neueren Exegeten find nicht
weiter gekommen, als die Allegorifirung auf die Hauptfachen
zu befchränken. Das gilt namentlich auch von
Göbel (Die Parabeln Jefu 1879—8oj, der zwar die alle-
gorifche Auslegung bekämpft, aber doch felbft noch
darin neckt, und fich den richtigen Weg fchon dadurch
verfperrt hat, dafs er mit wahrem Pathos alle Quellenkritik
ablehnt.

Wie der Verfaffer fich feine Aufgabe ftellt, ift nach
dem Obigen von felbft deutlich. Die trefflichen Ausführungen
des allgemeinen Theiles laffen auch für die
Einzelerklärung das Befte erwarten. Für diefelbe möchten
wir — wenn es nicht fchon zu fpät ift — nur noch
den einen Wunfeh ausfprechen, dafs der Verfaffer fich
beftreben möchte, möglichft kurz zu fein. So gerne man
auch feine lehrreichen Ausführungen lieft, fo kann ich
doch die Bemerkung nicht unterdrücken, dafs meines
Erachtens auf der Hälfte des Raumes fich ganz dasfelbe
hätte fagen laffen.

Giefsen. E. Schürer.

Zahn, Thdr., Missionsmethoden im Zeitalter der Apostel.

Zwei Vorträge, im akademifchen Miffionsverein zu
Erlangen gehalten. Erlangen, Deichert, 1886. (48 S.
gr. 8.) M. —. 80.

In Form eines einheitlichen Auffatzes hat Zahn hier
zwei Vorträge publicirt, welche in leicht fafslicher Dar-
ftcllung die Wege zeichnen follen, auf denen die Lehre
Jefu im Zeitalter der werdenden Chriftenheit zu den
Völkern gelangt ift. Nicht ohne Hinblick auf die gegenwärtige
Lage der Miffion ift es dem Verfaffer darum zu
thun, zu zeigen, dafs das Miffionswerk ganze Chriften
erfordert, ,die Vereinigung der fittlichen Fähigkeiten,
wodurch überall der Glaube in erfolgreiche That fich
umfetzt'. Eine folche Vereinigung fcheint ihm in dem
Worte Jefu, das er an feine Apoftel richtete: ,Seid klug
wie die Schlangen, und ohne Falfch wie die Tauben',
ausgefprochen zu fein.

Diefes Wort liegt den Ausführungen der Vorträge
als Schema zu Grunde. Zahn kennt drei Miffionsmethoden
im Zeitalter der Apoftel: Die erfte ift die der Taubeneinfalt
, zumeift betrieben von den Sendlingen der jeru-
falemifchen Gemeinde, die ohne grofse Ueberlegung
,thaten, was fie nicht laffen konnten', und von denen,
welche gröfsere Gemeinden, wie etwa die zu Rom, gegründet
haben, ohne dafs wir ihre Namen kennten. Die
zweite ift die der fog. Judaiften, welchen die Arglift der
Schlange innewohnte. Paulus endlich hat der Forderung
Jefu ganz entfprochen: ,er ift der Miffionar ohne Gleichen
vor Allem dadurch geworden, dafs Taubeneinfalt
und Schlangenklugheit in ihm zu einheitlicher Wirkung
fich vereinigten'.

Es ift immer mifslich, den Gang der Gefchichte nach
dem vorgefafsten Schema von Thefe, Antithefe und Syn-
thefe beurtheilen zu wollen. Solche reinliche Scheidungen
kommen nun einmal nicht vor. Doppelt mifslich aber,
wenn, wie im vorliegenden Fall, die Rechnung überhaupt
nicht aufgeht. Zahn hat feinem Schema zu Liebe bei den
Miffionaren der erftbezeichneten Art fo fehr die Unab-
fichtlichkeit und Einfalt, bei den Judaiften fo fehr die
Arglift und Bosheit hervorgehoben, dafs man fich unwillkürlich
fragen mufs: was kann aus Einfalt und Bosheit
Gutes kommen? Und doch: Taubeneinfalt und Schlangenklugheit
haben fich in Paulus zu einheitlicher Wirkung
vereinigt. Um diefe Synthefe zu rechtfertigen, hätte der
Verfaffer Thefe und Antithefe anders zeichnen müffen.

Wenden wir uns zu den einzelnen Abfchnitten, fo
hat der erfte, der die Schilderung der erftgenannten
Miffionsmethode enthält, am meiften unter des Verf.'s
Theorie gelitten. Es handelt fich hier hauptfächlich um
die Miffionsnachrichten, die uns in den erften 11 Capiteln
der Apoftelgefchichte vorliegen. Zahn will hier das Wirken
der Urapoftel in Jerufalem nicht nur, fondern auch
die erften Miffionen in Judäa nicht unter dem Gefichts-
punkt begreifen, dafs fie das Werk menfehlicher Ueberlegung
, planvoller Erfüllung der Miffionspflicht gevvefen
find. Haben doch die eigentlich ,berufenen Miffionare',
die Apoftel, Jerufalem zunächft gar nicht verlaffen, fondern
durch die Verfolgung von acta 6 verfprengte Gemeindeglieder
waren es, welche es nicht laffen konnten,
als Evangeliften in den Ortfchaften Judäas und Samarias
ihren Glauben zu bezeugen. ,Die gewagteften Schritte,
der Uebergang der Predigt von den Juden zu den nur
halbjüdifchen Samaritern, die erfte Taufe eines zum
Judenthum hinneigenden Heiden aus fernem Lande, find
damals blindlings gethan worden und zwar von Solchen,
j welche keinen perfönlichen Auftrag zur Miffion hatten'.
| Aber follte denn Philippus in Samarien nicht als be-
[ wufster Miffionar, der die gleiche Berufung fühlte zu
feinem Wirken wie die Apoftel in Jerufalem, und mit
planvoller Ueberlegung gepredigt haben? Und wird er
einem Gegner, wie Simon Magus, gegenüber nicht auch
etwas Schlangenklugheit nöthig gehabt haben? Und
warum füllten ,Leute ohne Namen in der Gefchichte'
; fich nicht berufen gefühlt haben, den ,verantwortungs-
! vollen Schritt' zu thun, in Antiochien das Elvangelium
zu verkündigen? Hier wirkt ohne Zweifel eine dogma-
tifche Theorie, welche fchon für die Urzeit in Jerufalem
ein Collegium der Zwölfapoftel einfetzt, welches fo zu
fagen in allen Dingen zur Oberaufficht berufen ift und
| ohne deffen Autorifation alfo auch die Miffion nur als
1 unbewufstes Treiben gilt. Gewiffe Stellen in der Apoftelgefchichte
zeigen uns diefe Theorie bereits im Werden —
fo Cap. 8 das Verfahren der Apoftel bei des Philippus
Miffion in Samarien — andere aber — und gerade der
Bericht über die Gründung der antiochenifchen Gemeinde
gehört dazu — verrathen keine Spur davon. So lange
1 man unter den verfchiedenen Ueberlieferungsfchichten,
welche die Apoftelgefchichte zeigt, nicht gehörig zu
fcheiden vermag, ift freilich eine Discuffion hierüber
vergeblich.

Sehr gut lieft fich dagegen im zweiten Abfchnitt die
Schilderung der judaiftifchen Miffion. Zahn hat hier mit
Recht befonders betont, dafs das Treiben diefer Judaiften,
wie es uns befonders aus den Briefen des Paulus bekannt
ift, viel mehr, als zu gefchehen pflegt, unter dem Gcfichts-
punkt der Miffion gewürdigt fein will. Paulus zwar ficht
in feinen Gegnern nur ,unechte Chriften'; fie felbft aber
hielten fich für Vertreter des urfprünglichen Evangeliums
und fahen in Paulus den Verftümmler desfelben.

Gleich vortrefflich ift der dritte Abfchnitt, in welchem
befonders die confervativen Elemente im Miffionswirken
des Paulus gut hervorgehoben werden. Der Verfaffer
verfolgt den Paulus in feinem Lebenswerke, das er mit
lebhaften und treuen Farben fchildert: er tritt zuletzt
mit Nachdruck für die Hypothefe ein, dafs Paulus in

S Spanien gewefen fein möchte, eine Frage, die fich bekanntlich
des Mangels an Nachrichten wegen nicht ficher

j entfeheiden läfst. Die Gründe, die Zahn anführt, ent-
fpringen mehr dem Wunfche, dafs der Apoftel fein Ziel
erreicht haben möge, als hiftorifcher Betrachtung.

Befonders diefer beiden letzten Abfchnitte wegen ift
die Leetüre der Vorträge vor Allem den Gebildeten unter
den Laien warm zu empfehlen.

Giefsen. Guftav Krüger.