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Ausgabe:

1885 Nr. 6

Spalte:

133-135

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lefort, Louis

Titel/Untertitel:

Etudes sur les monuments primitifs de la peinture chrétienne en Italie et mélanges archéologiques 1885

Rezensent:

Pohl, Otto

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 6.

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das active, wird unter den Händen des Verf.'s zu dem
Satze, ,dafs die geiftige Thätigkeit als die vorzüglichere
gilt, welcher die körperliche Arbeit lieh unterordnen mufs'.
Die Bettelorden beruhen auf dem Princip der Arbeits-
theilung, ihre geiftige Thätigkeit giebt ihnen ein Anrecht,
von der Gefellfchaft unterhalten zu werden. In Wirklichkeit
beweifen folche Darftellungen nur, dafs die fitt-
lichen Anfchauungen des Verf.'s felbft fich bereits recht
ftark umgewandelt und von denen eines Thomas von
Aquin entfernt haben. Der Verf. ift in feinen Anfchauungen
über Kigenthum, Arbeit, Armuth und Reichthum
felbft nicht mehr genuin-katholifch, er ift ohne es zu
wiffen vielmehr bereits fehr weit in die von ihm fo
kräftig verurtheilten lutherifchen Anfchauungen eingegangen
. Das ift freilich keine vereinzelte Erfchcinung.
.Man kann diefelbe Beobachtung überall in der katholifch-
focialen Literatur machen, felbft bei Männern von im
Uebrigen fo zweifellos katholifchem Gepräge wie Bifchof
Ketteier. Die genuin-katholifchen ethifchen Anfchauungen
reichen eben den focialen Fragen unferer Zeit
gegenüber nicht aus; deshalb macht man eine Anleihe
bei dem fonft fo gefchmähten Lutherthum, oder mit
anderen Worten, die in der Reformation wurzelnden
ethifchen Anfchauungen über Eigenthum. Arbeit, Reichthum
und Armuth u. f. w. haben die mittelalterlich-
katholifchen in folchem Mafse verdrängt, find fo fehr
Gemeingut geworden, dafs man fie felbft für katholifch
hält und fie fogar in den Thomas von Aquino hineinlieft.

Im Einzelnen enthält das Buch, wie ich fchon anerkannt
habe, ein reiches Material. Manches müfste ich
freilich auch beanftanden. Die Gefchichte vom h. Soror
als Stifter des Spitals in Siena und des erften Spitalordens
ift Legende. Auch bei den übrigen ürdensftiftungen
giebt der Verf. viel Legendenhaftes für Gefchichte. Einen
Orden der Brückenbauer hat es nie gegeben; dagegen
fehlt der Orden St. Jacob de haut Pas. Auch der Orden
der Elifabethinerinnen ift urkundlich nicht zu erweifen.
Sixtus IV. kann nicht 1458 den Alexianern die Regel
Auguftin's gegeben haben, er wurde erft 1471 Papft.
Der Verf. verläfst fich hier auf das fehr unverläfsliche
Buch von Marx, Gcfch. des Erzftifts Trier. Die Schilderungen
über englifche Armenpflege von Hyndmann
find doch fehr tendenziös, was nach der Stellung, welche
Hyndmann neuerdings in der focialen Bewegung einnimmt
, nicht Wunder nehmen kann.

Hannover. G. Uhlhorn.

Lefort, Louis, Etudes sur les monuments primitifs de la
peinture chretienne en Italie et melanges archeologiques.
Paris, Librairie Plön, 1885. (284 S. 8.)

Die feit einer Reihe von Jahren in periodifchen Zeit-
fchriften, in der Revue archeologique, im Correspondant
und in den Melanges darcheologie erfchienenen Auffätze
des Verf.'s find unter dem angeführten Titel zu einem
Buch vereinigt worden. Ein Theil diefer Arbeiten bezieht
fich auf die neueren Entdeckungen de Roffi's und
deffen im Bullctino di archeologia cristiana veröffentlichten
horfchungen, mit denen der Verf. feine Landsleute bekannt
zu machen fucht. Dahin gehören die Stücke 5,
6, 7, s. 159—207, über die Domitilla-Katakombe {La
üasilique de Sainte-Petronille dans la catacombe de Domitille
, pges de Rovic; Nouvelles decouvertes dans la cata-
«>»'bc de Domitille; Le eubiade d Ampliatus dans la
ealacombe de Domitille) und Stück 10, S. 227 {Pouilles a
Route et dans sa banlieue). Zum grofsen Theil find es
nur Auszüge de Roffi'fcher Berichte.

Anders verhält es fich mit den meiften der übrigen
Auffätze. Folgt auch in ihnen der Verf. dem Vorangange
und dem Urtheil des römifchen Meifters, fo find doch
yerfchiedene darunter von entfehieden felbftändigem
Vverthc. Der Auffatz über die chriftliche Infchriften-
^ammlung im Lateran-Mufeum {Le musee dinseriptions

chretiennes au palais du Latran, a Rome S. 237) ift von
allgemeinem archäologifchen Intereffe; ebenfo der über
die Halsbänder und Bullen der römifchen Sklaven {Les
colliers et les bulles des esclaves fitgitifs attx demiers
siecles de tempire romain S. 263).

Die übrigen behandeln Fragen der altchriftlichen
Malerei. Am bedeutendften darunter find die Chronologie
des peintures des catacombes romaincs und die Chronologie
des peintures des catacontbes de Naples S. 9—142. Lefort
hat darin den erften Verfuch gemacht, die Katakombenbilder
zu datiren. Gleich nach ihrem Erfcheinen in der
Rev. areh. haben diefe Auffätze manchen Widerfpruch
und manche Zuftimmung erfahren. So erklärte fich Roller
mit der Methode Lefort's im Einverftändnifs, erhob aber
gegen die Refultate in wefentlichen Punkten Einfpruch
{Les catacontbes de Rome, S. 379 ff.). Schärfer hat fich
im Allgemeinen V. Schultze dagegen ausgelaffen (Die
Katakomben, S. 164). Diefe Einfprüche oder die eigenen
Einfichten haben den Verf. veranlafst, die römifchen
Katakomben noch einmal zu unterfuchen und im Ganzen
wie im Einzelnen das Urtheil de Roffi's zu Rathe zu
ziehen. In Folge deffen hat feine Chronologie der
römifchen Katakomben-Malereien in diefem Buche ein
wefentlich anderes Geficht bekommen, als fie es in der
Rev, areh. zeigte. Die neueften Entdeckungen find aufgenommen
worden, die Abgrenzungen in den Jahrhunderten
vorfichtiger behandelt. Unzweifelhaft haben bei
verfchiedenen Vcrfchiebungen die topographifchen For-
fchungen de Roffi's den Ausfchlag gegeben. Eine willkommene
Erweiterung mufs man auch die im Epilog
aufgeführte Zufammenftellung der römifchen Katakombenbilder
nach topographifcher und chronologifcher Ordnung
nennen. Danach vertheilen fich die claffificirten
135 Nummern auf 16 Katakomben und 17 Zeitabfchnitte
vom Ende des erften bis zum Beginn des zehnten Jahrhunderts
. Im Grofsen und Ganzen wird fich der Kunft-
kritiker wie der Archäolog mit diefer verbefferten Chronologie
der römifchen Katakombcnbilder einverftanden
erklären muffen, es fei denn, er verzichtet auf ein be-
ftimmtes Urtheil in diefer Frage von vornherein.

Die Chronologie der Katakombenmalereien zu Neapel
ift leider ein unveränderter Abdruck aus der Rev. areh.
Weniger topographifche Anhaltspunkte als die römifchen
bieten zur Abfchätzung ihrer Ausfchmückungen die neapo-
litanifchen Katakomben. Chronologifche Angaben über
die Cömeterien in Neapel exiftiren nicht. Es mufste alfo
hier ganz nach dem Stil und den inneren Kriterien der
Bilder geurtheilt werden. Wie nach Diefem der Verf.
,die beiden bekannten Deckengemälde im Vorfaal der
Katakombe von S. Gennaro ins dritte Jahrhundert fetzen
konnte, ift unerfindlich. Die Gemälde find entfehieden
älter und werden allgemein dem Ende des erften oder
doch dem Anfang des zweiten Jahrhunderts zugerechnet.
Schon der heidnifche Charakter diefer Bilder fchliefst
I ihre Entftehung im dritten Jahrhundert aus. Man braucht
1 nur die Bilder der römifchen Katakomben aus diefer Zeit
I zu betrachten, nur ihrem Inhalt nach, fo wird man zu
I unferem Ergebnifs kommen. In den beregten neapoli-
| tanifchen Bildern tritt uns das Heidnifche als das Domi-
j nirende entgegen, deffen Ausfcheidung fich aber während
j des zweiten Jahrhunderts vollzog (f. Lefort's römifche
1 Katakombenbilder des zweiten Jahrhunderts). Wie follte
man in der chriftlichen Kunftentwicklung in Neapel fo
weit zurückgeblieben fein, dafs man dort im dritten
Jahrhundert anfing, wo man in Rom in der Mitte des
zweiten fchon längft aufgehört hatte: Der Stil diefer
Bilder gehört zu dem Beften, was uns von der altchriftlichen
Kunft erhalten ift. Wir find überzeugt, dafs der
Verf. beim Anfchauen diefer Bilder und ihrer Vergleichung
mit den nahen pompejanifchen Malereien unferer Anficht
! fich nähern wird, und dafs dies eine ähnliche Aenderung
diefer Chronologie veranlaffen wird, wie es des Verf.'s
letzte Reife hinfichtlich der römifchen Katakomben-