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Ausgabe:

1885 Nr. 26

Spalte:

627-629

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rade, Paul Martin

Titel/Untertitel:

Doktor Martin Luthers Leben, Thaten und Meinungen, auf Grund reichlicher Mitteilungen aus seinen Briefen und Schriften dem Volke erzählt. 2. Bd 1885

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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627 Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 26 628

nun der Verf. die gefchichtlichen Zeugnifse über den
Zufammenhang der Bufsbruderfchaften mit Franz prüft,
gewinnt er das wichtige Ergebnifs, dafs jene urfprüng-
lich ein anderes Gepräge an fich getragen haben, als
welches in der Regel Nicolaus' IV. vorgefchrieben wird.
Zu Zeiten des heil. Franz find die Bufsbrüder innerhalb
des Familienlebens Asketen, welche fich den bürgerlichen
Pflichten möglichft entziehen, namentlich den Kriegs-
dienft verweigern und dadurch bei den Obrigkeiten
Anftofs erregen. Nachher find die Tertiarier innerhalb
des weltlichen Lebens nur zu einer Reihe religiöfer und
kirchlicher Leiftungen verpflichtet, welche hinter der
eigentlichen Askefe zurückbleiben; ausdrücklich aber ift
ihnen vorgefchrieben, für das Vaterland und die römifche
Kirche die Waffen zu führen. Diefe Veränderung ift
ebenfo grofs wie der Abftand, welcher zwifchen dem
anfänglichen Unternehmen von Franz und dem durch
Honorius III. betätigten Orden ftattfindet. Welche Zwischenglieder
und Vermittelungen jene Veränderung herbeigeführt
haben mögen, unterläfst der Verf. zu unter-
fuchen, da fchwerlich die dazu nöthigen Data in genügender
Weife gefunden werden können. Hingegen weift er in
überzeugender Weife nach, dafs die den Minoritifchen
Tertiariern gewidmete Regel von 1289 bedeutende Ueber-
einftimmung mit derjenigen Regel für die Bufsbrüder
des heil. Dominicus verräth, welche der fiebente Dominicanergeneral
Munione da Zamorra 1285 erlaffen hatte.
Wenn es wahrscheinlich ift, dafs diefe Uebereinftimmung
in den Ueberlieferungen begründet ift, welche den Bufsbruderfchaften
fowohl der dominicanischen als auch der
franciscanifchen Gruppe angehörten, dafs alfo in diefem
Stoff der Unterfchied der beiden Orden von Haufe aus
nicht hervortrat, fo fchliefst der Verfaffer gewifs mit
Recht, dafs der Vorfprung, welchen der Dominicanergeneral
1285 für feinen Orden durch die Codificirung der
Tertiarierregel genommen hatte, von dem Franciscaner-
papft zu Gunften feiner Brüder überholt werden follte,
indem er 1289 die an die Wirksamkeit des heil. Franz
anknüpfende Regel für die Gefammtheit der Bufsbruderfchaften
beftimmte. Die Abficht, diefe Gefellfchaften für
die Franciscaner mit Befchlag zu belegen, hat er freilich
nicht durchzufetzen vermocht; erreicht hat er nur, dafs
der dritte Orden des heil. Franz de poenitentia fich dem
gleichen Anhang der Dominicaner gegenüberstellte, welcher
erft Später die analoge Bezeichnung gewonnen
hat. — Im Anhange theilt der Verf. die Regel von 1221
und feine Herstellung der Regel von 1209 mit, aufserdem
eine Erörterung über die zweite Vita des Thomas von
Celano, deren Spuren von Voigt nachgewiefen waren
und deren Text von Amoni, Rom 1880, herausgegeben
iS, endlich den Bericht eines Augenzeugen über das
Martyrium von fünf Minoriten in Marokko 1220, welches
fchon von Jordanus erwähnt worden iS, aus einer Hand-
fchrift des Britifchen Mufeums. Auch diefe Stücke find
demjenigen willkommen, welcher auf die EntSehung des
Franciscanerordens mit Intereffe einzugehen vermag.
Allerdings wird man den lehrreichen und werthvollen
Nachweifungen des Verf.'s nur dann mit vollkommenem
VerSändnifs folgen können, wenn man durch die vorangegangene
Schrift von Voigt orientirt iS.

Göttingen. A. Ritfchl.

Martin Paul, [Lic. Rade], Doktor Martin Luthers Leben,
Thaten und Meinungen, auf Grund reichlicher Mitteilungen
aus feinen Briefen und Schriften dem Volke erzählt.
2. Bd. Neufalza, Oefer, 1885. (IV, 746 S. gr. 8.) M. 4.50;
geb. M. 6. —; billige Ausg. M. 3. 50; geb. M. 4. 50.

Es iS mir eine herzliche Freude, diefen II. Band
von Rade's populärer Lutherbiographie hier zur Anzeige
bringen zu können. Denn ich bekenne, dafs die Bedenken,
die ich dem umfänglichen und Schwierigen Unternehmen

J gegenüber anfangs empfunden habe, mehr und mehr
| durch das glückliche Gelingen in der Ausführung überwunden
worden find. Bd. II behandelt die Ereignifse
von Ende 1520 bis zu Luther's Heirat; es find nur 412
Jahr, deren Gefchichte hier auf 746 Seiten erzählt wird,
aber der Verf. lieht fo in der Fülle des Stoffes darin,
j dafs man nirgend den Eindruck empfängt, als habe er
ihn in die Breite gezogen, vielmehr an mancher Stelle
merkt, dafs er fich nur widerftrebend habe Schranken
ziehen müffen: feine Vorrathskammern hätten noch
| manches gute Stück hergegeben, auf deffen Mittheilung
er aus ökonomifchen Gründen verzichten mufste. Es ift
auch hier wieder feine Art, Luther's Leben im Zufam-
menhange der Gefammtgefchichte Deutfchlands in jenen
I Tagen zu fchreiben; und ebenfo verlieht er es trefflich,
an geeigneten Stellen umfängliche Belehrung über diefe
oder jene Materie einzufchalten, deren nähere Kenntnifs
zur rechten Würdigung der Verdienfte oder des Verhal-
1 tens Luther's erforderlich ift. So giebt ihm Luther's
1 Bibelüberfetzung Gelegenheit, von der mittelalterlichen
deutfehen Bibel und von den Bibelverboten der römifchen
'•• Kirche ausführlicher zu reden; Luther's erfte Kirchenlieder
geben Anlafs zu einem Rückblick auf das deutfehe
, Kirchenlied des Mittelalters; die Bauernunruhen und ihr
I fraglicher Zufammenhang mit der Reformation, fowie
I Luther's Stellung zu der Bauernbewegung veranlaffen
ihn zu lehrreichen Auseinanderfetzungen über die da-
j malige fociale Lage des Bauernflandes, zu einem Rück-
j blick auf die Bauernunruhen am Ende des Mittelalters,
I zu einer farbenreichen Erzählung der Bauernaufftände
von 1524 und 1525. FArner fügt er Capitel ein, die wohl
I zu einer Gefchichte Luther's unmittelbar nicht gehören,
aber doch zur Beleuchtung der Situation ein Wefent-
j liches beitragen: fo ein Capitel, welches in die Flug-
fchriftenliteratur von 1520,21 einen Einblick gewährt und
die Volksftimme trefflich zu Worte kommen läfst, ferner
Capitel, welche den Siegeslauf des Evangeliums und
den Zerfall des Klofterlebens in einer Reihe von Bildern
vorführen: auch die erften Blutzeugen der Reformation
| finden gebührende Berückfichtigung. Die Beftrebungen
eines Hutten in ihren Berührungen mit denen Luther's
und ihrer Verfchiedenheit zugleich werden an reichlichen
Mittheilungen aus den Schriften jenes deutlich
gemacht; Plans Sachs mit feinem Liede von der Witten-
bergifchen Nachtigall ift nicht vergeffen. Dabei berück-
fichtigt der Verf. in höchlt verltändiger Weife befonders
j diejenigen Punkte, an welchen ultramontane Polemik
Luther zu verdächtigen pflegt, indem er, ohne fich ir-
j gendwie in directe Streitverhandlungen mit letzterer ein-
j zulaffen, doch die betreffenden Punkte fo eingehend er-
| örtert, dafs der Lefer eine völlig genügende Antwort
auf etwaige Einwürfe und Bedenken hier findet. Ich
nenne bcifpielsweife Luther's Verhalten im Bauernkriege,
den Antheil der Reformation an den Bauernauffiänden,
die Motive, welche Luther zum Heirathen bewogen
j haben, oder die Frage, ob er mit Recht Rom. 3, 28 fein
j berühmtes ,allein' eingefchoben habe. (Hier hätte Rade
vielleicht noch darauf hin weifen können, dafs ja die
j Vulgata in Deut. 6, 13 aus richtigem Sprachgefühl fich
der ganz ähnlichen Einfchaltung eines ,solt' fchuldig gemacht
habe, ohne dafür der Verfälfchung befchuldigt zu
werden.) Ich hebe ferner als beachtenswerth hervor,
dafs Rade fich auch nicht fcheut, in aller Offenherzigkeit
gelegentlich an Luther Kritik zu üben, z. B. betreffs
der von ihm für die Kindertaufe vorgebrachten Gründe
(S. 430) oder betreffs des ihm anhaftenden Aberglaubens
(S. 235. 236); dafs er als guter proteftantifcher Hiftoriker
an der Weife, wie hie und da gewaltfam reformirt worden
ift, rechtfehaffen Kritik übt, ganz befonders aber,
dafs er bei Punkten, an welchen die Gemeindeorthodoxie
j unferer Tage Luthern nicht mehr verfteht und fich an
ihm ärgert, gefliffentlich verweilt, um in befonnener
| Rede, fortiter in re, suaviter in modo Belehrung zu bieten