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Ausgabe:

1885

Spalte:

171-172

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kögel, Rudolf

Titel/Untertitel:

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch. 6. Jahrg. 1885 1885

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 7.

172

überflüffig Werk, wollte ich mit Friedensworten die
Herzen unterer jefuitifchen Gegner beftürmen'. Hier gelte
das Wort: si vispacem para bellum. Nur möge man das
perfönliche Gebiet von unterer Polemik ausfcheiden;
fachlich, nicht perfönlich, das fei die Kampfes-
lofung. Verfchmähen möge man die Allianz mit ent-
fchiedenen Miffionsfeinden, wie oft die katholifchen Mif-
fionen, Janffen und die Germania Arm in Arm mit den
Feinden des Evangeliums gingen, wenn diefe ihnen einen
Dienft gegen die proteftantifche Miffion leifteten. Endlich
fei zu wünfchen, dafs das Wort: fchiedlich-friedlich!
beobachtet würde. Zwar plädire die Germania dafür,
dafs im Intereffe der civilifatorifchen Unternehmung eine
Concurrenz zwifchen den kath. und prot. Miffionären
ganz an ihrem Platze wäre; das wäre wahr, wenn die
Ultramontanen uns gewähren liefsen, was fie für fich
begehrten. Das Schlufswort des Ganzen lautet: Je weniger
aber im ultramontanen Lager felbft die befcheidenften
Friedensvorfchläge Gehör finden, defto lauter ergeht an
das Gewiffen der evangelifchen Chriftenheit der Wächterruf
: Wach auf, du Stadt Jerufalem! Wer Ohren hat zu
hören, der höre.

Lang-Göns. Dr. Strack.

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch, hrsg. von Rud. Kögel,
Wilh. Baur und Emil Frommel unter Mitwirkung
von Nie. Fries, Emil und Max Frommel etc. (6. Jahrg.)
Bremen, Müller, 1885. (III, 388 S. 8.) M. 4. —

Die neue Chriftoterpe fährt fort, in gleichem Geift
und in gleichem Tone, als bisher, gebildeten chriftlichen
Lefern erbaulichen und belehrenden Inhalt in reicher
Mannigfaltigkeit der Gaben darzubieten. Unter den umfänglicheren
Arbeiten erwähnen wir zunächft den Artikel
von Georg Rietfchel über ,die Herrlichkeit Jefu, des
Menfchenfohnes', der einen fehr würdigen Eingang bildet.
Mit feinen Strichen und in edler Sprache zeichnet der
in der Anfchauung wahrhaft chriftlicher Kunft aufge-
wachfene Verf. die Umriffe der erhabenen, einzigartigen
Geftalt des Gottmenfchen, indem er darlegt, wie in Jefu
die individuelle Befonderung des Gefchlechts, des Volksthums
, des Temperaments, der Begabung in voller und
reiner, aber keineswegs verfchwommener Harmonie aufgehoben
ift. Der mit zarter und finniger Hand gefchrie-
bene Auffatz würde an Bedeutung noch gewonnen haben
durch einen dogmatifchen Hintergrund, wenn der Verf.
auf den noch lange nicht genug gewürdigten biblifchen
Begriff der Herrlichkeit Gottes eingegangen wäre, um
dann zu zeigen, wie der Abglanz derfelben rein und
ungetrübt in Jefu fich wiedergefpiegelt habe. Wilh. Baur
variirt unter der Ueberfchrift: .Volksfeele und Gottes-
geift' ein von ihm mit warmer Liebe und befonderem
Glück behandeltes Thema, das zu feinen Lebensgedanken
gehört, die Berechtigung des Volksthums innerhalb des
Reiches Gottes, fowie die Bedeutung, die es für dasfelbe
hat, und die Aufgabe der Kirche, die natürliche Volks-
eigenthümlichkeit in die Zucht der Gnade zu nehmen
und fie durch das Evangelium zu verklären. Ausführlich
geht dabei der Verf. auf den Unterfchied des Semiten-
und des Indogermanenthums ein, während er am ,Heliand'
die innige Berührung der deutfehen Volksfeele mit dem
Gottesgeift illuftrirt. Der charakteriftifchfle Ausdruck für
die Vermählung des deutfehen Volksgeiftes mit dem
chriftlichen Geifte ift nach unferer Anficht die deutfehe
Bibel Luther's, die eine Verdeutfchung des ganzen
Chriftenthums bedeutet; es wäre gerade im gegenwärtigen
Augenblicke, wo Luther's Bibelüberfetzung die
theologifchen und die chriftlichen Kreife fo lebhaft be-
fchäftigt, von Intereffe gewefen, darauf näher einzugehen
und auch von da aus die Frage wegen der Revifion
der Luther'fchen Bibelüberfetzung gelegentlich zu beleuchten
. Uebrigens fcheint es uns gegenwärtig, wo auf
politifchem Gebiete der nationale Gedanke mit immerhin
berechtigter Einfeitigkeit hervortritt, an der Zeit, auf die
Univerfalität des Chriftenthums mit feiner höheren Einheit
nachdrücklich hinzuweifen. Ein werthvolles Stück Homiletik
und Paftoraltheologie enthalten die vortrefflichen
,Parallelen', die Max Frommel zwifchen dem Künftler
und dem Prediger einerfeits, und zwifchen dem Arzt
und dem Seelforger andererfeits zieht; bei erfterem
Thema hebt der Verf. mit vollem Recht hervor, wie
die echte Kunft die verklärte Natur ift. Die Erinnerung
daran thut Noth. Was unferer Predigt cbenfo wie der
heutigen Kunft vielfach fehlt, ift die edle Einfalt. Im
zweiten Abfchnitt wird man mit Intereffe und Zuftim-
mung die gelegentliche Kritik unferer fchablonenhaften
; Medicin lefen, die bei dem geiftlichen Arzt vielfach ihre
Parallele findet. Wie fein Bruder Max, fo erzählt auch
] Emil Frommel Mancherlei aus feinem geiftlichen Amts-
' leben unter der Ueberfchrift: ,Ofterglocken'. Ergreifend
fchön ift die Gefchichte aus feiner Seelforge, die er am
Schlufs des von vielen finnigen Oftergedanken durchzogenen
Auffatzes mittheilt; in derfelben ift ein vortreffliches
Exempel für die rechte geiftliche Therapeutik an
den Edleren unter den fog. modernen Heiden gegeben.
Als ein Freund des unvergefslichen Dichters würdigt R.
Kögel mit warmer Liebe und doch mit ruhiger Objec-
tivität Em. Geibel als religiöfen Dichter, in welchem
die Individualität des Vaters, eines reformirten Pfarrers,
fich in verfchiedenen Zügen reflectirt. Mit vollem Recht
verfchmäht es der Verf., den edlen Dichter nach vielfach
beliebter Manier, welche aus den grofsen Geiftern
Capital für die eigene Partei fchlägt, für irgend eine
kirchliche Partei zu reclamiren und in eine fertige Schablone
hineinzudrücken; dafs er ein lebendiger Chrift
gewefen, das beweifen nicht blofs einzelne Gedichte
religiöfen Inhalts, das beweift der ganze edle und reine
Geift feiner Dichtung, auch wo er nur der Interpret
natürlich menfehlicher Empfindung ift. Auf Grund von
Kirchenbuchnotizen und Familienüberlieferungen hat
Ludwig Renner in der Form von „Tagebuchblättern''
ein höchft erfreuliches und lebensvolles Bild von den
Verfolgungen gegeben, welchen im vorigen Jahrhundert
der evangelifche Adel, fpeciell in Schießen Seitens der
römifchen Kirche ausgefetzt gewefen ift. In ,drei brieflichen
Lebensbekenntnifsen' hat L. Wiefc verfchiedene
Lebensanfchauungen auf intereffantc Weife zum Ausdruck
gebracht. Eine Erzählung von J. Biernatzki unter dem
Titel: ,ein Oratorium von Händel' ift mit vielem Gefchick
und pfychologifcher Wahrheit gefchrieben. ,Blumen aus
der Wüfte' läfst O. Funcke erblühen; es find allerlei
Meditationen über religiöfe und fittliche Wahrheiten, die
in der ,Wüfte' einer unfreiwilligen Mufse dem Verf.
aufgetaucht find und die eine reiche, unter Arbeit und
Leid gereifte geiftliche Erfahrung bezeugen. Auch an
einem biographifchen Artikel fehlt es nicht; A.Michelfen,
dem wir die Vermittlung der theologifchen Literatur
Dänemarks wefentlich mit verdanken, führt die edle
Geftalt Martenfen's vor Augen, felbftverftändlich unter
mehrfacher Benutzung der Selbftbiographie desfelben,
die er fo trefflich überfetzt hat.

Die poetifchen Producte, von^ denen einige auch
Ueberfetzungen find, wie die von E. Quandt, der fehr
eigenthümliche holländifche Gedichte glücklich übertragen
hat, find fo zahlreich, dafs wir nicht füglich auf
fie eingehen können.

Dresden. Meier.