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Ausgabe:

1885 Nr. 26

Spalte:

632-634

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baron, John

Titel/Untertitel:

The greek origin of the Apostles‘ Creed illustrated by ancient documents and recent research 1885

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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631 Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 26. Oy.

Händig zu beantworten verfucht, die merkwürdigerweife
von den Dogmenhiftorikern bisher noch ungebührlich
vernachläffigt worden ift — wie ift das kirchliche
Dogma entftanden? In der Kanonsgefchichte, die
doch nur ein Ausfchnitt aus der Dogmengefchichte ift,
gilt es felbftverftändlich als die wichtigfte Frage: ,wie
ift der Kanon entftanden'? aber in unferer Dogmen-
gefchichtsfchreibung ift bisher die analoge Frage noch
nicht zu ihrem Rechte gekommen. Hätte man ihre Bedeutung
erkannt, fo wäre man auch zu präciferen Vor-
ftellungen von dem kirchlichen Dogma gekommen, als
die find, welche den Dogmengefchichten zu Grunde
liegen, und man hätte einfehen müffen, dafs das kirchliche
Dogma (refp. kirchliche Dogmen) im ftrengen Sinn
des Wortes erft im Laufe des 3. Jahrhunderts perfect
geworden ift, dafs alfo die drei erften Jahrhunderte nicht
die Entfaltungsgefchichte des fchon gegebenen, fondern
die Entftehungsgefchichte des werdenden Dogmas um-
faffen. Das Dogma hat ebenfo Vorftufen gehabt wie
der NTliche Kanon; aber perfect geworden und kirchlich
eingebürgert ift es erft in der 2. Hälfte des 3.Jahrh.'s,
und es ift in feiner Conception und in feinem
Ausbau ein Werk des griechifchen Geiftes auf
dem Boden des Evangeliums.

Diefe Einficht mufste für die Dispofition des Stoffes
mafsgebend fein und fomit auch die Frage entfeheiden,
was aus der Gefchichte des Urchriftenthums im Rahmen
der Dogmengefchichte von Bedeutung ift und zur Darfteilung
gelangen mufs. Gewifs wurzelt die Dogmengefchichte
auch im urfprünglichen Chriftenthum, aber fie
hat zugleich ihre Wurzeln in einem dem Urchriftenthum
fremden Boden. Sie hat ihre Vorausfetzungen auch an
den religiöfen Dispofitionen der Griechen und Römer,
an ihrer Philofophie und Wiffenfchaft. Doch — es ift
hier nicht der Ort, diefe Einficht weiter auszuführen;
aber geftattet mag es fein, hier eine Ueberficht über die
Gruppirung des Stoffes zu geben, welche ich der Dar-
ftellung zu Grunde gelegt habe. Man wird finden, dafs
die Frage nach der Entftehung und Einbürgerung des
Dogmas in der Kirche fich zum Theile deckt mit der
Frage nach der Entftehung und Einbürgerung der Theologie
in der Kirche.

Vorausfetzungen der Dogmengefchichte:

1) Das Evangelium Jefu Chrifti.

2) Die gemeinfame Verkündigung von Jefus Chriftus
in der erften Generation feiner Gläubigen.

3) Die damalige Auslegung des- A. T.'s und die jüdi-
fehen Zukunftshoffnungen in ihrer Bedeutung für die
älteften Ausprägungen der chriftlichen Verkündigung.

4) Die religiöfen Auffaffungen und die Religionsphilo-
fophie der helleniftifchen Juden in ihrer Bedeutung
für die fpätere Umprägung des Evangeliums.

5) Die religiöfen Dispofitionen der Griechen und Römer
in den beiden erften Jahrhunderten und die damalige
griechifch-römifche Religionsphilofophie.

Die Entftehung des kirchlichen Dogmas oder
die Entftehung der apoftolifch-katholifchen
Glaubenslehre und des erften wiffenfehaft-
lichen, kirchlichen Lehrfyftems.
I. Buch: Die Vorbereitung.

1) Das allen Chriften Gemeinfame und die Auseinander-
fetzung mit dem Judenthum.

2) Der Gemeinglaube und die Anfänge der Erkennt-
nifs in dem zum Katholicismus fich entwickelnden
Heidenchriftenthum.

3) Die Verfuche der Gnoftiker, eine apoftolifche Glaubenslehre
und eine chriftliche Theologie zu fchaffen,
oder: die acute Verweltlichung des Chriftenthums.

4) Das Unternehmen des Marcion, die ATliche Grundlage
des Chriftenthums zu befeitigen, die Tradition
zu reinigen und auf Grund des paulinifchen Evangeliums
die Chriftenheit zu reformiren.

5) Anhang: Das Chriftenthum der Judenchriften.

[. Buch : Die Grundlegung.

A) Fixirung und allmähliche Verweltlichung des Chri
ftenthums als Kirche.

1) Die Aufhellung der apoftolifchen Normen für
das kirchliche Chriftenthum ä) Die Umprägung des
Taufbekenntnifses zur apoftolifchen Glaubens-
regel — b) Die Prädicirung einer Auswahl kirchlicher
Lefefchriften als Schriften des N. T.'s refp.
als Sammlung der apoftolifchen Schriften — c)
Die Umprägung des bifchöflichen Amtes in der
Kirche zu dem apoftolifchen Amt. Die Gefchichte
der Umbildung des Begriffes der Kirche].

2) Das alte Chriftenthum und die neue Kirche [die
Reaction gegen den ,Montanismus'; der Kampf um
die Bufse; die Kirche als gefellfchafts- und reichsfähig
; das Priefterthum, das Opfer, die Sacramente].

3) Anhang: Katholifch und Römifch.

B) Fixirung und allmähliche Hellenifirung des Chriftenthums
als Glaubenslehre.

4) Das kirchliche Chriftenthum und die Philofophie.
Die Apologeten.

5) Die Anfänge einer kirchlich-theologifchen Llxplica-
tion und Bearbeitung der Glaubensregel im Gegen-
fatz zum Gnofticismus unter Vorausfetzung des N.
T.'s und der chriftlichen Philofophie der Apologeten
: Irenäus, Tertullian, Hippolyt.

6) Die Umbildung der kirchlichen Ueberlieferung zu
einer Religionsphilofophie oder der Urfprung der
wiffenfehaftlichen, kirchlichen Theologie und Dog-
matik: Clemens und Origenes.

7) Der entfeheidende Erfolg der theol. Speculation auf
dem Gebiete der Glaubcnsregel oder die Präcifirung
der kirchlichen Lehrnorm durch die Aufnahme der
Logoschriftologie und der Formeln der philofophi-
fchen Theologie. Die Theologie des Methodius als
der Ausgleich zwifchen Irenäus und Origenes und
als die Theologie der Zukunft.

Beilagen: I) der Neuplatonismus, 2) der Manichäismus.

Das ift in Kürze der Aufrifs, welchen ich dem erften
Bande der Dogmengefchichte zu Grunde gelegt habe.
Der zweite Band, welcher die Entwickelung oder Entfaltung
und Veränderung des Dogmas behandeln wird,
foll an Umfang diefen erften nicht übertreffen; denn ich
beabfichtige in demfelben nicht die Gefchichte der
Theologie des Mittelalters und der Reformationszeit im
Detail zu geben. Ueber die nothwendige Begrenzung
des Stoffs giebt der 1. § des erften Bandes Auskunft.

Mein oberftes Abfehen ift es gewefen, den Gang
der Gefchichte, welcher zum kirchlichen Dogma geführt
hat, wirklich verftändlich zu machen. Wenn das Lehrbuch
von den Studirenden, für die es gefchrieben ift,
im Zufammenhang gelefcn und nicht nur als Nach-
fchlagebuch benutzt wird, fo ift mein höchfter Wunfeh erreicht
. Mögen es die Fachgenoffen freundlich aufnehmen.

Giefsen. A. Harnack.

Baron, John, D.D., F.S.A., The greek origin of the Apostles'
Creed illustrated by ancient documents and recent rc-
search. Oxford, Parker&Co., 1885. (100 p. 8.) iosh.6d.

Der Verfaffer diefer Schrift ift das Opfer jener un-
feligen Freunde geworden, die dem braven Manne rathen,
einen Vortrag drucken zu laffen, den er ihnen gehalten
und den fie, die Unkundigen, für fehr gelehrt, fehr gedankenreich
, ja wohl gar geeignet gehalten haben, einen
Umfchwung des öffentlichen Urtheils über den Gegen-
ftand, den^er behandelte, herbeizuführen. Glücklicherweife
liegt die Frage nach dem Urfprunge des apoftolifchen
Symbols doch nicht mehr fo ganz im Argen,
dafs noch jeder Einfall ein Recht hätte, fich öffentlich
zu produciren. Die Frage ift zumal Dank der grofsartig
umfichtigen und fleifsigen Forfchung Cafpari's in eine