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Ausgabe:

1886

Spalte:

200-201

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Westphal, Alexandre

Titel/Untertitel:

Chair et esprit 1886

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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199

20O

Text mit rechtfertigenden Anmerkungen. Da diefer
,Vertuen auf grofse Nachficht der Beurtheilung rechnet'
(S. 47), begnüge ich mich zu conftatiren, dafs hier der
Umfang der Logia grundfatzmäfsig fo weit als nur
immer möglich ausgedehnt wird, fo dafs nicht blofs die
Redecompofitionen des erften und der damit parallele
Inhalt der beiden Einfchaltungen des dritten Evangeliften,
fondern auch der gröfste Theil deffen, was jeder von
ihnen noch aufserdem über Marcus hinaus bietet, darin
Aufnahme findet. Diefer Quelle werden alfo auch Rede-
ftücke zugewiefen wie Matth. 5, 17—20, Erzählungen
wie vom Hauptmann in Kapernaum, von Maria und
Martha, von der dienenden Weiberbegleitung Luc. 8,
1—3, fogar von den beiden Blinden Matth. 9, 27—30
u. f. w.; aber doch auch wieder die fog. Felfenrede
Matth. 16, 17. 18 nur in fehr abgekürzter Form, das
Verbot der Ehefcheidung ohne das matthäifche rtctQe/.-
tög löyov nogvEiag u. f. w. Erinnert eine fo weite Raffung
der Matthäuslogia oft mehr an die ,apoftolifche
Quelle' von B. Weifs als an die herkömmliche ,Spruch-
lammlung', fo wird doch die Behauptung des eben genannten
Kritikers, es habe die Matthäusquelle fchon als
Vorausfetzung für Marcus zu gelten, ausführlichft widerlegt
(S. 191 f.), wie ich mich überhaupt mit demjenigen,
was hier und im dritten Abfchnitt über das Verhältnifs
des erften und des dritten Evangeliften zu einander
und zu den Logia gefagt wird (S. 45 f. 207 f.), nur ganz
einverftanden erklären kann.

Nun follen aber diefelben Logia, wie der Verf. mit
Berufung auf Matth. 23, 37. Luc. 13, 34. 19, 41. 42 behauptet
(S. 190 f. 205. 286. 321), Zeugnifs für eine, im
Marcusbericht ignorirte mehrmalige Anwefenheit Jefu in
Jerufalem ablegen. Damit treten fie auf die Seite einer
,dritten Haupturkunde', die wir ,neben jenen beiden
anderen Schriften zur Gewinnung unferes Bildes von der
Lehre Jefu verwerthen dürfen' (S. 297). Das ift nicht fo-
wohl das Johannes-Evangelium, welchem der vierte Abfchnitt
gewidmet ift, an fich, als vielmehr die ihm zu
Grunde liegende, im Anfchluffe an die bekannten Verbuche
Weifse's und (früher) Schenkel's (S. 217) vorge-
ftellte, aber viel eingehender befchriebene und genauer
gegen die ausführenden Zuthaten des Evangeliften abgegrenzte
Hinterlaffenfchaft des Apoftels, welche erft
innerhalb des ephefinifchen Jüngerkreifes zu unferem
vierten Evangelium ausgeweitet worden ift (S. 320 f. 334).
Letzteres verhält fich alfo zu der johanneifchen Quelle
ebenfo wie das Matthäusevangelium zu den Logia (S. 218.
283); fogar gefchichtliche Notizen der Quelle, wie über die
Scene am Brunnen Jacob's (S. 263 f.), über die Verhandlung
Jefu mit feinen Brüdern (S. 268 f.), über feine
Reden am Grabe des Lazarus (S. 274 f.), finden freie
Weiterführung und Fortbildung. Und zwar find die Zuthaten
theils einfach aus der Bekanntfchaft mit den vorangehenden
Evangelien gefloffen, wozu auch die Logia
gehören (S. 322 f. 334), theils aber entflammen fie, wie
der vielmalige Aufenthalt in Jerufalem, das Datum des
Todestages und einige andere Notizen, wirklich einer
auf den Apoftel Johannes zurückzuführenden Tradition
(S. 321 f.), theils endlich geben fie fich geradezu als
Confequenzen der dogmatifchen Anfchauungen fei es
des Evangeliften, fei es überhaupt einer fpäteren Generation
zu erkennen (S. 218. 336 f.) und haben in diefer
Beziehung ihre genaue Analogie in jenen Fortbildungen,
welche der fynoptifche Stammbericht fchon bei Matthäus
und Lucas erfahren hatte (S. 332 f. 341). Bei der Aus-
fcheidung des urfprünglichen Stoffes (vgl. befonders
S. 258 f.) konnte fich Wendt vielfach an die von Lücke,
Ritfehl, Weifs, Bertling und Andern gemachte Beobachtung
Hörender Unterbrechungen im jetzigen Context
anfchliefsen (S. 219 f.). Noch öfter find fchon die Confequenzen
der religiöfen Anfchauung, die das Evangelium
darbietet, Gegenftand der Debatte gewefen, und fie
werden hier auch nach Richtungen verfolgt, die bisher

weniger in die Augen gefallen find (S. 238 f.). Mit der
Anerkennung, dafs in der Quelle felbft die Reden Jefu
faft durchweg in derjenigen Umformung auftreten,
welche die kräftige Eigenart eines begabten Jüngers
ihnen etwa im Verlaufe eines halben Jahrhunderts verliehen
hatte (S. 287 f. 305 f.), fchliefst fich der Verf.
vollends nur einer in den weiteften Kreifen unfer heutigen
Theologie zur Geltung gekommenen Errungenschaft
an.

Worin er aber über das hier gewöhnlich begegnende
Niveau von Erkenntnifs hinausgeht, das ift die Beobachtung
, dafs die Jefus-Reden feiner Quelle nur der ent-
fcheidungsvollen Schlufszeit der Wirkfamkeit Jefu zugewiefen
werden können (S. 285), während fie im Evangelium
auf die ganze Dauer diefer Wirkfamkeit vertheilt
erfcheinen (S. 289). Auf diefe Weife bleibt der Aufrifs,
welchen Marcus dem Leben Jefu gegeben hat, in viel
weiterem Umfange gegen Johannes zu Recht beftehen,
als dies z. B. bei Weifs und Beyfchlag der Fall ift (vgl.
S. 311 f.). Auf letzteren Punkt lege ich meinerfeits den
gröfsten Werth. Sollte ich dagegen meine Kritik auf
Einzelnes ausdehnen, fo würde ich fragen, ob die S. 332
gewonnene Einficht in die Provenienz einzelner Herrn-
fprüche die S. 296 f. aufgeftellten Behauptungen nicht
umwerfen, ob die Erklärung des Logos im Prolog als
unperfönliches Offenbarungswort im altteftamentlichen
Sinne nicht auf Selbfttäufchung beruhe (S. 306 f.), und
fo manches Andere, was fich mir felbft, da ich vor etwa
20 Jahren einmal über der Leetüre des Johannes mit
dem damals von Weifse, Schenkel und Freytag gebotenen
Schlüffel experimentirte, als fchwer zu befeitigende
Gegeninftanz dargeftellt hat.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Westphal, Alexandre, Chair et esprit. Essai sur le deve-
loppement de ces deux notions dans l'ancien et le
nouveau testament. Toulouse, A. Chauvin et fils, 1885.
(iS5 P- 8.)

Diefe Arbeit, eine ,t/iesel zur Erlangung des Grades
eines bachelier en tlieologie bei der theologifchen Facul-
tät zu Montauban, bildet das franzöfifche Pendant zu
dem englifchen Werke von Prof. W. Dickfon, St. Päuts
use of the terms flesk and spirit, welches Referent in
diefer Zeitung Jahrg. 1884 Nr. 24 angezeigt hat. Der
Verf. geht von einer Unterfuchung der altteftamentlichen
Begriffe "litJzi .und TV~ aus, folgt der Entwicklung der-
felben auch in der fpäteren jüdifchen Literatur bis zur
Zeit Jefu, erörtert dann den aufserpaulinifchen neutefta-
mcntlichen Gebrauch der Begriffe OctQ% und nvsvfia, und
kommt fo endlich bei der Betrachtung des paulinifchen
Sprachgebrauches zu dem Schluffe, dafs Paulus bei der
Verwendung diefer Begriffe nur die letzten Confequenzen
I des durch das Alte Teftamcnt begründeten Sprachge-
: brauchs gezogen hat, fich aber nicht an die dualiftifche
Anfchauungsweife der helleniftifchen Metaphyfik ange-
fchloffen hat. In knapper, aber gewandter und durch-
[ fichtiger Ausführung zeigt er, wie der Begriff ,Fleifch'
I nächft feiner eigentlichen, engften Bedeutung in dem erweiterten
Sinne theils des ganzen Körpers, theils des
I ganzen Menfchen, fofernerin creatürlicher Befchränktheit
Gott gegenüberfteht, verwerthet wird; dafs diefem Be-
I griffe immer die Merkmale der Schwäche und Vergäng-
| lichkeit anhaften, nicht aber nothwendig das Merkmal
I der Sündhaftigkeit, auch nicht nach Paulus. Ebenfo zeigt
er, wie der Begriff ,Geift', von der finnlichen Bedeutung
I des Windes und des Athems ausgehend, theils die natürliche
Seele, wie fie durch Gottes Kraft belebt wird, fpe-
ciell den moralifchen Charakter des Menfchen, nicht aber
etwa ein höheres geiftiges Vermögen des Menfchen neben
feiner Seele, theils den übernatürlichen Geift Gottes,