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Ausgabe:

1886 Nr. 12

Spalte:

279-282

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kierkegaard, S.

Titel/Untertitel:

Entweder - Oder. Ein Lebensfragment 1886

Rezensent:

Wetzel, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 12.

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zu werden, in Widerfprüche verwickelt. Auffallend ift
mir endlich gewefen, dafs der Verf. mit dem Beweismittel
der Offenbarung operirt, als wenn es ein hiftorifch.es
Verftändnifs der Urkunde Gen. 3 nicht gäbe, und als
wenn es auch heute noch geblattet fein könnte, beliebige
Phantafien über den Urftand in den Text hineinzudichten
und darauf hin für diefe die Autorität der Offenbarung
in Anfpruch zu nehmen.

Ein Wort über die Kritik oder Polemik, welche der
Verf. übt, mufs ich noch hinzufügen. Diefelbe ifl kurz
gefagt ein von eigentlichem Widerwillen dictirter Proteft
gegen die empirifche Religionswiffenfchaft. Dafs diefer
Proteft in dem leichten Gewand eines Vortrags mit ein
Paar nachträglich hinzugefügten Anmerkungen grofsen
Eindruck auf die Betheiligten machen wird, erwartet der
Verf. wohl felber kaum. Aber auch in ausführlicherer
und ftrengerer Form dürfte ein folcher Proteft nicht viel
Aushelft auf Erfolg haben. Vielmehr fleht zu hoffen, j
dafs mit der Zeit alle das empirifch erreichbare Wiffen j
vom religiöfen Leben der Menfchheit zum Ausgangspunkt
ihrer Betrachtung über die Religion nehmen werden.
Hier fo gut wie in andern Wiffenfchaften wird die vornehme
Begriffsbaukunft, welche der Verf. übt, der fchlich-
ten Arbeit an der Sache weichen müffen. Womit nicht
gefagt ift, dafs der fpeculativen Conftruction ihr Recht
an ihrem Ort verkümmert werden foll. Ihr Ort ift aber
nicht am Anfang fondern am Ende des Wegs. Noch
weniger folgt, dafs wir uns durch diefe empirifche Kunde
die Wahrheit des göttlichen Ideals, das wir im Evangelium
haben, ftören oder trüben laffen dürfen. Es handelt
fich für die Theologie in diefer Kunde nur um das Mittel
zu einer objectiven Verftändigung über das Wefen diefes
Ideals. Als folches ift fie freilich unentbehrlich. Ich glaube
daher, dafs der Verf., foweit er berechtigte Intereffen vertritt
, denfelben mit einer folchen Arbeit wie der vorliegenden
keinen wirklichen Dienft erweift. Wir kommen
auf dem von ihm betretenen Wege, auf den er uns alle
mit pathetifcher Rede zurückzurufen oder mit drohender
Anklage zurückzufchrecken verfucht, weder zu einer
ficheren Kenntnifs der Religion noch zu einer erfolgreichen
Vertheidigung des Chriftenthums. Und wenn er
erklärt, dafs die von ihm bekämpften Anflehten eine Erfindung
der Verlegenheit feien, an die ihre Urheber felber
kaum glaubten, fo ift das ein kindifcher Einfall, den niemand
ernfthaft nehmen wird.

Sich mit der Kritik des Verf.'s im einzelnen ausein- j
anderzufetzen ift nicht thunlich. Er ift fo fehr in feiner
Denkweife gefangen, dafs er fich in eine andere überhaupt
nicht hineinzuverfetzen vermag. Wenigftens hat
er fich nicht die Mühe gegeben es zu thun, was doch die
einfache Schuldigkeit deffen gewefen wäre, der fo an-
fpruchsvolle Kritik treibt. Speciell habe ich kein Intereffe
daran, die Sätze meines Buchs über das Wefen der chrift-
lichen Religion, welchen er in den Anmerkungen feine <
befondere Äufmerkfamkeit widmet, aus der Verzerrung,
in welcher fie hier reproducirt werden, zurechtzurücken. 1
Ich könnte auch, um das zu thun, nur fehr kurz wiederholen
, was jedenfalls im Buche felbft ausführlicher und
deutlicher fchon gefagt ift. Und ich verzichte um fo
lieber darauf, als ich nach einer der hier gegebenen
Proben von Polemik den guten Willen, der auch im
Streit Verftändigung fucht und Verdrehungen meidet,
bei dem Verf. diefer Schrift nicht vorausfetzen darf.

Berlin. Kaftan. j

Kierkegaard, S. [Viktor Eremita], Entweder —Oder. Ein

Lebensfragment. Aus dem Dänifchen von D. AI.
Michelfen u. P. O. Gleifs. Leipzig, Lehmann, 1885.
(VII, 648 S. gr. 8.) M. 6. —

Dafs es dem am 9. Juni 1885 verftorbenen Michelfen,
der mit fo viel Fleifs fich bemüht hat, dänifche Literatur

uns zugänglich zu machen, nicht vergönnt gewefen ift,
die Ueberfetzung des vorliegenden, von ihm felbft als
deffen Hauptwerk bezeichneten, in Deutfchland bisher
noch unbekannten Buches von Sören Kierkegaard zu
vollenden, ift gewifs aufrichtig zu bedauern. Nur mufs
Ref. bekennen, dafs er aus diefem Buche für den von
Michelfen fo hoch geftellten Kierkegaard keine Sympathie
hat gewinnen können. Dasfelbe hat in Dänemark einen
grofsen Erfolg gehabt. P. Gleifs hebt in feinem Vorwort
hervor, dafs es vor mehr als 40 Jahren erfchienen und
feitdem bereits 1878 die 4. Auflage erlebt hat. Zum
Beweis, welche Bedeutung ihm auch aufserhalb der kirchlichen
Kreife Dänemarks, in denen K. bekanntlich grofsen
Einflufs gewonnen hat, beigemeffen wird, citirt er den
bekannten Biographen Heinrich Heine's Adolf Strodtmann,
der in feiner Schrift ,Das geiftige Leben in Dänemark-
das Geniale, durchaus Originelle in diefem Buch, deffen
erften Theil ,ein wahrer Bacchuszug fchönheitstrunkener
Ideen und Bilder durchtobt', rühmt. Nur kann dies K.
wenig zur Empfehlung gereichen, wenn er, um diefes
Lob fich zu verdienen, nach dem Recept verfahren ift:

Wollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den

Frommen gefallen?

Malet die Wolluft — nur malet den Teufel dazu!
Und dafs diefer Vorwurf in der That gegen das K.'fche
Buch erhoben werden mufs, ift das fchwerwiegendfte
Bedenken gegen dasfelbe. K. will der rein äfthetifchen
Lebensauffaffung, die ihm zu den bedenklichften und ver-
derblichften Confequenzen zu führen fcheint, die ethifche
Lebensauffaffung gegenüber ftellen, die doch immerhin
auch älthetifch fich rechtfertigen laffe. Als Repräfentanten
diefer beiden Lebensauffaffungen, die er darfteilen will,
dienen ihm zwei Perfonen, deren Papiere er aufgefunden
zu haben vorgiebt. So zerfällt fein Buch in zwei Theile,
deren erfter A.'s Papiere, deren zweiter B.'s Papiere enthalten
foll.

Nun fleht ihm wohl eine Gabe der feinften, pfycho-
logifchen Beobachtung, ein köftlicher Humor, ein prickelnder
Witz, ein ftrömender Gedankenreichthum zu Gebote.
Aber weit entfernt, im Befitz diefer Mittel das ethifche
Problem, das er darzuftellen unternommen, zu einer befriedigenden
Löfung zu führen, gefällt er fich darin, in
beide von ihm vorgeführte Lebensanfchauungen fich recht
tief hineinzudenken. Er läfst die Möglichkeit offen, dafs
Ein Menfch beide in fich vereinigen könne, er will gar
nicht die Ueberlegenheit der ethifchen über die äfthetifche
Lebensrichtung nachweifen und läfst gefliffentlich im Ungewißen
, was im einzelnen Fall feine eigene Meinung fei.
Zuerft fpannt er in einem von feinem Humor durchzogenen
Vorwort die Erwartung des Lefers auf's höchfte.
Da weifs er der alten Autorenfabel von aufgefundenen
Papieren durch fein feltenes Erzählertalent einen neuen
Reiz zu geben. Nun folgt im 1. Theil ein buntes
Mancherlei. Den Anfang macht eine Sammlung von
Aphorismen, die er JlaipdXuaxa zu nennen beliebt. Dann
giebt er äfthetifche Abhandlungen, Plaudereien über rechten
Lebensgenufs, antike und moderne Tragiker u. a. m.
Wie viel dabei Ironie und Satire fein foll, und in wie
weit der Verf. auch eigene Reflexionen und Empfindungen
wiedergiebt, ift fchwer zu fagen. Offenbar gefällt er fich
darin, geiftreiche Einfälle, für die er doch nicht ernftlich
einzutreten gewillt ift, vorübergehende Stimmungen, die
ihm doch wieder fo fchön dunken, dafs er fie gern in
irgend welcher Art ausgeftaltet fehen möchte, fo zu ver-
werthen, dafs er fie feinen Vertreter der äfthetifchen
Lebensauffaffung zur Ausfprache bringen läfst. Im Uebri-
gen liegt die Periode der Schwärmerei für das mufikalifch
Erotifche, das in Mozart's Don Juan fich nepräfentire,
fchon zu weit für uns zurück, als dafs eine ironifche Beleuchtung
derfelben für uns noch ein grofses Intereffe
böte. Vieles, vielleicht das Meifte, was in diefen Ab-
fchnitten feines Buches enthalten ift, erfcheint bereits als
antiquirt. Seine ganze Kunft bietet nun K. auf in dem