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Ausgabe:

1886 Nr. 16

Spalte:

377-380

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kähler, Martin

Titel/Untertitel:

Die Versöhnung durch Christentum in ihrer Bedeutung für das christliche Glauben und Leben 1886

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 16.

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wefenen Abendmahlslehre', ,auch fernerhin als Lehrnorm
', d. h. in der Weife, wie fie es feither waren. Wie
wenig aber dabei an eine ftricte Symbolverpfiichtung
gedacht worden fein kann, ift aus dem Charakter der
damaligen Theologie ficher zu fchliefsen und wird u. A.
durch die Thatfache illuftrirt, dafs von den rheinheffi-
fchen Unionsftiftern der Heidelberger Katechismus als
ein beiden Confeffionen gemcinfchaftliches Symbol an-
gefehen wurde, weil deffen Vorzüge vor dem unvoll-
ftändigen lutherifchen auch auf lutherifcher Seite unverhohlen
anerkannt würden. Der Begriff der Lehrnorm,
wie er manchen unferer heutigen Kirchenjuriften vor-
fchwebt, war jenen Tagen völlig fremd. Von diefem
Begriff geht übrigens auch der Verf. der vorliegenden
Flugfchrift nicht aus. Er bekennt, dafs er in keiner i
Weife den Anfpruch erhebe, ein ,orthodoxer' Theologe
zu fein, und redet einer Unionstheologie das Wort, j
welche ohne ,Symboloklasmus' und ,Symbololatrie' dadurch
gedeihen könne, ,dafs fie fich an der Hand der
Bekenntnifse der Väter mit den religiöfen Intereffen, die
fie bewegten, aus einander fetzt und diefe, durch eine
gefunde Kritik geläutert, in fich aufnimmt'.

Mainz. K. Köhler. '

Kahler, Mart, Die Versöhnung durch Christum in ihrer
Bedeutung für das chriftliche Glauben und Leben.
Erläuterung zu Thefen, vor einer Verfammlung chrift-
licher Männer und Frauen vorgetragen und für den
Druck mit Erweiterungen aufgezeichnet. Erlangen,
Deichert, 1885. (42 S. gr. 8.)

In diefem Vortrage haben wir einen erfreulichen
Beitrag zur Klärung der verworrenen Meinungen über
die chriftliche Verföhnungslehre. Die Verworrenheit ift
die Folge davon, dafs nach den Arbeiten Hofmann's
und Ritfchl's niemand mehr den Muth hat, die orthodoxe
Verföhnungslehre theologifch zu vertreten, während
Viele fo ausfehen möchten, als ob fie diefelbe im
Wefentlichen beibehielten. Die Einen, wie Luthardt,
verfahren fo, dafs fie den Verfuch zur Neugeftaltung
der Lehre verdächtigen, das alte Dogma in unbeftimmten
Ausdrücken loben, aber im Einzelnen mit dem Bedenken
begleiten, dafs es ,zu weit gehe', ohne felbft zu fagen,
wie es beffer zu machen fei. Diefs ift die erfolgreichfte
Praxis. Denn da es den Wenigften um eine feftgegrün-
dete Ueberzeugung zu thun ift, fo erweckt es vielfeitigen
Beifall, wenn das Zugeftändnifs, dafs in der alten Lehre
nicht Alles in Ordnung fei, durch den Entfchlufs, Alles
beim Alten zu laffen, wieder gut gemacht wird. Andere,
wie Kreibig und H. Schmidt, machen fich gegen die
Neuerungen auf, laffen aber unter der Hand die alte
Lehre felbft fallen und erfetzen fie durch eine unvergleichliche
Fülle neuer Einfälle. Diefe Praxis ift gefahrvoller
. Denn die allgemeine Tendenz bringt zwar zu-
nächft viel Ehre ein und fichert auch den eigenen Einfällen
ein mildes Vergeffen. Aber fchliefslich kann doch
einmal einer fo ungefchickt fein, diefe Einfälle ernft zu
nehmen. Dann ift der Ruhm dahin, und die Verwirrung
in dem eigenen Lager gefteigert. Von diefen Beftre- j
bungen, welche dem Ernfte der Sache wenig gerecht j
werden, unterfcheidet fich der vorliegende inhaltvolle j
Vortrag zu feinem Vortheile. Zunächft ift die Begrenzung,
welche der Verf. dem Thema gegeben hat, nicht nur 1
für einen folchen Vortrag paffend, fondern für die richtige
Behandlung des Dogmas überhaupt nothwendig.
Die chriftliche Verföhnungslehre kann nur zeigen wollen,
welche Bedeutung die gefchichtliche Geftalt Jefu für den
Chriften hat, der feiner fittlichen Noth fich bewufst
wird. Wenn diefe Rückficht auf ,das chriftliche Glauben
und Leben' nicht genommen, Chriftus alfo nicht als der
Verföhner feiner Gemeinde aufgefafst wird, fo kann nur
ganz im Allgemeinen von der Stellung geredet werden,

welche Gott zu der Schuld und Sünde der Menfchen
überhaupt einnehme. Dann aber laffen fich die Einfälle
, welche durch einzelne Schriftftellen oder durch
allgemeine Reflexionen über Gefetz, Schuld und Strafe
angeregt werden, nicht mehr befchränken. Der Verf.
hat dagegen die richtige Begrenzung der Aufgabe befolgt
, für deren Recht Viele nur deshalb kein Auge zu
haben fcheinen, weil Ritfehl diefelbe ernft und gründlich
durchgeführt hat. Ebenfo ficher tritt der Verf. in feiner
Kritik der orthodoxen Verföhnungslehre auf. Den Ausdruck
, dafs Chriftus Gott mit uns verföhnt habe, nennt
er widerbiblifch. Er beruft fich dafür, wie Ritfehl, auf
die richtige Deutung des altteftamentlichen Opferdienftes.
Er macht, wie Ritfehl, darauf aufmerkfam, dafs die orthodoxe
Theologie in dem nie verleugneten Gedanken, Gottes
freies Erbarmen fei der Grund des ganzen Erlöfungs-
werkes, das Mittel bietet, ihre eigene Satisfactionslehre
zu widerlegen. Noch glücklicher wäre der Verf. vielleicht
an diefem Punkte gewefen, wenn er die Bahn Ritfchl's
bis zu dem Gedanken verfolgt hätte, die dem Glauben
gewiffe Gegenwart des gnädigen Gottes in Chriftus
fchliefse die Annahme aus, dafs Chriftus durch fein
Wirken und Leiden einen zürnenden Gott zur Gnade
umgetrimmt habe. Die orthodoxe Vorftellung eines durch
Chriftus bewirkten Ausgleichs zwifchen Gerechtigkeit und
Liebe in Gott befeitigt der Verf., wie Ritfehl, durch den
Hinweis auf die unwandelbare Einheit Gottes und auf
den biblifchen Sinn der göttlichen Gerechtigkeit. Er
entfernt fich wahrlich nicht von Ritfehl, wenn er fagt:
,einmal fpüren wir in Chrifti Erlebnifsen mehr als nur
eine eindrückliche Ankündigung der felbftverftändlichen
Nachficht des gnädigen Gottes mit unfern fittlichen Gebrechen
; und fodann fetzen wir diefes Mehr des Wortes
zugleich darein, dafs diefem Thun Chrifti irgendwie
dauernde unmittelbare Bedeutung für einen jeden von
uns zukomme', und wenn er dann hinzufügt, dafs auf
dem Wege der orthodoxen Dogmatik eine Begründung
hierfür nicht zu erreichen fei. Auch darin theilt der
Verf. Ritfchl's Meinung, dafs es ein Fehler des orthodoxen
Dogmas fei, die einzelnen Menfchen, welche durch
die Jahrhunderte hin fich bekehren, eben nur fo als einzelne
Gott gegenüber zu Hellen. Bekanntlich handelt es
fich auch nach Ritfehl nicht um eine Umftimmung der
einzelnen Menfchen als folcher, fondern um die Her-
ftellung eines Verföhnungswerkes, welches der zur Gemeinde
Chrifti verbundenen Menfchheit gilt. Aus diefen
Mittheilungen geht das Recht der auch fonft gemachten
Bemerkung hervor, dafs Kähler fich in einer weitgehenden
Uebereinftimmung mit Ritfehl befindet. Der Referent
des den ,Beweis des Glaubens' angehängten Literaturblattes
meint deshalb, in Zukunft müffe wohl von dem
Glänze der kirchlichen Pofitivität, welche dem Verf. zuerkannt
werde, einiges auf Ritfehl zurückftrahlen. Ich
glaube jedoch, dafs für Ritfehl eine folche Erhöhung
feines Anfehens werthlos fein würde. Er hat fich wenig-
ftens niemals dem Wettlauf angefchloffen, in welchem
andere Theologen die Auszeichnungen der kirchlichen
Parteien, die Titel eines ,pofitiven' oder eines .liberalen'
Theologen zu erwerben fuchen. Wohl aber hat der
genannte Referent recht, wenn er es auffallend findet,
dafs Kähler trotz feiner weitgehenden Uebereinftimmung
mit Ritfehl, ein fehr ungerechtes Bild von Ritfchl's Verföhnungslehre
entwirft, um daran den bitterften Tadel
knüpfen zu können. Mir ift es auch ein Räthfel, wie
Kähler dazu kommt, fich der vulgären Karrikatur von
Ritfchl's Lehre anzunehmen. Das hat man doch nicht
nöthig, wenn man fo von Ritfehl gelernt hat, wie er.
Indeffen das mag eine perfönliche Angelegenheit des
Verf.'s fein; die theologMÄe Kritik hat zu einer fc-ldlM
Darfteilung von RitfchW* . , n - Me* fk I
wird, nichts zu fagei h ig^rt'tluffto wW filet'äü emör
Unficherheit in KähleP-

vorübergehen. Die Kriffltxre^i n Vcrföhnun