Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1886 Nr. 2

Spalte:

27-28

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weigelt, Carl

Titel/Untertitel:

Aus dem Leben der Kirche in der Geschichte ihrer Lieder 1886

Rezensent:

Kolde, A.

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

-7

Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 2.

2 8

fowie der preufsifchen Akademie für ihre Unterftützung
des fchönen Werkes hiermit der gebührende Dank aus-
gefprochen.

Tübingen. A. Socin.

Weigelt, Confifi-R. Carl, Aus dem Leben der Kirche in der
Geschichte ihrer Lieder. Ein Beitrag zur fchlefifchen

Kirchengefchichte. Breslau, Korn, 1885. (VII, 160 S. j lang.auchdieBreslauerhielten an ihren verwäffcrtenLiedern

Zeilen lefen. Jedenfalls aber i(t der eigentliche, von dem
Verfaffer m. E. nicht genügend gewürdigte Grund der
an einzelnen Orten geradezu horrenden und völlig ungerechtfertigten
Erbitterung gegen das erft genannte
Buch der gewefen, dafs die Kirchenbehörde zuerft die Wahl
der verbefferten Gefangbücher freigeftellt hatte, dann aber
auf einmal diefes Kirchen- und Hausgefangbuch als Pro-
vinzialgefangbuch einführen wollte. Diefer Verfuch mifs-

gr. 8.) M. 3. -

Wer die Gefchichte der evangelifchen Kirche in
Schlehen kennt, weifs, dafs he grofsentheils eine Gefchichte
des Kampfes um den evangel. Glauben war
und von unfäglicher äufserer und innerer Bedrückung
zu berichten hat. Die Bekenntnifslieder waren dem fanges-
luftigen Schleher in folchen Zeiten der Anfechtung von
befonderem Troft. Daher feine Zähigkeit im Fefthalten

der fo oft gefungenen Kirchenlieder, daher überhaupt j preifen, fondern he freut hch auch des Fortbeftehens
die grofse Bedeutung, welche das Gefangbuch für den ' der früheren guten Gefangbücher, ja felbft des alten

aus Oppohtion gegen jenes in feinem erften Entwurf allerdings
fehr wenig verlockende Buch feft. Nun wollte
man mit allen diefen traurigen Gefchichten tabula rasa
machen. So kam es zu dem neueftcn Provinzialgefang-
buch, welches zwar von 257 Gemeinden Behtz ergriffen
hat, aber doch eigentlich kein folches ift; denn, wie die
Schlufsausführungen des Verf.'s erkennen laffen, ift die
Kirchenbehörde weit davon entfernt, diefe neuefte Bearbeitung
irgendwie noch weiter den Gemeinden anzu-

Bewohner diefer Provinz ftets gehabt hat. Und wenn
nun zugegeben werden mufs, dafs die Gefangbuchs-
gefchichte bei der Beurtheilung des kirchlichen Lebens
ftets fehr in Betracht kommt, fo ift es in hohem Grade
dankenswerth, dafs der Verf. vorliegenden Buches auf
Grund der ihm zu Gebote flehenden Acten eine folche
Gefchichte Schlefiens geliefert und fo eine Reihe von
Vorgängen, welche für das Leben der Kirche von charak-
teriftifcher Bedeutung find, auch weiteren Kreifen vermittelt
hat.

Hätten alle in Schlehen im Gebrauch befindlichen
Gefangbücher befprochen werden follen, fo wäre ein
mehrbändiges Werk das Refultat gewefen; denn noch
im Jahre 1841 fang man in diefer Provinz aus 70 Gefangbüchern
. Der Verf. begnügt hch daher, nachdem er
aus dem Leben D. Burg's viele hoch intereffante Einzelheiten
erzählt und über die Anfänge evangelifcher Gefangbücher
berichtet hat, die Gefchichte des noch heute
in 99 Gemeinden gebräuchlichen Burg'fchen oder, wie
er nachweift, eigentlich Korn'fchen, dann die des neuen
Breslauer oder Gerhard'fchen Gefangbuches in extenso
zu geben, während er das Mylius'fche und das neuefte
Jauer'fche, welches letztere ,auf feinem ftillen Friedenswege
in 60 Kirchen Eingang gefunden hat', nur vorübergehend
ftreift. Schon in die Gegenwart herein reicht
die Herausgabe des ,Kirchen- und Hausgefangbuches'
und des ,Gefangbuches für evangelifche Gemeinden Schlefiens
', deren bisherige Gefchichte das uns vorliegende
werthvolle Buch abfchliefst.

Es lag nahe, ja war bis zu einem gewiffen Grade
nothwendig, dafs die kirchliche Lage der evangelifchen
Schleuer in ihrer Drangfalszeit gefchildert wurde, um in
verftändlicher Weife die Gefangbuchsgefchichte in ihren
einzelnen Entwicklungsftadien geben zu können. Manchmal
freilich will es uns Rheinen, als fei der Verf. von
dem eigentlichen Ziele, das er fich gedeckt, abgefchweift,
um Details zu berichten, die ihm perfönlich befonders
lieb find. Ich weife z. B. auf das hin, was über die
Noth der Schweidnitzer Gemeinde im 17. Jahrhundert
gefagt wird. Zuweilen wird auch ein fchon zum Ab-
fchlufs gebrachter Faden in für den Lefer überrafchender
Weife wieder aufgenommen, wie auf S. 34 f., wohl um
einige noch heute in hohem Anfehen flehende Familien,
namentlich die gräflich Hochberg'fche auf Fürftenftein,
gebührend hervorzuheben. Auch durfte wohl auf die

Burg'fchen, welches, wie oben erwähnt, noch heute in
vielen Gemeinden feit 140 Jahren unverändert dem Lobe
Gottes dient.

Charakteriftifch für die damaligen Verhältnifse Breslaus
und befonders intereffant im Vergleich mit den gegenwärtigen
ift (S. 76) der Nachweis, dafs der erfte Entwurf
des neuen Bresi. Gefangbuches, welches das Burg'fche
am Ausgang des vorigen Jahrhunderts verdrängte, der
Börfe (!) zur Begutachtung zuging.

Der Verf. möge endlich noch die Bemerkung getrabten
, dafs nicht Zinzendorf (vgl. S. 20), fondern Adam
Drefe der Dichter des Liedes ,Seelenbräutigam, Jefu,
Gotteslamm' ift.

Liffa, Kr. Görlitz. A. Kolde.

Rothe's, Dr. Rieh., Gesammelte Vorträge und Abhandlungen

aus feinen letzten Lebensjahren. Eingeleitet von Dr.
Friedr. Nippold. Elberfeld, Friderichs, 1886. (XVI
208 S. gr. 8.) M. 4. —

Diefe Sammlung von Vorträgen und Abhandlungen
aus Rothe's letzten Lebensjahren darf nicht nur aus
Gründen der Pietät, fondern auch im Intereffe der Sache
willkommen geheifsen werden. Was Rothe vor vielen
feiner Zeitgenoffen auszeichnete, war, dafs er in feltenem
Mafse drei Eigenfchaften in fleh vereinigte: wiffenfehaft-
liche Klarheit, kirchliche Freiheit und perfönliche Frömmigkeit
. Eben durch die Verbindung diefer oft nur getrennt
vorhandenen Eigenfchaften hat er auch eine folche
Anziehungskraft auf die ftudirende Jugend ausgeübt, die
an feiner Perfon vor allem das eine lernen konnte, dafs
jene Güter nicht im Widerftreit mit einander flehen, dafs
man das eine haben könne, ohne darüber die anderen
zu verlieren.

Auch in den vorliegenden Abhandlungen und Vorträgen
treten diefe Vorzüge feiner Individualität überall
zu Tage. Sie find vorwiegend kirchenpolitifchen Inhalts
und gehören fämmtlich der letzten Lebensperiode Rothe's
an, in welcher er fich rückhaltlos der liberalen badifchen
Kirchenpolitik angefchloffen hat. Man braucht letztere
nicht in ihren Einzelheiten zu billigen und wird doch
den von Rothe ausgefprochenen Grundfätzen feine Zu-
flimmung nicht verfagen können. Ueberall tritt uns hier
ein fröhlicher, felbftgewiffer evangelifcher Glaubensmuth
Bearbeitung des Kirchen- und Hausgefangbuches nicht i entgegen, der weifs, dafs Freiheit der Bewegung auch

zuerft eingegangen und dann erft von dem neueften auf religiöfem Gebiete nicht nur im Intereffe der Wiffen
Jauer'fchen gefprochen werden; denn thatfächlich hat | fchaft, fondern ebenfo auch im Intereffe des Chriften-

letzteres der Zeit nach die Priorität.

Ein befonders fchwieriges Capitel war für den Verf.
der Bericht über die beiden letzten Gefangbücher, das
Kirchen- und Hausgefangbuch und das jetzt fo genannte
,Provinzialgefangbuch'. Man mufs da Vieles zwifchen den

thums und der Kirche felbft nothwendig ift. Denn alle
kirchlichen Lehrfätze find nur Verfuche, den Inhalt
des chriftlichen Glaubens uns deutlich und verftändlich
zu machen. Das Verlangen, dafs folche Verfuche aus
vergangener Zeit für immer ein I.chrgefetz bleiben