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Ausgabe:

1886 Nr. 15

Spalte:

341-344

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Usteri, Joh. Mart.

Titel/Untertitel:

‚Hinabgefahren zur Hölle‘ 1886

Rezensent:

Kesselring, H.

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 15.

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unberechtigt ift, hier Anftofs zu nehmen, möchte — wenn
der Verf. bei Lotze bleiben wollte — ausgeführt fehen,
ob und wie dies Wunder der Wiederbelebung unter den
Begriff der nach Lotze möglichen Wunder (S. 36) zu
fubfumiren fei. Man möchte ferner, damit die Differenz
zwifchen dem Glauben der Kirche und dem Glauben,
der fich mit diefer Hypothefe verträgt, offenbar werde,
wünfchen, dafs die Frage aufgeworfen wäre, ob nach
der Anfchauung der Vertreter diefer Vifionshypothefe in
Jefu ,geiftiger Auferflehung' mit dem Apoftel ein nqw-
tsusiv Jefu anzuerkennen ift oder ob Jefus fortlebte wie
fchon andere vor ihm. Im letzteren Falle würde das
Ofterwunder reducirt auf ,das Telegramm vom Himmel',
das nach Keim's Ausdruck die Jünger erhielten. Dafs
diefe Vifionshypothefe dem Intereffe des Glaubens nicht
gerecht wird und dabei in Speculationen fich ergeht, die
von aller Empirie losgelöft durch ihre Unbeweisbarkeit
und Unvorftellbarkeit fich felbft richten, das hätte vielleicht
gerade in diefem Zufammenhang erörtert werden
können.

Doch, wie gefagt: man darf nicht vergeffen, dafs der
Verf. an den engen Rahmen eines Programms gebunden
war, — Vor drei Jahren hat der Verf., als er in einem
Programm feinen Proteftantismus ausgefprochen hatte,
herzliche Zuftimmung auf vielen Seiten gefunden. Möchte
es jetzt ebenfo fein! Auch die freie theologifche Wiffen-
fchaft braucht fich nicht nur an den Speierer Reichstag
zu halten; auch die confessio Augustana ift in ihrem
Glauben noch nicht veraltet.

Leipzig. F. Loofs.

Usteri, Pfr. Privatdoz. Joh. Mart, .Hinabgefahren zur

Hölle'. Eine Wiedererwägung der Schriftftellen 1. Petr.
3, 18—22 u. Kap. 4, Vers 6. Zürich, Höhr, 1886.
(58 S. gr. 8.) M. 1.—

Der durch verfchiedene treffliche Unterfuchungen
über die Reformationszeit, befonders über Zwingli, rühmlich
bekannte Verfaffer bietet uns in der gegenwärtigen
Abhandlung eine exegetifche Specialftudie über eine von
jeher vielbefprochene Frage. Da in neuerer Zeit verfchiedene
Forfcher, wie A. Schweizer, von Hofmann,
von Soden, die fchon von Auguftin u. A. vertretene
Auffaffung der Stelle 3, 18 ff., als nicht auf eine Hadesfahrt
Chrifti, fondern auf ein Wirken des präexiftenten
Chriftusgeiftes zur Zeit Noah's bezüglich, wieder aufgenommen
haben, andererfeits durch v. Zezfchwitz, Höle-
mann u. A. die orthodoxe lutherifche Auffaffung von
einer Hadesfahrt nicht behufs Erlöfung, fondern behufs
Verdammung wieder verfochten worden ift, und da auch
unter den Anhängern der Erklärung von einer Hadesfahrt
zu erlöfendem Wirken mannigfache Differenzen fich
finden, fo war eine .Wiedererwägung' durchaus ange-
meffen. Diefe ift mit reicher Kenntnifs der ältern und
neuern theologifchen Verhandlungen, fowie mit klarem
und eindringendem exegetifchen Urtheil und in lichtvoller
, wenn auch nicht durchweg überfichthch geordneter
Darfteilung gegeben. Die Textkritik, durch welche
allerdings die exegetifche Hauptfrage nicht bedingt wird,
ift zu wenig berückfichtigt. Ganz befonders wird die
Abhandlung Schweizers vom Jahre 1868 eingehend und
mit verdienter pietätvoller Anerkennung befprochen.
Der Verf. verficht aber mit vollem Recht die dritterwähnte
Anficht von einer Hadesfahrt mit erlofender
Tendenz für die Stelle 3, 18 ff. Dagegen macht er den
Verfuch, die Stelle 4, 6, welche fonft faft durchweg als
mit 3, 18 ff. zufammenftimmend erklärt wird, von dem
Gedanken der letztern Stelle ganz abzulöfen, vorzüglich
mit Berufung auf den weitem Umfang des Ausdrucks
w/.ooi im Vergleich mit 3,19 f. und auf die erft künftige
Verurthcilung [tva /.oiVohu). Demgemäfs follen hier die

vt/.oni gegenwärtig Todte fein, denen nicht als folchen,
fondern in ihrer vorhergehenden Lebenszeit die evange-
lifche Predigt zu Theil geworden fei, — alfo eine ähnliche
Erklärung, wie fie vom Verf. für ro/c iv xpvXanfj nvtvfiaaiv

3, 19 abgewiefen wurde.

Es ift diefe Trennung der zwei naheftehenden Stellen
, die beide von einer Verkundung an Todte fprechen,
doch von vornherein fehr unwahrfcheinlich. Der Verf.
wäre vorausfichtlich nicht auf dies Refultat gekommen
und hätte auch fonft Manches anders gefafst, wenn er
fein löbliches Beftreben, die Erklärungen jeweilen aus
dem Zufammenhang der Worte zu gewinnen, in der
Weife geübt hätte, dafs er auch den gröfsern durchgreifenden
Zufammenhang, in den fchon 3, 18 ff. fich
einreiht und der fodann insbefondere auch 3, 18 ff. mit

4, 6 einheitlich verbindet, beftimmter ins Auge gefafst
hätte. Es fei erlaubt, in diefer Beziehung einige Andeutungen
zu geben, verbunden mit gelegentlichem Eingehen
auf Einzelnes.

Der Satz (3, 17), ,es ift beffer, als Gutesthuender
zu leiden denn als Uebelthuender', wird begründet mit
einem Hinweis auf das Leiden Chrifti. Diefes ift alfo
zunächft als vorbildliches Leiden des Unfchuldigen ge-
! dacht. Mit Recht hebt nun freilich Ufteri hervor, dafs
über diefer Analogie die deutlich betonte fpeeififche
1 Ieilsbedeutung diefes Leidens nicht verkannt werden
darf (S. 6). Wenn er nun aber den Uebergang auf diefe
letztere eine Digreffion nennt (S. 8. 40), welche, die Anknüpfung
ans Frühere aufgebend, den Gedankengang
bis 3,22 beherrfche, fo dürfte eine folche Auffaffung, die
er S. 41,3 bei einer andern Stelle und einem andern
Erklärer ,eine Infolvenzerklärung des Interpreten' nennt,
auch hier nicht nöthig fein. Vielmehr liegt darin offenbar
ein um fo ftärkeres Motiv für Erfüllung der in 3, 17
enthaltenen Mahnung: Chrifti aya'anyrmslv ift gerade
für euch höchfte Wohlthat; als Sünder durch fein unfchul-
diges Leiden mit Gott verbunden, feid ihr um fo mehr
aufgefordert zur Willigkeit, nun auch euerfeits unfchul-
I dig zu leiden. Die gleiche doppelte Betrachtung des
I Leidens Chrifti, vom Gefichtspunkt der Parallele und der
| fpeeififchen Bedeutung aus, tritt nun auch in Bezug auf
j deffen Sphäre auf, ebenfalls zur Unterftützung jener
Mahnung. Chriftus wurde getödtet dem Fleifch , lebendig
gemacht dem Geifte nach (3, 18). Ufteri will freilich
in 7ivev[iaii einen Uebergang von der Angabe der
Sphäre in die des Princips der Neubdebung erkennen,
wenn auch in etwas fchwankender Weife (S. 16 ff.)!
Aber damit wird nicht aufgehoben, dafs oüuS, und rrvsiifict
hier als allgemeine fubftantielle, obwohl in Chriftus individuell
beftimmte Kategorien ftehen. Und gewifs hat die
Hin weifung darauf, dafs im Leiden Jefu nur der Leib
dem Tode verfiel, der Geift erft recht das Leben gewann
, wieder eine Bedeutung für die Begründung jener
Mahnung 3, 17, zunächft als Andeutung einer analogen
Ausficht für die leidenden Gläubigen. Ift es doch, als
ob in fti (poßrtVr^e 3, 14 aus der chriftlich bezogenen
Jefajaftelle auch das mit dem eben Ausgefprochenen verwandte
Wort Jefu Matth. 10, 28 (Luk. 12, 4 f.) durchklinge
, wie unftreitig in 3, 14* Matth. 5, 10 wiedertönt.
Und auf jeden Fall darf nicht verkannt werden, wie diefe
Unterfcheidung von aäg£ und nvevfia in 4, 1 ff. nachwirkt
und 4, 6 aufs neue erfcheint. Aber über der analogen
Uebertragung fleht in 3, 18 ff. auch hier wieder
der Hinweis auf die fpeeififche Heilsbedeutung. Chriftus,
dem Geifte nach lebendig gemacht, hat in diefem Geifte
denjenigen, die von grauer Urzeit her ihrerfeits dem
Geifte nach im Todtenreich gefangen waren (von Gott
geftraft wegen Verwerfung der einft dargebotenen Rettung
), dafclbft den Weg des Heils verkündet; und fodann
bietet er im felben Leben des Geiftes als der Auf-
erftandene und zur Herrlichkeit Erhöhte euch in der
Taufe eine jener Rettung ähnliche und doch unendlich
höhere definitive Rettung dar: offenbar ein neues Motiv,