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Ausgabe:

1885

Spalte:

105-107

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bacher, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Agada der Tannaiten. 1. Bd.: Von Hillel bis Akiba 1885

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologische Literaturzeitung.

Herauso-eeeben von D. Ad. Hamack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. «I. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 5.

7. März 1885.

10. Jahrgang.

Bacher, Die Agada der Tannaiten. i. Bd.
(Schürer).

Marx, Traditio Rabbinorum veterrima de libris

Vet. Test. (Derf.).
Lorenz, Das Lehrfyftem im Römerbrief

(Jülicher).

Steck, Zum Johannesevangelium (Harnack).

Kol de, Martin Luther. 1. Bd. (Boffert).

Baur, Gefchichts- und Lebensbilder aus der Erneuerung
des religiöfen Lebens in den Befreiungskriegen
, 2. Bd. 4. Aufl. (Schlofler).

Schmidt, Die Kirche, ihre bibl. Idee und die
Formen ihrer gefchichtlichen Erfcheinung
(Kaftan).

Warneck, Proteflantifche Beleuchtung der rö-
mifchen Angriffe auf die evang. Heidenmiffion,
1. Hälfte (Strack).

Bacher, Prof. Dr. Wilh., Die Agada der Tannaiten. 1. Bd.: der babylonifchen Amoräer', d. h. der Schriftge-
Von Hillel bis Akiba. Von 30 vor bis 135 nach d. lehrten aus der Zeit des babylonifchen Talmuds (f.

g. Z. Strafsburg, Trübner, 1884. (VII, 457 S. gr. 8.) , dar{jb« ™eol. ^;ZiS- ^79, 49 f> hie fchon damals
o verheifsene Darftcllung der ,Agada der Tannaiten'

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Für chriftliche Lefer, welche nicht in die Geheim-
nifse der jüdifchen Terminologie eingeweiht find, bedarf
vor allem der Titel diefes Buches einer Erläuterung. Die
.Agada' oder Haggada itt eigentlich ein undefinir-

erfchien dann in der ,Monatsfchrift für Gefchichte und
Wiffenfchaft des Judenthums' 1882 —1884, und zwar bis
jetzt nur für die Zeit bis Akiba (135 nach Chr.). So
viel ich fehe, ift das uns zur Befprechung vorliegende
Buch ein unveränderter Separat-Abzug jener Artikel in

bares Etwas, von dem man leichter fagen kann, was es nicht 1 der Monatsfchrift. Die Arbeit macht den Eindruck der
ift, als was es ift. ,Agada' ift nämlich in der jüdifchen Sorgfalt und Solidität und beruht jedenfalls auf einer
Tradition alles, was nicht Halacha d. h. Gefetzesüber- äufserft umfaffenden Kenntnifs des Materiales, wie fie
lieferung ift. Wenn man die letztere als etwas Feftes nur einem jüdifchen Gelehrten erreichbar ift. Die An-
und fcharf Begrenztes von dem gefammten Traditions- Ordnung ift die chronologifche: nach der Reihenfolge
ftoff ausfcheidet, fo ift alles, was übrig bleibt, Agada. i der einzelnen Tannaiten werden die von jedem über-
Diefe umfafst alfo fowohl die hiftorifche Ueberlieferung i lieferten agadifchen Ausfprüche und Anfchauungen überragen
, Legenden) als die Lehr-Ueberlieferung, und ', fichtlich und gut geordnet zufammengeftellt. Man erfährt
zwar diefe im weiteften Umfang: Moral, Lebensregeln, hier alfo, welche hiftorifchen Anfchauungen, Legenden,
Dogmatik, Philofophie, nur mit Ausfchlufs des Gefetzes. ; Märchen, Parabeln jeder vorgetragen, welche agadifchen
Das Charakteriftifche der Agada ift aber nicht nur die Schriftdeutungen er gegeben, welche ethifchen Maximen,
Unbeftimmtheit ihres Umfangs, fondern auch die Be- Sentenzen, Ermahnungen, welche dogmatifchen und phi-
weglichkeit ihres Inhaltes. Während die Gefetzesüber- lofophifchen Anflehten über die verfchiedenften Materien
lieferung etwas Feftes ift, an dem nicht gerüttelt werden ! er ausgefprochen hat. In dreizehn Abfchnitten find in
darf, hat auf dem Gebiet der Agada die freie individu- diefer Weife folgende Gelehrte behandelt: I. Hillel (S.
eile Phantafie den weiteften, faft unbegrenzten Spiel- 4—14), II. die Schulen Hillel's und Schammai's (S. 14—
räum. Hier giebt es keine ftrenge Regel und keine j 25), III. Jochanan ben Zakkai (S. 25—46), IV. Jochanan
Verpflichtung zum Fefthalten an dem Ueberlieferten. ben Zakkai's Zeitgenoffen und Schüler: Zadok, Eleazar
Sie ift wie ein Kaleidolkop, das in allen Farben fchillert. ! ben Zadok, Chanina der Vorfteher der Priefterfchaft,
Unter ,Tannaiten' verlieht man die jüdifchen Nechunja ben Hakkana, Nachum aus Gimzo, Ben Paturi,
Schriftgelehrten im Zeitalter der Mifchna, d. h. etwa : Eliezer ben Jakob, Jofe Hakkohen, Eleazar ben Arach
vom Anfang des erften bis zum Ende des zweiten (S. 47—77), V. Gamliel II (S. 78—100), VI. Flliezer
chriftlichen Jahrhunderts. Die meiften gehören der Zeit ben Hyrkanos (S. 100—129), VII. Eliezer ben Hyrkanos
von 70—170 nach Chr. an; denn über die Zeit vor der j und Jofua ben Chananja (S. 129—160), VIII. Jofua ben
Zerftörung des Tempels ift unfere Kunde eine äufserft Chananja (S. 160—194), IX. Eleazar aus Modiim (S.
dürftige. 194—219), X. Eleazar ben Azarja (219—240), XI. Is-

In erfter Linie find nun die jüdifchen Schriftgelehrten mael ben Elifcha (S. 240—271), XII. Akiba ben Jofeph
immer Gefetzes lehrer; ihr Hauptberuf ift die Kennt- (S. 271—348), XIII. die Zeitgenoffen und älteren Schüler
nifs und weitere Ausbildung der Halacha. Die Befchäf- Akiba's: Tarphon, Jofe der Galiläer, Jochanan ben
tigung mit der Agada ift mehr oder weniger ein liors Nuri, Eleazar Chisma, Samuel der Kleine, Chanina ben
d'ceuvrc. Für eine Gefchichte der jüdifchen Schriftge- Antigonos, Jchuda ben Bathyra, Matthia ben Charafch,
lehrfamkeit würde daher vor allem doch die Halacha Chananja der Neffe Jofua's, Jofe der Sohn der Damas-
der Tannaiten in Betracht kommen, und erft in zweiter cenerin, Chanina ben Teradjon, Jofe ben Kisma, Eleazar
Linie ihre Agada. Es ift deshalb fehr zu bedauern, dafs , ben Parta, Jehuda ben Baba, Simon ben Azzai, Simon
wir noch keine irgendwie genügende Darftellung der ben Zoma, Elifcha ben Abuja, Chananja ben Chakinai,
erfteren in deutfeher Sprache befitzen. Die bellen Werke, Chanina ben Gamliel, Chananja ben Jehuda, Eleazar ben
die darüber exiftiren (von Frankel, Brüll und Weifs), Jehuda aus Barthotha, Levitas aus Jabne, Simon aus
find hebräifch gefchrieben und darum den chriftlichen Teman, Simon aus Schikmona, Chidka, Simon ben Tar-
lheologen fchwer zugänglich. Der Verfaffer obiger phon, Jochanan ben Beroka (S. 348—449).
Monographie, der das Intcreffe jüdifcher Lefer im Auge Ueber die Vollftändigkeit des Materiales würde nur

hatte, glaubte jedoch durch jene hebräifch gefchriebenen derjenige fich ein Urtheil erlauben dürfen, der den Stoff
Werke die wiffenfehaftliche Aufgabe zunächft in genü- in gleicher Weife beherrfcht wie der Verfaffer. Sicher
gender Weife gelöft, und hat fich eine Darfteilung der j ift jedenfalls fo viel, dafs das Material bisher noch nir-
Agada der einzelnen Schriftgelehrten zur Aufgabe ge- gends in folcher Weife gefammelt worden ift. Die Arbeit
macht. Schon im J. 1878 erfchien von ihm ,Die Agada 1 bleibt daher auf alle Falle eine höchft dankenswerthe,
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