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Ausgabe:

1885 Nr. 4

Spalte:

83-91

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, nach der deutschen Uebersetzung D. Martin Luthers. Erster Abdruck der im Auftrage der Eisenacher deutschen evangelischen Kirchenkonferenz

Rezensent:

Kautzsch, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 4.

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Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen
Testaments, nach der deutfchen Ueberfetzung D. Martin
Luthers. Erfter Abdruck der im Auftrage der Ei-
fenacher deutfchen evangelifchen Kirchenkonferenz
revidierten Bibel. (Sogenannte Probebibel.) Halle,
Buchh. des Waifenhaufes, 1883. (LXX, 916, 167, 312
u. 14 S. gr. 8.) M. 6. 75.

Dem revidirten Luthertexte, welchen die ,Probebibel'
bietet, ift ein doppelter Bericht vorausgefchickt: der von
Dr. O. Frick unterzeichnete Bericht der Canftein'fchen
Bibelanftalt (p. V—XXVII) und der von D. Schröder er-
ftattete Bericht über die Arbeit der Revifionscommiffion.
Referent hält es für unerläfslich, den Lefer zuvörderft
über den Inhalt diefer beiden Berichte zu orientiren, und
dies um fo mehr, als fowohl von Mitgliedern der Revifionscommiffion
, wie in dem Ausfehreiben des evangel.
Oberkirchenraths zu Berlin einem jeden, der fich in
diefer wichtigen Sache vernehmen laffen will, eine ge-
wiffenhafte Berückfichtigung jener Einleitung zur Pflicht
gemacht worden ift.

Der Bericht Dr. Frick's geht davon aus, dafs fchon
A. H. Francke (1695) das Bedürfnifs nach einer Revifion
der lutherifchen Bibelüberfetzung empfunden und gegenüber
den Angriffen der Orthodoxen näher begründet
habe. Aber erlt im 19. Jahrhundert trat man einer fyfte-
matifchen Löfung der grofsen Aufgabe näher, zunächft
durch die 1845 — 55 von A. Niemeyer und H. E. Bindfeil
beforgte kritifche Ausgabe des Luthertextes letzter Hand
(von 1545). Die Anregung zur Herftellung einer ,Nor-
malausgabe der deutfchen Bibel' erfolgte bei Gelegenheit
des Stuttgarter Kirchentages durch Paftor Mönckeberg
in einer Specialconferenz von Vertretern deutfeher Bibel-
gefellfchaften (21. Sept. 1857) und zwar durch den Antrag
, die Canftein'fche Bibelanftalt zur Uebernahme des
Revifionswerkes aufzufordern. Am 20. üct. 1858 konnte
ein Circular D. Cramer's, des damaligen Directors der
Canftein'fchen Bibelanftalt, mittheilen, dafs Paftor Mönckeberg
in Hamburg für die Vorbereitung des fachlich-
kritifchen, R. von Raumer in Erlangen und K. Frommann
in Nürnberg für die Vorbereitung des fprachlichen Theils
der Arbeit gewonnen feien. Die Revifion foll in's Auge
faffen: 1) die Geftaltung des Luther'fchen Textes im
Allgemeinen; 2) die Ueberführung der Sprache Luther's
in die Sprache der Gegenwart; 3) die nothwendigen Zu-
thaten (Ueberfchriften, Parallelen etc.) und ,die Berichtigung
von einigen wichtigen und unbezweifelt fehlerhaft
überfetzten Stellen, namentlich des N. T.'s'. Von den
weiteren Principien find u. a. mafsgebend geblieben:
4) die Zugrundelegung der neueften Ausgabe der Canftein
'fchen Bibelanftalt; 5) in dem Bau des ganzen Satzes
wird nichts geändert, in der Conftruction einzelner
Wörter ift eine Annäherung an den neueren Sprachgebrauch
mit Vorficht geftattet u. f. w. Von den Grund-
fätzen für die fprachliche Behandlung des Textes, wie
fie in einer Denkfchrift R. von Raumer's und Frommann's
feftgeftellt wurden, lautet § 2: Bei der Herftellung eines
praktifch brauchbaren Bibeltextes (tehen das religiöfe
Bedürfnifs und die Forderungen der Schule in erfter
Linie. 5 3: Das religiöfe Bedürfnifs fordert, dafs das
Verftändnifs der Bibel nicht ohne Noth erfchwert werde.
Die Schule mufs wünfehen, dafs das Hauptlefebuch des
Volkes fich möglichft der Sprache anfchliefse, welche
die Schule für den fchriftlichen Gebrauch zu lehren und
einzuprägen hat; vergl. zu diefen Sätzen auch § 13:
(Soll die Schuljugend und foll das Volk Tag für Tag
eine unzählbare Menge von Formen lefcn, welche die
Schriftfprache der Gegenwart längft aufgegeben hat?'
Dann am Schlufs von <j 15: ,Aber verlange man auch
anderfeits nicht, dafs (ich die Sprache der Propheten
und Apoftel in nichts von der Gewöhnlichkeit des täglichen
Geredes unterfcheide'. In welchem Sinne obige

Grundfätze von Dr. C. Frommann, dem nach dem Rücktritt
R. von Raumer's die fprachliche Revifion faft aus-
fchliefslich zufiel, verftanden wurden, wird fpäter zu
erörtern fein. Einen kleinen Vorfchmack giebt indefs
bereits die Mittheilung auf S. XX des Berichts der
Canftein'fchen B.-A., dafs fich Dr. Frommann auf der
Halle'fchen Schlufsconferenz vom 28. und 29. Sept. 1881
,nicht ohne manche innerliche Kämpfe zu einer etwas
freieren Handhabung feines den fprachwiffenfehaftlichen
Standpunkt mit Vorliebe fefthaltenden Principes verftand'.

Der Bericht über die Arbeit der Revifionscommiffion
conftatirt zuerft die mannigfachen Umarbeitungen, welche
Luther felbft feinem Werke angedeihen liefs, um ,theils
die Ueberfetzung dem Grundtext gemäfs richtiger zu
geftalten, theils den deutfchen Ausdruck zu verbeffern'.
§ 2 giebt Gefchichtlich.es über den Verlauf der Revifion.
Diefelbe erfuhr feit 1861 nach dem Wunfeh der Bibel-
gefellfchaften und nach einem Antrag des evang. Oberkirchenraths
eine Art officieller Förderung durch die
Eifenacher Kirchenconferenz; fo wurden auch die an der
Revifion des N. T.'s betheiligten zehn Theologen von
ihren Kirchenbehörden ernannt. Nach Erledigung der
nöthigen Vorarbeiten trat die Revifionscommiffion zum
erften Male im Oct. 1865 zu Halle zufammen. ,Dabei
wurde (p. XXXIV) nath der von der Conferenz felbft
feftgefetzten Gefchäftsordnung eine Berichtigung Luther's
nach dem Grundtext nur dann als befchloffen angefehen,
wenn zwei Dritttheile der. Stimmen fich dafür ausfprachen,
während die Auswahl'.Vinter den bereits vorliegenden
Lesarten der verfchiedenen deutfchen Bibelausgaben mit
einfacher Stimmenmehrheit gefchah' u. f. w. 1867 erfchien
der Probedruck, feit 1870 der definitiv feftgeftellte revi-
dirte Text des N. T.'s; am 13. April 1871 traten zum
erften Mal die von den Kirchenbehörden zur Revifion
des A. T.'s ernannten 17 Theologen in Halle zufammen;
nach 18 Zufammenkünften von je clftägiger Dauer wurde
die mühevolle Arbeit, als deren Endergebnifs die Probebibel
vor uns liegt, am 7. Oct. 1881 abgefchloffen. Die
fprachliche Seite der Revifion wurde auch diesmal von
Dr. PTommann felbftändig bearbeitet. ^ 3 ff. befprechen
die verfchiedenen Gefichtspunkte der Revifion (Sprachformen
, Interpunction, Aenderungen des Luthertextes
durch andere gleichbedeutende Worte, die fogen. an-
ftöfsigen Stellen, die Wiedergabe der Nomina propria).
Aus $ 9 (lierückfichtigung paralleler Stellen und früherer
Lutherüberfetzungen) notiren wir den Satz: ,es ift eigentlich
Pflicht der Pietät gegen Luther, eine folche für
einen Ueberfetzer, auch wenn fie richtig wäre, unerlaubte
Umfchreibung sc. Pf. 109, 7] aus feiner Ueberfetzung
nachträglich wieder zu entfernen'. Weiter erörtert der
Bericht die Rückfichtnahme auf Luther's Randgloffen,
die Stellung zu den verfchiedenen Lesarten des Grundtextes
, § 12 die Berichtigungen nach dem Grundtext.
Für diefelben waren nach p. LVII sq. des Berichts
folgende Grundfätze mafsgebend: Man wollte fich be-
fonders folcher Aenderungen enthalten, welche etwa nur
den Zweck haben könnten, eine Stelle wörtlicher zu
überfetzen, als Luther fie überfetzt hat; wenn man
'■, ändern wollte, mufstc man nicht nur von der Unrichtig-
i keit der Lutherifchen Ueberfetzung, fondern auch von
i der Richtigkeit der an ihre Statt tretenden Ueberfetzung
j möglichft uberzeugt fein; man wollte Sprüche, welche
durch den Gebrauch in der Kirche und Erbauungslite-
I ratur dem Volke in der Lutherifchen Faffung lieb geworden
find, womöglich unverändert beibehalten; man wollte,
' wenn man einmal änderte, genügend und confequent
! ändern; endlich: man Richte alle Aenderungen . . . fo zu
! geftalten, dafs fie nach ihrer ganzen Ausdrucksweifc in
[ die Lutherbibel hincinpaffen . . . deswegen wurden die zu
; wählenden Wörter faft durchgängig aus dem Sprach-
fchatze der Lutherbibel genommen. § 13 lefen wir im
i zweiten Abfatz wörtlich folgendes: ,Was ift aber der
1 Zweck und Nutzen der ganzen Revifion? Dem einen