Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1885

Spalte:

129-133

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ratzinger, Georg

Titel/Untertitel:

Geschichte der kirchlichen Armenpflege. Gekrönte Preisschrift. 2., umgearb. Aufl 1885

Rezensent:

Uhlhorn, Gerhard

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung.

Herauso-eo-eben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14. Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 6.

21. März 1885.

10. Jahrgang.

Katzinger, Gefchichte der kirchlichen Armenpflege
. 2. Aufl. (Uhlhorn).

Lefort, Ktudes sur les monuments primitifs de
la peinture chrelienne en Italie (Pohl).

Prowe, Nicolaus Coppernicus. 2 Bände.

(Tfchackert).
Hamilton, The Catechism. 1552 (Kolde).
Stokar, Johann Georg Müller (Ritfehl).
Schoel, Joh. Friedr. Herbart's philofophifche

Lehre von der Religion (Kattenbufch).

Hefs, Über religiöfe und ftttliche Toleranz
(Sachfse).

Gottesgedanken (Sachfse).

Miscelle zu Hermas (A. Harnack).

Ratzinger, Dr. Georg, Geschichte der kirchlichen Armen- kirchlichen Bewufetfeins durch Pfeudoifidor in Betreff

pflege. Gekrönte Preisfchrift. 2., umgearb. Aufl. Frei- desCharakters des Kirchenguts'•findet fleh in der neuen

. ... ... ,,„,. , , 7, „, m q Auttage nicht mehr. Zwar wird noch erwähnt, dals in

bürg ißt., Herder, 1884. (XIV, 616 S. gr. 8.) M. 8. - der ^nfchauung des Kirchenguts als Patrimonium pau-

Die erfte Auflage diefes Werkes erfchien 1868. Sie perum eine Aenderung vor fleh gegangen ift, aber die-
war veranlafst durch eine Preisaufgabe, welche dahin felbe gilt doch nicht mehr als die Urfache des Verfalls
ging, ,die Bedeutung der chriftlichen Charitas und ihrer der Gemeindearmenpflege, fondern der Verfall hat feine
Werke im Organismus der menfehlichen Gefellfchaft, Urfache im Feudalismus oder noch richtiger, die Armen-
ihre I.eiftungen in der Vergangenheit, ihre Stellung in pflege hat fleh nur den veränderten wirthfehaftlichen
der Gegenwart, ihre Aufgabe für die Zukunft' darzuftellcn. Verhältnifsen angepafst. Wie verfchieden ift in beiden
Mit Recht konnte der Verfaffer in der Vorrede fagen, Auflagen das Urtheil über den Ablafs (S. 239 u. S. 398).
er habe ,ein ganz neues Feld zu bebauen' gehabt, und In der 1. Aufl. urtheilt der Verf. über das Concil von
das Verdienft wird ihm Niemand ftreitig machen können, Trient, es habe keine wefentlich neuen Verordnungen er-
auf Grund eines umfangreichen, von ihm zufammenge- laffen, es habe fleh leider mit einer allgemeinen Beftimmung
brachten Quellenmaterials zum erflen Male eine zufam- über die Armenpflege begnügt, die dann von denProvinzial-
menhängende Gefchichte der kirchlichen Armenpflege fynoden ignorirt oder umgangen fei, ,fo dafs die Reftau-
gegeben zu haben. Der Standpunkt, von dem aus er ration der Armenpflege bis auf diefe Stunde gar nie
die Entwicklung derfelben beurtheilte, war der der wieder angeftrebt wurde' (S. 333 ff.). Nach der 2. Aufl.
römifch-katholifchen Kirche,- und wenn man auch, wie ordnete gerade das Concil von Trient die charitativen
Schreiber diefes, der Anficht ift, dafs von diefem Stand- Inftitutionen der katholifchen Kirche auf neuen Grundpunkte
aus ein voller Einblick in die Gefchichte der lagen (S. 381). Ja man kann fagen, die ganze Tendenz
chriftlichen Liebesthätigkeit nicht zu gewinnen ift, mufs des Buches ift verändert. Ging diefe in der erften Aufl.
man doch dem Verfaffer die Gerechtigkeit widerfahren eben dahin, den Mangel einer Gemeindearmenpflege im
laffen, dafs er in der erften Auflage gegen die Fehler Mittelalter und auch noch in der nachreformatorifchen
und Schäden der katholifche Kirche nicht blind ift. Sie Zeit aufzudecken, um auf diefem Grunde dann die Herwerden
oft mit fcharfen Worten hervorgehoben, ja nach ftellung der altkirchlichen Gemeindearmenpflege als das
feiner Darflellung liegt eben darin der Knoten der Ent- zu erftrebende Ziel hinzuflellen, fo wird das Fehlen einer
wicklung, dafs die Kirche im Beginn des Mittelalters die 1 folchen Armenpflege im Mittelalter jetzt gar nicht mehr
alte Anfchauung des Kirchenguts als Armengut aufge- als ein Mangel betrachtet. ,Was früher durch die Gegeben
hat, dafs damals die kirchliche Anfchauung in meindearmenpflege erreicht wurde, gefchah jetzt (im MA.)
diefem Stücke ,gefälfcht', und in Folge davon die Gemeinde- durch die Stiftungen und Bruderfchaften, nämlich dafs
armenpflege untergegangen ift. Weder Grcgor's VII. : Niemand darben durfte'. Selbft der maffenhafte Bettel
Reform noch die fpäteren Reformbeftrebungen haben . am Ende des MA. hat für diefen Optimismus nichts
diefen Schaden geheilt, und felbft das Concil von Trient Störendes. Dafs der Bettel überhandnahm, Jag weniger
hat in diefer Beziehung nichts Neues gebracht. ! an dem Mangel einer einheitlichen Armenpflege, als an
Die jetzt erfchienene zweite Auflage ift eigentlich - dem Mangel einer entfprechenden ftaatlichen Organi-
ein völlig neues Werk, wie fchon der erheblich gewach- fation'. Die Kirche ift auch hier unfchuldig, fie hat immer
fene Umfang (von 433 auf 616 Seiten) zeigt. Nicht nur ihre Pflicht gethan. Das Bild, welches der Verf. zeichnet,
ift das Material reicher geworden, namentlich im Mittel- ift überall viel lichter geworden; die ftarken Schatten,
alter, der Verfaffer ift auch bemüht, die Principien der j welche noch in der 1. Auflage darauf fielen, find verArmenpflege
in den verfchiedenen Epochen eingehender j fchwunden. Ob das Bild dadurch auch gefchichtlich
zuwürdigen vor Allem aber tritt die volkswirthfchaft- ■ treuer geworden ift, ift freilich eine andere Frage,
liehe Seite ftärker hervor, indem der Verf. gerade darauf Auf diefem lichten Hintergrunde hebt fleh dann der
grofsen Fleifs verwendet, den Charakter jeder Zeit nach Proteftantismus und fein Einflufs auf die Armenpflege
diefer Seite hin ausführlich zu fchildern, um daraus fo- um fo fchwärzer ab. Der Verf. wird nicht müde, immer
wohl die Nothwendigkeit als die Art der Armenpflege wieder die verwüftenden Wirkungen hervorzuheben, welche
jeder Zeit zu entwickeln. Andererfeits tritt aber auch die Reformation auf diefem Gebiete hervorgerufen hat.
der römifch-katholifche Standpunkt des Verf.'s viel Schon in der Vorrede hören wir, dafs die theoretifche
fchärfer hervor, fein Urtheil ift einfeitiger und befangener Leugnung der Verdienftlichkeit der guten Werke und die
geworden. Das Verhalten der Kirche wird faft überall praktifche Mifsachtung des Eigenthums der frommen
gerechtfertigt; wo der Verf. noch ein Wort des Tadels Stiftungen die fchlimmften Erfcheinungen im wirthfehaft-
hat, ift es wefentlich abgefchwächt; Schäden und Mifs- liehen und focialen Leben der Völker zur Folge gehabt
brauche werden nicht mehr fo unverhüllt herausgeftellt. hat. Jlabfucht und Härte überwucherten, Milde und
Ein tjj wie der in der 1. Aufl. II, 1, $ 8 .Fälfchung des Barmherzigkeit fchwanden' (S. IX). Im Buche felbft ift
129 130