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Ausgabe:

1885

Spalte:

629-630

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Migault, Jean

Titel/Untertitel:

Migault‘s Tagebuch. Schiksale einer protestantischen Familie aus dem Poitou vor und nach der Aufhebung des Edictes von Nantes 1885

Rezensent:

Schott, Theodor

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6.3°

und den Gefichtskreis der Lefer zu erweitern. Ich
nenne hier als Beifpiele die Ausführungen über die Un-
echtheit der Stelle 1 Joh. 5, 7. 8 und über Luther's Kritik
an einzelnen Theilen der Bibel. Ks will mir fchei-
nen, als habe er gerade für derartige Belehrungen den
I on fehr gut getroffen. An kleinen Verfehen und Irr-
thümern fehlt es nicht ganz, doch find fie feiten und
betreffen nur untergeordnete Punkte. So ift Michael
Stiefel auf S. 629 in einen Johann Stiefel verwandelt;
bei Heinrich von Zütphen ift der nur auf eine ganz vage
Gonjectur fich gründende Name ,Moller' aufgenommen
(S. 639). In feiner Reproduction von Stellen der mittelalterlichen
deutfehen Bibel finden fich mehrere Fehler

Zählung feines Lebens befonders während der beiden
Dragonaden von 1681 und 1685 und bei feiner Flucht
Oftern 1688. Alles, was eine proteftantifche Familie in
jenen Jahren erfahren und erdulden konnte, Quälereien
durch die Dragoner, Zerftörung des gefammten Mobiliars,
Zerltreuung der zahlreichen Familienglieder, Gefängnifs
und heimlicher Gottcsdienft, eine abenteuerliche Flucht
und eine glückliche Errettung, Verfolgung, aber auch
Beifpiele grofser Freundlichkeit von Seiten der katholi-
fchen Mitbürger, und vor Allem die treue Hut und Hülfe
Gottes zieht in rafcher Folge an dem Lefer vorüber.
Um feine Kinder in dem Glauben ihrer Väter, in der
Liebe zu einander zu ftärken, fchrieb M. feine Erlebnifse

fo überträgt er S. 398 ,gefechen' mit ,gefchehn' (Vulg. nieder, die Ermahnungen, die Hinweife auf Gottes Gnade

videtur); aus ,die pauwer' macht er ,die Bauren' (Vulg. und Güte flehen dem geprüften Manne wohl an: wegen

aedificantes)'. ,pidment' oder ,bidemt', part. pracs. von diefer einfach frommen Färbung eignet fich das Buch

bidemen - beben, [vergl. das noch im 16. Jahrh. gebräuch- auch fehr gut zur Leetüre in ernften religiöfen Kreifen. —

liehe .Erdbedem'j Vulg. stupens, giebt er wieder mit Sollte es, wie wir von Herzen wünfehen, eine II. Auflage

bedämmt' T), S. 400. Hier ift eine Revifion erforder- erleben, fo möchten wir in der Einleitung einige Ver-

' . v V , T- . r <- ___ t. c. !______. __ l .er......_________i____Li. r_i___ t: . a r- i

lieh, wie auch der Satz auf S. 401, dafs jene mittelalter
liehe Bibel ,nicht gelcfen werden durfte', doch einiger
Einfchränkung bedarf. Die Sprache des Verf.'s trifft im
Allgemeinen den Ton recht glücklich, fie ift überall
klar, anfehaulich, an gehobenen Stellen auch fchwung-
voll ohne falfches Pathos. An feltenen Stellen wird der

befferungen angebracht fehen: die Anführung von zwei
Edicten von Nantes ift bei einer doch populären Schrift
nicht nöthig; dafs die Hugenotten in der Erhebung von
1621 einen verhängnifsvollen Weg betraten und eine
fchwere Schuld auf fich luden, follte mehr betont werden
; Ludwig XIV. hat ferner fchon vor 1670 die Rechte

Verf. trivial, am fchlimmften auf S. 718, wo wir auf den der Proteftanten gewaltig befchränkt, man lefe nur die
Satz ftofsen: ,Der Rummel follte erft recht anheben' (!). 1 Erklärung vom 2. April 1666; die Zahl der Proteftanten

Aber auch ein Satz wie auf S. 223 ,Aber woher hatte
er denn plötzlich einen Bart? Nun, den mufste er fich
erft wachfen laffen' ift doch gar zu naiv. Und find Sar-
kasmen wie auf S. 403 ,da waren aber die noch unfehlbareren
Nachfolger diefes unfehlbaren Papftes anderer
Meinung' wirklich volksthümlich? Im Uebrigen möchte
ich den Verf. nur noch auf drei Eigenthümlichkciten
feines Stiles aufmerkfam machen, die m. E. zu einer
Revifion auffordern. Einmal notire ich feine Vorliebe
für Formen wie ,ein biblifch Buch', ,ein einfach Gebot'
(S. 405. 409), ,worden' ftatt ,geworden'; ferner feine Neigung
, alterthümelndc Hauptfätze zu bilden wie ,Und
wurde der arme Pfarrer verfolgt' (S. 422), ,Wie fie dort
auch im Verhör bekannten' (S. 427), ,Wie denn Hartmut
von Kronberg meldete' (S. 582); endlich jene aus der
Iixtcwpofc-Rede desGeiftlichen flammende Vorwegnahme
des Prädicats z. B. ,dann wollten fie miteinander ausrotten
das Unkraut' (S. 717) Jedermann, der etwas zu
fagen hatte und fand einen, der's ihm druckte' (S. 16).
Von Druckfehlern merke ich an S. 422 15II ft. 1521, S.
545 wenigftens ft. wenigften, 585 Beben ft. Leben, 706
Lanzknecht ft. Landsknecht.

Magdeburg. G. Kawerau.

auf 2 Millionen anzugeben ift trotz der bekannten In-
fchrift auf der Denkmünze zur Verherrlichung der Aufhebung
des Edictes zu hoch gegriffen, es waren höchftens
1 6Ü20000. Die Bartholomäusnacht war vom 23—24. Aug.
1572, das Morden begann in der Frühe des 24. Auguft,
der Frieden von Amboife wurde 1563 (nicht 15Ö2) ge-
fchloffcn, Turenne trat 23. Oct. 1668 (nicht 1669) zum
Katholicismus über; nicht am 22., fondern am 16. oder
17. Oct. 1685 wurde das Widerrufungsedict von Ludwig
unterfchrieben, 22. Oct. war der Tag feiner Einregiftri-
rung durch das Parifer Parlament.

Stuttgart. Theodor Schott.

Migault's, Jean, Tagebuch. Schickfale einer proteftantifchen
Familie aus dem Poitou vor und nach der Aufhebung
des Edictes von Nantes. Aus dem Franzöfifchen überfetzt
, mit gefchichtlicher Einleitung und mit erläuternden
Anmerkungen verfehen von F. und P. Sander.

Breslau, F. Hirt, 1885. (84 S. gr. 8.) M. 1. 50; geb. , v^a^'^l^^ Und der frifche Ton- welch

I . V?rt,ra§ Lk.Kuttner s kennzeichnen, wie auch die au

Kuttner, Dr! Otto, Daniel Schleiermacher, der Erneuerer
religiöfen Lebens und der Reformator theologifcher
Wiffenfchaft im 19. Jahrhundert. Vortrag, gehalten in
der Aula des Gymnafiums zu Neuhaidensieben. Neu-
haldensleben, [Beffer], (1885). (19 S. 8.) M. —. 25.

In diefer aus warmer Begeifterung hervorgegangenen
Rede wird Schlciermacher als der Erneuerer religiöfen
Lebens auf Grund vorzüglich feiner Reden über die
Religion und als Reformator theologifcher Wiffenfchaft
darin dargeftellt, dafs er ,nicht den Inhalt der chriftlichen
Dogmen und Lchrmeinungen zum Ausgangspunkte feiner
Glaubenslehre macht, fondern das Gefühl des Menfchen,
in welchem religiöfes Leben vorhanden ift, die Vor-
ftellung desjenigen, in dem fich Dogmen (?) und Lehrmeinungen
gebildet haben'.

M. 2. 25.

Es war ein glücklicher Gedanke, das fehr wenig gekannte
Tagebuch des glaubenseifrigen proteftantifchen
Schulmeifters J. Migault aus Poitou durch eine gute
Ueberfetzung in weiteren Kreifen bekannt zu machen;
denn nirgends lernt man die traurige Lage der franzöfifchen
Proteftanten um die Zeit der Aufhebung des
Edictes von Nantes, die graufamen Verfolgungen, welche
über fie hereinbrachen, ihre Standhaftigkeit und Ausdauer
, die wunderbaren Schickfale, welche fie erfuhren,
beffer kennen als aus folchen zeitgenöffifchen Familienpapieren
. Es ift kein regelrechtes Tagebuch, welches

e

aus

den ,Reden' paffend ausgehobenen Belegftellcn machen
es wohl begreiflich, dafs die Hörer des gefprochenen
Worts das letztere auch gedruckt zu haben wünfehten,
und find recht geeignet, auch einem weiteren Kreife gebildeter
Nichtthcologen von der Bedeutung Schleier-
macher's einen Eindruck zu geben.

Lennep. Lic. Dr. Thon es.

Harnack, Prof. Dr. Adolf, Lehrbuch der Dogmengeschichte.

1. Bd.: Die Entftehung des kirchlichen Dogmas. Freiburg
i. Br., Mohr, 1886. (XX, 696 S. gr. 8.) M. 14. —

Migault ueführt hat, fondern die ungefchminkte aber j In diefem erften Bande des Lehrbuches der Dogmen-
burch ihre Einfachheit um fo draftifcher wirkende Er- | gcfchichte habe ich die Frage ftreng zu laffen und voll-