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Ausgabe:

1885 Nr. 7

Spalte:

166-169

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nahlowsky, Jos. W.

Titel/Untertitel:

Das Gefühlsleben. In seinen wesentlichen Erscheinungen und Beziehungen dargestellt. 2., durchgeseh. u. verb. Aufl 1885

Rezensent:

Reischle, Max

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165 Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 7. 166

ganze rückläufige Strömung in der Gefchichte der katho- I faffung find aber untergeordnet gegenüber der Befriedi-
lifchen Kirche des neunzehnten Jahrhunderts auf die zwei gung über den grofsen Werth, welchen Nippold's Buch
Urfachen zurückzuführen fei: den Jefuitismus und den ! fchon deswegen hat, weil es ganz angethan ift, vielen
Irrthum der Proteftanten, insbefondere der Staatsregie- ■■ unbeforgten oder gleichgiltigen Leuten die Augen zu

rungen. Man reicht doch mit diefer Erklärung nirgends
aus, in Frankreich fo wenig wie in England, und in
England fo wenig wie in Deutfchland. Auf eine andere,
eine innere gefchichtliche Triebfeder weift doch ohne
Zweifel fchon die Thatfache hin, dafs diefe Strömung
im Katholicismus ihre genaue Parallele hat in den evan-
gelifchen Kirchen, dafs fie wie bei diefen aber auch
weiter im engften Zufammenhang fteht mit einer ganz
allgemeinen geiftigen, einer Culturftrömung. Im Einzelnen
tritt das ja auch in Nippold's Gefchichte der katholifchen

öffnen über die verfchlungenen und gefährlichen Wege
römifcher Politik.

Tübingen. C. Weizfäcker.

Nahlowsky, Jof. W., Das Gefühlsleben. In feinen wefent-
lichften Elrfcheinungen und Beziehungen dargeftellt.
2., durchgefeh. u. verb. Aufl. Leipzig, Veit & Co.,
1884. (XII, 193 S. gr. 8.) M. 3. 60.

Vorliegende Schrift ift in 1. Auflage fchon 1862 erKirche
deutlich genug hervor. Wir müffen dann aber 1 fchienen; da diefelbe jedoch vermuthlich nur wenigen

auch zugeben, dafs alle jene äufseren Einwirkungen, von den Lefern der theolog. Lit.-Ztg. bekannt geworden
Herrfchaftsgelüfte und deren Stärke einerfeits und poli- j ift, fo dürfte eine etwas ausführliche Anzeige der 2. Aufl.
tifches Mifsvcrftändnifs andererfeits fehwerlich das Werk gerechtfertigt fein. — Nach einer ziemlich ausgedehnten
vollbracht hätten, foweit es vollbracht wurde, wenn Einleitung, welche der genaueren Grenzregulirung der
nicht eine moralifche Macht dabei im Spiele gewefen ' beiden Gebiete: Empfindung und Gefühl' dienen foll,
wäre. Und hier gerade gilt es wohl am meiften zu behandelt der Verf. in einem erften Buch das Gefühls-
erinnern, dafs wir nicht einfeitig unferen proteftantifchen leben im allgemeinen: hier wird der Ort der Gefühle im
Mafsftab anlegen, und diefe Macht verkennen, weil fie Ganzen des pfychifchen Lebens beftimmt und durch
uns nicht gefällt. Unfer ganzes Urtheil über den Unwerth ; eine Unterfuchung über ,Wefen und Urfprung des Ge-
und die Verirrung derjenigen Religionspflege, welche mit fühls im allgemeinen' die Definition erzielt: das Gefülil
dem papaliftifchen und dem jefuitifchen Syftem verbunden ift ,das unmittelbare Innewerden der Hemmung oder
ift, kann beftehen bleiben; und doch können wir dabei Förderung unter den eben im Bewufstfein vorhandenen
ebenfo unbefangen urtheilen, dafs ein Auffchwung des Vorftellungen' (p. 43); es folgt eine Eintheilung der
religiöfen Lebens ftattgefunden hat. Wer in Süddeutfch- Gefühle, eine Befprechung des Gefühls in feinen Grundland
die Spuren der Weffenbergifchen Zeit nur einiger- formen als Luft und Unluft, fowie der fogen. gemifchten
mafsen verfolgen kann, wird dem Bildungsftrcben der- Gefühle, endlich eine überfichtlichc Ausführung über
felben ebenfo wie den edlen Charakteren feiner Träger den Einflufs des Organismus auf das Gefühlsleben und
Hochachtung zollen, aber auch in Frage fein, ob dem- die Beziehungen des letzteren zu den übrigen Seelenfelben
ein Aufgang von Glaubensleben in der Kirche ! thätigkeiten. Ein zweitesBuch handelt von dem,Gefühls-
felbft entfprochen hat. Gerade wie es heute auch wieder ; leben im befonderen d. h. in feinen Einzelerfcheinungen',
fteht. Aber die Gegner haben doch etwas der Art für 1 und hier werden nun nach des Verf.'s Eintheilung zuerft
fich aufzuweifen. j die formellen Gefühle befprochen, d. h. diejenigen, welche

Und nun der Irrthum der Proteftanten über den nicht von einem beftimmten Inhalt der gerade im Be-
Katholicismus. Das können wir ja dem Verf. gewifs zu- wufstfein vorhandenen Vorftellungen bedingt, fondern
geben und uns nur darüber freuen, wie kräftig er es nur davon abhängig find, unter welcher Form Vorgeltend
macht, dafs die politifche Reaction felbft von , Heilungen von beliebigem Inhalt fich begegnen und
ihrem eigenen Intereffe aus in einem fchweren Irrthum ; verlaufen; in diefer Rubrik finden nach Aufzählung der
befangen war, wenn fie die befte Stütze für die Staats- mehr elementaren formellen Gefühle (z. B. der Be-
gewalt in der katholifchen Kirche zu haben glaubte, klemmung und Erleichterung, des Gelingens und Mifs-
Dies aber einmal vorausgefetzt, kann man dann auch | lingens) befonders die Gefühle der Erwartung, der Hoff-
fagen, dafs fie noch weiter fich irrte, wenn fie ihre Hoff- nung, Beforgnifs und Ueberrafchung, des Zweifels, der
nung auf das Papftthum fetzte? Ja, leichter regieren liefse Langeweile und der Unterhaltung ihre Stelle. Den forlich
natürlich mit einem nationalen Epifkopat; aber jene mellen Gefühlen werden zur Seite geftellt die qualita-
Politik hatte ja etwas anderes im Auge. Sie wollte zu- , tiven Gefühle, welche zu ihrem Entflohen das Vor-
nachft die Völker niederhalten, und dafür hat fie am handenfein qualitativ näher beftimmter Vorftellungskrcife
Finde ihr Mittel nicht fo falfch gewählt. Aber Nippold vorausfetzen; hier wendet fich, nachdem unter dem
klagt nicht blofs die Staatsmänner von 1815—30, die Titel .niedere oder finnliche Gefühle' die Wirkung der
Keltauration des Papflthums und die Concordatspolitik einzelnen Töne und Farben auf das Gemüth befprochen
an, fondern nicht minder die abwehrende Politik der ift, die Unterfuchung den höheren oder ideellen Gefühlen,
dreifsiger Jahre und der letzten dreizehn Jahre. Wer will ; d. h. den intellectuellen, äfihetifchen, moralifchen und
es leugnen, dafs hier und dort Täufchungen und Mifs- religiöfen Gefühlen zu. Es folgt noch ein Anhang, in
griffe zu verzeichnen find? Was will aber der fall durch welchen mit einer dem Ref. nicht ganz einleuchtenden
gängige Tadel aller Mafsregeln und Unternehmungen in Begründung die fympathetifchen Gefühle und die Gefühle
dem Selbftverhaltungskampf des Staates? Das ift licher der Liebe verwiefen find, mit vollem Recht dagegen
nicht blofs unzufriedene Laune, fondern es liegt deutlich diejenigen Gemüthszuftände, welche wefentlich auf orga-
ein beftimmter Gedanke zu Grunde, und zwar wiederum nifcher Grundlage beruhen, die Gemüthsftimmungen und
kein anderer, als dafs die Staaten zu einem nationalen die Gemüthserfchütterungen fAffecte).
Katholicismus helfen follten. Aber ein loI-hes Unter- j Schon aus der gegebenen Ueberficht, insbefondere
nehmen, zu welchem doch überall nicht ^okes Ge- aus der angeführten Definition von Gefühl läfst fich er-
fchehenlaffen, fondern Unterftützen, und nicht blofs das, kennen, dafs der Verf. ein Anhänger der Herbart'fchen
fondern thätiges Eingreifen erforderlich wäre, verflofst Pfychologie ift. Derfelbe fpricht auch offen aus, fein
fo fehr gegen alle Anfchauungen der Gegenwart über Standpunkt fei der realiftifche Herbart's (Vorwort p. IV),
die Grenzen der Staatsthätigkeit, dafs man demfelben und beim Lefen der ganzen Schrift fpürt man, obwohl
faft ficheres Fehlfchlagen vorausfagen müfste. Und in Polemik gegen andere Standpunkte nur fehr feiten und
dem deutfehen Culturkampf, um auch diefen noch zu ftets durchaus würdig geführt ift, doch etwas von jener
nennen, find wohl die einzigen, jedenfalls die fchwerften Holzen Zuverficht, welche den Anhänger einer Schule,
Fehler gerade die Mafsregeln gewefen, welche ein folches befonders einer fo feft gefchloffenen Schule, wie die
Ziel im Auge hatten. Alle diefe Abweichungen der Auf- Herbart'fche es ift, gegenüber dem ifolirt ftehenden