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Ausgabe:

1886 Nr. 1

Spalte:

6-10

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spitta, Friedrich

Titel/Untertitel:

Der zweite Brief des Petrus und der Brief des Judas 1886

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 1.

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bei fämmtlichen Verfaffern der neuteftamentlichen Schritten
, die alle griechifch fchreiben, das helleniftifche Judenthum
gar keine Nachwirkungen hinterlaffen hätte. Alfo
nicht das Fehlen, fondern umgekehrt das Vorhandenfein
helleniftifcher Einflüffe im Neuen Teftamente ift von
vornherein als wahrfcheinlich vorauszufetzen. Und wenn
nun derartige Einflüffe fogar recht handgreiflicher Art
uns entgegentreten, was ift das dann für eine wiffen-
fchaftliche Methode, diefelben mit allen Mitteln zu esca-
motiren? Franke hat mit gutem Recht eine Maffe verfehlter
Behauptungen, namentlich von Schölten und
Thoma, zuruckgewiefen. Aber wenn auch der foge-
nannten Kritik noch fo viele Fehler nachgewiefen werden
, fo wird dadurch das eigene Vorurtheil nicht beffer.
Als ein Vorurtheil aber mufs es bezeichnet werden,
dafs das vierte Evangelium ganz frei fein foll von helle-
niftifchen Einflüffen. Was Franke beweift, ift lediglich
dies, dafs der vierte Evangelift die religiöfe Vorftellungs-
welt des Alten Teftamentes kräftiger feftgehalten hat als
Philo; dafs er weit weniger als diefer von griechifcher
Philofophie beeinflufst ift. Aber welcher Vernünftige
wird dies leugnen? Für die Thefe Franke's, welche jeden
,Alexandrinismus' rundweg in Abrede ftellt, ift damit
gar nichts gewonnen.

Der Punkt, wo der Hellenismus unferes Evangeliften
am fchlagendften zu beweifen ift, wird immer die Logos-
lehre bleiben, deren Befprechung Franke einen ausfuhrlichen
Abfchnitt widmet 'S. 112—132). Auch hier
bleibt er bei feiner Thefe. Seine Darftellung des Logosbegriffes
fowohl bei Johannes als bei Philo ift aber im
Wefentlichen fo unbefangen und richtig, dafs man fleh
nur wundern kann, wie er trotzdem bei der Negirung
eines hiftorifchen Zufammenhanges zu verharren vermag.
Er fafst fein Refultat S. 117 in folgenden Worten zu-
fammen: ,Die ganze Uebereinftimmung von Joh. 1, 3
mit Philo beruht darauf, dafs diefer fo gut, wie der
Evangelift, die biblifchen Ausfagen über das Wort Gottes
als Medium der Weltfchöpfung verwerthet. Damit aber
ift denn auch der Einklang der beiden Darftellungen fo
ziemlich erfchöpft. Nur noch das Eine haben fie
gemeinfam, dafs beide dies Schöpfungswort
hypoftatifch denken'. Diefes ,nur' fcheint mir doch
fchon recht viel zu fein. Es ift aber freilich noch nicht
alles; denn nicht nur die Weltfchöpfung, fondern überhaupt
alles Wirken Gottes in der Welt und auf die Welt
denkt Johannes wie Philo durch den Logos vermittelt.
Diefe Uebereinftimmung ift aber deshalb fo bedeutfam,
weil fonft auf dem Boden des paläftinenfifchen Judenthums
als analoger Begriff nur der der göttlichen .Weisheit'
uns begegnet. Denn mit den Targumen, die hier immer
als Retter in der Noth erfcheinen müffen, fteht es hin-
flchtlich des Alters fehr bedenklich. Niemand kann
nachweifen, dafs diefelben in der uns vorliegenden Ge-
ftalt über das dritte Jahrhundert nach Chr. hinaufreichen
(f. Theol. Lit.-Ztg. 1884, 403). Und da in diefer fpäteren
Zeit das rabbinifche Judenthum nachweislich von der
griechifchen oder helleniftifchen Philofophie beeinflufst
ift (f. Freudenthal, Alexander Polyhiftor S. 66—77, Siegfried
, Philo von Alexandria S. 281—288), fo ift es minde-
ftens möglich, wo nicht wahrfcheinlich, dafs alles, was
die Targume über den Memra Jahve's fagen, auch auf
Philo zurückgeht (vgl. auch Theol. Lit.-Ztg. 1878, 412).
Jedenfalls ift die Uebereinftimmung zwifchen Philo und
Johannes fchon nach Franke eine fo grofse, dafs man
nicht recht verfteht, wie er angefichts derfelben einen
hiftorifchen Zufammenhang negiren kann.

In dem dritten Haupttheile (S. 255—316: ,Das alte
Teftament in der Darftellung des Johannes') unterfucht
Franke die Schriftbenützung im vierten Evangelium.
Von Intereffe ift hier namentlich die Ffage, ob Johannes
aufser den LXX, welchen er zweifellos in der Regel
folgt, auch den hebräifchen Grundtext gekannt und benutzt
hat. Franke hält dies wenigftens an zwei Stellen

(13, 18 und 19, 37) für erwiefen (S. 284 f.) Er fagt hierüber:
I ,Wer diefen beiden Stellen gegenüber nicht zugeben
will, dafs Johannes felbftändig auf den Grundtext zurückgegangen
, dem bleibt kein anderer Ausweg, als der,
dafs dem Evangeliften neben der Ueberfetzung der LXX
noch andere griechifche Ueberfetzungen zur Verfügung
geftanden'. Diefes Dilemma ift wenigftens bei der zweiten
Stelle (19, 37) ficher richtig. Denn die Stelle Sacharja
12, 10 ,fle blicken auf mich, den fle durchbohrt haben'
wird von den LXX wiedergegeben y.ui ImßXixjJovtai
rtqbg t/fi av'J wv yuiinQ-/!<(H(vi0, wo die Ueberfetzung
yaTcoqxriaavto darauf beruht, dafs die LXX ftatt 1"lpl
gelefen haben npn (wie fchon Hieronymus in feinem
Commentar zu Sacharja 12, 10, opp. ed. Vallarsi VI, 903,
richtig bemerkt). Johannes dagegen überfetzt nach dem
I maforethifchen Text oipovtai sig ov i^exevzrjaav. Es ift
aber doch fehr die Frage, ob das Dilemma in dem Sinne
zu beantworten ift, wie Franke mit den meinen Auslegern
annimmt. Die Sacharjaftelle wird auch in der
Apok. Joh. 1, 7 und bei Justin, apol. I, 5a fin. und Dia/.
c. Tryph. c. 14 fin. benützt, und überall begegnet uns
ebenfalls das l§e7tiisrjoav. Und zwar find die Citate der
Art, dafs fle fämmtlich direct auf Sacharja (nicht etwa
auf eine der neuteftamentlichen Stellen) zurückgehen.
Auch im Brief des Barnabas c. 7, 9 klingt jene Ueberfetzung
wieder. Es mufs alfo fchon im Anfang des
! zweiten Jahrhunderts, ja fchon zur Zeit der Apokalypfe
Johannis, einen griechifchen Text des Sacharja gegeben
haben, in welchem das i§euivttj(HtV geftanden hat. Dafs
i diefer erft das Refultat einer chriftlichen Correctur war
(wie Credner annimmt, Beiträge zur Einleitung in die
j biblifchen Schriften II, 293—296), fcheint mir fehr un-
j wahrfcheinlich, da das richtige fiey/rvtjoav fleh auch bei
I Aquila und Theodotion findet (f. Field's Hc.xapla II, 3,
1026). Es häufen fleh vielmehr die Anzeichen, dafs
Theodotion bedeutend älter ift, als man gemeinhin
annimmt (vgl. darüber meine .Gefchichte des jüdifchen
Volkes im Zeitalter Jefu Chrifti' II, 708—710).

Giefsen. E. Schürer.

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Spitta, Friedr., Der zweite Brief des Petrus und der Brief
des Judas. Eine gefchichtliche Unterfuchung. Halle,
Buchh. des VVaifenhaufes, 1885. (VII, 544 S. gr. 8)
M. 9. —

Karl Hafe, fonft nicht gerade als der Verwegenen
einer bekannt, wo es fleh um Kritik neuteftamentlicher
Schriften und urchriftlicher Traditionen handelt, fagt in
1 fei ner ,Kirchengefchichtc auf der Grundlage akademifcher
■ Vorlefungen' (I, 1885, S. 285): ,Ein zweiter Brief Petri
mit der Erinnerung an den erften diefes Namens und
I vom Brief des Judas abhängig, der die vergeblich erwartete
Wiederkunft Chrifti gegen die Spötter in unbe-
i ftimmte Ferne rückt, gegen den Vorwurf der Mythen-
j bildung die Stimme vom Himmel auf dem Berge der
Verklärung als Ohrenzeuge vertreten will und den Briefen
j feines geliebten Bruders Paulus ein gutes Zeugnifs aus-
ftellt, wenn fie auch manches Schwere und Mifsverftänd-
j liehe enthielten: das flammt nicht aus der Urzeit des
I Chriftenthums'. Damit ift kurz und bündig formulirt das
l niet- und nagelfefte Refultat einer dem betreffenden
Schriftftücke zugewandten langen und redlichen Arbeit
der proteftantifchen Kritik und Exegefe — abgefehen
von dem foeben erfchienenen, an fleh forgfältig gearbeiteten
und ernft zu nehmenden ,Werke des Bonner Theologen
, welcher uns verfichert, dafs es nur ,unhiftorifches
Gefuhlsurtheil', Voreingenommenheit und mannigfache
Täufchungen find, welche jenem Urtheil zu Grunde
j liegen.

Leider kann ich nicht umhin, zu verflehern, dafs die
i Täufchungen fo gut wie durchgehends auf Seiten unferes
Verfaffers find. Ich fchreibe diefes Bekenntnifs ungern
; nieder. Denn der Verf. hat es fleh mit feinen exege-