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Ausgabe:

1886

Spalte:

433-436

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gardthausen, V.

Titel/Untertitel:

Catalogus codicum graecorum Sinaiticorum. Oxonii, e typographeo Clarendoniano, 1886 1886

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 19.

18. September 1886.

11. Jahrgang.

Gardthaufen, Catalogus codd. graecorum

Sinaiticorum (A. Harnack).
Funk, Lehrbuch der Kirchengefchichte (Loofs).

Le Blant, Les sarcophages chreftiens de la
Gaule (Pohl).

Gothein, Die Culturentwicklung Süd-Italiens

(Holtzmann).
Röschen, Die Zauberei und ihre Bekämpfung

(Achelis).

Müller-Guttenbrunn, Die Lektüre des Volkes
(Rade).

Falkenberg, Gefchichte der neueren Phrlo-

fophie (Siebeck).
Historia Hungarorum ecclesiastica, Ankündigung

und Aufruf von Rauwenhoff.

Gardthausen. V., Catalogus codicum graecorum Sinaiticorum
. Oxonii, e typographeo Clarendoniano, 1886. (XI,
295 S. m. 6 Taf. gr. 8.) geb.
Der verdorbene Profeffor der Jurisprudenz, Dr. Albrecht
, in Leipzig, einer der Göttinger Sieben, hat der
Univerfität ein grofses Capital teftamentarifch hinterlaffen,
deffen Zinfen zum Theil dazu beffimmt find, Leipziger
Docenten für wiffenfchaftliche Reifen zu unterftützen.
In jedem Jahre werden mehrere Gelehrte ausgefandt —
auch dem Unterzeichneten ift es einft durch die ,A1-
brechtftiftung' ermöglicht worden, in Unteritalien nach
griechifchen Handfchriftcn zu fuchen —, und diefen
Reifen haben erfreuliche Ergebnifse nicht gefehlt. Profeffor
Gardthaufen, bekannt durch feine ,Griechifche
Paläographie', ift im Winter 1880,81 von der Leipziger
Univerfität abgefandt worden, um die Bibliotheken Aegyptens
und des Sinai zu unterfuchen. Eine Frucht diefer
Reife ift der vorftehende Katalog, der in der ,Clarendon

handen gewefen zu fein. Verfaffer fährt fort: ^Praeter
hos Codices graecos quos a me visos ipse manibus evolve-
raiu nullos omnino alios exstarc, omni adseveratione mo-
nachi adfirmabant. Atque in Iiis acquiescendum erat, cum
facultas rem diligentius persecutandi mihi prorsus deesset.
Itaque verbis illorum confisus in patriam reversus sum.
Nikilominus mox intellexi in catalogo meo lacunas resiare
nonnullas, quibus implendis nec meae notae sufßcerent nec
Kondakovii, qui post me codd. Sinaiticos examinavit.
Cf. eins tibrum inscriptum: ,keife auf den Sinai i. J. 1881',
Odefla 1882 [ruff.], cum notis Henrici Omont, Bibl. de
l'Ecole des chartes t. 43 1882: Voyage au Sinai en fannee
1881. Impressions de voyage. Les antiquites du monastere
du Sinai par N. Kandakojf [sie] (En russe). Odessa,
1882 etc. jfam cum caussam non perspicerem qua adduci
potuissent monachi ut certos quosdam codd. neque mihi
neque Kondakovio monstrarent, ipsum arcliicpiscopum adivi,
ad quem semel iterumque litteras neograece scriptas misi
quae quin in manus aechiepiscopi pervencrint nullus

Press (üxford; mit bekannter Eleganz gedruckt ift. : dubito. Neque tarnen usque ad hunc dient responsum est.

Gardthaufen hat zuerft einen Katalog der Bibliothek des
alexandrinifchen Patriarchen in Cairo verfafst, von dem
er p. 257 sq. ein Spici/egium veröffentlicht hat (f. auch
p. 262 sq. das Spici/egium Patmiacum), und ift dann auf
den Sinai gegangen (über diefe Reife vgl. feinen Bericht
in der Ztfchr. ,1m Neuen Reich' 1881 Nr. 4. 20. 28).
Dafs die Bücher im Sinaiklofter nicht in den beften

Quae cum ita sint, catalogum, quamvis ab hac parte im-
perfectum ulterius retinendum non censui'.

Wenn die Mönche den Forfchern Handfchriften vorenthalten
, fo darf man vermuthen, dafs die vorenthaltenen
nicht die fchlechteften find. Dafs fie ängftlich find,
kann man ihnen nach der Erfahrung, die fie mit der be-
rühmteften Handfchrift — der jetzt in Petersburg (und

Händen find und gewefen find, konnte man fchon defs- j Leipzig) befindlichen Bibelhandfchrift — gemacht haben,

halb vermuthen, weil in vielen anderen Bibliotheken fich
Handfchriften finden, die einft dem Sinaiklofter gehört
haben. Allein was Gardthaufen darüber berichtet, ift
höchft niederfchlagend: ,Bib/iothcca non caret codieibus,
sed Codices bibliotlieca. Pauci enim in Archiepiscopi the-
saurum relati sunt. Multo plures eidemque optimi in sa-
cello Deiparac latent cistis atque arcis absconditi, rudis in-
gestaque moles, quam nemini umquam in ordinem redigere
contigit. Deinde alii Codices nonnulli plcrumque receniiores
chartacei in armariis ,parvae bibliothecae' prope archiepiscopi
aedes collocati sunt; et hi quidem ita ut ordinem
quendam in eis observare liceat. Accedunt denique quarto
loco arcae clavibus bene clausae quibus in sacrario Ioannis
Baptistae {Prodrom!) positis custodiuntur libri et manu
scripti et typis impressi, qui ex monasteriis Sinaitarum im-
primis Cairensi in montem asportati sunt. Numquam Codices
reverendae actatis vidi aeque neglectos iniuriaque
temporum laceratos. Mutti mutilati sunt, multi tegumento
privati, multi carie exesi et usu quotidiano sordidissimi.
Eolia codicum paene omnitim numeris carent. Cid rei ut
aliquo modo succurrcrem, necessarium duxi in codieibus
describendis crassitudinem quoque libri indicare'.

Dafs unter folchen Umftänden die blofse Feftftellung
des Handfchriftenbeftandes ein fchwieriges Gefchäft fein
mufste — auch bei gutem Willen der Mönche —, liegt
auf der Hand; allein diefer gute Wille fcheint nicht vor-

nicht übel nehmen. Allerdings ift ,der Sinaiticus' von
ihnen verfchenkt, refp. er ift ihnen bezahlt worden;
aber fie haben ihn eben verloren, und fie werden fürchten
, dafsfie inähnlichen Fällen wiederum,fchenken' muffen.
Sehr ärgerlich aber ift es, dafs man unter folchen Umftänden
zur Zeit nicht erfahren kann, ob das Klofter
wirklich noch handfehriftliche Schätze birgt.

Als folche können die 1223 Codd., welche Gardthaufen
befchrieben hat {), nicht bezeichnet werden, wenn
man einen ftrengen Mafsftab anlegt. Man kann fich
darüber fchon flüchtig aus den vortrefflichen 5 Indices
orientiren, welche G. angelegt hat und welche den Werth
feines Katalogs aufserordentlich erhöhen. Die älteften
Handfchriften gehören dem 8. (f. Nr. 493) 9. (10.) Jahrh.
an und enthalten dem Anfchein nach nichts, was nicht
aus anderen guten Handfchriften genügend bekannt

l) Die Numerirung ift die auf den Handfchriften verzeichnete. Gardthaufen
theilt am Schlufs feiner Vorrede mit, dafs es im Klofter einen
handfehriftlichen Katalog gieht, den ein ruffifcher Mönch verfafst haben
foll. Es wäre wünfehenswerth gewefen, wenn G. diefen Katalog, deffen
Exiftenz er lediglich erwähnt, befchrieben und das Verhältnifs feiner Arbeit
zu demfelben angegeben hätte. Da er gefchwiegen, mufs man annehmen
, dafs dem anonymen Mönche aufser der Aufzählung der Handfchriften
ein Verdienft nicht zukommt. Jedoch zeigt andererfeits die
Reihenfolge, dafs demfelben paläographifche Kenntnifse nicht gefehlt
haben.

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