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Ausgabe:

1886

Spalte:

217-220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cornill, Carl Heinrich

Titel/Untertitel:

Das Buch des Propheten Ezechiel 1886

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologische Literaturzeitung

Herauscrecreben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

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Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 10. 15. Mai 1886. 11. Jahrgang.

Cornill, Das Buch des Propheten Ezechiel
(Neftle).

Bibliotheca Samaritana II. Die Samaritanifche
Liturgie von Heiden heim (Kautzfeh).

Kayfer, Die Theologie des Alten Teftaments j Lipfius, Philofophie und Religion (Gottfchick).
(Stade).

Vickers, The History of Herod (Schürer). | Weber, Emil Du Bois-Reymond (Härtung).
The English Historien! Review ed. M. Creigh-

ton (Harnack). Merz, Leibniz (Siebeck).

Cornill, Prof. Lic. Dr. Carl Heinr., Das Buch des Propheten
Ezechiel, herausgegeben. Leipzig, Hinrichs, 1886. (XII,
515 S. gr. 8.) M. 15. -

Im Jahr 72 begann Ref. — es möge ihm diefe per-
fönliche Einleitung geftattet fein — eine akademifche
Preisarbeit über die textkritifche Bedeutung der LXX für
Ezechiel mit der Klage, dafs nächltdem 400 Jahre feit
dem erftenDruck des hebr.A. T. verfloffen feien (Ps. 1477,
Pent. 82, Proph. 86, A. T. 88) und noch keine einzige
kritifche Ausgabe desfelben exiftire. Mit um fo gröfserer
Freude bringt er nun, nachdem auch in der Zvvifchenzeit
nur die Joelbearbeitung feines damaligen Lehrers Merx
erfchienen ift, den erften wirklich durchgreifenden Verfuch
einer folchen kritifchen Textausgabe des Ezechiel zur
Anzeige. Jefaias und Jeremias gedenkt der Herausgeber
in gleicher Weife zu bearbeiten. Aber nicht blofs die That-
fache, dafs endlich einmal Hand an diefe Arbeit gelegt
wurde, deren Berechtigung, ja Notwendigkeit längft unter
Sachverfländigen feftftand, ift fo erfreulich: nicht minder
ift es die Art und Weife, wie fie durchgeführt wurde. Man
mufs felbft ähnlich gearbeitet haben, um ganz und voll zu
würdigen, welch enormer Eleifs, um zunächft nur diefen
zu nennen, in diefem Werke fteckt. Weiterhin wird Gelegenheit
fein zu zeigen, welch umfangreiche fprachliche
Kenntnifse und welch kritifchen Scharffinn dies Buch
bekundet. Die 48 Capitel des Ez., die in den gewöhnlichen
Bibeln 84 weitgedruckte Seiten einnehmen, bean-
fpruchen hier mit gegenüberltchender deutfeher Ueber-
fetzung 330 Seiten engften Drucks; der kritifche Apparat,
durch die Anwendung von Sigeln aufs knappfte gefafst,
füllt oft die ganze Seite, und diefer Apparat mufste bei
dem leidigen Stand der altteftl. Textkritik felbft erft be-
fchafft werden. Die 170 Seiten Prolegomena geben
darüber Auffchlufs. Sie gehen von der Thefe de Lagarde's
aus, dafs alle unfere hebr. Hdff. einem einzigen Archetypus
entfpringen, den C. mit de Lagarde in die Zeit
Hadrian's zu verlegen geneigt ift. Eine genaue Collation
des Petropolitanus von 916, der nur 16 wirkliche Varianten
aufweift, illuftrirt die Stabilität der hdf. Ueberlieferung.
Im Apparat find daneben felbftverftändlich alle belangreichen
Varianten aus Kennicott und de Roffi verzeichnet.
(Ueber die Hdf. 24 bei de Roffi mit ihren fingulären Lesarten
z. B. 32, 30. 34, 16. 37, 23. 39. 2, wie über die
Gegeninftanzcn gegen Lagarde's Thefe, hätten wir gerne
etwas gehört.) Um fo wichtiger ift G, der Grieche, deffen
Vorlage dem Propheten um gut 350 Jahre näher fleht
als der Archetypus von H, und fo gilt der umfangreichfte
Theil der Prolegomenen, faft 100 Seiten, der griechifch-
alexandrinifchen Ueberfetzung, ihren Hdff., Tochterverfionen
, den Citaten bei den Kirchenvätern (Anh. das

liren zu können: er darf verfichern, dafs die von ihm
nachgeprüften Stücke mit mufterhafter, mit beinahe
Lagarde'fcher Akribie gearbeitet find. ,Vier Uncialhdff.
und die 26 für Parfons verglichenen Minuskeln ftanden
zu Gebot'. Leider ift dem Verf. hier von publicirtem
Material der allerdings fragmentarifche, aber fehr wichtige
, weil den Sinaiticus für Ez. uns erfetzende Crypto-
ferratenfis entgangen, den Cozza 1867 herausgab, Tifchen-
dorf in der ed. IV. 1869 fchon erwähnte, und E. R—e—
doch wohl Ernft Ranke, dem neben dem verft. Franz
Dietrich das Buch gewidmet ift — LCB1 72, 5 befprach;
ebenfo überfah C, was Pitra, Analccta sacra 3, 553 ff. aus
Q., dem berühmten Marchalianus, gerade zu Ezechiel mittheilte
. (Statt 26 Minuskeln mufs es zudem 25 heifsen,
23 = V.) Für A ift die Eacfimileausgabe von Baber, für
B die römifche collationirt worden (zu A S. 14 die
kleine Berichtigung, dafs 27, 25 Bl. 387" die Photographie
deutlich noch den kleinen Anfangsbuchftaben erkennen
läfst), für den Chifianus die Ausgabe von 1840; für die
übrigen Minuskeln ift Parfons verantwortlich, dem leider,
wo es das argumentum ex silentio gilt, am wenigften zu
trauen ift. üb z. B. 8 = Part. 239, eine Florentiner
Hdf. vom Jahr 1046 immer mit B geht, wo fie bei Parfons
fehlt? Beiläufig bemerkt ift die Angabe S. 20, dafs t
auch noch andere Bücher aufser den Propheten enthalte,
mit Unrecht aus Parfons erfchloffen (89hcifst die Hdf. nur
noch in der Sufanna = Daniel) und jedenfalls war es
nicht wohlgethan, aus Parfons alle Stellen auszufchreiben,
wo derfelbe A sub obelo, sub astcr., c/iaract. min. etc. verzeichnet
. Dies geht ja nicht auf die Hdf., fondern einfach
auf Grabe's Ausgabe von 1707, die für uns nicht mehr
mafsgebend fein kann. (S. 231 zu 10, 7 eine unverbindliche
Frage: ,ob auch von A athetiertr' von letzterem
Wort überhaupt da und dort ein unrichtiger Gebrauch
gemacht, f. zu 6, 12. 7, 2. 35, 6). — Der Abfchnitt über
die Tochterverfionen zeigt eine beneidenswerthe Sprach-
kenntnifs nicht blofs für das Aethiopifche, fondern auch
für das Arabifche und Syrifche; felbft auf die koptifche
Ueberfetzung fällt intereffantes Licht. Von der äthio-
pifchen werden 2 Recenfionen unterfchieden, Lagarde's
Aufftellungen über diefelbe nicht völlig zurückgewiefen,
noch weniger aber unterftützt. Wünfchenswerth wäre es
übrigens hiebei gewefen, dafs C. auf diejenigen, denen
das Aethiopifche nicht fo geläufig ift wie ihm felbft, etwas
mehr Rückficht genommen, uns z. B. S. 43 das Stück
uralter femitifcher Mythologie über Thamuz in deutfeher
Ueberfetzung mitgetheilt hätte. Auf die fyrifch-hexapla-
rifche, die wie alle anderen genau collationirt wurde,
folgen 2 arabifche (mit der S. 57 aus der letzteren für
das arabifche Wörterbuch gewonnenen neuen Vocabel
ift es nichts: das Wort mufs b^by heifsen, vgl. Bar Ali),

speculum Augustini), der Gruppirung des Materials nach dann der fehr ausführliche Abfchnitt über die Gruppirung

kecenfionen (Anhang: die 3 fpäteren griechifchen Ueber- des Materials nach den 3 von Hieronymus unterfchiedenen

fetzungen). Durch feine eigenen Collationen ift Ref. in Recenfionen. Ueber Lucian kann ja kein Zweifel mehr

der Lage, viele Abfchnitte diefes Theils genau control- fein; bei der hierher gehörigen Complutenfis hätten die

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