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Ausgabe:

1886

Spalte:

399

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Diegel , J. Gust. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Denkschrift des evangelischen Prediger-Seminars zu Friedberg für die Jahre 1869 bis 1885 1886

Rezensent:

Krauss, Alfred

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399

Theologilche Literaturzeitung. 1886. Nr. 17.

400

Denkschrift des evangelischen Prediger-Seminars zu Friedberg

für die Jahre 1869 bis 1885, hrsg. von Dir. Prof. Dr.
J. Guft. Diegel. Mit einer Abhandlung: Zur Entwicklung
und Benennung der analytifchen fowie der
fynthetifchen Predigtform in der lutherifchen Kirche
Deutfchlands, von dem Herausgeber. Friedberg,
Bindernagel, 1886. (VI, 255 S. gr. 8.) M. 3. 20.

Nach einem Vorwort bietet uns der Pierausgeber, der
jetzige Direktor Dr. Diegel, eine fehr lefenswerthe Abhandlung
,Zur Entwicklung und Benennung der analytifchen
fowie der fynthetifchen Predigtform in der lutherifchen
Kirche Deutfchlands'. Als den Hauptmangel mufs
ich gleich anmerken, dafs die Arbeit auf die lutherifche
Kirche Deutfchlands eingefchränkt geblieben ift. Denn zu
der Zeit, da auch noch die Homiletik confeffionell getrennt
war, konnte im Grofsen und Allgemeinen die analytifche
Predigtweife der reformirten, die fynthetifche der lutherifchen
Confeffion zuerkannt werden. Diegel weifs freilich
zu z"eigen, dafs es fich im Einzelnen nicht ganz genau
fo verhalten habe, und Jeder, der mit diefen Materien
zu fchaffen hat, wird ihm für vielerlei gründliche und
fachkundige Belehrung dankbar fein. Der reformatorifche
Zug ging auf die analytifche Predigt. Als derfelbe erlahmte
, wandte fich die lutherifche Richtung der fynthetifchen
Predigt zu, während die immer im Kampf gegen
Rom feftgehaltenen Reformirten fortfuhren, analytifch zu
predigen. Mit dem Nachlaffen der confeffionellen
Spannung verfchmolzen die beiden homiletifchen Richtungen
, und jetzt beherrschen die Predigt ganz neue Gesichtspunkte
. Es ift mir fehr erfreulich, conftatiren zu
dürfen, dafs Herr Dr. Diegel, wenn auch, wie er felber
andeutet, von andern Ausgangspunkten aus, fo doch am
Ende zu ähnlichen, wo nicht ganz denfelben Ergebnifsen
für die Praxis gelangt, wie ich in meinem Lehrbuch der
Homiletik. Ganz befonders aber hebe ich hervor, dafs
diefe Abhandlung ein neuer und Schöner Beweis für das
immer Stärker hervortretende Beftreben ift, die Homiletik
nicht mehr als ,blofse freie Kunft', fondern als eine allen
übrigen theologifchen Disciplinen ebenbürtige Wiffen-
fchaft zu pflegen, und Sie nicht blofs nach der hiftorifchen,
fondern auch nach der fyftematifchen Seite hin in ihrem
Werthe zu würdigen. Dafür fpreche ich Herrn Dr. Diegel
ausdrücklich meinen Dank aus.

Die Denkfchrift theilt aufserdem die curricula vitae
der feit 1868 neu eingetretenen Lehrer und Profefforen
mit, von denen die Theologen namentlich Dr. Weiffen-
bach und Dr. Köftlin interefflren werden. Die beiden
Herren haben geradezu nennenswerthe Beiträge zur
Gefchichte der neueften Theologie geliefert. Hie und
da ift zwifchen den Zeilen zu lefen. Alles aber ift
ebenfo würdig als anfprechend gefchrieben. Der für
feine Bestrebungen um Hebung des Kirchengefanges in
weiten Kreifen bekannte H. A. Köftlin entrollt ein ergreifendes
Bild, das für Sich felbft ein Colleg über Paftoral-
theorie ift. Möge allen diefen Herren eine gefegnete
Wirkfamkeit befchieden fein!

Cafualreden nehmen die Mitte ein. Sie machen uns
mit tüchtigen und verdienten Männern bekannt, deren
Andenken wir uns um fo lieber zurückrufen laffen, als
wir Sie nie ganz aus dem Gedächtnifs verloren hatten,
und perfönlich freute es mich, unter den Befuchern der
Anftalt, die am Schluffe der Denkfchrift aufgezählt find,
verfchiedene mir aus meiner eigenen akademifchen Wirkfamkeit
noch wohlbekannte Namen wieder zu lefen. Die
Denkfchrift Spiegelt das Bild einer zielbewufst ihre Aufgabe
löfenden Anftalt. Wenn Seminarien Männer mit
folch freiem Blick und folch ausgedehnter wiffenfchaft-
lichen Befähigung an der Spitze haben, fo können Sie dem
Univerfitätsftudium nur eine wünfchensvverthc Ergänzung
fein, aber freilich auch nur unter diefer Bedingung.

Strafsburg i/E. Alfred Kraufs.

Zahn, Miff.-Infp. F. M., Der überseeische Branntweinhandel.

Seine verderblichen Wirkungen und Vorfchläge zur
Befchränkung desfelben. Referat auf der Conferenz
deutfcher evangel. Miffions-Gefellfchaften zu Bremen
vom 27.-29. Oktbr. 1885. |Aus: ,Allg. Miffions-
Zeitfchr.'] Gütersloh, Bertelsmann, 1886. (34 S. gr. 8.)
M. —. 50.

Die deutfchen evangelifchen Miffionsgefellfchaften
haben vom 27. zum 29. October 1885 in Bremen eine
Conferenz abgehalten, um fleh über einige durch die
deutfehe Colonialbewegung brennend gewordene Fragen
mit einander grundfätzlich zu verftändigen. Die vier bei
diefer Gelegenheit gehaltenen Vorträge lind in Warncck's
Allg. Miff.-Zeitfchr. vom Jan. und Febr. 1886 (Doppelheft)
abgedruckt, nachdem über die Verhandlungen im Ganzen
fchon das Heft vom Dec. 1885 berichtet hatte. Mit
Recht hat Zahn fein Referat in dem vorliegenden Separatabzug
weiteren Kreifen zugänglich gemacht. Ein
folches Wort aus kundigem und einfichtigem Munde
wurde erwartet, feit die Branntweinausfuhr aus Deutfch-
land nach Afrika Gegenstand der allgemeinen Aufmerk -
famkeit geworden war. Es mufste durch die Fülle der
beigebrachten Thatfachen Eindruck machen und zugleich
dem unflehern Urtheil zurecht helfen. Das war um fo
nöthiger und fchwieriger, als die ethnologifche Wiffen-
fchaft in diefer Sache uns bis dahin ganz im Stich läfst,
die Reifenden nur fehr gelegentliche Beobachtungen und
Bemerkungen dazu gemacht haben. Miffionsinfpector
Zahn hat feine Aufgabe trefflich gelöft. Er hat
auch den Weg directer Auseinanderfetzung nicht ge-
fcheut, indem er an den öffentlichen Vertheidiger der
Branntweinausfuhr im Reichstage, Plerrn Wörmann-
Hamburg in der Weferzeitung vom 3.,4. Februar einen
,Offenen Brief' richtete. Derfelbe erwiderte unter dem
14. Februar in einer Brofchüre von 26 Seiten: ,Miffion
und Branntwein-Handel. Offene Antwort . . . von Adolf
Wörmann, Mitglied des Reichstags. Plamburg, Otto
Meifsner'. Wir haben alle Urfache, Herrn Wörmann
dankbar für diefe Kundgebung zu fein; denn Miffionsinfpector
Zahn ift dadurch genöthigt worden, feine erstmaligen
Behauptungen in einer neuen Schrift mit alten
und neuen Gründen gegen den laut gewordenen Wider-
fpruch Sicher zu Stellen: ,Der weftafrikanifche Branntweinhandel
. Erwiderung auf die Offene Antwort ... Gütersloh,
C. Bertelsmann' (40 S.). Eine ausführliche Befprechung
diefer Schrift wie der ganzen Streitfrage bringt das Juniheft
der Allg. Miff.-Zeitfchr. Hier nur zwei Bemerkungen.
Höchft erfreulich und aller Achtung werth ift die charaktervolle
Haltung, welche die Vertreter der evangelifchen
Miffion in Deutfchland inmitten der neuen durch
die Erwerbung deutfcher Schutzgebiete gegebenen Lage
bewähren. Das Verderben des überfeeifchen Branntweinhandels
zu hindern oder doch zu mindern wird aber nur
gelingen, wenn auch über das Verderben des heimifchen
Branntweinhandels dem deutfchen Volke die Augen
aufgehen.

Schönbach. Rade.

Zündel, Pfr. Friedr., Jesus in Bildern aus seinem Leben.

2., neu durchgearb. u. verm. Aufl. Zürich, Höhr, 1885.
(VIII, 436 S. gr. 8.) M. 4. 50; geb. M. 5. 30.

Der Verfaffer der bekannten, vielgelefcncn Biographie
des Pfarrers Blumhardt wird in diefem Werk zum Biographen
Jefu — denn im Wesentlichen ift diefes ein
,Leben Jefu', wenn auch der Verf. verfchiedene Fragen,
die bei einem .Leben Jefu' zu berücksichtigen find, nicht
erörtert hat und namentlich auf die chronologischen Fragen
wegen ihrer für die ganze Auffaffung des Lebens und
Wirkens Jefu untergeordneten Bedeutung nur fehr wenig
eingegangen ift. Es ift nicht zufällig, dafs diefes Leben