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Ausgabe:

1886 Nr. 13

Spalte:

299-300

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eucken, Rudolf

Titel/Untertitel:

Die Philosophie des Thomas von Aquino und die Kultur der Neuzeit 1886

Rezensent:

Nitzsch, Friedrich August Berthold

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299

Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 13.

300

Eucken, Prof. Dr. Rud., Die Philosophie des Thomas von
Aquino und die Kultur der Neuzeit. Halle, Pfeffer, 1886.
(III, 54 S. gr. 8.) M. 1. 20.

Diefe Brochüre ift ein befonderer Abdruck der in der
Zeitfchr. für Philofophie und philof. Kritik (im Herbft
1885) erfchienenen Umarbeitung einer Anzahl von Artikeln
, welche der Verf. im Sept. 1882 in der Allgemeinen
Zeitung unter dem Titel ,Thomas von Aquino als Phi-
lofoph' veröffentlicht hatte. Der neue Titel und die im
Vorwort enthaltene Hindeutung auf das allgemeine Inter-
effe, welches der Gegenftand namentlich unter den
gegenwärtigen Verhältnifsen habe, verrathen im Voraus
den — nicht im gewöhnlichen, wohl aber in einem tieferen
Sinne — praktifchen Zweck, deffen Erreichung
übrigens der Verf. durch Aufbietung eminent theoretifcher
wiffenfchaftlicher Arbeit fowie durch Prägnanz und Feinheit
der Darftellungsform ficher zu ftellen bemüht ge-
wefen ift (Eleganz der Darfteilung mufs man ihm nachrühmen
, wenn man auch einzelne Ausdrücke, z. B. das
Subftant. ,Zugehör' S. 13 [ftatt Zugehörigkeit] und das
Adjectiv refp. Particip ,angewohnt' S. 2 beanftandet). Bekanntlich
hat Leo XIII. durch die Encyclica vom 4. Aug.
1879 das Studium der thomiftifchen Philofophie in eindringlichen
Worten empfohlen, und dieferWink war theils
Symptom, theils wirkfamesBeförderungsmittel eines neuen
Auffchwungs derScholaftik unter den Katholiken. Obgleich
nun Eucken diefe Mafsregel des Papftes nicht erwähnt, fo
will er doch offenbar der Gefahr vorbeugen helfen,
welche in dem romantifchen Unternehmen liegen würde,
heute mit einer Umkehr der Wiffenfchaft zu Thomas
wirklich Ernft zu machen. Sein Warnungsruf kann um
fo wirkfamer werden, als er fich vor aller modern fuper-
klugenVerachtung und banalen Verhöhnung des Doctor an-
gelicus hütet, demfelben vom hiftorifchen Standpunkte aus
fogar die gröfste Achtung zollt. Mit überzeugenden
Gründen weift er nun nach, dafs die von Thomas ver-
fuchte, aber nicht nach dem lebendig angefchauten
Totalbeftande des ariftotelifchen Syftems entworfene
Verfchmelzung desfelben mit dem Chriftenthum trotz der
bona fide unternommenen Abfchleifung der Spitzen, trotz
der die Widerfprüche verdeckenden Diftinctionen und
Syllogismen mifslingen mufste. Ariftoteles, durchaus ein
Philofoph der Immanenz, kannte — fo argumentirt u. A.
der Verf. — keine Richtung des Intereffes auf ein Jen-
feits und keine individuelle Unfterblichkeit. Seine anlike
Hingebung an den Staat verträgt fich nicht mit einer
Lebensftimmung, die das Jenfeits Vaterland nennt, fein
volles Vertrauen zur Vernunft nicht mit dem Poftulate
einer Offenbarung. Ueberhaupt war ja das Chriftenthum
trotz feiner frühzeitig erfolgten Verquickung mit dem
Hellenismus von Haufe aus nun einmal etwas Eigenartiges
gegenüber der Antike. Daher mufste das Unternehmen
einer Zufammenfchweifsung nicht nur zur Mifs-
deutung des Ariftot, fondern auch zu einer Art von Verdrehung
, ja Rationalifirung des Chriftenthums führen.

Aber gefetzt, die Verfchmelzung wäre gelungen,—
fo fährt Eucken fort — heute wäre dennoch das tho-
miftifche Syftem veraltet. Denn — wir führen nur
Einiges an aus der Eulle deffen, was der Verf. darlegt
— an die Stelle jenes naiven Realismus, an die Stelle der
Ueberzeugung, dafs die Gegenttände ohne Veränderung
in das Subject einzugehen vermögen, ift in der neueren
Wiffenfchaft das Auseinanderhalten des Empfindungs-
beftandes und der Wirklichkeit getreten. Im vollen Gegen-
fatze zur neueren Phyfik beherrfcht bei Ariftot. die Vor-
ftellung des Lebendigen die des Leblofen, des Ganzen
die des Einzelnen. Wahre Wiffenfchaft ift die Naturlehre
erft geworden, feitdem diefe fich von Ariftot. losrifs.
Man konnte bis in's 17. Jahrh., man kann aber nicht mehr
heute der ariftotel. Phyfik anhangen. Auf menfchlichem
Lebensgebiete befteht jedoch ein nicht minder harter
Gegenfatz zwifchen den Neueren und Thomas, namentlich
in der abweichenden E'affung des Verhältnifses von
Gefammtheit und Individuum, und felbft den Verehrern
der Autorität ift diefe jetzt etwas anderes, als fie vordem
war; eine Autorität, die Rechenfchaft geben mufs,
ift keine echte Autorität mehr. Für die nationale Seite
des Staates, für die Individualitäten der Völker hatte
Thomas kein Intereffe; der Staat ift für ihn nurVorftufe
der Kirche, jener fichtbaren, zu allen Werken der In-
quifition berechtigten, zur Anerkennung der Gewiffensfreiheit
nicht hindurchgedrungenen äufseren Anftalt. Der
Staat der Neuzeit müfste fich felbft und die ihm anvertrauten
Geiftesgüter aufopfern, wollte er fich der kirchlichen
Macht, dem geiftlichen Staate, unterwerfen. Die
ganze Lage ift eben von Grund aus verwandelt,
ja, wer heute thomiftifche Ueberzeugungen bekennt, vertritt
etwas Anderes, als Thomas felber vertreten hat.
Auch der wirthfchaftliche Procefs und die Beftrebungen
zur Abhülfe focialer Noth können nicht mehr nach Ariftoteles
und Thomas geregelt werden. ,Soll diefer Heilmittel
für Schäden enthalten, die einer Wendung anhangen
, von der er keine Ahnung haben konnte? oder
wollen wir etwa, um mit ihm auszukommen, das ganze
' moderne Erwerbs- und Verkehrsleben auf den Kopf
ftellen?'

Vielleicht fchreibt Verf. Einzelnes dem Thomas zu,
was diefem nicht fpeciell oder gar weniger als anderen
Scholaftikern zukommt; fo pafst z. B. das Ehrenprädicat
,Doctor universalis1, welches er jenem giebt, beffer auf Albertus
magnus, dem es in der That die Kirchengefchichte
ertheilt hat. Indeffen man fleht leicht, wie wenig darauf
ankommt, fobald man fich die Grundtendenz der Schrift
! des Verf.'s vergegenwärtigt. Letztere beruht auf fcharfer
| und feiner Beobachtung der Verfchiedenheit der fraglichen
beiden Phafen des wiffenfchaftlichen und ge-
fammten Culturlebens und ift wohl geeignet, aufrichtigen,
aber verfchämten und fchwankenden Verehrern wirklicher
Wiffenfchaft unter den Katholiken, ja auch manchen
i Romantikern unter den Proteftanten zurechtzuhelfen,
uns aber in der Ueberzeugung zu beftärken, dafs es abenteuerlich
wäre, ,Vergangenes zu neuer Lebenswirkung
erwecken' zu wollen.

Kiel. F. Nitzfeh.

Krause, Prof. Dr. Carl, Melanthoniana. Regelten und Briefe
über die Beziehungen Philipp Melanchthons zu Anhalt
und deffen Fürften. Aus dem gedruckten Briefwechfel
und den Handfchriften zufammengeftellt und in Verbindung
mit einigen andern Stücken hrsg. Glück-
wunfch-Schrift zur Säkularfeier des Deffauer Doppel-
gymnafiums. Zerbft, Zeidler, 1885. (X, 185 S. gr. 8.)
M. 3. Co.

Der durch andere Schriften, von denen wir nur den
neuerdings erfchienenen Mutian'fchen Briefwechfel nennen,
um die Gefchichte des Reformationszeitalters fchon verdiente
Gelehrte hat die Veranlaffung der Säcularfeier des
Deffauer Gymnafiums am 5. Octob. v. J. benutzt, um in
der Gratulationsfchrift des Zerbfter Gymnafiums uns das
Verhältnifs Melanchthon's zu den Fürften des Anhalt'fchen
Haufes urkundlich darzulegen. Er thut dies in doppelter
Weife. Zuerft, indem er die Briefe, befonders aus den
10 erften Bänden des Corp. Ref., aber auch anderswoher,
verzeichnet und ihren Inhalt kurz wiedergiebt, in welchen
eine Beziehung Melanchthon's zu diefen Eurften fich findet.
Vom 16. Juni 1530 beginnend und bis zum Tode M.'s
gehend treten folche Beziehungen in 501 Briefen auf, und
foweit Ref. fehen konnte, dürfte dem Verf. kein einziger
des Corp. Ref. entgangen fein. Für eine gröfsere Anzahl
lag ihm das Original im Zerbfter Archiv oder gute Ab-
fchriften in mehreren Codd. des dortigen Gymnafiums
vor, und Ref. bedauert es nur, dafs der Verf. diefe Gelegenheit
nicht benutzte, durch kurze Beifügung der