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Ausgabe:

1886

Spalte:

181-185

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nathusius, Martin von

Titel/Untertitel:

Das Wesen der Wissenschaft und ihre Anwendung auf die Religion. Empirische Grundlegung für die theologische Methodologie 1886

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. - Nr. 8.

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wir begreifen angefichts desfelben feine Klage über ,die
höllifchen Schrecken', welche ,die chriflliche Religion in
feinem Vaterlande ausgebreitet habe', und begreifen,
warum diefe Kirche nach folchen Triumphen der fitt-
lichen und intellectuellen Culturentwicklnng des 18. Jahrhunderts
als eine völlig machtlos gewordene und jeder
religiöfen Autorität entkleidete Inftitution gegenüberflehen
mufste.

Bafel. R. Stähelin.

Nathusius, Paft. Martin v., Das Wesen der Wissenschaft
und ihre Anwendung auf die Religion. Empirifche Grundlegung
für die theologifche Methodologie. Leipzig,
Hinrichs, 1885. (VIII, 446 S. gr. 8.) M. 8. —
Der Verf. beginnt mit der Verficherung, dafs feine |
Unterfuchungen zunächft im Intereffe der Wiffenfchaft
unternommen feien, allerdings dann auch der Religion
zu Gute kommen könnten. Hat man bei der Leetüre
feines Buches nicht feiten einen andern Eindruck, fo ift
es beruhigend, dafs er jetzt felbft (Conf. Monatsfchrift
1884, S. 1223) es als die Tendenz feiner Arbeit bezeichnet
, durch Ausfcheidung deffen, was man über die Religion
wiffen könne, die Kirche in ihrem Glauben vor
der Wiffenfchaft fichcr zu ftellen. Dies Ziel fucht er
durch methodologifchc Erörterungen zu erreichen, die
gewandt und lebhaft gefchrieben find und eine vielfeitige
Belefenheit verrathen, in denen freilich auch manches
Selbftverftändliche breit ausgeführt und manches Schwierige
, aber Nöthige übergangen oder nur geflreift ift. So
hat er fich auf eine wirkliche Erkenntnistheorie nicht
eingelaffen — mit gutem Grunde; denn feine gelegentlichen
philofophifchen oder vielmehr anti-philofophifchen
Bemerkungen zeigen, dafs er in der Philofophie nicht zu
Haufe ift. Er bezeichnet z. B. die Congenialität des
Geiftes mit dem Gegenftand als Grund der Möglichkeit
der Wiffenfchaft, ohne zu ahnen, dafs er fich damit ein
ganzes metaphyfifches Syftem aneignet. Der Weg aber,
den er einfehlägt, dafs er maffenhaft Auetoritaten aus allen
Wiffenfchaften das Wort giebt, führt zwar an manche in-
tereffante Fragen heran, ift aber mehr geeignet zu überreden
, als zu überzeugen. Er hat fich in der Methode
doch noch zu fehr von dem Erfolg blenden laffen, den
diegrofsen Vorbilder der modernen Apologetik bei ihren
eigenen Freunden gewonnen haben. Ref. mufs es fich
verfagen, auf die zahlreichen, höchft discutablen Ein
zelheiten einzugehen, die der Verf. in unterhaltender
Weife ftreift, und befchränkt fich auf die Art, wie er
feinen Grundgedanken durchgeführt hat.

S. 13—231 handelt er zunächft von dem Wefen, genauer
dem Verfahren, der Gewifsheit und den Grenzen
der Wiffenfchaft. Er fordert ein ftreng empirifches Verfahren
und fcharfe Untcrfcheidung der wirklich wiffen-
fchaftlichen Gewifsheit, die nur durch vollftändige In-
duetion zu Stande kommt und zu deren Anerkennung
jeder denkende Menfch gezwungen werden kann, nicht
nur von der noch unbewiefenen Vcrmuthung, fondern
auch von einer fpeeififeh andern Art der Gewifsheit, der
moralifchen, die nur fubjective Geltung hat und auf dem
Willen und der durch diefen bedingten Weltanfchauung
beruht. Fiinen wie breiten Spielraum die letztere hat,
zeigt er am Beifpiel der Hiftorie. Mit Recht behauptet
er, dafs das Verftändnifs der in der Gefchichte fich auswirkenden
fittlichen Mächte von der Weltanfchauung des
Forfchers abhänge; denn es handelt fich in diefem P all
gar nicht um Caufalerklärung der Einzelzufammenhange,
fondern um teleologifche Werthbeurtheilung. Es ift aber
fchon falfch, dafs er die Erkenntnifs der pfychologifchen
Beweggründe der handelnden Perfonen mit jenem Verftändnifs
auf völlig gleiche Stufe rückt; denn, wenn es
auch unleugbar ift, dafs die innere Bildung der Erkennenden
hier in's Gewicht fällt, fo ift doch die Aulgabe

nur, zu verliehen, was beftimmte ideale Motive für
Andere bedeutet haben, und das kann man mitteilt
der Analogie begreifen, ohne fich diefelben für die eigene
Perfon anzueignen. Geradezu eine Herabwürdigung der
Kategorie der moralifchen Gewifsheit aber ift es, wenn
er mit einer Skepfis, deren Kehrfeite ein handfefter Po-
fitivismus ift, auch für die Conftatirung der äufseren Er-
eignifse der Vergangenheit die Ergänzung der wiffen-
fchaftlichen Gewifsheit durch die moralifche, durch einen
Glauben an die Menfchheit, der Sache fubjectiven Gefühls
fei, für nöthig erklärt, weil die .Freiheit' der Ueber-
mittlcr der hiftorifchen Zeugnifse die Stringenz der Schlüffe
beeinträchtige. Freiheit ift ihm nämlich mit Willkür,
Regellofigkeit identifch. Er weifs aber doch felbft, dafs
man durch mancherlei Mittel die Unficherheit der Schlüffe
auf die Vergangenheit einfehränken kann. Alfo handelt
es fich hier nur um.graduelle, nicht wie oben um qualitative
Verfchiedenheit der Gewifsheit.

Endlich foll die Wiffenfchaft ihre Grenzen anerkennen
, die darin liegen, dafs einerfeits von aufserhalb der
Wiffenfchaft her, aus Philofophie und Religion, nicht nur
culturelle Bedingungen für das Gedeihen der Forfchung,
fondern auch leitende Ideen erwachfen (z. B. Theismus
oder Naturalismus für die Naturwiffenfchaft), und dafs
anderfeits die Wiffenfchaft mit Notwendigkeit in die
Fragen nach den letzten Gründen auslaufe, auf die nicht
die Wiffenfchaft, fondern nur die Weltanfchauung, fei es
der Religion, fei es der Philofophie, die Antwort gebe,
die dann natürlich nur moralifche Gewifsheit habe. —
Es wäre hier unumgänglich gewefen, dafs der Verf.
fich einerfeits mit Kant und Lotze, die doch auch ernft-
liche Theiften gewefen find, über die Möglichkeit, die
Gottesidee zur leitenden Idee der empirifchen Forfchung
zu machen, auseinandergefetzt hätte, eine Auseinander-
fetzung, die bei dem, wenn auch vielleicht nur fahr-
läffigen, darum doch nicht minder gewiffenlofen Mifs-
brauch, der heute in den Kreifen des Verf.'s mit der
Anklage auf Naturalismus getrieben wird, fehr an der
Zeit wäre; dafs er anderfeits ernftlich in die von Ritfehl
und Herrmann angeregte Discuffion eingetreten wäre, ob
die Frage nach den letzten Gründen wirklich der Wiffenfchaft
und nicht vielmehr dem Lebensgefühl des perfön-
lichen Menfchen entfpringt, während er jetzt bald das
eine, bald das andere behauptet (S. 198 ff., 348, 387 fr.).
Nur im letzteren Fall wird er feine Thefe durchfetzen
können, dafs hier die Wiffenfchaft wirklich auf eine
Grenze geräth. Er fleht aber felbft noch, freilich unbe-
wufst, mit einem Fufs in der Speculation, wenn er den
Begriff einer letzten Urfache mit dem religiöfen Gottesbegriff
identificirt. Wie nun die Philofophie, deren Bankerott
er jubelnd zu conftatiren nicht müde wird, dennoch
auf diefem Gebiet Antworten zu geben legitimirt
fein foll, das überläfst er feinen Lefern fich zu reimen.
Er felbft wendet fich dazu, die .Grundlinien für die wiffen-
fchaftliche Behandlung der Religion' zu zeichnen (S. 223
—446). Sein Ziel ift, die Kirche d. h. die heutige Orthodoxie
durch wiffenfehaftliche Gründe aufser Competenz jeder
Wiffenfchaft zu ftellen. Er erreicht dasfelbe in drei
Schritten.

Der erfte Schritt. Die Wiffenfchaft im ftrengen Sinn
kann eigentlich von der Religion nichts wiffen als Aeufser-
lichkeiten. Im Gegenfatz zu der apriorifchen wie zu der
pfychologifchen, an Schleiermacher orientirten Speculation
poftulirt er eine rein empirifche vergleichende Religionskunde
, die von den in heiligen Schriften, Gebräuchen
u. f. w. vorliegenden objectiven Thatfachen ausgeht
und zu Begriffen und Gefetzen, d. h. zu Gleichförmigkeiten
der Erfcheinungen fortfehreitet. Denn dafs an
organifche Bildungsgefetze nicht zu denken ift, erhellt
daraus, dafs es .unwiffenfehaftlich' fein foll, die religiöfen
Erfcheinungen unter anderen Gefichtspunkten zu betrachten
, als unter denen fie nach ihrem eignen Zeugnifs
betrachtet fein wollen. Diefe Objectivität kommt fofort