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Ausgabe:

1886

Spalte:

265-269

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strassburger, B.

Titel/Untertitel:

Geschichte der Erziehung und des Unterrichts bei den Israeliten 1886

Rezensent:

Baur, Jörg

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Theologische Literaturzeitung,

Herausgegeben von D. Ad. Hamack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N° 12. 12. Juni 1886. 11. Jahrgang.

Strafsburger, Gefchichte der Erziehung bei

den Ifraeliten (G. Baur).
Baethgen, Evangelienfragmente (Neftle).
Weste Ott, The Epistles of St. John. 2. edit.

(Harnack).

Zur „Lehre der zwölf Apoftel." I. Artikel Heman, Der Urfprung der Religion (Kaftan).
(Harnack). 1 Kierkegaard, Entweder-Oder (Wetzel).

Reville, La religion ä Rome sous les S£-
veres (derf.).

Kurzgefafste Mittheilungen.
Berichtigung (O. v. Gebhardt).

Strassburger, B., Geschichte der Erziehung und des Unterrichts
bei den Israeliten. Von der vortalmudifchen Zeit
bis auf die Gegenwart. Mit einem Anhang: Bibliographie
der jüdifchen Pädagogie. Stuttgart, Levy &
Müller, 1885. (XV, 310 S. 8.) M. 5. —

Wenn fchon in der Zeit, da Ifrael auf dem Boden
des heiligen Landes ein felbftändiges Staats- oder wenig-
ftens Gemeindeleben befafs, das höhere Princip der ihm
geoffenbarten Religion nur durch das Mittel eines ziel-
bewufsten Unterrichts von Generation zu Generation
fortgepflanzt werden konnte, fo wurde in der Zeit der
Zerflreuung des Volkes die Schule geradezu die Hauptmacht
, welche die getrennten Glieder mit der väterlichen
Religion und dadurch auch untereinander im Zusammenhang
erhielt. So bildet die Gefchichte der Erziehung
und des Unterrichts ein fehr wefentliches Moment in der
gefchichtlichen Entwickelung Ifraels und hat, wie diefes
felbft, auf die Theilnahme aller Gebildeten Anfpruch. Es
ift daher als ein verdienftliches Werk zu begrufsen, dafs
in den letzten zwanzig Jahren jüdifche Gelehrte ihre Auf-
merkfamkeit und ihren Eifer diefem Gegenflande zugewendet
haben, und dafs der Verf. es nun unternimmt,
den Ertrag ausführlicher, quellenmäfsiger Forfchungen,
wie wir fie namentlich Güdemann verdanken (Das jüdifche
Unterrichtswefen während der fpanifch-arabifchen Periode.
Wien 1873; Gefchichte des Erziehungswefens und der
Cultur der Juden in Frankreich und Deutfchland, X.—XIV.
Jahrhundert. Wien 1880; Gefchichte des Erziehungswefens
und der Cultur der Juden in Italien während des Mittelalters
, Wien 1884), in überfichtlicher Darfteilung zufammen
zu faffen. Um den Geift, in welchem das gefchehen foll,
mag es einem freilich etwas bange werden, wenn gleich
über der Pforte des Buches ein Wort von Grätz gefchrieben
fleht, der in feinem particulariftifchen Hochmuth gegen
die Lehren der gefchichtlichen Thatfachen fo blind ift,
dafs er in dem Chriftenthum nur eine zu befeitigende widerwärtige
Störung des von Ifrael fo glänzend begonnenen
Culturlebens erkennt und als die Charakterzüge des nach-
chriftlichen Judenthums nur deffen .Knechtsgeftalt' auf der
einen und deffen ,Denkerftolz' auf der anderen Seite hervorhebt
. Einer ruhigeren Betrachtung bieten fleh doch
zwifchen diefen Gegenfätzen gar manche Eigenfchaften
dar, welche auf mitfühlende oder bewundernde Theilnahme
geringeren Anfpruch haben; und wenn der Verf.
felbft zwar mit Recht die Schule als die Macht bezeichnet,
durch welche ,der jüdifche Stamm trotz feiner ftaatlofen
Exiftenz und atomiftifchen Zerftreuung' einen feften Halt
und Zufammenhang gewonnen und behalten hat, dann
aber der Schule auch den Beruf zutheilt, die ,kosmopoli-
tifche und weltgefchichtlicheBedeutung'Ifraels zu fördern
und zur Geltung zu bringen, fo legt doch das Zeugnifs
der Gefchichte den Einwand nahe, dafs Ifrael feine wirkliche
weltgefchichtliche Bedeutung aufgegeben hat, indem

es den von feinen Propheten ihm vorgezeichneten Beruf,
das Vollkommene nur vorzubereiten, verkannt und, auch
nachdem das Vollkommene herbeigekommen war, an dem
Unvollkommenen eigenfinnig feftgehalten hat, und dafs
dadurch fein Kosmopolitismus zu der Politik geworden
ift, den Kosmos im Intereffe feines Stammes auszubeuten
und diefem womöglich zu unterwerfen. Indeffen wird man,
fo bald man dem Verf. weiter folgt, über die anfangs
erregte Beforgnifs beruhigt, indem man fleh überzeugt,
dafs er nicht den Spuren des Breslauer Meifters in Ifrael,
fondern denen befonnener und billiger urtheilender gelehrter
Glaubensgenoffen wie Joft u. A. nachgeht und gelegentlich
auch für chriftliche Obrigkeiten, Pädagogen
und Geiftliche ein Wort der Anerkennung hat.

Der Verf. behandelt feinen Gegenftand in fechs Ab-
fchnitten: 1. Die vortalmudifche Zeit (S. 1—24); 2. Die
talmudifche Zeit (S. 24—91); 3. Die nachtalmudifche Zeit
(S. 91—150); 4. Cheder und Jefchiba (S. 151 —179); 5. Von
Mendelsfohn bis auf die Gegenwart (S. 179—249); 6. Jüdi-
fches Schulwefen in Württemberg (S. 256—272). Ein
fiebenter Abfchnitt (S. 273—310) giebt eine reichhaltige,
innerhalb der verfchiedenen Abtheilungen chronologifch
geordnete bibliographifche Ueberficht der Leiftungen
jüdifcher Autoren' auf dem Gebiete der Pädagogik. Der
Hauptmangel des Buches, das Fehlen einer ficheren
hifcorifchen Methode, macht fleh im 1. Abfchnitt befonders
bemerklich. Hier lind weder die Quellen, noch die Zeiten,
noch ift das Sagenhafte von dem wirklich Gefchichtlichen
gehörig unterfchieden, und auch das Richtige, was geboten
wird, verläuft nicht an dem Faden einer zufammen-
hängenden und ftetigen Entwickelung, fo dafs auch
mancherlei Talmudifches in diefe Darftellung der vortalmudifchen
Erziehung fleh hat eindrängen können. Bei
dem 2. Abfchnitt ift eine gefchichtliche Entwickelung
minder nothwendig, weil die pädagogifchen Grundfätze
in der talmudifchen Zeit wefentlich diefelben geblieben
find; doch hätten auch hier fpätere Anflehten und Efin-
richtungen nicht herbeigezogen werden dürfen. Im ganzen
aber kann man es billigen, dafs der Verf. hier den reichen
und werthvollen Stoff, über welchen er zu verfügen hat,
nach einer fachlichen Eintheilung ordnet, jenachdem
er auf das Object oder auf das Subject der Erziehung,
auf die Gegenftände oder auf die Methode des Unterrichtes
, oder auf die Erziehung im engeren Sinne fich
bezieht. Er hat fich aber felbft den gleichmäfsigen Flufs
feiner Darfteilung und deren Ueberficht und Genufs feinen
Lefern dadurch erfchwert, dafs er eine grofse Zahl tal-
mudifcher Ausfprüche im Grundtexte in feine Ausführung
aufnimmt. Ohne Zweifel rechnet er doch auf Lefer,
welche zum grofsen, wenn nicht zum gröfsten Theil, der
talmudifchen, ja felbft der hebräifchen Sprache unkundig
find, und diefen hätte er offenbar beffer gedient, wenn
er jene pädagogifchen Weisheitsfprüche nur in deutfeher
Ueberfetzung in feine Darfteilung verwoben, den Grund-

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